Buenos Aires: Vorhang auf, Film ab!

Kontinente und Länder › Südamerika › Argentinien › Buenos Aires: Vorhang auf, Film ab!
Buenos Aires: Vorhang auf, Film ab!

Es gibt Orte, deren Namen mehr innewohnt als ihre pure Bezeichnung. Sie verheißen etwas Magisches, rufen direkt Assoziationen hervor. Sansibar zum Beispiel. Madagaskar auch. Oder Patagonien. Das sind Orte, die kommen mir fast fantas­tisch vor – als wären sie wie Panem oder Naboo, gar nicht real bereisbar, sondern ledig­lich Schauplätze fiktiver Abenteuer.Buenos Aires genoss für mich immer ähnli­chen Status. Die Großstadt, die diesen abgewetzten Begriffen Metropole und Moloch gerecht wird- weil sie hektisch, vielseitig und nacht­aktiv ist. Diese verruchte Diva, die sich »schöne Lüfte« nennt, obwohl ihr unsäg­li­cher Smog einem mitunter den Blick verne­belt. Eine Stadt, launisch wie eine arrogante Schauspielerin- diese Assoziation gefiel mir.

IMG_6937buenosaires_935

Wie beinahe immer in Südamerika steigen wir in den frühsten Morgenstunden nach einer (diesmal ungemüt­li­chen) Nachtfahrt etwas bedröp­pelt aus dem Nachtbus. Aylins Sitz ist immer wieder hochge­klappt, das war eine Freude im Schlaf.

Fast andert­halb Jahre sind wir nun ununter­bro­chen gereist. Wir sind inzwi­schen routi­niert, ja, fast schon sorglos geworden. »Werden wir schon finden«, dachten wir noch am Vorabend, als wir uns entschlossen, nicht genau zu recher­chieren, wie man zum Hostel im Stadtteil San Telmo kommt. Eine gedul­dige ältere Dame zeigt uns, in welchen Bus wir steigen müssen und fügt hinzu, dass man ca. 24 Stücke einer gewissen Münze bräuchte, weil kein anderes Zahlungsmittel akzep­tiert würde. Solche Eigenheiten hinter­fragen wir meist nicht mehr, die Locals wissen schon Bescheid. Wir begeben uns also noch vor 6 Uhr morgens auf dem Bahnhofsgelände auf die Jagd nach diesen Münzen. Ich probiere der Toilettendame ihre paar Taler von ihrem weißen Porzellanteller abzuschwatzen. Diverse Kioske frage ich nach Wechselgeld und es dauert sagen­hafte zwanzig Minuten, bis ich die passende Anzahl an Münzgeld beisam­men­habe. Rein in den Bus und dann: der Busfahrer winkt uns einfach durch, als ich gerade stolz meine Tasche voller Münzen präsen­tieren möchte. Wieder eine dieser Kuriositäten auf Reisen: in den Bus einsteigen und kein Ticket kaufen zu müssen. Ohne Begründung oder Not, einfach, weil der Busfahrer gerade gut drauf ist (oder kein Bock auf unsere Münzen hat, aber wer weiß das schon).

IMG_6915buenosaires_935
IMG_6884buenosaires_935
IMG_7023buenosaires_935

Den Argentiniern, und im Speziellen den Porteños, wie die Einwohner von Buenos Aires genannt werden, eilt der Ruf voraus, arrogant zu sein. So berichten uns das zumin­dest auffällig viele Menschen quer durch Amerika. Als ich einmal nachfrage, warum das so sei, meint ein Taxifahrer in Mexiko: »Se creen Italianos.« (Die halten sich für Italiener). Ob das ausreicht, um für arrogant gehalten zu werden, sei dahin­ge­stellt. Fakt ist jedoch- das fällt bei einem Spaziergang durch Buenos Aires sofort auf- viele Porteños könnten optisch als Italiener durch­gehen. Zufall ist das keiner: 90% der Bevölkerung Argentiniens stammt von Europäern ab- davon die Mehrheit von Italienern. Aus Peru und Bolivien kommend, wo die indigene Bevölkerung fast die Hälfte der Einwohner stellt, fällt das erstmal auf.

IMG_6993buenosaires_935

Aber was ist denn nun hängen­ge­blieben von unserem Aufenthalt in Buenos Aires? Ich könnte jetzt von Architektur, Tango oder ganz allge­mein von »den Menschen« schwärmen, aber das wäre ziemlich langweilig und kann auch im Reiseführer nachge­lesen werden. Daher nun ein paar eher zusam­men­hang­lose Besonderheiten, die mir in Buenos Aires aufge­fallen sind.

Maradona oder Messi? Maradona!

Sie lieben ihn immer noch- über alles! Auf den Fernsehern in den Cafés sieht man ihn Interviews geben oder sie zeigen zigmal die gleichen, »exklu­siven« verwa­ckelten Handyvideos von Menschen, die ihn bei irgend­einer unbedeu­tenden Entgleisung erwischt haben. Ähnlich wie das Bild des Königs in Thailand hängen oft gerahmte Bilder von Maradona an den verschie­densten Stellen in der Stadt. In Neapel, wo er 7 Jahre gespielt hat, gibt es sogar den berühmten Maradona-Heiligenschrein. Wenn Argentinier nach Neapel kommen, wollen sie das Haarbüschel Maradonas sehen und knien sich sogar auf den Boden. Keine Diskussion über Messi kommt ohne Maradona aus. Sie lieben Messi, aber Maradona war eben nochmal was anderes. Er hat den WM Pokal nach Argentinien gebracht, Messi nicht – so wird häufig argumen­tiert.

Für mich steht Maradona wie kein Anderer für Buenos Aires. Immer auf dem Drahtseilakt zwischen Genie und Wahnsinn. In der Stadt gibt es häufig »das beste/​größte/​älteste der Welt« von irgend­einer Sache. Buenos Aires feiert sich gerne selbst als das Maß der Dinge und doch begleitet mich stets das vage Gefühl, man habe hier schon bessere Tage erlebt. Dann scheint es, als betrachten die Porteños ihre Stadt durch die rosa Brille eines Verliebten, nicht sehend, dass die Angebetete schon etwas faltig geworden ist. Diego Maradona sieht inzwi­schen aus wie ein aufge­bla­sener Kugelfisch, der bald platzt, so straff ist seine Haut geliftet. Vielleicht soll auch für ihn immer 1986 bleiben.

Sie haben ihm viele Eskapaden und Fehltritte verziehen, weil sie so unend­lich stolz auf ihn sind. Und irgendwie passt die Geschichte von der »Hand Gottes« wunderbar zu dieser Stadt. Man deutet hier und da Tatsachen charmant um und schon ist so manch halbsei­de­nenes Unterfangen reinge­wa­schen.

IMG_6983buenosaires_935

Die teilnahmslosen Tischabwischer

Buenos Aires ist das Zentrum der argen­ti­ni­schen Filmindustrie. Doch man könnte auch das reale Treiben in der Stadt aufzeichnen, so filmreif wird es bisweilen vorge­tragen: wir beobachten gestan­dene Männer im Anzug, die sich minuten­lang lauthals auf der Straße streiten, so affektiv und würde­voll, wie man das besten­falls aus dem Theater kennt. Tanzpaare, in Make-up und Abendkleid, finden sich zum Tanz auf offener Straße ein. Die adretten Kellner in den Cafés wirken wie Schauspieler, die die gleichen Gesten immerzu wieder­holen, als probten sie für die große Rolle. Vor allem das gelang­weilte, teilnahms­lose Abwischen des Tisches, dabei ohne Blickkontakt die Bestellung aufneh­mend, wird immer wieder neu aufge­führt. Man sieht den Porteños einfach gerne zu, selbst wenn sie alltäg­li­chen Dingen nachgehen. Sie versprühen Eifer, überbe­tonen Gesten und tanzen gerne auf dem seidenen Faden zwischen selbst­be­wusst und arrogant. Man könnte sagen, es sind viele Menschen »mit Profil« unter den Porteños- was mir durchaus sympa­thisch ist. Auch die argen­ti­ni­sche Variante des Spanischen, oft als »die Hässlichste der Welt“ bezeichnet, klingt für mich einfach ziemlich cool.

IMG_6925buenosaires_935
IMG_6923buenosaires_935
IMG_7003buenosaires_935
IMG_6945buenosaires_935

Piropos picantes

Schmeicheleien und Komplimente. So könnte man die Piropos offiziell übersetzen. In Wirklichkeit handelt es sich um ziemlich anzüg­liche Kommentare, die Männer ausstoßen, wenn eine halbwegs attrak­tive Frau ihr Blickfeld kreuzt. Vom Niveau her vergleichbar mit diesen unsäg­li­chen Baggersprüchen, die in Deutschland höchs­tens von denen, die nichts mehr zu verlieren haben, zu vorge­rückter Stunde in Großraumdiskos aufge­sagt werden.

In Argentinien gelten umgekehrte Vorzeichen: Piropos sind gesell­schaft­liche Konvention. Ein Mann, der einer Frau einen zweideu­tigen Kommentar zuruft, gilt also als gut erzogen. Es ist für beide Seiten wiederum beschä­mend, wenn eine Begegnung zwischen den Geschlechtern unkom­men­tiert bleibt: einer Frau würde die Attraktivität abgespro­chen und von einem echten Mann wird erwartet, dass er seiner Leidenschaft Ausdruck zu verleihen weiß. Es soll schon vorge­kommen sein, dass argen­ti­ni­sche Auswanderinnen in ihr Heimatland zurück­kehrten, weil sie aufgrund der ausblei­benden Piropos ernst­haft ihre Attraktivität in Frage stellten- so erzählt man sich das zumin­dest auf den Straßen von Buenos Aires.

Buenos Aires ist schwer greifbar. Man wird als Besucher das Gefühl nicht los, es existieren viele schwer zugäng­liche Subkulturen und Parallelwelten. Die alternde Diva hat eben viele Gesichter und genau das macht sie so anzie­hend. Sie versinkt manchmal in Selbstmitleid, schlägt gelegent­lich über die Stränge, aber eins muss man ihr lassen – sie performt immer noch oscar­reif. Ich bin ein treuer Fan.

IMG_6978buenosaires_935
Titel_BA_SanTelmo

Kommentare

  1. Avatar von Britta Schmidt

    Der Text fällt ja extrem angenehm auf – bei allem was ich gerade im Netz über Buenos Aires lese. Selten guter Blogartikel!

    1. Avatar von Stefan

      Hallo Britta,

      freut mich riesig. So wie es aussieht, berei­test du eine Reise nach BA vor – gute Entscheidung!

  2. Avatar von trine
    trine

    absolut großartig geschrieben. hab da flair richtig gespürt und herzlich über die münzak­tion gelacht.
    Wir sind im märz da. ich bin ratlos in welchem viertel/​hostel wir wohnen sollen.
    hast du einen tipp?
    lg

    1. Avatar von Stefan

      Hey Trine,

      vielen Dank, ich musste gerade auch nochmal schmun­zeln, als ich an diese Münzaktion gedacht habe 🙂

      Wir haben ja in San Telmo gewohnt – kann ich auch echt empfehlen. Da ist richtig was los, es gibt sehr viele Cafés, Restaurants und auch die günstigsten Unterkünfte. Wir hatten uns im »Hotel Carly« einquar­tiert, was wirklich das günstigste in ganz BA war. Es war recht laut, man musste einen langen Gang entlang laufen um ins Badezimmer zu kommen und einige Langzeitbewohner waren etwas skurril…Gefallen hat es uns trotzdem, die Mitarbeiter sind sehr nett. Kann ich es empfehlen? Joooaaaaiiinnn. Ist halt Geschmacksache 😉

  3. Avatar von RISA

    Ein sehr schöner Blog über die Besonderheiten von Buenos Aires! Was mir auch häufig auffällt ist, dass viele Einwohner auf offener Strasse mit ihrem Mate Tee herum­spa­zieren. Ob in der U‑Bahn, beim Warten auf den Bus oder auch nur vor der eigenen Haustür am Boden sitzend – Das Nationalgetränk Argentiniens trefft ihr überall.

    Oft sagt man übrigens, Argentinier seien Italiener, die Spanisch sprechen, sich wie Franzosen kleiden und gerne Engländer wären. 😉

    1. Avatar von Stefan

      Man könnte diese Liste der Besonderheiten in Argentinien wohl ewig fortführen!

      Die Zeremonie des gemein­samen Mate-Trinkens folgt ja auch ganz bestimmten Regeln. Eins habe ich gelernt: solange man seinen leeren Mate immer wieder an den Zeremonienmeister zurück­gibt, wird er immer wieder aufge­füllt 🙂

  4. Avatar von Nord-Peru Reisen

    Tolle Fotos, die die Stimmung in Buenas Aires super wieder­geben. Eure Artikel sind einfach immer zum Mitleben. Vielen Dank.

    1. Avatar von Stefan

      Das freut mich riesig, denn genau dafür verfassen wir sie! Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert