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Auf der Suche nach Maradona

Diego ließ Träume wahr wer­den. Er war Mes­sias und Trick­ser, ein Revo­lu­tio­när. Ein gefal­le­ner Engel. Ich hatte ihn spie­len sehen. Wie er im Bre­mer Weser­sta­dion über den Rasen schwebte und jon­glierte, keine hun­dert Meter von der Steh­tri­büne, wurde Zeuge, wie seine blaue Napoli eins zu fünf unter­ging. Und wie er trotz­dem tri­um­phierte: in sei­ner Eigen­schaft als ball­be­zau­bernde Epi­pha­nie. Wir wür­den gehen müs­sen, Diego blei­ben. Dann hat­ten sie ihm Doping ange­hängt. Brauchte Gott denn Dro­gen? Bei Durch­sicht sei­ner Akte auch Ver­merke unter Camorra, Finanz­amt und Koks. Egal, einen Mata­dor woll­ten die Leute. In Nea­pel lie­ben sie ihn. Am blauen Tor zum »Sta­dio Cen­tro Para­diso« hän­gen die Pan­nini-Bil­der, Pos­ter und Schals wie an einem japa­ni­schen Schrein. Nie machen, was die ande­ren erwar­ten. Das war Diego. Es hieß, Mara­dona würde in jenem Som­mer in Nea­pel sein. Heim­keh­ren. Also fuhr ich los.

Bre­men, Som­mer 1999. Ich wollte sehen, ob ich es nach Nea­pel schaffte. Der Zug nach Ams­ter­dam stand schon am Bahn­steig. Über die ISDN-Lei­tung war ich ins Inter­net gegan­gen, hatte im Net­scape-Navi­ga­tor das Amt­li­che Kurs­buch der Deut­schen Bahn auf­ge­ru­fen, Zug­num­mer und Abfahrts­zeit schrieb ich auf einen gel­ben Haft­no­tiz­zet­tel der auf mei­nem Rei­se­pass klebte. Vor dem Haupt­bahn­hof nahm ich eine Abschieds-Thü­rin­ger vom Rost. »Nach Nea­pel, ja?«, fragte der Beamte. Um mir dann am Fahr­kar­ten­schal­ter mei­nen Inter­rail-Pass samt Kauf­be­leg aus­zu­dru­cken und aus­zu­hän­di­gen, hier bitte noch den Namen ein­tra­gen, gute Fahrt. In das kol­lek­tive Gedächt­nis der Repu­blik hatte sich ein fau­len­des Deutsch­land ein­ge­brannt: 16 Jahre Kohl, Schrö­der wollte jetzt »da rein«, Ehren­wort. Es gab Reform­stau und Bil­dungs­mi­sere, Human­ka­pi­tal und Wohl­stands­müll. Ein Ruck müsse durch Deutsch­land gehen. Die Nuller­jahre schwel­ten schon am Hori­zont. Am Arbeits­platz galt erst­mals Rauch­ver­bot. Plötz­lich gab es Volks­ak­tien und Dot­com, Busi­ness-Angel und Tech­no­lo­gie-Evan­ge­lis­ten. Es wurde pro­fit­ma­xi­miert, Con­tent gene­riert und die Cash-Burn-Rate opti­miert. Fle­xi­bi­li­tät, Mobi­li­tät – bloß kein Poten­zial ver­schen­ken. Die Spar­kasse hatte jetzt Bro­ker, die einem EM.TV ins Depot leg­ten. Man­fred Krug riet T‑Online zu zeich­nen. Und Gün­ther Jauch? Der fragte fortan bei RTL: Wer wird Millionär?

Vor Kur­zem hatte ich mein ers­tes Bukow­ski-Buch gele­sen und eine aller­erste E‑Mail ver­sen­det. Nun schrieb ich mich an der Uni ein. Ob dies die Bil­dungs­mi­sere been­den oder ver­schär­fen würde war unge­wiss. Gewiss war, ich würde nicht wochen­täg­lich in einem nüch­ter­nen Groß­raum-Büro »am Platz sein« müs­sen. So blie­ben aus­gie­bige Semes­ter­fe­rien: Raus, die Welt bestaunen.

Von Ams­ter­dam wei­ter nach Paris. Im Abteil war mein Blick auf die Fran­zö­sin am Fens­ter gefal­len, auf den cin­dy­craw­ford­ar­ti­gen Leber­fleck über ihrer Lippe und das Köf­fer­chen unter ihrem Sitz. Die gesamte Zeit wollte ich sie anspre­chen. Wer sich so bewegte, so duf­tete, wor­auf sprach man so jeman­den an. Ich gaffte blöd, so muss es aus­ge­se­hen haben. Mein Herz klopfte. Und dann waren wir schon am Gare du Nord. Beim Aus­stei­gen lachte sie, um mich dann gleich um ein paar Franc anzu­pum­pen. Sie erin­nerte mich daran, dass wir in der Ferne frei­gie­bi­ger sind, nobler als wir es sonst jemals ver­moch­ten. Wenn mir unter­wegs das Geld aus­ging, dachte ich, konnte ich immer noch meine Bücher ver­kau­fen. Das würde mir eini­gen Auf­schub brin­gen. Gol­dings »Herr der Flie­gen« zum Bei­spiel, den hatte ich schon ein paar Mal gele­sen, den Band konnte ich reue­los abtre­ten. Wenn ich es recht bedachte, musste ich nur etwas zum Essen auf­trei­ben. Mein Inter­rail-Pass würde mich bis nach Nea­pel brin­gen. Und zurück. Schla­fen konnte man immer irgendwo. Der Rest war leben.

Kannst mit mir kom­men, sagte sie. Und ich hielt dem Blick ihrer end­los gro­ßen Augen stand. Sie war Tän­ze­rin in Ams­ter­dam, tanzte in den Grach­ten von De Wal­len, nun pro­bierte sie ihr Glück in einer der Bars rund um Pigalle. Willst mich mal sehen, fragte sie, und sie fragte im sel­ben bei­läu­fi­gen Ton­fall wie die Kell­ner im Café. Sie war das Auf­re­gendste, was ich jemals sehen würde, dachte ich damals. Was war bloß in ihrem Köf­fer­chen? Alles was sie tat, wirkte mühe­los, wür­de­voll, ver­dor­ben. Aus mei­nem Bauch­na­bel kann man Sekt trin­ken, sagte sie noch. Und der Satz und sie und ich hin­gen zusam­men in der Luft herum, denn ich ver­stand nicht recht, was war jetzt zu tun? Viel­leicht war nichts zu tun. Sie ver­ab­schie­dete sich mit einem flie­gen­den Kuss. Und ich erin­nere noch, dass sie ihre Gau­loi­ses paffte wie eine Geisha.

Der Cam­ping­platz lag auf einem Hügel. Ich schlief auf dem stau­bi­gen Boden vor mei­nem Zelt. Lag auf dem Rücken und konnte den Him­mel sehen und einen Pini­en­baum. Ich las in Heming­ways »Paris, ein Fest fürs Leben« und ärgerte mich, dass ich nicht einen wei­te­ren Band Heming­way in den Ruck­sack gesteckt hatte. Mor­gens klopfte ich den Staub von der Hose, um anschlie­ßend mit der Metro zu fah­ren. Es waren ver­rückte Som­mer­tage, die Nächte tro­pisch. Die Wein­fla­sche lag im Staub. 

Jeden Tag spa­zierte ich zur Place de Vos­ges, um dort im Gras zu sit­zen, um das Trei­ben der Leute zu beob­ach­ten. Unter den Arka­den kaufte ich mir eine Mütze und blickte nach Osten, auf die son­nen­un­ter­gangs­ge­tränk­ten Fas­sa­den. Bei den ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­lern war Paris immer grau. »Es gibt keine Tätig­keit, die einen mehr in Anspruch nimmt, als das Nichts­tun in einer neuen, unbe­kann­ten Welt«, schrieb Nico­las Bouvier.

Die Schön­heit von Paris war schwer zu ertra­gen. Diese unver­schämt ver­schwen­de­ri­sche Ein­heit, die aus­schwei­fende Har­mo­nie. In Paris hatte man immerzu das Gefühl, die Stadt mit den alten Meis­tern zu tei­len, den Künst­lern, den Malern, den Schrift­stel­lern, als seien sie noch zuge­gen, als würde man ihnen an der nächs­ten Ecke begeg­nen, wenn sie gerade unver­se­hens aus einer der Türen tra­ten. Und doch fragte ich mich, ob hin­ter den Fas­sa­den etwas war, ob es dort noch etwas gab, das nicht eta­bliert war.

Den Rest mei­ner Zeit ver­schleu­derte ich mit dem Gehen. Ziel­los durch die Stadt. Durch die uner­schöpf­li­chen, mir namen­lo­sen Stra­ßen. Wie­der eine unbe­kannte Sei­ten­gasse zutage för­dern. Zuerst war es eine her­vor­ra­gende Art das Metro­ti­cket zu spa­ren. So blickte ich heim­lich in fremde Innen­höfe, über­querte Bou­le­vards und durch­streifte das Quar­tier der Schwar­zen und Ara­ber in Bar­bés, wo es fri­sches ara­bi­sches Brot gab. Jeden Tag aß ich eines.

In der Nacht streunte ich in Mont­martre zwi­schen Place Cli­chy, Moulin Rouge und Pigalle. Die Hüt­chen­spie­ler und lau­ern­den Hals­ab­schnei­der, die Tän­ze­rin­nen und par­fü­mier­ten Pro­sti­tu­ier­ten, die Neu­ro­ti­ker der Stadt taten ihre Schicht. Immer ent­wi­ckelte die Nacht ihr eige­nes Pro­gramm. Was zu Hause absto­ßend, unwür­dig war – beim Rei­sen war es reiz­voll, auf­re­gend und poetisch.

Vor mei­nem Zelt gab es Ravioli aus der Dose und einen Liter Roten für ein paar Franc. Anschlie­ßend steckte ich die Kerze in die leere Fla­sche. Ich wusch meine Wäsche mit Rei-in-der-Tube und nahm jede andere Unan­nehm­lich­keit jubelnd in Kauf, weil ich unter­wegs war und drei­und­zwan­zig. Nichts von dem, was geschah, hatte ich zuvor erfah­ren, nichts davon war mir ver­traut. Es war um das Rau­fen, Ran­geln und Wett­ei­fern gegan­gen. Man musste etwas machen aus sei­nem Leben. Doch jetzt trug ich diese eigen­ar­tige Eupho­rie in mir rum, die­sen Tau­mel, der einem Lust ein­flößt, weil alles ein­fach war, man durch die Tage wan­delte, lebte, mit die­sen ein­ma­li­gen Emp­fin­dun­gen. Ob man ein Dach über dem Kopf hatte oder nicht oder Hun­ger, das war egal. Ich lag mit­ten in Paris, hatte mei­nen Schlaf­sack, die Bücher und den himm­li­schen Himmel.

Zum ers­ten Mal reiste ich allein. Wenn ich in den Cafés saß und las, fiel das nicht wei­ter auf. Und den Fran­zo­sen war ich gleich­gül­tig. Man durfte nur nicht in die Falle tap­pen und ihre Indif­fe­renz mit Tole­ranz ver­wech­seln. Gleich­zei­tig lehn­ten sich die Fran­zo­sen ja immer gegen alles auf. Dar­aus sollte einer schlau wer­den. An der Theke beim Bäcker wurde ich ange­fah­ren, ob ich mich nicht schnel­ler ent­schei­den könnte. Une baguette s’il vous plait, war alles, was ich raus brachte. So kam es, dass ich nie eines der köst­li­chen Crois­sants kos­tete. An den Gren­zen braute sich auch schon wie­der was zusam­men. Die Fern­fah­rer, eine Blo­ckade. Es ging um Fahr­ver­bote und mehr Kohle. Der café au lait kos­tete in Paris 4 Mark 50. Das konnte man schon ver­ste­hen. Ich hatte auch nur noch ein paar Franc in der Tasche.

Das Allein­rei­sen hatte ich nie gelernt. Jetzt dachte ich nicht wei­ter drü­ber nach, es kam mir wie ein natür­li­cher Zustand vor. Nie­mand trieb mich, nie­mand zog an mir. Irgend­wie war es sogar ein fabel­haf­ter Schutz­raum, von dem aus es sich wun­der­bar beob­ach­ten ließ. Voll­kom­mene Inti­mi­tät. Ein Samen mei­nes Reiseglücks.

Die Welt ein­mal nicht buch­hal­te­risch betrach­ten, schlug Stuck­rad-Barre vor, son­dern: aus­schwei­fen, dekon­stru­ie­ren, mal anders­herum den­ken. Wie sollte das gehen? Doch wohl nur unter dem Radar, allein. Ich fragte mich, ob ein Fran­zose, Bay­ern durch­rei­send, den Duft von Kar­tof­fel­knö­del und Dun­kel­bier­soße in sein Tage­buch notie­ren würde. Paris roch nach muf­fi­ger Metro und Weißbrot.

Wie­der im Zug. Ich erreichte die Küste am Atlan­tik, wo die Fran­zo­sen, jetzt am letz­ten Tag im Juli, die Cam­ping­plätze kolo­ni­sier­ten. Die Sur­fer lau­er­ten wie Haie auf dem Was­ser. Ich stieg auf die Düne. Auf der ande­ren Seite fun­kelte das Meer. Feuer, Sterne, Geläch­ter und Gitarre. Ich baute mein Zelt in den Dünen auf, wollte aber bald wei­ter. Die ein­fal­len­den Cam­per, sie plün­der­ten mir die­ses Para­dies. An der fran­zö­si­schen Riviera ent­lang, immer auf die ita­lie­ni­schen Alpen zu, wollte ich bis nach Vene­dig rüber. Ich war­tete nur noch den längs­ten Tag des Jah­res ab. Bis Nea­pel waren es noch 1.700 Kilo­me­ter. In der Luft lag der Geruch von Ambre-Solaire-Sonnenmilch.

In Ven­ti­miglia, an der Küste von Ligu­rien, eine Stunde west­lich von Nizza, stieg ich am hel­len Mit­tag in den Zug der Ita­lie­ner, der bis nach Vene­dig fuhr. Die Gleis­ar­bei­ter saßen im Schat­ten der Wagen und pack­ten ihre Tra­mez­zini aus. Sie mach­ten Siesta.

Bei den Ita­lie­nern war alles anders. Hier bilan­zier­ten sie den Tag dem Genuss nach. Der war Wäh­rung. Sie ver­mie­den so die Mühle des Irr­sinns, denn für die Ita­lie­ner ergab sich jeder Genuss aus dem Gebrauch des Lebens.

Der Espresso war plötz­lich ein caffé. Und irre bil­lig. Alle rede­ten mit den Hän­den und spra­chen, wie Pava­rotti sang. Frauen stan­den in Kit­teln vor den Häu­sern, klei­nen Häu­sern mit klei­nen Autos davor, oder Ves­pas. Die Frauen waren Müt­ter und Ehe­frauen, Schwes­tern und Tan­ten und sie war­te­ten auf die Heim­kehr ihrer Männer.

Ob das Land dort am schöns­ten ist, wo die Hor­den Tou­ris­ten ein­fal­len oder eben gerade hier, wo die Kit­tel-Frauen war­ten, wo rote Dächer leuch­ten und »Wäsche im Wind weht«, wo die Men­schen vor dem Essen einen Rosen­kranz beten, und wie nah man der­ar­ti­gen Orten wirk­lich kom­men darf – von all dem hatte ich nur eine dro­hende Ahnung.

Schule, Stu­dium, Job – was sollte noch wer­den. Wenn es so wei­ter­lief, würde mein Leben bald schme­cken wie ran­zige But­ter. Was mich beglückte, war jeder Schlitz, jeder Zwi­schen­raum, jede Bewe­gung. Das Fort­ge­hen ergoss sich wie eine Erleich­te­rung, als Aus­bruch aus der geron­ne­nen Regel­mä­ßig­keit. Viel­leicht auch, weil ich nie ver­wur­zelt war an einem bestimm­ten Ort, fiel mir ein Auf­bruch immer leicht. »In the end, it’s not so much how to suc­ceed in life as it is how to sur­vive the life you have cho­sen«, schrieb Hun­ter S. Thompson.

Vene­dig. Ich hatte gleich genug von den auf­rei­zend auf­ge­führ­ten Kli­schee-Erre­gun­gen (Male­risch! Geheim­nis­voll!), den ein­stu­dier­ten Dis­ney-Dar­stel­lun­gen (Der Kanal! Die Gon­do­lieri!). So haben wir alle unsere Vor­stel­lun­gen – gleich­sam vom Rei­sen und Leben – von dem, was wir jagen wollten.

Wei­ter nach Flo­renz. Die tos­ka­ni­sche Sonne schien in das Abteil wie Whis­key. Durch die sanf­ten, wei­ten Hügel, vor­bei an den her­ben Pinien, an Zypres­sen, Oli­ven­bäu­men und Wein­re­ben bis zum Arno. Vom Bahn­hof Santa Maria Novella lief ich über die Ponte Vec­chio auf die andere Seite des Flus­ses, den Hang hin­auf. Über Kopf­stein­pflas­ter, durch Rund­bö­gen, präch­tige Gär­ten und Gas­sen und viel Renais­sance. Ich baute mein Zelt auf, kaufte eine aus­ge­zeich­nete Pizza und blickte auf Flo­renz. Schon schön.

Ita­lien kannte ich bis­her aus dem deut­schen TV. Gio­vanni Tra­pat­toni hatte gerade die »Fla­sche leer«, man fuhr Rein­hard-May-gestimmt und alli­anz­ver­si­chert durch Nea­pel, im Käfer-Cabrio natür­lich, erst kreuz, dann quer, dann mit­ten­rein, ein Toma­ten­sta­pel. Und Herr Angelo hatte kein Auto, aber Geschmack und trank Nes­café mit der Nach­ba­rin: il gus­to­nico.

Jetzt war ich da. Und fragte in Flo­renz nach dem Weg zum Fuß­ball­sta­dion. Ich fragte auch nach Mara­dona und nach Nea­pel. Dort wollte ich ja hin. Ein Mann mit Mütze zeigte in die Rich­tung, in die ein gan­zer Schwarm Ves­pas rollte. Vespa und Handy – bei­des schien im ita­lie­ni­schen Grund­ge­setz verankert.

Toni, der Mann mit der Mütze, war Sizi­lia­ner und Wirt. Nea­pel? Nichts als Ban­di­ten dort unten, sagte er und der Pater neben ihm nickte. Zusam­men sahen die bei­den aus wie Taxi­fah­rer und Pries­ter in Jim Jar­muschs Film »Night on Earth«. Kaum aus Palermo in Flo­renz ein­ge­trof­fen baute Toni einen Ofen in sein Häus­chen. Am nächs­ten Tag ver­kaufte er sizi­lia­ni­sche Pizza.

In sei­ner Pizza-Bude kam ein selt­sa­mer Hau­fen zusam­men: der Pries­ter, beklaute Tou­ris­ten, ein Patri­arch, ein Tenor und Män­ner in Maß­an­zü­gen, der Schuh­put­zer, Los­ver­käu­fer, Poli­zis­ten und Kran­ken­schwes­tern, Tan­ten und Onkel, ein paar Unru­he­stif­ter und viele Hoff­nungs­lose und eine Bande von Die­ben mit dicken Bäu­chen, die bei ihm anschrei­ben ließ, wie er mür­risch hinzufügte.

Ich erfuhr von Toni, dass in Nea­pel die Kin­der als Gangs für die Mafia arbei­te­ten, weil sie wuss­ten, dass es keine Arbeit geben würde und dass es nor­mal sei, schon als Kind hin­ter Git­tern zu sit­zen. Eine Schande sei das. Toni und der Pater wand­ten sich schon wie­der ihrem Mahl zu, als das Gespräch auf Mara­dona kam, und Toni ent­schied, Nea­pel doch noch ein güti­ges Zeug­nis aus­zu­stel­len: Diego habe sie zu Sie­gern gemacht. Non ci piove - kein Zweifel.

Ich ging nicht ins Sta­dion, ich blieb bei Toni hän­gen. Im Fern­se­her flim­merte was. Der Tenor träl­lerte vor sich hin. Diese Men­schen waren auch Spie­ler – Spie­ler, wie im Suff, die sich an der Ver­schwen­dung ihrer Worte und Ges­ten berausch­ten. Es wir­bel­ten Worte, die mir fremd waren. Ich hatte das Gefühl, hier gehörte ich hin, obwohl ich nicht dazu­ge­hörte. Es war seltsam.

Das Rei­sen hatte die­sen hüb­schen Gewinn des Frem­den. An der Gar­de­robe war Kon­trolle abzu­ge­ben. Denn sel­ten lief es ja wie ange­nom­men. Alles war doch nur ein Ent­wurf. Eine herr­li­che Sub­stanz, ein vor­züg­li­ches Rausch­mit­tel. Die Gleis­ar­bei­ter hock­ten auf den Schie­nen und mach­ten Siesta. Wann es denn wei­ter­gehe?, fragte ich ner­vös und genervt. Sie lach­ten nur.

In Ita­lien hatte ich das Gefühl mit klei­nem Ruck­sack aber ganz gro­ßen Mög­lich­kei­ten durch die Gegend zu trei­ben. Die Melo­die des Som­mer­hits »Hijo de la Luna« sum­mend war mir, als gäbe es kein: »Das soll­ten Sie mal so machen«, oder: »Da kön­nen wir lei­der nichts für Sie tun«. Hier pochte eine fremde Leich­tig­keit durchs Blut und den Tomatensugo. 

Bei uns zuhause galt: Geiz-ist-Geil. Der Geiz bezog sich auf den Geschmack, den Genuss, den Geist, die Sinn­lich­keit. Es gab Pend­ler­pau­schale und Bahn­witze, Maggi, Erfri­schungs­stäb­chen, Cop­pen­rath & Wiese und Schmacht nach extra schlan­ken Bock­würs­ten. In Ita­lien war das Rezept zum Schö­nen sim­pel: Mehl, Hefe, Salz, Toma­ten, Moz­za­rella, alles ab in den Stein­ofen, dazu ein Wein. Ich saß vor mei­ner Pizza und blickte auf Florenz.

Der letzte Mor­gen in der Stadt. Am Tre­sen, der caffé, die rosa Gazette. Keine Spur, keine Zeile bezüg­lich Mara­dona. Toni wusste auch nichts. Ein rei­se­bi­lanze­ren­der Gedanke setzte sich fest. Die Sehens­wür­dig­kei­ten die im Baede­ker ste­hen – das war es ja wohl nicht. Ich war auf­ge­bro­chen und hatte etwas auf­ge­ge­ben. Die Gewohn­hei­ten, hin­ter denen wir uns ver­schan­zen, sie waren durch­lö­chert, wenn ich in den Stra­ßen von Paris ver­lo­ren ging oder am Ufer der Seine saß, in der Nacht über den men­schen­lee­ren Mar­kus-Platz streifte, auf der Mauer saß und auf Flo­renz blickte, ich ein­ge­la­den wurde, zu blei­ben, aber los­wollte oder auf den Zug war­ten musste. Darin bestand das Wun­der der Reise. 

Ent­lang des Weges ver­lor ich das Inter­esse an jenem Ter­ri­to­rium des Bekann­ten, des Ertrag­ba­ren, der Spiel­re­geln, von Klein­mut, Ver­traut­heit und Bequem­lich­keit. Dass es anders wurde, dahin­ge­hend ent­wi­ckelte sich meine Neu­gier und Seligkeit.

Unge­stüm durch die Welt rol­len fühlte sich gut und rich­tig und natür­lich an. Das war doch ein ver­dammt fei­ner Weg, abso­lut frei, dachte ich.

Meine Suche nach Mara­dona war annul­liert wor­den. Bis Rom kam ich, dann hatte ich keine Lire mehr. Die Bücher waren auch ver­kauft. Nea­pel sah ich nie.

Die paar tro­cke­nen Tra­mez­zini in der Hand, nahm ich den nächs­ten Nacht­zug von Roma Ter­mini nach Oberst­dorf. Allein unter­wegs, nur ein­mal noch durch die Welt, nach­se­hen, sich satt­schauen, gleich­sam Schön­heit und Leben kos­ten, das sollte fortan meine Frei­heit bleiben.

Cate­go­riesFrank­reich Ita­lien
Markus Steiner

Es war 2011, als Markus das letzte Mal das dumpfe Klacken der Bürotür hinter sich hörte. Und beschloss Neues zu entdecken. Seitdem ist er in der Welt zu Hause. Markus schrieb 393 Reisetage auf, was er erinnerte und wie, um vom Leben zu erzählen. In seinem Blog vereint er seitdem seine Leidenschaften: Reisen und Schreiben. Markus erzählt Geschichten von unterwegs. Von den Menschen, der Schönheit der Welt und wie es sich anfühlt, in ihr zu reisen und mit ihr zu leben. Schöne Welt.