Die Street-Art-Grazien von Athen

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3. Reisedepeschen- Street-Art-Künstler SimpleG (Giorgos Dimoulas)

Athen ist ein Eldorado für Street-Art-Fans. Ob Göttinnen oder Heldinnen des Alltags – bei einem Rundgang durch die Stadt springen dem Besucher immer wieder kunst­volle Darstellungen des schönen Geschlechts ins Auge.

Denkt man an die griechi­sche Millionenkapitale, kommen einem unwill­kür­lich antike Tempel und Ruinen sowie makellos anmutende Statuen in den Sinn. Zum Pflichtprogramm eines jeden Athen-Besuchers, der auch noch ein Faible für die künst­le­ri­sche Darstellung des schönen Geschlechts hat, gehören ohne Frage die Karyatiden des Erechtheion-Tempels auf der Akropolis. Die Rede ist von sechs Säulen in Form von weibli­chen Figuren, deren Originale größten­teils im renom­mierten Akropolis-Museum Schutz vor Wind und Wetter finden. Nicht weniger sehens­wert ist die über vier Meter große Marmorstatue der Göttin Athene, die am Panepistimiou-Boulevard direkt vor der Akademie, einem der nobelsten Bauwerke Griechenlands, in den dunkel­blauen Himmel ragt.

Doch wer meint, die Athener Kunstszene im öffent­li­chen Raum beschränkt sich auf Motive des Altertums, der irrt sich kolossal. Einen ersten Vorgeschmack bekommt man schon, wenn man sich auf die gegen­über­lie­gende Seite des hochfre­quen­tierten Boulevards begibt. Dort prangt an der Seitenwand der Piräus-Bank ein großfor­ma­tiges, bunt leuch­tendes Streetart-Werk des Künstlers Atek aus dem Jahr 2022. Darauf zu erkennen ist eine Frau mit verschränkten Armen, mehr als ein Dutzend kleiner weibli­cher Silhouetten balan­cieren in schwin­del­erre­gender Höhe über ihrem Kopf. Sie steht für die moderne Frau von heute, die tagtäg­lich damit konfron­tiert wird, unzäh­lige Rollen und Herausforderungen zu meistern. Auf gelun­gene Weise wird hier an promi­nenter Stelle ein prägnantes Zeichen gesetzt, um auf die Gleichberechtigung der Geschlechter aufmerksam zu machen.

Das Phänomen der urbanen Kunst nimmt seinen Anfang in den 1980er Jahren, als an die Waggons und Hauswände der Hauptstadt die ersten Graffitis gesprüht werden. 1998 findet nordwest­lich der Akropolis das erste inter­na­tio­nale Graffiti-Festival statt und vier Jahre später reali­siert die Künstlergruppe „Carpe Diem“ in Kooperation mit griechi­schen und auslän­di­schen Künstlern das Projekt „Chromopolis“. Die Kunst auf der Straße kommt allmäh­lich in Fahrt, wird immer mehr von der Bevölkerung wahrge­nommen und vor allem akzep­tiert. 

Auf die Euphorie der Olympischen Spiele folgen Jahre der Rezession, was zur Folge hat, dass die Wandmalereien zuneh­mend politisch und gesell­schafts­kri­tisch werden. Und das sind sie oft auch heute noch. Aktuelles Beispiel: Das Wandgemälde „Das letzte Abendmahl“ des Künstlers INO, inspi­riert von da Vincis weltbe­rühmtem Fresco. Die Apostel sind hier durch Politiker ersetzt. Sorglos entscheiden sie über die Geschicke des Landes, manche wirken desin­ter­es­siert oder teilnahmslos. Hilflose Hände ragen unter der langen Tafel hervor. Das in Grautönen gemalte Streetart-Werk findet man an der Piräus-Straße an einer meter­langen Mauer des alten Busdepots OSY. 

Direkt gegen­über, inmitten des Ausgehviertels Gazi, liegt das Veranstaltungszentrum Technopolis. Der indus­tri­elle Charme des einstigen Gaswerks trifft auf eine verblüf­fende kultu­relle Vielfalt. Neben einem Radiosender, dem Gasindustriemuseum und einem Gründerzentrum für Start-ups gibt es hier Räume und offene Flächen für Veranstaltungen aller Art: Jazzkonzerte, Theateraufführungen, Festivals, Kunsthandwerksmessen, Workshops, Comic-Ausstellungen und vieles mehr.

In puncto Kunst und Kultur ist man im nahe gelegenen Stadtteil Metaxourgio mit seinen zahlrei­chen Museen, Galerien und Theatern ebenso gut aufge­hoben. So präsen­tiert die Städtische Pinakothek von Athen im einstigen Gebäude der Seidenfabrik, nach der das Viertel benannt wurde, Gemälde und Skulpturen bedeu­tender Künstler der griechi­schen Moderne. 

Direkt am Anfang der Straße Megalou Alexandrou stößt man auf eines der wohl schönsten Wandgemälde von Athen. Darauf zu sehen ist eine anmutige junge Frau, die sich ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen, widmet. Ein Stapel Bücher liegt hinter ihr. Das riesen­große, charmant-nostal­gi­sche Wandbild mit dem Titel: „So viele Bücher, so wenig Zeit“ malte der Künstler SimpleG während des Festivals „Petit Paris d’Athènes“ im Jahr 2019 und ist ein Muss für jeden Streetart-Fan.

SimpleG (Giorgos Dimoulas)
SimpleG (Giorgos Dimoulas)

Gleich um die Ecke an der Straße Agiou Konstantinou schmückt ein weiteres großflä­chiges Streetart-Highlight die Seitenfassade eines Betonbaus. Der aus Kreta stammende Künstler Leonidas Giannakopoulos ist ein Meister darin, retro­fu­tu­ris­ti­sche Welten zu erschaffen, die den Betrachter in ihren Bann ziehen. Bei diesem Kunstwerk, das 2021 ebenso im Rahmen des Petit-Paris-Festivals entstand, handelt es sich um die Darstellung einer aus dem Meer empor­tau­chenden Aphrodite, die von einem Schiff gekrönt wird. Es soll eine Ode an das Meer und die Zivilisation sein, die durch die Göttin der Schönheit reprä­sen­tiert wird.

Leonidas Giannakopoulos
Leonidas Giannakopoulos

Die nüchternen Betonklötze der Stadt mit inspi­rie­renden, farben­frohen Streetart-Motiven zu versehen – das ist die Motivation der Künstlerin Melina Koan. Vis-à-vis dem geschäf­tigen Zentralmarkt im Herzen der Stadt erstreckt sich auf der Fassade eines mehrstö­ckigen Gebäudes ihr zauber­haftes Wandbild mit der Bezeichnung „Nachhaltigkeit“. Ein kleines Mädchen, umschwirrt von blauen Schmetterlingen, hockt auf dem Boden und schaut erwar­tungs­voll auf eine keimende Pflanze. Koan möchte mit ihrem Werk auf einen respekt­vollen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen aufmerksam machen, mit dem Ziel, dass auch künftige Generationen von einer lebens­werten Umwelt profi­tieren können.

Melina Koan
Melina Koan

Es sind folglich nicht allein die überwäl­ti­gende Größe und die unbeschreib­liche Eleganz der Streetart-Kunstwerke, die dem Spaziergänger imponieren, sondern ebenso die Botschaften, die sie vermit­teln. Dabei geht es um Themen wie Gleichberechtigung für alle, Bildung als hohes Gut oder zukunfts­ori­en­tierten Naturschutz – also Themen, die uns alle betreffen. Kunst soll ja faszi­nieren und überra­schen, aber auch zum Nachdenken anregen und besten­falls zum Handeln motivieren.


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