La Paz – ein Häusermeer. Ein in dem Tal der Königskordillere einge­bet­teter Kessel, ausge­legt mit roten Backsteinhäusern. Rote Häuser, so weit das Auge reicht. Oben, unten, rechts und links. Einfach überall. Chaotisch möchte man meinen, sind die kleinen Häuser hier und da planlos in jede belie­bige freie Lücke gesetzt worden. So erscheint es, wenn man die roten, direkt an den steilen Abhängen gebauten Häuschen sieht. Doch das ganze hat offenbar System. Jeder freie Zentimeter dieser Stadt, gelegen auf 3650 Metern, ist zugebaut.

P10609521309_1500x1125 La Paz
P10700411313_1500x1125 La Paz

Eine riesige Stadt ohne Parks, ohne Grünflächen. Nichts, als rote Backsteinhäuser. Die einzigen Grünflächen – das was man hier auf knapp 4000 Metern als Grünfläche bezeichnen kann, sind grau-grüne steil abfal­lende Rasenflächen, auf denen sich auch der kühnste Einwohner nicht traute, sein Heim zu bauen. Hier, über dem verdorrten Grün, ist nur eine steil aufstei­gende graue, nach Urin stinkende Betontreppe zu finden. Einst als Abkürzung gedacht, wird sie nun von alten Männern oder ein paar Jugendlichen genutzt, um in Ruhe ihre roten Dosen Bier zu trinken. Doch auch Straßenhunde, mit den Fähigkeiten von Bergziegen ausge­stattet, nutzen diese grau-grüne Rasenwand, als einzigen natür­li­chen Raum, wenn sie nicht in den riesigen Müllbergen der Stadt nach etwas Essbarem suchen.

P10700381312_1500x844 La Paz
P10700471314_1500x844 La Paz

In der Innenstadt verschwindet die rote Farbe plötz­lich. Es wird grau. Unansehnliche Hochhäuser aus den 70er Jahren vermi­schen sich mit verfal­lenen, grauen Häusern aus der Kolonialzeit, von denen schon lange der Putz abbrö­ckelt. Der morbide Charme der Innenstadt steht im Gegensatz zu dem winzigen Regierungsviertel, eigent­lich nur ein kleiner Platz, der Plaza Murillo, auf dem der Kongress und das Regierungsgebäude, umsorgte Häuser aus der Kolonialzeit, in leuch­tendem Gelb und Rot erstrahlen.

P10701271318_1500x844 Plaza Murillo
P10701811321_1500x1125 Innenstadt
P10701891322_1500x1125 Kolonial La Paz
P10702551325_1125x1500 Kolonial La Paz

Die Bürgersteige der Stadt werden bevöl­kert von den Marktfrauen. Auf dem Hexenmarkt gibt es Lamaföten, als Glücksbringer beim Hausbau unter dem Haus zu vergraben, Utensilien für die Geisterbeschwörung, Talismane und Amulette. Auf dem Schwarzmarkt, ganz offiziell und unver­deckt in die Straßenkarte der Stadt einge­zeichnet, gibt es alles für den tägli­chen Bedarf – nur um einiges billiger. Unzählige andere Märkte überwu­chern die Stadt. Marktfrauen, mit mehreren Wolldecken über den Schultern vor der eisigen Kälte der Stadt geschützt, sitzen an kleinen Tischen oder gar nur auf einer kleinen Plastikplane auf dem eisigen Boden und bieten eine Handvoll Tomaten oder Äpfel an. Sind am Ende des Tages noch ein oder zwei Äpfel übrig, sitzen sie auch noch in der Dunkelheit, in kaum auszu­hal­tender Kälte, auf dem Boden und warten geduldig – strickend, essend oder sich mit der Nachbarsfrau unter­hal­tend.

Meist verkauft jede Marktfrau nur ein Produkt. Man sieht Tische voller aufge­sta­peltem Toilettenpapier, Tische voller aufge­türmter Wollsocken, Tische voller aufge­schich­teter Bücher, Tische voll mit aufge­häuften Gewürzen. Die Produkte und Dienstleistungen sind geordnet – nach Straßen. Straßenstriche voller Frisöre, Straßenstriche voller Fleisch, Straßenstriche voller mobiler Schuhmacher, die mit ihren Geräten auf dem Bürgersteig stehen und in wenigen Minuten alte Schuhe wie Neue glänzen lassen, Straßenstriche voller Schneider, die mit Nähmaschinen ausge­rüstet auf der Straße auf Kundschaft warten, Straßenstriche voller Kleidung, Straßenstriche, die Baumärkten gleichen, Straßenstriche voller Kfz-Utensilien, Straßenstriche voller Toilettenpapier, Straßenstriche voller Möbel und Straßenstriche voller Blumen (übrigens immer vor dem Friedhof).

P10608571301_1500x1125 Hexenmarkt
P10608491299_1125x1500 Hexenmarkt
P10608601302_1500x1125 Hexenmarkt
P10608541300_1500x844 Hexenmarkt
P10702191324_1500x1125 Markt

Auch gibt es Straßenstriche voller Touristen. In der Calle Sagárnaga reiht sich ein Geschäft mit den immer­glei­chen günstigen Pullovern, Socken, Mützen, Handschuhen und Ponchos aus Alpaka- oder Lamawolle an das nächste. Unterbrochen von Tourismusagenturen, die unver­gess­liche Klettererlebnisse auf dem Nevado Illimani, der mit knapp 6400 Metern über der Stadt thront, verspre­chen, Trekking Abenteuer in den umlie­genden Yungas, den immer­feuchten Regenwäldern, anbieten oder aber eine sichere Mountainbike-Fahrt auf der gefähr­lichsten Straße der Welt organi­sieren.

Um 8 Uhr morgens ist die Hektik, wie in jeder anderen Großstadt, nicht zu übersehen. Riesige stockende Autokolonnen, die man getrost zu Fuß überholen kann, versinken in einem entnervten Hupkonzert, arme reiche Menschen mit Aktentasche unter dem Arm hetzen im Laufschritt über die Bürgersteige, keine Zeit sich für die Anrempler zu entschul­digen. Aus den Kleinbussen, ausge­legt für 10 Personen, lugt ein Kopf – Ein Marktschreier, nur für den öffent­li­chen Verkehr. In übereif­rigem Tempo schreit dieser die sechs Haltestellen des Busses, nahtlos anein­an­der­ge­reiht, in Endlosschleife den Passanten lauthals im Singsang entgegen. Bemüht die übrigen fünf Schreier der sich in unmit­tel­barer Nähe befinden Busse zu übertönen.

P10608371298_1500x1125 La Paz
P10608361297_1500x1125 La Paz

Die Busse sind im Inneren zugepflas­tert mit Aufklebern, die das Beschädigen der Sitze, das Rotzen auf den Boden des Busses und das Liegenlassen von Müll im Bus verbieten. Ein weiterer Aufkleber bestä­tigt den Reisenden, dass Jesus sie liebt. Aufklappbare Sitze in den Gängen der Busse sichern die Nutzung der gesamten Kapazität, führen aber auch dazu, dass alle Insassen des Busses aussteigen müssen, wenn einer aussteigt. Und dies passiert alle paar Meter, auf Zuruf, je nach Wunsch.

Dazwischen unzäh­lige Schuhputzer, aus Scham ihr Gesicht mit Skimasken bedeckend, die den eilenden Geschäftsmännern noch schnell die Schuhe auf Hochglanz polieren und Straßenkehrer, die sich mit Mundschutz und riesigen Hüten vor der brennenden Höhensonne und Straßensmog schützen.

Inmitten dieses Wirrwarrs aus hupenden Autos, schrei­enden Bussen, laufenden Menschen und genervten Mengen, sehe ich zwei Zebras. Zwei Zebras, die mit einer Zebrafahne ausge­stattet, den Verkehr dort regeln, wo eigent­lich ein Zebrastreifen hätte sein sollen. Doch nicht nur das: Die Zebras helfen Verwirrten bei der Suche nach dem Weg, wissen wo die nächste Bank, der nächste Supermarkt ist, winken freund­lich jedem vorbei­het­zenden Passanten zu und quiet­schen ihnen ein „Buen día“ entgegen.

P10808041339_1500x844 La Paz
P10808301342_1500x844 Zebras

Alte, dicke Frauen stören in aller Seelenruhe den eilenden Verkehr auf den Bürgersteigen. In gigan­ti­schen Töpfen verkaufen sie das, was sie über Nacht zuhause zusam­men­ge­braut haben. ›To Go‹ gibt es aufgrund des fehlenden Plastikgeschirrs nicht. Doch es finden sich immer einige, mit der notwen­digen inneren Ruhe ausge­stattet, die auch in den hekti­schen Morgenstunden die Zeit finden, aus altem Geschirr, auf dem Bürgersteig sitzend, das zu frühstü­cken, was es auch als Mittag- und Abendessen geben wird: Reis mit Hühnchen.

400 Meter hoch über La Paz befindet sich „El Alto“. Der frühere Stadtteil La Paz‹ bot in den Zeiten der Neuansiedlung Raum für die Armen der Gesellschaft, für die Aymara-Indianer aus den umlie­genden Dörfern des Hochlandes, die in La Paz ihr Glück, aber vor allem Arbeit suchten.

Hier oben ist die Luft noch dünner als im Talkessel La Paz‹. Unten im Zentrum geraten wir bereits, aufgrund des geringen Sauerstoffgehalts der Luft, bei der kleinsten Bewegung ins Schnaufen. In El Alto wird jedoch jeder Schritt zur Qual. Mehr als gemüt­li­ches Schlendern ist nicht drin. Die Temperaturen liegen im Durchschnitt um 10 Grad unter denen des vor den eisigen Winden geschützten Tals.

P10608671303_1500x1125 El Alto

Inzwischen gehört die Vorstadt El Alto nicht mehr zu La Paz. El Alto, eine Ansammlung aus Backsteinbauten und Wellblechdächern, ist eine eigen­stän­dige Stadt. Eine der größten und am schnellsten wachsenden Städte des Landes. Niemand weiß genau, wie viele Menschen inzwi­schen in El Alto leben. Schätzungsweise mehr als 900 000, damit zöge El Alto mit La Paz gleich.

Wir statten der Stadt in der Höhe einen Besuch ab. Doch wir finden nicht das vor, was wir erwarten. Die Einwohner El Altos sind stolz auf ihre Herkunft und ihre Identität, wollen gar nicht in der Stadt wohnen, auf die sie ihr Leben lang herab­schauten. Ohne sich der abfäl­ligen Bezeichnung bewusst zu sein, sagen sie nur „da unten“ oder „die da unten“, wenn sie über ihre Hauptstadt sprechen. Andere machen es deutli­cher und nennen La Paz „La Hoyada – das Loch“. Hier oben werden die Traditionen noch hoch gehalten. Moderne Jeans gibt es hier nicht. Das neue Selbstbewusstsein in der größten india­ni­schen Stadt Boliviens bietet bewusst mehr Raum für alther­ge­brachte Sitten, Bräuche und Traditionen.

El Alto ist vielleicht die authen­tischste Großstadt des Landes. Auch weil der große Touristenstrom bisher ausge­blieben ist. Der Sonntagsmarkt in El Alto wird vor allem von Paceños, den Bewohnern La Paz‹, besucht. Sie finden ein Angebot, das an Vielfalt und Menge weit über ihre eigenen ausufernden Märkte im Zentrum hinaus ragt. Ganze Stadtviertel verwan­deln sich hier in einen schier gigan­ti­schen Markt, Straßen werden gesperrt, sogar der Verkehr wird umgeleitet.


Kommentare

  1. Avatar von Andre

    Hallo Morton, wirklich ein Klasse Artikel über La Paz. Was ich zusätz­lich noch empfehlen kann ist das Valle de la Luna. Aus dem Nichts stehst du plötz­lich inmitten eine bizarren Landschaft, die am besten in Fotos wieder­ge­geben kann:
    http://www.flickr.com/search/?q=valle%20de%20la%20luna%20la%20paz
    Sehr empfeh­lens­wert!

    1. Avatar von Morten und Rochssare

      Hallo Andre,
      schön, dass dir unser Beitrag gefällt. La Paz ist eine Stadt, die man erleben muss.
      Ins Valle de la Luna haben wir es nicht geschafft, aber die Fotos sind wirklich atembe­rau­bend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert