Albanien: wildes Land zwischen Meer und Bergen

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Berat - Osmanische Stadt 1

Auf der touris­ti­schen Landkarte ist Albanien fast noch ein weißer Fleck. Dabei hat das kleine Balkanland herrliche Natur und beson­ders gastfreund­liche Einwohner.

Albanien-Geheimtipps auf einen Blick

  • Osum-Schlucht: Rafting durch einen Canyon mit fast 100 Meter hohen Wänden und vielen Wasserfällen, gut zwei Autostunden südlich von Berat. Touren gibt es von März bis Oktober.
  • Berat und Gjirokastra: osmani­sche Altstädte und UNESCO-Welterbe. In Berat wohnen Menschen bis heute in der Burg, Moscheen und ortho­doxe Kirchen stehen neben­ein­ander.
  • Strände an der Albanischen Riviera: Gjipe, Qeparo, Potam und Bosh liegen an der kurvigen Küstenstraße südlich von Dhermi.
  • Ksamil und Butrint: weißer Sand und vorge­la­gerte Inseln ganz im Süden, daneben die antike Stadt Butrint, ebenfalls UNESCO-Welterbe.
  • Tirana: Basar, Bunker-Museum und das Block-Viertel, in dem früher nur die Günstlinge des Diktators wohnen durften und heute Bars und Galerien öffnen.
  • Albanische Alpen: Wandergebiet an der Grenze zu Montenegro.
  • Berg Tomorr (Kulmak): Im August pilgern Mitglieder des Bektaschi-Ordens auf den fast 2.500 Meter hohen Berg, Gäste aller Religionen sind beim Fest willkommen.

Stand: Oktober 2026. Die Reportage stammt aus dem Frühjahr 2025, Zahlen und prakti­sche Tipps haben wir im Oktober 2026 aktua­li­siert.

Der Grenzer zeigt ein goldenes Lächeln. Im Nu schiebt er den Pass rüber und nuschelt ein „Welcome“. Höchst ungewöhn­lich für eine Spezies in Uniform, die sonst nur grimmig kann. Liegt es an Mutter Teresa? Tiranas Airport heißt wie die Nonne und Friedensnobelpreisträgerin, die sich Jahrzehnte um Alte und Kranke in Indien kümmerte, aber aus einer albani­schen Familie stammte.

„Wir sind herzlich und laden gerne ein. Das ist unsere Kultur“, sagt Mirvjen Bregu. Der 42jährige Architekt sitzt über einem kopierten Straßenplan und tippt mit dem Finger auf die Top-Spots der Hauptstadt. Basar, Kultur-Palast, Bunker-Museum, Große Moschee, Geheimdienstzentrale, Toptani Shopping-Center: Die Orte erzählen von osmani­schen Eroberern, faschis­ti­schen Unterdrückern, kommu­nis­ti­schen Despoten – und vom Traum eines modernen EU-Staats. Im Juli 2022 begannen die Beitrittsverhandlungen, im Juli 2026 schloss Albanien die ersten drei der 33 Verhandlungskapitel. Fortschritte erwartet die EU vor allem noch bei der Justizreform und im Kampf gegen organi­sierte Kriminalität und Korruption.

Wahrzeichen am Skanderberg-Platz im Zentrum Tiranas: Uhrenturm, Et´hem-Bey-Moschee, Ministerien und Skanderbeg-Statue

Kaum etwas in Tirana, einem ehema­ligen Marktflecken, der von Türken gegründet wurde, ist älter als 100 Jahre. Überall in der Stadt, die mit ihrem Umland rund 750.000 Einwohner*innen zählt, etwa so viele wie Frankfurt, wird gebaut. Während Hochhäuser in den Himmel wachsen, verste­cken die alten sozia­lis­ti­schen Wohnblocks ihre bröckelnden Fassaden unter viel Farbe. Dazwischen zeigen schmucke Cafés, kleine Handwerksbetriebe, Modeläden, dass die Menschen für eine bessere Zukunft schuften. Von 1945 bis 1990 war Albanien eine Art Nordkorea am Mittelmeer – unter­drückt, isoliert, gelähmt. Heute fließen in Tirana sozia­lis­ti­sches Erbe, Balkantraditionen und urbaner Lifestyle in einem wilden Mix zusammen.

Im Block-Viertel, in dem früher nur die Günstlinge des Diktators Enver Hoxha wohnen durften, „eröffnen Vinotheken, Bars, Galerien. Die Stadt ist jung, dynamisch, ein bisschen verrückt vielleicht“, sagt Mirvjen Bregu und schwärmt vom Restaurant Mullixhiu. Im Souterrain eines hässli­chen Plattenbaus kreiert Kochtalent Bledar Kola Slow-Food mit lokalen, biolo­gi­schen Zutaten. Gleich am Eingang stehen Mühlen, in denen er Getreide für Brote backt. 35 Euro kostet das Menü mit sieben Gängen!

Überall in Albanien, das etwa so groß ist wie Belgien und bei der Volkszählung 2023 nur rund 2,4 Millionen Einwohner*innen hatte, lässt sich günstig essen, wohnen, einkaufen. Ob in den Strandbars an Adria und Ionischem Meer, beim Wandern in den Albanischen Alpen an der Grenze zu Montenegro oder in den Welterbe-Städten Berat und Gjirokastra: Weil noch nicht viele auslän­di­sche Touristen kommen, Hotelketten fehlen und Albaner im Schnitt nur knapp 800 Euro im Monat verdienen, ist das Preisniveau vergleichs­weise niedrig. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Statistische Bundesamt, das das Preisniveau für Gaststättenbesuche und Hotelaufenthalte in europäi­schen Ländern im März 2025 vergli­chen hat. Demnach ist der Urlaub derzeit in Albanien und Nordmazedonien am günstigsten. 

„Alle wollen nach Italien, Spanien oder Griechenland. Für Albanien inter­es­siert sich in den USA keiner“, sagt Marianne De Guzman. „Dabei sind die Leute super nett. Ständig bekommen wir etwas geschenkt. Und die Natur ist so wunder­schön“, meint Yohki Hernandez. Die Freundinnen aus San Francisco stehen mit Helm und Neoprenanzug in der Osum-Schlucht. Mit dem Floß rauschen sie drei Stunden durch den spekta­ku­lären Canyon. Etliche Wasserfälle donnern die Felswände herab. Mal schmiegen sich die fast 100 Meter hohen Hänge so eng an, dass die Boote durch­ge­drückt werden müssen. Dann umspülen Stromschnellen breite Kiesflächen, knorrige Bäume mit hochge­zo­genen Wurzeln und tiefe Überhänge.

Der spekta­ku­läre Osum-Canyon lässt sich per Wildwasser-Rafting erkunden

Ein Teppich aus Blumen, Büschen, bunten Gräsern zieht sich von der Canyon-Kante bis weit hinunter. „Von März bis Oktober machen wir Touren“, erzählt Guide Euglent Tabaku. Vor allem würden Einheimische kommen, aber auch immer mehr Polen und Tschechen, parliert Euglent in gutem Englisch. Wie viele Albaner hat auch der 45-Jährige sein Glück schon einmal im Ausland versucht.

Die Osum-Schlucht liegt gut zwei Stunden Autofahrt südlich von Berat – einem osmani­schen Kleinod. Über der Altstadt thront eine bewohnte Festung, in der neben Moscheen ortho­doxen Kirchen stehen. Ein Problem scheint das nicht zu sein. Etwa 60 Prozent der Albaner sind Muslime und rund 25 Prozent Christen, doch Religion „sehen wir eher gelassen“, sagt Monika Xheblatit, die im Viertel unter der Burg vier Zimmer in einem 400 Jahre alten Haus vermietet.

Rafting-Guide Euglent Tabaku spricht exzel­lent Englisch und hat auf jede Frage zu Albanien eine Antwort

Morgens stapelt die 36-Jährige jedem Gast selbst­ge­machte Marmeladen, kandierte Orangen, Früchte, Käse aus Schafs‑, Ziegen- und Kuhmilch, Saft, Joghurt, Brot auf den Tisch. Von der Hotel-Terrasse ist der schnee­be­deckte Kulmak zu sehen. Im August pilgern die Mitglieder des islami­schen Bektaschi-Ordens auf den fast 2.500 Meter hohen „Berg der Götter“. Auf der Südspitze liegt das Grab von Abbas Ali, einem Halbbruder von Husain, dem Enkel des Propheten Mohammed. „Zum Volksfest auf dem Berg sind alle Religionen und Touristen herzlich willkommen“, sagt Monika Xheblatit.

Von Berat nach Dhermi ans Meer sind es zwar nur 130 Kilometer, doch die Tour dauert fast vier Stunden. Schnell voran­kommen ist unmög­lich. Enge Kurven, Hunde, Ziegen, Schafe im Gegenverkehr und üble Schlaglöcher: Wer die Küstenstraße an der albani­schen Riviera entlang­zu­ckelt, kann dafür herrliche Strände in Gjipe, Qeparo, Potam oder Bosh entde­cken. Die Halbinsel Ksamil ganz im Süden ist zwar kein Geheimtipp mehr, auch hier wird kräftig gewer­kelt. Mit den vorge­la­gerten Inseln, azurblauem Wasser und weißem Sand vermit­telt der Ort aber Karibikfeeling.

Ksamil nahe der Grenze zu Griechenland bietet tolle Strände und versteckte Buchten

Diese Aussichten haben Elvana Marku nach Ksamil gelockt. Jahrelang arbei­tete die 38-Jährige im nahen Griechenland als Kellnerin. „Ich wollte etwas bewegen, etwas aufbauen“, sagt sie, lächelt und hebt eine mächtige Platte Meeresfrüchte hoch. In ihrem Restaurant Guvat sind die Portionen mindes­tens so groß wie überall in Albanien. Die Muscheln aus der nahen Lagune von Butrint, einer antiken Stadt und UNESCO-Weltkulturerbe, schme­cken wunder­voll. Ratschläge, Nachtisch, Raki gehen auch bei Elvana wie selbst­ver­ständ­lich aufs Haus.

Praktische Tipps für die Albanienreise

Anreise

Wizz Air, Lufthansa und Eurowings fliegen direkt nach Tirana, Austrian Airlines über Wien und Air Serbia über Belgrad.

Einreise

Deutsche können mit Reisepass oder Personalausweis bis zu 90 Tage ohne Visum bleiben.

Übernachtungen

In Tirana ist die Vila Bregu, in Berat das Hani I Xheblatit, in Ksamil das Castle, in Gjirokastra das Old Bazaar empfeh­lens­wert. Alle Hotels sind famili­en­ge­führt.

Klima

Von Mai bis Oktober hat die Küste mediter­rane Temperaturen. Im gebir­gigen Hinterland sind die Sommer heiß und trocken, die Winter kalt und schnee­reich.

Geld/​Kreditkarten

Lek ist die Landeswährung. Euro werden gerne genommen. In Tirana und den Badeorten kannst du meist mit Karte zahlen, auf dem Land und in kleinen Familienbetrieben brauchst du Bargeld. Geldautomaten großer Banken wie Raiffeisen nehmen Visa und Mastercard.


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