Mit Schrittgeschwindigkeit ins Leben

Explore rugged Omani canyons on an off-road adventure, capturing stunning desert landscapes.

Wir roll­ten lang­sam durch ein klei­nes Berg­dorf im Süden Omans – vor­bei an nied­ri­gen Mau­ern, flat­tern­den Wäsche­lei­nen und dem ver­trau­ten Spiel aus Licht und Staub. Die Stra­ße war gesäumt von Boden­wel­len, die das Tem­po auto­ma­tisch dros­seln. Schritt­ge­schwin­dig­keit. Zeit­lu­pe. Ein Geschenk in einer Welt, die so oft von Eile bestimmt ist.

Ich erzähl­te mei­nen Mit­rei­sen­den ein wenig über das Dorf, als unser Blick auf eine Kuh fiel. Es war sehr heiß an die­sem Tag, und sie lag regungs­los auf dem Boden. Für einen Moment dach­ten wir, sie könn­te kol­la­biert sein. Und dann sahen wir es: Zwei klei­ne Hufe rag­ten bereits aus ihrem Hin­ter­teil. Sie bekam gera­de ihr Kalb.

Wir hiel­ten an. Lei­se. Kein hek­ti­sches Aus­stei­gen, kei­ne knal­len­den Türen, kein Spek­ta­kel, kein Stress. Wir woll­ten kei­ne Angst ver­ur­sa­chen, nichts stö­ren. Nur wir fünf. Alles war still, weit und breit war außer uns nie­mand zu sehen. Das Dorf wirk­te wie aus­ge­stor­ben.

Die Kuh stand etwas abseits, weg von der Stra­ße, hin­ter einer nied­ri­gen Mau­er nahe einer klei­nen, ein­fa­chen Hüt­te aus Zement – ihrem Unter­stand, Schutz vor Son­ne und Hit­ze. Kei­ne hel­fen­den Hän­de, kei­ne Men­schen, kei­ne Unru­he. Nur sie und die anste­hen­de Geburt.

Unse­re Kame­ras hat­ten wir von Beginn an in der Hand, bereit, den gro­ßen Moment für immer fest­zu­hal­ten, aber zurück­hal­tend – aus siche­rer Ent­fer­nung. Minu­ten ver­gin­gen. Immer wie­der sah es aus, als wür­de es gleich pas­sie­ren, doch es dau­er­te. Und dann, mit einem letz­ten Zit­tern, fiel das Kälb­chen auf den Boden. Nas­ses, zar­tes Leben im Staub.

Die Mut­ter trat zur Sei­te, leck­te es ab. Lang­sam, bedäch­tig – als gäbe es nur die­sen einen Auf­trag auf der Welt. Wir stan­den da. Gebannt. Ergrif­fen. Sprach­los.

Viel­leicht war es das, was mich am meis­ten berühr­te: dass die­ser Moment ein­fach pas­sie­ren durf­te. Ohne gro­ßes Publi­kum, ohne Lärm, ohne Ein­mi­schung. In einer Welt, in der vie­les orga­ni­siert und ter­mi­niert ist, war dies ein Augen­blick, der nicht geplant war.

Das Kälb­chen begann sich zu regen. Sei­ne ers­ten Ver­su­che zu ste­hen waren wacke­lig, hilf­los – aber vol­ler Instinkt. Und es dau­er­te nur weni­ge Minu­ten. Ich war erstaunt, wie schnell es ging. Ich hat­te davon gele­sen, dass Käl­ber kurz nach der Geburt ste­hen kön­nen, aber dass es so schnell pas­siert – inner­halb von Minu­ten – das hät­te ich nicht gedacht. Wahr­schein­lich ein über­le­bens­wich­ti­ger Reflex in frei­er Natur.

Ich dach­te an unse­re klei­ne Grup­pe, an die Ruhe, die wir mit­brach­ten. Wären wir mit 30 Leu­ten unter­wegs gewe­sen, in einem Rei­se­bus, mit engem Zeit­plan – wir hät­ten nicht ange­hal­ten. Hät­ten es viel­leicht gar nicht bemerkt. Oder wir wären ein Stör­fak­tor gewe­sen. Stress für die Kuh. Viel­leicht mit Fol­gen.

So aber waren wir nur fünf. Wir stan­den still, beob­ach­te­ten. Nah­men Teil, ohne ein akti­ver Teil zu sein. Die Kuh wirk­te nicht gestört. Sie nahm uns nicht wahr. Sie war ganz bei sich und ihrem Kalb – und wir durf­ten Zeu­gen sein. Ruhig. Respekt­voll. Dank­bar.

Ich den­ke oft an die­sen Moment zurück. Nicht, weil er »spek­ta­ku­lär« war – obwohl er das für mich war – son­dern weil er mich dar­an erin­nert hat, wor­um es beim Rei­sen manch­mal wirk­lich geht. Nicht um das, was man sucht. Son­dern um das, was einen fin­det.

Und auch dar­um, dass es beim Rei­sen nicht nur um gro­ße Sehens­wür­dig­kei­ten geht. Nicht nur um High­lights und Must-Sees. Son­dern um das, was dazwi­schen pas­siert. Am Weges­rand. Wenn man bereit ist, hin­zu­se­hen.

Es war kei­ne klas­si­sche Safa­ri. Kein Natio­nal­park. Kein wil­des Tier, das man aus siche­rer Ent­fer­nung mit Fern­glas beob­ach­tet. Kein Plan, kein Wis­sen dar­um, was gleich pas­sie­ren wür­de. Kein geschütz­ter Raum, der Tier­be­ob­ach­tung ver­spricht. Son­dern ein­fach ein klei­ner Moment in einem klei­nen Dorf. Und gera­de des­halb war es beson­ders.

Manch­mal liegt das Außer­ge­wöhn­li­che genau dort, wo nie­mand hin­sieht. Und manch­mal braucht es nur Schritt­ge­schwin­dig­keit, um es zu ent­de­cken.


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