Rückkehr zum Riesling

Eine Liebeserklärung an Deidesheim

Die Pfalz ver­mark­tet Wein­pro­ben in mit­tel­al­ter­li­chen Dör­fern und lockt Tou­ris­ten mit Wan­der­tou­ren durch ein rie­si­ges Wald­ge­biet. Vor allem für Fami­li­en ist die Wein­stra­ße dank ihrer tra­di­tio­nel­len Fes­te und der Burg­rui­nen in der Umge­bung ein idea­les Aus­flugs­ziel. 

Lady springt in einen Laub­hau­fen. Die letz­ten Spät­som­mer­son­nen­strah­len des Jah­res las­sen den Blät­ter­tep­pich auf dem Wan­der­weg gol­den glän­zen. Ein war­mer Wind sam­melt Kas­ta­ni­en­blät­ter, Rin­den­stü­cke und fei­ne Zwei­ge vom Boden auf und wir­belt alles in die Luft, nach weni­gen Sekun­den tau­melt das Blät­ter­puz­zle wie­der Rich­tung Erde, trä­ge wie Kon­fet­ti. Gel­ber Wald­staub hef­tet sich an Ladys brau­nes Fell.

Die Misch­lings­hün­din mei­ner Freun­din trö­delt bei die­sem Spa­zier­gang durch den Pfäl­zer Wald. Schon seit einer Stun­de lau­fen wir vor­aus und müs­sen sie immer wie­der rufen, weil sie so bum­melt. Unter jeder Buche, auf jeder Lich­tung gibt es etwas zu beschnüf­feln. Auch ich genie­ße den tor­fig-leh­mi­gen Geruch des Bodens und atme tief ein.

Mit geschlos­se­nen Augen lan­de ich in einer ande­ren Zeit. Ich sehe, wie ich mit mei­nem VW-Bus auf einen Park­platz im Wald fah­re. Es ist extrem neb­lig an die­sem Herbst­tag, ich habe mei­nen Füh­rer­schein noch nicht lan­ge. Ich spie­le Ver­ste­cken zwi­schen den Bäu­men mit einem Mann, in den ich sehr ver­liebt bin, lache viel. Über uns, sche­men­haft, thront das Hei­del­ber­ger Schloss. Sei­ne Nacht­be­leuch­tung ver­schwimmt im Nebel­grau. Stun­den­lang hören wir Lie­der von Kas­set­ten mit dem Auto­ra­dio, lie­gen uns in den Armen. Als ich zum Stu­di­um nach Mün­chen zie­he, ver­mis­se ich ihn lan­ge. Ich pend­le an den Wochen­en­den, zwei Jah­re lang, dann wird die Sehn­sucht schwä­cher.

Der ver­trau­te Geruch von frisch gerie­be­ner Mus­kat­nuss und Zimt in Pflau­men­mus, der Geschmack von Haus­ma­cher Brat­wurst und im Wald gesam­mel­ten Ess­kas­ta­ni­en, die in der Pfalz „Kesch­de“ hei­ßen und mit denen man­che Metz­ger im Herbst auch Sau­mä­gen oder Mar­tins­gän­se befül­len, beglei­tet mich jah­re­lang. Das Pfäl­zer Essen ist damals, in den 1990er-Jah­ren, nicht so fan­cy wie die Cross­over-Küche in den Münch­ner Sze­ne-Loka­len, aber mir feh­len Haus­ma­cher Leber­wurst und Pell­kar­tof­feln, wenn wir in mei­ner Wohn­ge­mein­schaft Risot­to kochen und Pinot Gri­gio trin­ken – und war­um die Münch­ner an Weiß­würs­ten so viel Freu­de haben, bleibt mir bis heu­te ein Rät­sel. Obwohl ich Berg­tou­ren mache und die ober­baye­ri­schen Seen traum­haft sind, bin ich, abge­se­hen von sel­te­nen Glücks­mo­men­ten, nie mit gan­zem Her­zen hier.

Ich füh­le mich zwar wohl, das Stu­di­um ist span­nend, der ers­te Job bei der Süd­deut­schen Zei­tung ist wie ein Sech­ser im Lot­to, Ita­li­en ist auch nur einen Stein­wurf ent­fernt, aber mir fehlt in Mün­chen die boden­stän­di­ge Ehr­lich­keit – bis auf zwei Frau­en und zwei Män­ner, mit denen ich jeweils jah­re­lang zusam­men­le­be, fin­de ich in der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt kei­ne engen Freun­de.

Einen Hei­rats­an­trag leh­ne ich ab. Wenn ich heu­te in der Schach­tel mit hand­ge­schrie­be­nen Lie­bes­brie­fen aus mei­ner Schul­zeit stö­be­re, möch­te ich am liebs­ten wie­der 16 Jah­re alt sein und fra­ge mich, was mit den Münch­nern nicht stimmt, die oft zu ein­ge­bil­det sind, um sich ver­letz­lich zu machen.

Den meis­ten Expats, die wegen Goog­le, Micro­soft, Ama­zon, BMW oder Infi­ne­on nach Mün­chen zie­hen und die aus süd­li­chen Län­dern kom­men, in denen die Men­schen viel öfter mit­ein­an­der reden, geht es ähn­lich. Mei­ne Freun­din Moni­ca aus Rom wun­dert sich, dass Män­ner ihr kei­ne Kom­pli­men­te machen. Juan aus Mexi­ko stört, dass es kei­ne ver­rück­ten Par­tys gibt wie in Ber­lin und dass man nur schä­bi­ge Woh­nun­gen für sehr viel Geld bekommt. Dar­um blei­ben die meis­ten nur ein paar Jah­re und zie­hen dann wei­ter.

Auch in der Pfalz sind die Mie­ten gestie­gen. Dafür sind Eigen­hei­me lan­ge erschwing­li­cher gewe­sen als in Bay­ern, vie­le Fami­li­en haben in den 1960er bis 1980er-Jah­ren klei­ne­re Häu­ser gebaut, die sie nun ver­er­ben.

Als Kind weiß ich so etwas natür­lich nicht. Unse­re Sonn­ta­ge ver­brin­gen mei­ne Fami­lie und ich im Frei­en, fast das gan­ze Jahr über. Im Pfäl­zer Wald sam­meln wir – je nach Sai­son – Hei­del­bee­ren und Pil­ze. Im Win­ter bin­det mein Vater mei­nen Schlit­ten an unser Auto und zockelt mit mir durch unser Dorf. Gebor­gen­heit hüllt mich bei die­sen Erin­ne­run­gen heu­te noch ein wie ein schüt­zen­der, flau­schi­ger Man­tel.

Irgend­wann, mit Ende 20, habe ich mei­ne ers­ten fes­ten und anstren­gen­den Jobs: in Ber­lin, Ham­burg, Bue­nos Aires. Das Rhein-Main-Gebiet, in dem ich auf­ge­wach­sen bin, scheint immer enger und klei­ner zu wer­den, es bie­tet mir zu weni­ge Chan­cen, das bil­de ich mir jeden­falls ein – viel­leicht hilft mir die­ser Gedan­ke auch nur dabei, in den Groß­städ­ten zu funk­tio­nie­ren.

„War Ries­ling schon immer so span­nend?“ fra­ge ich mich, wäh­rend ich eine Füh­rung durch das Wein­gut von Win­ning bekom­me. An das Kir­chen­stück und den Herr­gott­sa­cker, das sind die Namen von zwei guten Lagen, erin­ne­re ich mich kaum; zu sehr domi­nier­ten teu­re Rot­wei­ne aus aller Welt mei­ne Trink­ge­wohn­hei­ten seit den spä­ten Neun­zi­ger­jah­ren. Mei­ne Rück­kehr zum Ries­ling kommt so unver­hofft wie mei­ne wie­der erwa­chen­den Hei­mat­ge­füh­le. Zwar weiß ich, dass der Ries­ling ein idea­ler Schop­pen­wein ist, gut geeig­net für eine sprit­zi­ge Som­mer­schor­le, die ich als Teen­ager moch­te und die ich heu­te nie wie­der frei­wil­lig trin­ken wür­de, aber erst, als mir Anfang 2025 eine Food-Blog­ge­rin aus den Nie­der­lan­den bei einem Glas Cham­pa­gner in Paris gestand, dass Ries­ling ihr Lieb­lings­wein sei, nahm ich mir vor, die­ser Reb­sor­te eine Chan­ce zu geben.  

Genau dar­um bin ich nach Dei­des­heim auf­ge­bro­chen, zu einem der schöns­ten Orte an der Deut­schen Wein­stra­ße – neben Wachen­heim oder Freins­heim. Vie­le Wein­gü­ter öff­nen bei einer Wein­ker­we in den Som­mer­mo­na­ten ihre Höfe. Men­schen sit­zen neben­ein­an­der und unter­hal­ten sich: Von der Geburt des ers­ten Kin­des über den Krebs­tod des Onkels geht es oft um sehr per­sön­li­che Din­ge; die­se spon­ta­ne Offen­heit gibt es in Bay­ern nicht, wo ich – nach wei­te­ren Sta­tio­nen in Frank­furt, Köln, Ber­lin und Pal­ma de Mal­lor­ca – mitt­ler­wei­le wie­der lebe.

Zu abge­schirmt, umge­ben von schrof­fen Ber­gen, sind die Baju­wa­ren. Sie kra­xeln auf Gip­fel, suchen die Stil­le in unwirt­li­chen Schutz­hüt­ten oder bret­tern im Win­ter die schnee­be­deck­ten Hän­ge mit Ski­ern hin­un­ter; bei die­ser „Gau­di“ bleibt kei­ne Zeit, um mit Zuge­reis­ten wie mir zu plau­dern. Berüch­tigt sind die Grant­ler: Unwir­sche Men­schen, zumeist Kell­ne­rin­nen oder Schank­wir­te, denen man jedes Wort aus der Nase zie­hen muss. Im Gegen­satz zu ihnen kom­men mir alle Pfäl­zer erstaun­lich fröh­lich und gesprä­chig vor.

Dei­des­heim ent­steht im 9. oder 10. Jahr­hun­dert als Sied­lung der Gemein­de Nie­der­kir­chen. Im Jahr 1395 ver­leiht König Wen­zel dem Ort die Stadt­rech­te. Anfang des 19. Jahr­hun­derts ist Dei­des­heim der ers­te Ort in der Pfalz, des­sen Wein­gü­ter Qua­li­täts­wein­bau betrei­ben. Heu­te ist das Städt­chen, das mit sei­nen Fach­werk­häu­sern und den Klet­ter­pflan­zen in den Höfen aus­sieht, als habe Carl Spitz­weg es gemalt, eine der größ­ten Wein­bau­ge­mein­den in der Regi­on.

Der Dei­des­hei­mer Hof befin­det sich in einem Ensem­ble aus dem 16. Jahr­hun­dert. Im Jahr 1793, wäh­rend der Revo­lu­ti­ons­krie­ge, dient das Haus der öster­rei­chi­schen Armee als Laza­rett. In den 1920er-Jah­ren eröff­net die Fami­lie Hahn, die mit einem Wein­gut in Dei­des­heim ansäs­sig ist, in Ber­lin die ers­te Pfäl­zer Wein­stu­be. 1971 kau­fen die Hahns den Dei­des­hei­mer Hof. Nach und nach reno­vie­ren sie das Haus, bau­en die Gast­räu­me aus. Heu­te gibt es mit dem „Schwar­zen Hahn“ ein bekann­tes Restau­rant im Hotel.

Ich erin­ne­re mich gut an mei­ne Vor­freu­de auf die Wein­fes­te. Die uri­gen Wein­gü­ter sind geeig­ne­ter zum Flir­ten als Clubs, in denen man tanzt, um ange­him­melt zu wer­den, aber oft allein bleibt. Als Teen­ager tref­fe ich mich mit mei­nen Schul­freun­din­nen jedes Jahr bei der Wein­ker­we vor dem Dei­des­hei­mer Hof. Uns gefällt die Live-Musik im Innen­hof, bis heu­te spie­len hier Bands beim Wein­fest.   

Ein fabel­haf­tes neue­res Hotel in dem 3000-See­len-Ort ist der Ket­schau­er Hof. Im Restau­rant L.A. Jor­dan begin­nen die Prei­se für ein Menü mit fünf Gän­gen am Abend bei 255 Euro. Die abge­stimm­te Wein­be­glei­tung kos­tet pro Per­son 125 Euro. Fisch­freie oder vega­ne Menüs ste­hen nicht zur Wahl, da ist der Chef kon­ser­va­tiv. Wer auf Fleisch ver­zich­ten möch­te, kann das bei der Reser­vie­rung ange­ben. Zwei Miche­lin-Ster­ne bekam Dani­el Schim­ko­witsch, der sich mit nur 26 Jah­ren bereits sei­nen ers­ten Stern im Münch­ner Restau­rant Tra­min erar­bei­te­te.

Mir gefällt auch der Kai­ser­gar­ten, das klei­ne­re Hotel, das zur Ket­schau­er Hof GmbH gehört, die Jana See­ger und ihr Ehe­mann Peter Hüft­lein-See­ger füh­ren. Die Zim­mer sind schnör­kel­los ein­ge­rich­tet. Sie bie­ten weni­ger Kamin­ro­man­tik und kei­nen baro­cken Plüsch­kom­fort wie der Ket­schau­er Hof, haben aber einem schö­nen Blick ins Grü­ne.

Nur eine Nacht blei­be ich in Dei­des­heim. Am nächs­ten Mor­gen rad­le ich über die Wein­ber­ge nach Forst, dann wei­ter nach Neu­stadt an der Wein­stra­ße. Als ich dort in den Zug stei­ge, der mich zurück nach Mün­chen bringt, weiß ich, dass es dies­mal nicht wie­der Jahr­zehn­te dau­ern wird, bis ich zurück­kom­me, son­dern dass ich spä­tes­tens im nächs­ten Früh­ling wie­der in der Pfalz sein möch­te, um die Man­del- und Fei­gen­bäu­me blü­hen zu sehen. Mei­ne Freun­de haben mich lan­ge ver­misst. Ver­ges­sen haben wir ein­an­der nie.     


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