Texas Sun: Ein Roadtrip von Grand Prairie nach Amarillo

„You say you like the wind blo­wing through your hair
Come on, roll with me ’til the sun goes down …“

Mit dem Sound von Khru­ang­bin, der texa­ni­schen Wüs­ten-Surf-Rock-Band (!), stim­me ich mich bereits im Flie­ger auf mei­nen Road­trip ein. Die Ein­rei­se­for­ma­li­tä­ten zie­hen sich etwas, ver­lau­fen letz­ten Endes aber unspek­ta­ku­lär. Der Beam­te kaut gelang­weilt Kau­gum­mi und möch­te ledig­lich den Grund mei­ner Rei­se wis­sen. Kurz dar­auf ver­las­se ich die kli­ma­ti­sier­te Ankunfts­hal­le des Flug­ha­fens von Dallas/​Fort Worth und gehe direkt zur Auto­ver­mie­tung. Ein paar Instruk­tio­nen spä­ter sind wir on the road. Die High­ways sind sechs­spu­ri­ge Flüs­se aus Asphalt, Trucks bei­na­he so hoch wie Häu­ser rau­schen vor­bei, und ohne Air­con geht hier gar nichts. Mei­ne Rei­se beginnt in Grand Prai­rie, mit­ten in den end­lo­sen Sub­urbs der Metro­pol­re­gi­on Dal­las.

„Ever­y­thing is big­ger in Texas“ – das ist das Mot­to des Lone Star Sta­te. Ich bin gespannt, ob sich die­ses Ver­spre­chen erfüllt.

Grand Prairie

Mein ers­ter Stopp führt mich zu Zavala’s Bar­be­cue. Hier win­den sich die War­te­schlan­gen oft bis auf die Stra­ße hin­aus, denn das mini­ma­lis­tisch-pun­ki­ge Laden­lo­kal zählt zu den Top 50 Bar­be­cue Spots in Texas, und Bar­be­cue ist hier eine Reli­gi­on. In rie­si­gen Smo­kern schmort bes­tes Fleisch, und wenn das Bris­ket, das signa­tu­re dish des Lokals, nach zwölf Stun­den end­lich auf dem Tablett lan­det, zer­fällt es but­ter­weich. Dazu ein Lone Star aus der Dose: sim­pel, ehr­lich, groß­ar­tig. How­dy, Texas!

Gegen den Jet­lag ver­su­che ich die „Sights“ zu erkun­den. Grand Prai­rie ist „very Ame­ri­can“: Vie­les fin­det indoor statt – nicht zuletzt wegen der gna­den­lo­sen texa­ni­schen Son­ne. Texas can get toasty!
Das Leben spielt sich im rie­si­gen Enter­tain­ment- und Life­style-Vier­tel Epi­c­Cen­tral ab: Aben­teu­er­parks, Restau­rants, Hotels, Shows, Spiel­plät­ze, Was­ser­shows, Grün­flä­chen. Noch ver­ne­belt vom Flug schlen­de­re ich durch Epic Waters, ein gigan­ti­sches Spaß­bad, und den Bol­der Adven­ture Park, einen indoor Klet­ter­park mit Tech­n­obeats. Hel­lo, Kul­tur­schock.

Abends lan­de ich bei Chi­cken N’ Pick­le, einer Mischung aus Restau­rant, Bier­gar­ten und Sport­are­na – Pick­leball-Courts auf der einen Sei­te, rie­si­ge Bild­schir­me auf der ande­ren. UFC-Kämp­fe lau­fen non­stop, und plötz­lich zieht Prä­si­dent Donald Trump unter Jubel in die Kampf-Are­na ein, umarmt Mike Tyson und lässt sich fei­ern, wäh­rend Nach­rich­ten­ti­cker die Ent­sen­dung der Natio­nal­gar­de nach Kali­for­ni­en mel­den. Absur­de Gleich­zei­tig­keit. Ich trin­ke ein Ranch Water: Tequi­la, Limet­te, Spru­del­was­ser, zur nächt­li­chen Licht­show über dem künst­li­chen See von Epi­c­Cen­tral.

Der nächs­te Mor­gen beginnt klas­sisch: Hash Browns, Hue­vos Ran­che­ros und schwar­zer Fil­ter­kaf­fee in einem holz­ver­tä­fel­ten Diner. Die Bedie­nung nennt mich „Honey“ und gießt kom­men­tar­los Kaf­fee nach. Danach ver­lie­re ich mich im end­lo­sen Trad­ers Vil­la­ge, einem Floh­markt, der wie eine klei­ne Stadt wirkt: Cow­boy-Stie­fel neben Han­dy­hül­len, Grill­so­ßen neben Kin­der­spiel­zeug; dazwi­schen Ach­ter­bah­nen und Food­courts.

Ripley’s Belie­ve It or Not prä­sen­tiert bizar­re Kurio­si­tä­ten aus aller Welt, samt Wachs­fi­gu­ren­ka­bi­nett und Spie­gel­la­by­rinth. Tay­lor Swift und Micha­el Jack­son grin­sen als schrä­ge Nach­bil­dun­gen, dane­ben ste­hen alle US-Prä­si­den­ten. Im Neben­raum war­ten Sta­lin, Putin, Mao und Hit­ler „bereit“ fürs Sel­fie.

Das High­light des Tages ist das Pfer­de­ren­nen im Lone Star Park. Von der Tri­bü­ne aus habe ich bes­ten Blick. Cow­boy Bug­ler Shane bläst den „Call to Post“ und schon don­nern die Pfer­de vor­bei. In der Ein­gangs­hal­le posie­ren Rodeo Queens und Prin­ces­ses mit Schär­pen und Hüten.

Bevor der Abend im mexi­ka­ni­schen Restau­rant Vidor­ra bei Mar­ga­ri­tas und Tacos aus­klingt, mache ich noch einen Stopp in den Grand Prai­rie Pre­mi­um Out­lets – samt Bim­mel­bahn, die um die Läden her­um­fährt. Ein hef­ti­ges Gewit­ter zieht auf, und ich schaf­fe es gera­de noch ins Hotel, bevor Hagel, Stark­re­gen und Blit­ze über Dallas/​Fort Worth her­ein­bre­chen. Vom Bett aus beob­ach­te ich das Spek­ta­kel, bis ich in einen tie­fen Schlaf sin­ke.

Grapevine

„Say you wan­na hit the high­way while the engi­ne roars
Well, come on, roll with me ›til the sun goes down
That Texas sun, oh yeah“

Grape­vi­ne liegt nur eine hal­be Stun­de ent­fernt und wirkt nach den High­ways wie eine Film­ku­lis­se: rote Back­stein­häu­ser, klei­ne Bou­ti­quen, Wein­gü­ter, his­to­ri­sche Main Street. Die Stadt ist als „Christ­mas Capi­tal of Texas“ bekannt, dank ihrer fest­li­chen Events und auf­wän­di­gen Deko­ra­ti­on. Bei Mes­si­na Hof, einem der renom­mier­tes­ten Wein­gü­ter Texas mit sizi­lia­ni­schen Wur­zeln, gibt es son­nen­rei­fe Char­don­nays und Char­cu­te­rie Boards. Wer hät­te gedacht, dass aus­ge­rech­net in Texas Spit­zen­wei­ne wach­sen?

Die klei­ne Stadt ist eng mit der Eisen­bahn ver­bun­den. Von der his­to­ri­schen Sta­ti­on der Grape­vi­ne Vin­ta­ge Rail­road star­ten nost­al­gi­sche Fahr­ten, und vom Aus­sichts­turm der Har­ve­st Hall blickt man weit über Stadt und Umland.

Der Abend klingt gemüt­lich beim Tri­via Pub Quiz im Rock & Brews aus: Clas­sic Rock, Nachos, rie­si­ge Bur­ger.

Am nächs­ten Mor­gen besu­che ich Bass Pro Shops, das Mek­ka für Out­door-Fans: aus­ge­stopf­te Tie­re, Jagd­tro­phä­en, Angel­ru­ten, Flag­gen, Waf­fen, Ther­mo­be­cher. „Ever­y­thing is big­ger“ trifft hier voll zu.
In der nahe­ge­le­ge­nen Grape­vi­ne Mills Mall erkun­de ich Meow Wolf – The Real Unre­al, eine immersi­ve Kunst­in­stal­la­ti­on vol­ler Neon­räu­me und Por­ta­le, ein Spiel­platz für Erwach­se­ne und Kin­der.
Am Nach­mit­tag steht ein Besuch der his­to­ri­schen Nash Farm an: Scheu­nen, Fel­der, Hüh­ner, Trut­häh­ne, Farm­le­ben wie im 19. Jahr­hun­dert. Der kos­ten­lo­se Shut­tle­bus ver­bin­det Old Town, Flug­ha­fen und Hotels, per­fekt für einen Stopp beim Wein­gut Bing­ham Fami­ly Viney­ards, wo Som­me­lier Zel­vin groß auf­tischt.

Zum Abschluss des Tages esse ich im legen­dä­ren Tolbert’s, berühmt für sein wür­zi­ges Chi­li und Live-Musik an sie­ben Tagen die Woche. Danach gön­ne ich mir eine Kugel Eis aus der benach­bar­ten Arti­san-Eis­die­le. Grape­vi­ne ist lei­ser als Dal­las, aber nicht weni­ger texa­nisch.

Lubbock

When I’m far from home and them cold winds blow …

Der High­way nach Lub­bock zieht sich end­los. Wir über­ho­len gan­ze Häu­ser auf Trucks, fah­ren vor­bei an Anwalts­wer­bung, Kir­chen, Bibel­zi­ta­ten. Der Him­mel ist weit. Das Cot­ton Court Hotel in Down­town Lub­bock ist eine Oase: Pool, Lager­feu­er, Back­stein, Live-Musik: Wes­tern­ro­man­tik pur.

Auch Lub­bock ist ein Hot­spot texa­ni­scher Wei­ne. Bei McPher­son Cel­lars ver­kos­te ich preis­ge­krön­te Trop­fen; gegen­über bei La Dio­sa Cel­lars gibt es pas­sen­de Tapas und San­gria.
Am nächs­ten Mor­gen las­se ich mir bei Wild Honey Hats einen Cow­boy­hut maß­an­fer­ti­gen. Die Ver­wand­lung zum Cow­girl beginnt.

Ein kuli­na­ri­sches Muss ist Evie Mae’s Pit Bar­be­cue – Bris­ket, Ribs, Pul­led Pork, Jala­pe­ño-Corn­bread, Cheese Grits, Boh­nen, haus­ge­mach­te Des­serts und Eis­tee. Mehr Texas geht nicht.
Damit die Bewe­gung nicht zu kurz kommt, mache ich eine SUP-Ses­si­on auf dem Dun­bar His­to­ric Lake. Eine Stun­de Töp­fer­kurs im Kunst­zen­trum LUHCA run­det den Tag ab. Auch sonst ist Lub­bock kuli­na­risch stark: einen her­vor­ra­gen­den Cae­sar Salad bei La Sire­na, und zum Abschied am nächs­ten Mor­gen die legen­dä­ren Pies im Cast Iron Grill.

Caprock Canyons & Amarillo

Car­essing you from Fort Worth to Ama­ril­lo
Come on, roll with me ›til the sun dips low

Der Weg nach Ama­ril­lo führt durch den Cap­rock Can­yons Sta­te Park. Nach den Regen­fäl­len steht der Park in vol­ler Blü­te: Blu­men, Grä­ser, pfei­fen­de Prä­rie­hun­de. Nach kur­zer Wan­de­rung öff­net sich ein wil­der Can­yon vor mir – atem­be­rau­bend.

Der eigent­li­che Star ist jedoch die Texas Sta­te Bison Herd: einst fast aus­ge­rot­tet, zie­hen rund 200 Tie­re wie­der frei durch den Park. Aus dem Auto her­aus sehe ich die gewal­ti­gen Kör­per, den damp­fen­den Atem. 25 Meter Abstand sind Pflicht. Auch Mos­ki­tos soll­te man nicht unter­schät­zen, Spray ist essen­ti­ell.

In Ama­ril­lo begrüßt mich ein rie­si­ges Biber-Mas­kott­chen bei mei­nem Stopp bei Buc-ee’s. Ein Tank­stel­len-Uni­ver­sum mit 108 Zapf­säu­len, halb Super­markt, halb Frei­zeit­park. Danach kau­fe ich mir bei Cavender’s, einem rie­si­gen Wes­tern-Out­fit­ter, mein ers­tes Paar Cow­boy­stie­fel. Nun ist mein Wes­tern­out­fit schon fast kom­plett, pas­send für den Abend im Wes­tern Hor­se­man Club, wo Ran­cher, Cow­boys und Musi­ker zusam­men­kom­men. Es wird getanzt, erzählt, gelacht und den Texas-Two-Step getanzt.

Am nächs­ten Mor­gen sit­ze ich selbst im Sat­tel: Cow­girls & Cow­boys in the West bie­tet Aus­rit­te durch den Palo Duro Can­yon. Mein Pferd heißt Cheeky und hat sei­nen eige­nen Kopf, trägt mich aber sicher durch die Wei­te. Die Ranch wird von Ron­da Rogers, einer ehe­ma­li­gen Rodeo Queen, geführt – aus­schließ­lich von Frau­en. Ihre Mis­si­on: Frau­en den Raum geben, Cow­girls zu sein.

Die Mit­tags­hit­ze zieht auf und es wird Zeit sich im Hotel frisch zu machen für das letz­te High­light mei­nes Road-Trips, das Rou­te 66 Fes­ti­val, das Ama­ril­lo jedes Jahr in die gol­de­ne Ära der Mother Road ver­setzt: Old­ti­mer, Live-Bands, Essen, Kunst­hand­werk. Ein Elvis-Imi­ta­tor singt mir „Muss i denn zum Städ­te­le hin­aus“. Eine que­e­re Schul­band spielt Musi­cal-Clas­sics, Drag­queens kon­kur­rie­ren um die Kro­ne, dane­ben wirbt das Mili­tär für Rekru­ten. Texas ist viel­fäl­tig und durch­aus bunt.

Bunt ist auch die Cadil­lac Ranch: zehn Cadil­lacs, mit der Motor­hau­be im Boden, im exakt glei­chen Win­kel wie die Pyra­mi­den von Gizeh. Ein frei zugäng­li­ches Kunst­werk, stän­dig im Wan­del, jeder darf sprü­hen.

Mein Abschieds­es­sen gibt es im Big Texan Steak Ranch. Auf einer Büh­ne ver­su­chen Frei­wil­li­ge, ein 72-Oun­ce-Steak samt Bei­la­gen in einer Stun­de zu schaf­fen – live ins Inter­net über­tra­gen, mit Jubel und Applaus der ande­ren Gäs­te bedacht. Heu­te Abend schafft es nie­mand. Der Rekord liegt bei 4 Minu­ten 18 Sekun­den! Ich begnü­ge mich mit einem 16-oun­ce Texas Strip und sto­ße mit einer Diet Coke auf ein Land an, das Kli­schees erfüllt und doch immer wie­der über­rascht.

And what about politics?

Aus­ge­rech­net jetzt in die USA und dann ins repu­bli­ka­nisch rote Texas? Es gab genü­gend Grün­de, die dage­gen­spra­chen, und die mich vor und wäh­rend der Rei­se zwei­feln lie­ßen. Mit einem Kopf vol­ler Kli­schees bin ich ein­ge­reist; eini­ge bestä­tig­ten sich, ande­re gar nicht. Dallas/​Fort Worth zeig­te sich über­ra­schend divers: que­e­re Paa­re, lin­ke Cafés,Community-Zentren. Gleich­zei­tig lie­fen staa­ten­weit die „No Kings“-Proteste. Und doch exis­tiert das erwar­te­te Texas eben­so: Fox News in Bars, Kreu­ze und Bibel­zi­ta­te in Diners, kon­ser­va­ti­ve, waf­fen­af­fi­ne Bum­per-Sti­cker. Das Second Amend­ment wird hier fast reli­gi­ös ver­ehrt. Mir begeg­ne­ten die Men­schen jedoch durch­weg herz­lich, inter­es­siert und offen. Vor allem Cow­boys über­rasch­ten mich mit ihrer prag­ma­ti­schen Hal­tung: Jeder sol­le leben, wie es ihm gefällt – solan­ge er es ande­ren nicht vor­schreibt. „Mind your own busi­ness!“

Texas besteht aus Wider­sprü­chen, Span­nun­gen, Gast­freund­schaft und Viel­falt. Nichts ist so ein­deu­tig, wie man es von außen denkt. Selbst im Her­zen des „roten“ Texas gibt es weit mehr Facet­ten, als jedes Kli­schee ver­mu­ten lässt.

Happy trails to you

Texas war ein Road­trip vol­ler Kon­tras­te: Bar­be­cue und Char­don­nay, Cow­boys und Elvis-Imi­ta­to­ren, Bisons und Prä­rie­hun­de. Ein Land, das groß denkt und groß lebt.

Am Ende bleibt nur ein Gedan­ke: Viel­leicht stimmt es wirk­lich – ever­y­thing is big­ger in Texas.

Vie­len Dank an Tra­vel Texas für die Ein­la­dung.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert