Susanne Köhler kehrt von einer Reise rund um die Welt mit Stationen im Kaukasus, in Zentralasien, Südostasien und Südamerika an einen Ort zurück, der früher einmal ihr Zuhause war. Der Ort trägt nun ein anderes Gewand, dennoch ist er derselbe. Aber sie, sie scheint verändert, ihre Bewegungen suchend, das Denken zerstreut.
April 2020
Norden, Osten, Süden, Westen. Betonwände, untapeziert, begrenzen die Himmelsrichtungen und formen einen Raum, Grau-in-Grau. Ich schaue mich um und sehe nichts, kann nichts Menschliches erkennen. Kein Bild an der Wand, kein Stuhl, kein leeres Glas mit letzten Rotweinspuren. Nicht ein Zeichen gibt mir einen Anhaltspunkt zu glauben, dass ich lebe. Müde sind meine Lider. Ich vermag den Blick nicht aufrechtzuerhalten, blinzle, schweife ab und schwenke hinüber. Abermals Grau. Doch auf einmal erspähe ich ein Farbenspiel, Reflexionen von Grün, hell und dunkel, monotoner Rhythmus, Sekundentakt. Zähle: eins, zwei, drei; zähle: vier, fünf, sechs. Was hat das zu bedeuten, frage ich träge in das Nichts hinein…
5. April – 20. Mai 2019
Kutaissi, 5. April 2019, fünfzehn Uhr. Die Sonne scheint, im Süden rekelt sich der Kleine Kaukasus. Ein älterer Herr holt mich vom Flughafen ab, begrüßt mich höflich mit wenigen Worten auf Georgisch, dazu ein Lächeln. Dieses Arrangement habe ich mit meiner Gastmutter vorab vereinbart, denn ich hoffte auf so wenig Aufregung wie möglich, aufgeregt wie ich war. Jetzt laufen wir zu seinem Auto. Erste Beobachtung: das Lenkrad rechts, doch kein Linksverkehr. Ich wundere mich kurz, dann nehme ich auf der Rückbank Platz und greife nach hinten, taste auf und ab, und kann den Sicherheitsgurt nicht finden. Irritiert drehe ich mich um und muss lachen, leise in mich hinein. Es gibt keinen, es gibt keinen Sicherheitsgurt. Auf Wiedersehen, altes Leben. Die Fahrt beginnt.
Hallo Welt, hallo Georgien! Besinnungslos stürze ich mich in das Leben, mein Leben open end. Von nun an bin ich eine Entdeckerin, mit Herz und Lupe erforsche ich das Land und lasse die fremden Zeichen auf mich wirken. Ich bin entzückt von der Anmut georgischer Schrift, spiele Detektivin und enträtsele die Bedeutung
einfacher Wörter. Neugierig erkunde ich die Waren eines kleinen Ladens, schlendere durch die Gänge und kaufe schließlich einen Radiergummi, der noch in meiner Federtasche fehlt. Die Verkäuferin dankt. Bei bestem Frühlingswetter spaziere ich weiter, vorbei am zentralen David-Agmaschenebeli-Platz, in dessen Mitte der Kolchis-Brunnen Zeugnis über Medeas Herkunft ablegt, und hinauf – über der Stadt thront die Bagrati-Kathedrale.
August 2020
#wasserfarben
Kurz vor Sonnenuntergang trete ich barfuß in die Pedale. Der Badesee liegt nur wenige Fahrradminuten entfernt. Ein schmaler, sandiger Pfad führt in das Wasser, kalt und klar. Es ist still. Einen Moment verweile ich, schaue umher, sehe Vögel, die in Familie gen Süden fliegen. Gute Reise. Ich betrachte das Schilf, das leicht schunkelt im Wind. Dann tauche ich ein, tauche unter, lasse mich umschließen, widerstandslos, mich umgarnen – und streife gleichsam die Welt von mir ab.

6. August – 5. September 2019
#streunend
Kuala Lumpur. Ich finde, das ist der schönste Hauptstadtname überhaupt. Kuala Lumpur, so heißt bestimmt eine Figur in einem Puppentheaterstück. Der Hauptdarsteller wird es sein, mit langem Haar und Krempenhut, schelmisches Lächeln. Kuala Lumpur: schlammige Flussmündung.
Am 6. August 2019 komme ich in Malaysia an – vom Wüstenklima und einsamer Steppenlandschaft in Usbekistan in einen Großstadtdschungel aus Beton, menschenüberfüllt. Tropisches Klima hier, ein permanenter Schweißfilm benetzt meine Haut und das Atmen fällt immer noch schwer. Einige Tage muss ich mich akklimatisieren, dann beginne ich zu streunen, durch das Land und durch die Kultur, durch die Straßen kleiner Städte mit Kolonialarchitektur. Malaysia erlangte 1957 seine Unabhängigkeit von der britischen Krone, der Linksverkehr blieb. Ich schlüpfe durch Säulengänge, den ebenerdigen Geschäften in zweistöckigen Wohnhäusern vorgelagert, flaniere vorbei an fliegenden Händler:innen. Gegessen wird draußen, bis spät in die Nacht. Entzückt stehe ich vor den fahrbaren Verkaufsständen und staune über die vielen Früchte und Fruchtsäfte. Selbstverständlich und in rauen Mengen werden hier Maracuja und Papaya feilgeboten, frischer Saft aus Mango gepresst, lecker auch die Longan, litschiähnlich, ebenso die Rambutan. Dazu die Durian-Frucht,
deren Mitnahme aufgrund ihres starken Geruchs in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Unterkünften zumeist untersagt ist. Entsprechende Verbotsschilder weisen darauf hin. Schließlich, an holzverschlagenen Ständen frischer Tintenfisch in Reihe aufgehängt und Meeresfrüchte in Plastikschalen angerichtet.
»Don’t get lost«
Ein Reisebericht von Susanne Köhler
ISBN 978–3‑6951–5847‑8
Überall erhältlich – vor Ort im Buchhandel und Online.
Zur Leseprobe geht es hier entlang -> www.ennaleroekh.com/meinbuch

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