Digitale Nomaden. Reisen und dabei Geld verdienen, nur mit dem Laptop. Ungebunden, dort, wo man will. Keine Verpflichtungen, kein materieller Ballast. Frei!
Das ist, was mir immer stärker auf allen möglichen Kanälen entgegen schallt, auf Reiseblogs, Social Media oder Spiegel Online. Zehn Schritte zum Glück: so wirst du Nomade, so wirst du glücklich!
Warum mich das ziemlich nervt, führe ich hier aus.
1. Toll: Reisen
Kaum zu übersehen ist, dass ich Reisen ganz großartig finde. Nichtsdestotrotz möchte ich dies zu Anfang aber noch mal deutlich sagen: Reisen ist zu meinem größten Hobby und manchmal auch Beruf geworden, und ich liebe es. Doch es ist nicht alles.
2. Schade: Wegsein
Denn es ist manchmal sehr schade, weg zu sein. Gerade auf langen Reisen verpasst man wichtige Ereignisse: glückliche – und traurige. Man verpasst es, mit seinen Freunden ohne besonderen Grund gemeinsam zu kochen und ein paar Flaschen Rotwein zu trinken. Man verpasst die Geburt des ersten Kindes der besten Freundin. Man verpasst eine Party des Jahrhunderts (oder so).
3. Immer: Kompromiss
Die meisten Dinge im Leben müssen ein Kompromiss sein. Es gibt immer ein entweder/oder. Entweder ich bin hier, oder ich bin dort. Entweder ich mache Urlaub oder ich verdiene Geld. Beides geht eigentlich nicht, und wer das nicht aushält hat ein echtes Problem – ich kann nicht auf zwei Hochzeiten zur selben Zeit tanzen. Also muss ich Prioritäten setzen.
Das Digitale Nomadentum verspricht nun die Lösung von einem dieser Kompromisse: Gleichzeitig Reisen UND Geld verdienen. Das ist natürlich wundervoll, und funktioniert mit etwas Geschick auch. Dagegen habe ich überhaupt nichts.
Welches Dilemma löst es nicht? Den Verlust dessen, was man unter dem schönen Wort Heimat zusammenfassen könnte.
4. Fehlt: Heimat
Aber braucht ein Nomade denn eine Heimat? Ist das nicht sogar ein Widerspruch?
Das wirft zwei Fragen auf. Erstens: Was ist ein Nomade? Und zweitens: Was ist Heimat?
Nomaden im herkömmlichen Sinn reden nicht nur mit ihren Schafen. Normalerweise ziehen sie mit ihren Familien umher, haben also die wichtigsten Menschen immer bei sich. Sie ziehen auch nicht umher weil sie soviel Spaß am Verreisen haben. Sondern weil es für sie notwendig ist um zu überleben.
Sich als Reisender selbst Nomade zu nennen ist vor diesem Hintergrund eine ähnlich verquere Romantisierung des Begriffs, wie es in unserem Umfeld gerne auch beim Wort Zigeuner vorkommt. Fast keiner der neuen „Nomaden“ zieht wirklich durch die Welt, und lebt das, was der Begriff impliziert. Zumeist hat man seinen schön geregelten Wohnsitz in Deutschland und geht überdurchschnittlich oft ins Ausland. Und dann kommt man wieder.
Es mag kleinlich sein, aber ich finde, dass „Nomade“ ein Wort ist, was das Tatsächliche überhöht.
Das mag ich nicht.
Und dann die Heimat. Jeder definiert sie anders. Für den einen ist es wichtig, vom Bäcker mit Namen begrüßt zu werden. Für andere bedeutet es vor allem, langfristig soziale Bindungen pflegen zu können. Das Letztere gilt für mich.
Heimat bedeutet sich zu binden. Ob an einen Ort oder an andere Menschen, das ist individuell unterschiedlich. Ein konsequent herumreisender Digitaler Nomade kann solche Bindungen nach Hause nur über ein Glasfaserkabel pflegen. Das geht zwar, begrenzt, doch man kann sich nicht umarmen, man kann nicht zusammen ein Bier trinken. Es ist definitiv nicht vergleichbar mit direktem Kontakt.
Doch trifft man nicht auch so jede Menge Menschen, quasi überall? Natürlich. Aber in der Regel sind dies zwar oft erquickliche, und durchaus auch persönliche Begegnungen – meist aber von begrenzter Dauer.
5. Seltsam: Religion
Doch diese Dinge werden selten erwähnt. Ich habe mehr den Eindruck, dass das Digitale Nomadentum in einen quasi religiösen Status gehoben wird – mit den seltsamen Blüten, die die Überhöhung einer sehr irdischen Sache mit sich bringt.
6. Hässlich: Mission
Vieles, was geschrieben wird, finde ich gut und wichtig. Der Punkt, der mir unangenehm aufstößt, ist ein gewisser missionarischer Eifer, der oft mitklingt. Als gäbe es keine annehmbare Alternative dazu, einen minimalistischen, „nomadischen“ Lebensstil zu führen. Als wäre nur dies der Weg zum Paradies (und seinen Jungfrauen).
Natürlich wird dies so nicht formuliert. Ich spüre es aber heraus, aus den Zehn-Punkte-Plänen, aus den Ratgebern und vor allem dann, wenn neue Gläubige ohne besondere Erfahrung in diesem Feld begeistert das Heilsversprechen verbreiten: Yes, ich bin neuer Digitaler Nomade und bin jetzt wirklich echt doll glücklich! Werde du es auch!
7. Schön: Differenzierung
Doch so wird es nicht sein: Denn alles Tolle (und das ist das Reisen in vielen Punkten) hat seine Kehrseite. Ein rundes Bild über die Lebensart, die sich momentan Digitaler Nomade nennt, zu vermitteln – das würde ich mir wünschen. Mehr inhaltliche Tiefe, als nur die besten Tipps um Geld zu sparen. Mehr kritische Selbstreflexion, das fände ich wirklich spannend.
Ist Digitales Nomadentum wirklich eine Alternative zu einem konventionelleren Lebensstil? Oder ist es nur eine Variante vom Reisenden, der doch nach ein oder zwei Jahren in der Welt nach Hause kommt und eine Familie gründet? Wer will und kann das füllen, was als Versprechen verbreitet wird?
Das würde mich interessieren. (Und nicht die 312. Bucketlist und die 25 neuesten Arten, unterwegs Geld zu verdienen, suchmaschinenoptimiert getextet).
Zusatz vom 11.Oktober – neue Beiträge zum Thema:
Oli vom Weltreiseforum: Kommentar: Was dir die digitalen Nomaden nicht verraten
Auf Reisemeisterei: Bloggen ist nicht alles
Florian vom Flocblog: Warum das Leben als digitaler Nomade nichts für Dich ist
Conni von Planet Nomad: Hey Kritiker, I love you
Tim von Earthcity: Digitale Nomaden – Der Weg zum ultimativen Glück?
Ein neuer, sehr lesenswerter Beitrag kommt von Tim von Earthcity: Brauchst du überhaupt Ortsunabhängigkeit?



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