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Nummer 3882 war Jude in Odessa

Ich wache allein im Hostel-Zimmer auf. Die Sonne scheint auf die rosa-geblümte Decke, Tauben gurren, die laue Frühlingsluft zieht durch das Fenster und es stinkt nach Katzenscheiße. Ganz Odessa riecht danach: Das Treppenhaus, die Hinterhöfe, die Busse. Mit dem ersten Luftzug sauge ich eine ganze Stadt in mich hinein und ich weiß, dass sie schon immer Teil von mir war. Ich liebe diese Stadt.

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Meine Vorfahren sind vor 100 Jahren von hier aus nach Buenos Aires aufgebrochen. Jüdische Russen mit dem Drang nach Freiheit und einem neuen Leben. Das gleiche unstete Blut, das heute in meinen Adern fließt und mich immer wieder zwingt, aufzubrechen. Ich laufe die Preobrashens’ka entlang. Noch einen Kaffee und einen Keks und los geht meine Reise in die Vergangenheit. Erster Stopp: Das Jüdische Museum.

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Nur ein kleines, schwarzes Klingelschild, netterweise beschriftet mit lateinischen Schriftzeichen, verrät das Museum. Eine räudige Katze huscht mir durch die Beine und verkriecht sich hinter rostigen Mülltonnen, Taubendreck und Federn wirbeln in der Luft. Ich laufe über den staubigen Hof und sehe das schlichte Schild mit der Menora. Chaim begrüßt mich auf Hebräisch und bitte mich hinein. Toda – danke. Mein Sprachsouvenir aus Israel. Sonst verstehe ich nichts. Ukrainisch? Niet. A little bit English. Perfect!

Ich will zu den Archiven, jenen Büchern, in denen die jüdischen Familien Odessas gelistet sind. Das sogenannte Archiv ist ein einfaches Buch in weißem Einband. Chaims Finger gleiten über die Seiten, streifen die Registriernummern. „Wie heißt Dein Vater noch gleich?“ Nummer 3789, 3880, 3881, 3882. Da, ein Name in kyrillischer Schrift, der übersetzt vertraut klingt. Mit der Nummer 3882 schickt mich Chaim zum Stadtarchiv.

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Alt und bräsig thront das wuchtige Gebäude an der Zhukovskogo Ecke Katerynyns‘ka. Ein 100 Jahre alter grauer Klotz. Am Eingang sitzt ein runzliger Pförtner auf seiner durchgelegenen Pritsche. Aus dem verklebten Transiturradio knattern die 14 Uhr Nachrichten. Aufgeregt nestel ich an meinem Reisepass. Mehr als ein gleichgültiges Nicken hat er dafür nicht übrig und winkt mich durch. So einfach gelangt man in die Vergangenheit Odessas.

Cyrill leitet das Archiv, Abteilung Melderegister. Er ist um die 30, mein Alter. Jung, doch sein Händedruck fühlt sich seltsam schwach ein. Er bittet mich hinein in sein Büro. Ein Raum mit hohen Wänden, verschalt mit grauen Spanplatten. Durch die kaputten quadratischen Fenster dringt spärlich Licht und Vogelgezwitscher. Von den Säulen in der Mitte hängen schwere staubige Spinnenweben. Und bis zur Decke stapeln sich dicke Wälzer. Urkunden aus 200 Jahren Stadtgeschichte, die meisten an den Ecken verkohlt und von Mäusen angefressen, nur zusammengehalten von ausgefransten Kordeln.

Entlang des Korridors sitzen hinter Mauern dieser Schinken Menschen. Sie tippen  in Zeitlupe konzentriert auf die Tastaturen entsetzlich lahmer C64-Computer – alle in der Hoffnung, ihre Vergangenheit zu finden.

Papierlos geht hier im Stadtarchiv nichts. Digital erst recht nicht. Meinen Antrag für eine Recherche im Archiv füllt Cyrill per Hand aus, locht ihn und heftet ihn in einen speckigen Ordner. Der verschwindet unter dem Schreibtisch. Er selbst verschwindet auch und kommt mit dem dicksten aller Schinken zurück. Seine Hände wuchten das Werk auf den Tisch, blättern in den Urkunden. Jetzt fällt mir auf, was mich an seinem Händedruck irritiert hat. Zwei der vier Finger an seiner rechten Hand sind verkrüppelt.

Wir finden Nummer 3882 im zweiten Drittel des Buchs. Für eine Kopie muss ich einen weiteren Antrag ausfüllen, und bei der Bank gegen eine Quittung die Kopie bezahlen. Ich versumpfe in der Ukrainischen Bürokratie. Dabei bin ich weder Staatsbürger, noch kann ich die Sprache sprechen, geschweige denn die Schrift lesen.

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In den Händen halte ich eine Urkunde meines vermeidlichen Vorfahren, wohnhaft 1915 in der Velyka Arnautska Nummer 34 am anderen Ende der Innenstadt. Etwa 15 Minuten Fußweg entfernt. Auf meinem Weg komme ich an der Synagoge vorbei. Gerade ist Pause und die Tora-Schüler sammeln sich um den Koscheren Imbiss „Hebron“ im Schatten der Synagoge. „Bist du Jüdin“, spricht mich einer an. Weißes Hemd, schwarze Hosen, Schläfenlocken, Kippa. Er ist keine 20 und sein Name – natürlich – Schlomo. „Mein Vater ist Jude“, antworte ich ihm. Er lacht. „Dann bist du also keine Jüdin.“ Jaha, ich weiß. Das habe ich bereits in Israel gelernt.

Das Haus von Nummer 3882 sieht aus wie jedes andere im Zentrum Odessas: klassizistische Architektur, falb-farbener Putz, der von der Fassade bröckelt, verstaubte Fenster ohne Gardinen, filigran geschmiedete Balkongeländer. Im Erdgeschoss sind eine Apotheke und ein Imbiss eingezogen. Zur schweren schwarzen Tür führen zwei ausgetretene Sandsteinstufen. Ich drücke die Klinke hinunter. Der Eingang ist verschlossen. Kein Zugang zu einem weiteren der schönen Hinterhöfe Odessas. Dort wo eigentlich der Name auf dem Klingelschild geschrieben sein soll, klafft eine Lücke, umrandet von rostigem Metall.

Ich blicke nach oben. Zu nah. Ich wechsele die Straßenseite und betrachte das Zuhause von Nummer 3882. Nichts unterscheidet es von den anderen Häusern. Es ist mir fremd. Hier habe ich nie gelebt. Hier ist nicht mein Zuhause.

Und doch: Ich liebe Odessa.

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Pia Röder

Es beginnt mit einem Kribbeln in den Kniekehlen. Es wandert die Waden hinab zu den Füßen. Sie krampfen und zittern, sie bitzeln bis in den kleinen Zeh. Das sind die ersten Symptome von Fernweh. Bei manchen ist es akut, bei Pia chronisch. Es packt sie und sie muss wieder los. Ihr Leiden hat sie bisher monatelang durch ihre zweite Heimat Argentinien geführt, hoch bis nach Caracas getrieben und blind über den Atlantik segeln lassen. Es zwang sie nachts in der jordanischen Wüste zum Beduinen-BBQ und peitschte sie tausende Kilometer durch Osteuropa. Aber sie will nicht jammern. Sie leidet an der schönsten Krankheit der Welt – und schreibt über ihre Methoden zur Fernwehbewältigung.

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