Als der Hahn sich strangulierte

Am drit­ten Tage reg­ne­te es. „Das Wet­ter ist ja so viel schö­ner hier als in Gua­te­ma­la“, hat­te ich die vor­he­ri­gen zwei Tage noch gesagt. Da wun­der­te ich mich, war­um die ande­ren mich komisch ansa­hen. Vor mei­ner Ankunft war näm­lich durch­gän­gig Regen – und die­ser kam zurück.

In Hon­du­ras war gera­de Regen­zeit. Mit Regen mei­ne ich daher nicht ein­fach nur Regen. Es ist, als ob ein Eimer vol­ler Was­ser über dir aus­ge­schüt­tet wird. Die­ser Eimer ist unun­ter­bro­chen voll und folgt dir auf Schritt und Tritt. Das Gan­ze 24 Stun­den am Tag ohne Pau­se – und den nächs­ten Tag auch.

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Die­ser drit­te Tag war ein sol­cher. Am Tag war ich trotz Regen­equip­ment schon zwei­mal kom­plett trief­nass gewor­den. Also kau­er­te ich mich am Abend unter dem Ter­ras­sen­dach in mei­nem Djel­la­bah. Die Hüh­ner in unse­rem Gar­ten lie­fen immer ver­wirr­ter umher. Irgend­wie woll­ten sie nicht nass wer­den, aber trotz­dem über­all nach Essen picken. Außer der Chef­hahn. Sein schö­nes Feder­ge­wand war ihm wohl zu edel, schon den gan­zen Tag hock­te der Hahn unter dem Farn. Stun­den­lang stand er in die­ser Posi­ti­on, ohne sich zu bewe­gen. Plötz­lich aus dem Nichts hör­ten wir ein lau­tes Quie­ken, ein schnel­les Flü­gel­schla­gen und der Hahn hing kopf­über im Rasen. Inner­halb weni­ger Sekun­den hat­te er sich selbst erdros­selt – mit dem Seil, das an sei­nem Fuß gebun­den war. Wie auch immer er das geschafft hat­te.

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An dem kur­zen Seil gebun­den, hät­te er wohl auch nicht über­lebt was danach pas­sier­te. Denn kurz danach konn­te der Boden nicht mehr Was­ser auf­sau­gen. Aus dem schon zuvor zum knie­tie­fen See gewor­de­nen Gar­ten wur­de eine Bug­wel­le, die auf die Ter­ras­se schwapp­te. Auf ein­mal ging alles ganz schnell. Zwi­schen Bug­wel­len­was­ser und Tür­schwel­le waren nur noch drei Zen­ti­me­ter, als wir merk­ten, es wür­de ernst wer­den. Alle natür­li­chen Abfließ- und Auf­saug­we­ge des Regens waren voll und das Was­ser stieg minüt­lich einen gan­zen Zen­ti­me­ter. Man konn­te qua­si zuse­hen. Dem­zu­fol­ge floss drei Minu­ten spä­ter auch schon die ers­te Wel­le in unser Haus. Das Was­ser ström­te regel­recht hin­ein als hät­te es die gan­ze Zeit nur dar­auf gewar­tet. End­lich durf­te es jede Ecke unse­res Hau­ses erkun­den.

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Wir lie­fen schnell durch alle Zim­mer und schmis­sen alle Sachen auf die dazu­ge­hö­ri­gen Bet­ten. Vor allem die Din­ge auf dem Boden – und dort lagen so eini­ge Samm­lun­gen an Elek­tro­ka­beln und benutz­ten Socken. Die wich­tigs­te iPad-iPho­ne-Tech­nik sam­mel­ten wir in einer Tüte, plat­zier­ten sie auf dem höchs­ten Tisch und beob­ach­te­ten sie immer mit einem hal­ben Auge.

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Nur mei­ne Freun­din Sany und ich waren zu die­sem Zeit­punkt im Haus. Unse­re ande­ren vier Mit­be­woh­ner waren unter­wegs. Einer kam zwi­schen­durch, dem wir nicht die ver­rie­gel­te Tür öff­nen konn­ten. Denn davor stand das Was­ser mitt­ler­wei­le knie­hoch, im Haus konn­ten wir es gera­de noch waden­hoch hal­ten. Hin­zu kam der häm­mern­de Lärm des aggres­si­ven Regens auf dem Well­blech­dach. Schon am Abend konn­te ich nicht sky­pen wegen des Lärms. Selbst neben­ein­an­der ste­hend muss­te man sich anschrei­en.

Also schrien wir ihn durch’s Fens­ter an, die Bom­beros zu holen. „Häh?“ „Bom­beros!“ „Häh?“ „Bom­beros!“ So in etwas lief die Unter­hal­tung ab. Die Bom­beros sind die loka­le Feu­er­wehr und die loka­le Feu­er­wehr sind unse­re Freun­de. Viel­mehr als die loka­le Poli­zei, denn die sind mehr kor­rupt als Freund und Hel­fer. Die Bom­beros aller­dings hat­ten bereits zu viel mit allen ande­ren über­schwemm­ten Häu­sern zu tun.

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Kurz danach kam unse­re direk­te Nach­ba­rin Celi­na mit ihrer drei­jäh­ri­gen Toch­ter Ali­s­son. Ihr klei­nes Ein­zim­mer­haus lag noch etwas tie­fer als unse­res und war schon hüft­hoch geflu­tet. Was für die klei­ne Ali­s­son schei­tel­hoch war. All ihr Hab und Gut schwamm bereits um sie her­um, als sie bei­de von ihrem frü­hen Schlaf auf­wach­ten. Ganz auf­ge­regt kam sie mit Ali­s­son auf dem Arm und ihrem Han­dy in der Hand hil­fe­su­chend zu uns. Sie wuss­te nicht, was sie noch grei­fen soll­te.

Inner­lich eigent­lich selbst vol­ler unwis­sen­der anstei­gen­der Panik, beru­hig­ten wir sie und über­nah­men Ali­s­son. Zu unse­rer Haus­ret­tungs­ver­ant­wor­tung tru­gen wir nun auch noch die Ali­s­son­be­spa­ßungs­ver­ant­wor­tung. An die­sem Abend lern­ten wir so eini­ges Spa­nisch wie ‚Wie lus­tig! Ein gro­ßer Swim­ming­pool!’ oder ‚Das ist kein schwim­men­des Radio, das ist ein Schiff!’ oder ‚Auch Prin­zes­sin­nen müs­sen manch­mal baden!’. Unse­re Nach­ba­rin Celi­na lief in ihr Haus zurück, um die wich­tigs­ten Sachen zu sichern. Als sie zurück kam, hat­te sie eini­ge Taschen bei sich – mit aus­schließ­lich Sachen für Ali­s­son.

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Wir hat­ten schon die Sofa­pols­ter benutzt, um den Spalt der Ein­gangs­tür zu ver­stop­fen und waren so mit dem Vor­der­ein­gang beschäf­tigt, dass wir erst nicht merk­ten, dass das Was­ser auch schon den Hin­ter­ein­gang gefun­den hat­te. Der Was­ser­strom des Vor­der­ein­gangs und der Was­ser­strom des Hin­ter­ein­gangs tra­fen genau vor unse­rer Zim­mer­tür auf­ein­an­der, sodass ein noch viel grö­ße­rer Strom ent­stand, der sich Vor­zugs­wei­se unter unse­ren Bet­ten zur Ruhe setz­te. Und dort auch beängs­ti­gend anstieg.

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Auf der Suche nach zu ret­ten­den Besitz­tür­mern wur­de der Gang immer schwe­rer. Immer mehr Was­ser muss­ten wir vor uns her schie­ben, immer höher krem­pel­te ich mei­ne Leg­gins, immer mehr bieg­ten sich die Flip Flops bei jedem Schritt. Die vor­ge­nom­me­ne Siche­rungs­la­ge ‚Alles auf die Bet­ten’ schien jetzt gar nicht mehr so sicher. Da die Bom­beros eh nicht kamen und wir nicht all unser weni­ges Hab und Gut ver­lie­ren woll­ten, muss­te ein neu­er Plan her. Wir muss­ten höher sta­peln. Bett auf Bett. Also pack­ten wir Ali­s­son und alle Sachen vom einen auf’s ande­re Bett.

Kurz vor’m gro­ßen Manö­ver schrien unse­re mitt­ler­wei­le zusam­men­ge­trom­mel­ten Mit­be­woh­ner uns zur Tür. Sie hat­ten einen neu­en Plan. Alle schnell ins Haus, die wich­tigs­ten Sachen schnap­pen und zum Beach Haus lau­fen. Das Beach Haus war über­ra­schen­der­wei­se unten am Strand, hat­te einen zwei­ten Stock und wur­de von wei­te­ren Freun­den bewohnt – da soll­ten wir sicher sein.

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Also gaben wir unse­re Sofa­pols­ter­si­che­rungs­bar­ri­ka­de auf, lie­ßen unse­re Mit­be­woh­ner sowie einen rie­sen Schwall Was­ser hin­ein, pack­ten unse­re Ruck­sä­cke und lie­fen vor die Tür. Auf dem Ter­ras­sen­tisch pack­te Celi­na noch Ali­s­sons Sachen in was­ser­fes­te Tüten. Als die bei­den sich wie­der­sa­hen, hielt sie einen kur­zen Moment inne. Ali­s­sons Freu­de an unse­rem Tumult beru­hig­te auch sie ein wenig. Dabei fühl­te sie sich gera­de gar nicht freu­dig. Sie hat­te ihre gesam­te Exis­tenz umher­schwim­men sehen.

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Alle luden sich Ruck­sä­cke vor­ne, hin­ten, seit­lich auf. Celi­na war zu bela­den mit Ruck­sä­cken und Ner­vö­si­tät, dass sie sich Ali­s­son nicht auch noch auf­la­den konn­te. Also nahm ich sie und einen Regen­schirm auf den Arm. Denn der Regen war so stark, dass er Ali­s­son nicht nur nass, son­dern auch aua gemacht hät­te.

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In geball­ter Ruck­sack­run­de lie­fen wir los. Erst knie­tief durch den Gar­ten­see. Der Boden war nicht sicht­bar, mod­rig, glit­schig und gleich­zei­tig mit spit­zen Stei­nen gesät. Kei­ne kom­for­ta­ble Drei­er­kom­bi­na­ti­on, wenn man mit sei­nem gesam­ten Besitz hin­ten und einem drei­jäh­ri­gen Kind vor­ne bela­den ist. Unser Rei­se­tem­po war daher mehr als lang­sam. Auf der Stra­ße war das Was­ser etwas weni­ger tief, dafür aber mit einer star­ken Strö­mung, die einen nie­der­brin­gen woll­te. Auch hier wirk­te das Was­ser, als wüss­te es genau, wohin es woll­te. Und wenn du im Weg bist, musst du eben mit.

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Auf dem Weg waren immer wie­der Pfüt­zen, die sich über die gesam­te Brei­te der Stra­ße erstreck­ten und deren Tie­fe nicht ein­zu­schät­zen war. Aber da muss­ten wir durch. Irgend­wie war jede immer noch ein Stück tie­fer als die vor­he­ri­ge. Bis sie so tief wur­den, dass mei­ne Flip Flops dem Was­ser­druck nicht mehr ent­ge­gen­hal­ten konn­ten. Fast zeit­gleich bra­chen die Zehen­stan­gen ab und ich stand bar­fuß im schlei­mi­gen, spitz­stei­ni­gen Müll­see mit­ten in Hon­du­ras’ Stra­ßen. Aber nie­mand anders konn­te die­sen Weg für mich gehen. Da muss­te ich durch. Da ich mei­ne eh alten Sport­schu­he im über­schwemm­ten Haus zurück gelas­sen hat­te, war ich ab hier schuh­los. Inner­halb einer hal­ben Stun­de redu­zier­te ich mein Gepäck von zwei Paar Schu­hen auf kein Paar Schu­he.

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Als wir den letz­ten mitt­ler­wei­le hüft­ho­hen Stra­ßen­müll­see durch­wa­te­ten, sahen wir schon das Licht am Ende: Vor dem Beach House war­te­ten bereits unse­re tro­cke­nen Freun­de auf uns. Wir kamen an und wirk­lich alles war nass: Alles an uns, alles im Ruck­sack, Ali­s­son. Trotz mühe­voll auf­recht gehal­te­nem Regen­schirm. Wir beka­men eine war­me Dusche, ein war­mes Gericht und war­me Klei­dung von den tro­cken Geblie­be­nen.

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Drei Tage lang brauch­ten mei­ne Sachen zum Trock­nen in dem feuch­ten Kli­ma, sodass ich drei Tage lang rein in Klei­dung ande­rer ver­brach­te. Das war ein neu­es Gefühl von Frei­heit. Kein Socken, kein Schuh, der sich zum Anzie­hen anbot. Kein Zim­mer, in den mein Ruck­sack gehör­te. Kein Apfel, den ich essen konn­te. Kein Bett, in das ich mich ein­fach schmei­ßen konn­te. Alles, ein­fach alles gehör­te jemand ande­rem. Aber alles, ein­fach alles, gaben mir die ande­ren ger­ne.

Ohne die Obhut des Beach Hau­ses wäre es für mich eine ech­te Kata­stro­phe gewor­den. Aber so war es nur eine Natur­ka­ta­stro­phe. Nichts zu haben und doch alles nut­zen zu kön­nen, war ein tol­les neu­es Gefühl von Befrei­ung.

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