Indonesien

Sneaky Volcano

Zwischen dem Küstendorf Kuta und dem Bergdörfchen Senaru liegen vier Stunden Taxifahrt. Für knapp 45 Euro hat ein sich ein netter Indonesier dazu…

Zwischen dem Küstendorf Kuta und dem Bergdörfchen Senaru liegen vier Stunden Taxifahrt. Für knapp 45 Euro hat ein sich ein netter Indonesier dazu bereit erklärt uns – das sind mein Freund Sven, fünf Engländer mit denen wir uns vor ein paar Tagen angefreundet haben und ich – einmal quer über die indonesische Insel Lombok zu fahren.

Die Hauptattraktion, die Touristen in das verschlafene Senaru bringt ist der majestätische Rinjani-Vulkan, der mit seinen 3.726 Metern über der Insel thront. Sowohl von den einheimischen Sasak als auch von den auf Lombok lebenden Balinesen wird der Rinjani als heiliger Berg verehrt, den die Götter als ihren Sitz auserkoren haben. Nicht selten pilgern vor allem bei Vollmond Gläubige auf den Vulkan um den Gottheiten Opfer darzubringen. Und auch wir sollen den Rinjani noch besser kennen lernen als uns lieb ist.

 

Wir quetschen uns zu siebt in einen Bus, der definitiv nicht auf so viele Personen ausgelegt ist, wie wir nicht nur am Platz sondern auch an der Anzahl der Anschnallgurte bemerken.

„No Seatbelt? Oh, no problem here“, tut unser Fahrer die Sorge lachend ab.

Das Schöne an dieser Regellosigkeit ist, dass wir sie ebenfalls ausnutzen können. Wie früher auf Klassenfahrt haben wir uns flüssige Wegzehrung mitgenommen: Eine Flasche Rum und eine Flasche Whiskey. Die Lokalversionen sind pur allerdings nicht zu genießen, weswegen wir im Van unsere eigene Cocktailbar eröffnen. Aus Plastikbechern gibt’s Mixgetränke nach Wahl – sogar mit Strohhalm. Spätestens nach der ersten Flasche stört keinen mehr, dass es statt Klimaanlage nur offene Fenster gibt. Aus den Boxen schallt „Highway To Hell“ und liefert den perfekten Soundtrack zu den halsbrecherischen Gebirgs-Serpentinen, die unseren Fahrer nicht ansatzweise dazu veranlassen, den Fuß vom Gas zu nehmen. Sven und Emily frönen ihrer neu entdeckten Gemeinsamkeit – der Liebe zu Classic Rock – und singen jeden Song aus voller Kehle mit.

Alle 20 Sekunden ertönt die Hupe. Das ist ganz normal für den indonesischen Straßenverkehr, wo die Hupe alles von „Vorsicht, ich überhole dich jetzt“, „Vorsicht, ich fahre um die Kurve“ bis „Aus dem Weg“ bedeutet. Denn grundsätzlich wird vor JEDER Biegung gehupt – und die sind hier eher die Regel als die Ausnahme. Trotzdem sind die Fahrer unglaublich entspannt und statt bösen Blicken gibt es immer ein freundliches Lächeln oder Winken. Davon könnten die Autofahrer in Deutschland sich mal eine Scheibe abschneiden.

In diesem Mischmasch aus Schnaps, Journey und Hupkonzert rasen wir vorbei an Reisfeldern, Kuhkolonnen, spielenden Kindern und Stränden, an denen der Sand sich langsam aber sicher immer schwärzer färbt. Wir nähern uns dem Vulkan.

 

Als wir in Senaru ankommen sind beide Flaschen leer und wir dementsprechend voll. Was folgt ist das täglich Brot des Backpackers: Die Suche nach einer Unterkunft.

Tom ist unser Verhandlungskönig.

„350.000 mit Klimaanlage? Viel zu teuer. Wir sind sieben Leute. Wir buchen doch eure ganze Unterkunft. Und es ist Nebensaison.“

„Ich kann nicht billiger geben“, erwidert der Indonesier.

„Gut. Dann suchen wir weiter.“

Tom sieht die entsetzten Blicke in den müden Augen der betrunkenen Mädels, als er sich selbstsicheren Schrittes auf den Weg nach draußen macht. Die Zimmer sind wunderschön. Und sind wir mal ehrlich: 25 Euro für ein Doppelzimmer mit eigenem Bad ist alles andere als ‚teuer’.

„Keine Sorge. Der kommt wieder“, sagt Tom augenzwinkernd. Es dauert zehn Sekunden und der kleine Indonesier kommt uns tatsächlich hinterhergelaufen.

„Ich habe Freund. Der hat auch Unterkunft. Günstiger. Ich rufe an. Er kann euch zeigen.“

Kurze Zeit später kommt ein älterer Sasak auf einem Roller angefahren und bittet uns ihm zu folgen. Ein letztes Mal quetschen wir uns in unseren Van. Der Fahrer ist mittlerweile sichtlich genervt, dass wir uns nicht endlich entscheiden können. Die nächste Unterkunft ist bereits die Vierte, die wir uns anschauen.

 

Als wir die Bungalows sehen, können wir gar nicht glauben, dass die günstiger sein sollen als alles, was uns bis jetzt angeboten wurde. Okay, die Ausstattung ist nicht luxuriös, aber dafür haben wir einen Ausblick wie aus dem Bilderbuch. Dschungel soweit das Auge reicht.

„Da, Wasserfall“, unser Herbergsvater zeigt in die Ferne. Und tatsächlich, wenn man genau hinschaut, erhebt sich zwischen dem dichten Grün ein dünner Streifen Wasser, der in die scheinbar unendlichen Tiefen stürzt. Am Horizont erhebt sich das majestätische Rinjani-Massiv das wolkenverhangen noch mystischer wirkt. Es würde mich nicht weiter wunden, wenn Zeus mir auf einer Wolke sitzend zuwinken würde. Ein Geräusch reißt mich aus meiner Götterphantasie. Wie selbstverständlich spaziert ein Äffchen an uns vorbei und macht ohrenscheinlich klar, dass das hier sein Revier ist.

„Affen wohnen da“, erklärt unser Herbergsvater entschuldigend. Nur ein kniehoher Zaun trennt uns von einer kleinen Herde, die sich nebenan in den Baumkronen austobt. Wilde Affen sind in Indonesien so selbstverständlich wie Spatzen in Deutschland.

„Bintang?“ Unser Gastgeber hat anscheinend die leeren Schnapsflaschen gesehen.

„Jaa, mehr Bintang“, beschließen wir einstimmig. Schließlich muss das Finden dieser atemberaubenden Unterkunft gefeiert werden.

Einige Minuten später kommt er mit einer Plastiktüte voller Bier auf seinem Roller zurück.

„Wollt ihr eigentlich auf Vulkan?“ Gemurmel. Wir hatten schon mit dem Gedanken geliebäugelt, dann allerdings in unseren Reiseführern gelesen, dass der Rinjani in der Regenzeit nicht begehbar ist – aber wir haben Glück. Der Rinjani ist noch fünf Tage erklimmbar. Im seligen Biertaumel braucht es nicht allzu lange um uns zu überzeugen und ehe wir uns versehen stoßen wir überschwänglich auf unsere Vulkanbesteigung an.

 

Der Wecker klingelt. Zum ersten Mal im Urlaub werde ich von diesem Geräusch und nicht von der prallen Sonne oder einer Schweißattacke dank versagender Klimaanlage geweckt. Der Rucksack ist gepackt. Wir brauchen nichts außer einer Wasserflasche, einer Zahnbürste und einem dicken Pulli, denn nachts soll es oben auf dem Vulkan richtig kalt werden. Zur Sicherheit habe ich mal einen eingepackt, auch wenn mir das Konzept Kälte bei den täglichen 32 Grad und 95% Luftfeuchtigkeit gerade so abstrakt vorkommt wie Quantenphysik.

Wir werden von einem riesigen Geländewagen abgeholt. Ed versucht die Tür aufzumachen, da wird er schon unterbrochen. „Nicht da. Da!“ Der Fahrer zeigt auf die Ladefläche. Wir wechseln verwirrte Blicke. Auf der Ladefläche sitzen bereits drei Indonesier. Adi, der wie sich bald herausstellt, unser ‚Guide’ ist, grinst und streckt uns seine Hand entgegen. Nachdem wir es alle hochgeschafft haben, brettert der Fahrer los.

 

„Raus!“

Der Feldweg verengt sich zu einem kleinen Pfad und die Wanderung beginnt. Während ich meinen Rucksack aufschnalle, pfeife ich ‚Das Wandern ist des Müllers Lust’ vor mich hin. Sven lacht. Wir gehen los und sind sofort mitten im Dschungel. Außer Adi und uns sind drei Porter mit von der Partie. Sie sprechen kaum ein Wort Englisch und sind für den Transport von Zelten, Schlafsäcken, Wasser, Essen und Kochutensilien zuständig. Verstaut ist das alles in jeweils zwei Bastkörben, die an den Enden einer Bambusstange angebracht sind. Dieses Konstrukt über die Schultern gelegt stiefeln die drei Indos – selbstverständlich in Flip-Flops – drauflos und sind schon nach kurzer Zeit aus dem Sichtfeld verschwunden. So ein bisschen schlecht fühle ich mich schon, mir meinen ganzen Kram hinterher beziehungsweise ja sogar vortragen zu lassen.

„Also wenn die die ganze Zeit so einen Zahn vorlegen…“

Die Engländer sind bereits nicht mehr zu sehen. Schon nach der ersten halben Stunde merke ich, wie mir die vielen Biere der letzten Tage aus den Ohren rauskommen. Während ich vor mich hin stapfe und mich auf meine Atmung konzentriere höre ich Tom und Ed ein paar Meter weiter vorne witzeln und fühle mich noch elender.

 

Nach einer Stunde stehen wir schließlich vor einem Tor. Adi erklärt uns, dass hier der offizielle Beginn des Gunung Rinjani National Parks ist. Die Kilometermarke zeigt 0 an.

„Also sind wir jetzt schon eine Stunde gelaufen um beim Nullpunkt anzukommen?“, frage ich.

„Ja. Hier geht jetzt der schwierigere Teil los. Seid ihr bereit?“

„Klar“, ruft Tom überschwänglich und geht forschen Schrittes voran.

Ich bin mir da nicht so sicher und schaue Tom ungläubig hinterher. Dieser Kerl ist einer der bemerkenswertesten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe. Er ist in England auf einer Farm groß geworden und hat mit 18 einen tragischen Unfall erlitten: Er trägt eine Schrotflinte über der Schulter und lässt sie ausversehen fallen. Sie kommt auf dem Boden auf, der Kipplaufverschluss schließt und die Waffe feuert ihm einmal quer durch den Knöchel. Da ist sogar ein Lottogewinn wahrscheinlicher als dieses Szenario. Tom wehrt sich vehement gegen die Amputation seines Fußes und findet schließlich einen Arzt, der ihn unterstützt. Trotzdem lautet die Prognose: Im besten Falle normal gehen. Nie wieder laufen, springen oder surfen. Aber Tom lässt sich nicht unterkriegen. Er treibt sich in der Physiotherapie über Jahre lang bis an seine Grenzen und schafft das, was keiner für möglich gehalten hat. Er kann seinen Fuß – der Knöchel ist wegen der transplantierten Nerven- und Hautzellen auf doppelte Größe angewachsen – wieder ganz normal belasten. Er humpelt ein bisschen, aber wenn man nicht genau hinschaut, sieht man ihm nichts an. Anmerken tut man ihm sowieso nichts. Natürlich ist Tom der erste, der den Gipfel des Rinjanis erreicht.

 

Gerade Wege existieren im Gunung Rinjani National Park nicht. Die einzige Devise ist bergauf. Bergauf, bergauf, bergauf. Egal wo man hinschaut: Dschungel, Dschungel, Dschungel. In die Baumwurzeln sind Treppenstufen eingehauen. Die sind teilweise so hoch, dass sie ohne Hilfe gar nicht zu erklimmen sind. Entweder zieht Sven mich hoch oder ich hangele mich an Wurzelenden oder Baumstämmen entlang. Meine Oberschenkel brennen jetzt schon. Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt mich ganze Bäche schwitzen.

„Nur noch 20 Minuten. Dann sind wir beim ersten Camp“, ruft Adi mir von soweit oben zu, dass ich erst mal den Kopf in den Nacken legen muss, um ihn überhaupt sehen zu können.

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Völlig fertig komme ich als Letzte ins ‚Camp’. Camp heißt in diesem Fall eine Holzplatte auf vier kniehohen Holzstämmen, die bequem für 10 Leute Platz bietet. Aus Sonnenschutzgründen gibt es ein Dach über dem Kopf. In Indonesien hat eigentlich jede Hütte einen solchen ‚Aufenthaltsort’ im Freien.
Ich bin so fertig wie seit langem nicht mehr.

„Wie lang dauert denn der Aufstieg ungefähr?“

„Acht Stunden. Zwei habt ihr geschafft!“

Man merkt, dass Adi viel mit Touristen zu tun hat. Sein Englisch ist deutlich besser, als das der meisten Indos.

„Und wie lang ist die Strecke?“

„Sieben Kilometer.“

Tom lacht: „Haha. Leute. Wir sind bestimmt in zwei, drei Stunden schon oben. Wer braucht denn bitte acht Stunden für sieben Kilometer?“

Selbst mir kommt das lächerlich viel vor. Adi lächelt nur und schweigt.

Dieses wissende Lächeln gefällt mir nicht. Langsam wieder zu Kräften gekommen frage ich: „Adi, wieso grinst du so? Hast du uns irgendwas nicht verraten?“

Er schüttelt den Kopf. Ich denke nach. Sieben Kilometer in acht Stunden. Das wäre weniger als ein Kilometer pro Stunde. Das kann doch höchstens realistisch sein, wenn…die Strecke an sich dermaßen anstrengend ist, dass man nur sehr langsam gehen kann. Mir schwant Böses.

„Adi…sag mal. Wie viele Höhenmeter gehen wir denn auf diesen sieben Kilometern?“ Da hatte sich irgendwie noch keiner Gedanken drüber gemacht. Bei unserm Gastvater klang diese ganze Expedition nach einer netten, kleinen Wanderung mit Ausblick.

„Also…der Kratersee liegt auf 2650 Metern Höhe. Und die Null habt ihr ja eben alle gesehen.“

„Wir gehen also…innerhalb von acht Stunden über zweieinhalb Kilometer hoch?“

Adi lächelt nur…und nickt.

 

Es haben sich schnell zwei Teams herauskristallisiert. Die britische Fraktion schafft es, Adi Schritt zu halten. Sven und ich schleppen uns hinterher. Pünktlich zur Mittagszeit erreichen wir das zweite Camp.

Während unsere Porter kochen, schaue ich mich ein bisschen um. Wir sind mitten im Nirgendwo. Der Handyempfang hat sich längst verabschiedet. Das Camp ist auf einer kleinen Lichtung. Als einzigen Unterschlupf gibt es auch hier wieder einzig eines der typisch indonesischen Konstrukte.

„Guck mal“, reißt mich Emilys Kommentar aus meiner Betrachtung. Auf einem Ast ein paar Meter weiter sitzt ein Affe und beobachtet uns. Er verzieht keine Miene und glotzt stur in unsere Richtung. Dabei stopft er sich was zu Essen in den Mund. Kurz komme ich mir vor, als wäre ich in einem Kinofilm und der Affe schaue sich unsere kleine Reisegruppe Popcorn-schmatzend an und frage sich, was zum Teufel uns in seinen Lebensraum verschlägt und warum wir von dem bisschen Klettern so geschafft aussehen.

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Nach der gut einstündigen Pause fühle ich mich, als hätte mir jemand neues Leben eingehaucht. Hoch motiviert stapfe ich vorne weg.

„Der nächste Teil ist nicht so anstrengend“, verspricht Adi. Zwei Stunden liegen zwischen uns und dem nächsten Camp.

Meine Energie hält ganze zehn Minuten. Die Steigung nimmt einfach kein Ende. Ich schwitze und friere gleichzeitig. Die zunehmenden Höhenmeter machen sich bei der Temperatur bemerkbar. Mein Shirt klebt an meinem Körper. Meine BH-Schalen könnten als Swimmingpool für Moskitos fungieren, die mir bereits das halbe Bein zerstochen haben, weil mein Schweiß das Anti-Brumm sofort wegspült. Die drückende Hitze bereitet mir Kopfschmerzen. Ich schaffe drei weitere Stufen und halte für eine Trinkpause inne. Meine Flasche Wasser ist fast leer. Na das fehlt mir noch, dass mir hier jetzt das Wasser ausgeht. Der Rest der Gruppe hat mich längt mit mitleidigen Blicken überholt. Da hilft auch Bruce Springsteen nicht mehr, der mir ins Ohr schreit: „Baby, we were born to run.“ Ich bin froh, wenn ich es irgendwie noch schaffe zu kriechen. An Rennen ist gar nicht zu denken. Besteig du mal den Rinjani Bruce – dann reden wir zwei weiter. Der Dschungel um mich rum wird immer dichter. Ich bin so konzentriert darauf, stetig weiter Fuß vor Fuß zu setzen, dass ich gar nicht bemerke, dass Adi auf mich wartet.

„Soll ich dir was abnehmen? Mein Rucksack wiegt nur 20 Kilo. Ich kann noch was nehmen von dir.“

Nur??? 20 Kilo. Der will mich doch verarschen.

„Nein, Adi. Danke aber geht schon.“

„Sicher? Für mich wäre kein Problem.“

„Adi. 20 Kilo ist doch so schon viel zu viel.“

„Als ich noch Porter war da musste ich Zeit lang mit 50 Kilo laufen!“

„Bitte?“, frage ich ungläubig.

„Ja. Habe für eine Company gearbeitet die wollte Geld sparen. Die haben nicht drei sondern nur zwei Porter geschickt. Und da musste man dann alles zu zweit nur tragen. Da hat Rucksack manchmal 50 Kilo gewogen.“

Ich will das gar nicht glauben. Ich komme hier mit nur Pulli und Wasserflasche kaum den Berg hoch und diese armen Indos werden mit 50 Kilo und Flip-Flops hier hoch geschickt.

„Wie oft musstet ihr denn dann gehen?“

„Gleiche wie jetzt. Ich mache Tour immer dreimal die Woche. Einen Tag hoch, nächsten Tag runter. Nächsten Tag hoch, nächsten Tag wieder runter. Dann einen Tag Pause. Dann wieder von vorne. Jetzt gleich musst du gucken. Hier lebt ein seltene Affenart.“

Man merkt, dass Adi nicht gerne über seine Arbeit redet und lieber vom Thema ablenkt. Na gut. Über die Affenart hatte ich tatsächlich gelesen. Er meint sicher den schwarzen Haubenlangur. Eine Primatenart, die nur in Indonesien beheimatet ist und deren besonderes Kennzeichen das schwarze Fell und der lange Schwanz ist.

Und tatsächlich, keine zwanzig Minuten später wackeln die Baumkronen über mir ich sehe meinen ersten schwarzen Affen. Ein paar Meter weiter entdecke ich sogar eine Mutter mit ihrem kleinen Säugling und beobachte sie ein paar Minuten. Immer wieder weiß ich nicht ob es mich gruselt oder fasziniert, wie ähnlich diese pelzigen Tiere uns Menschen in ihrer Verhaltensweise sind.

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Ich bin mittlerweile wie in Trance. Meine Beine tragen mich irgendwie weiter. Ich denke nicht mehr nach. Ich konzentriere mich allein auf meinen Atemrhythmus. Umso perplexer bin ich als ich um mich schaue und bemerke, dass die Bäume immer weniger werden. Die Pflanzendecke wird von einer dicken Wolkendecke abgelöst. Mittlerweile hat uns auch der erste Regenschauer beehrt. Am Horizont sehe ich Camp 3. Nochmal Zähne zusammen beißen.

„Mag noch jemand Cracker?“

„Nee, danke.“

Die Konversationen beschränken sich mittlerweile absolut auf das Wesentliche. Keiner von uns hatte erwartet, dass der Rinjani uns dermaßen in die Knie zwingt. Von wegen nette Wanderung. Das hier ist Bergsteigen für Fortgeschrittene. Und wir hatten ernsthaft überlegt, noch ein bisschen Bier mitzuschleppen.

„Ist bei dir alles okay?“ Sven klopft mir ermunternd auf die Schulter.

„Ich geb’ mein Bestes.“
„Also mein Tipp für das nächste Stück: Guckt nicht nach oben.“

Super Ratschlag, Adi. Ich habe mich mittlerweile meinem Schicksal ergeben und starte direkt als Letzte, damit ich mir wenigstens die Peinlichkeit sparen kann, dass alle mich innerhalb der ersten Meter überholen. Ich schaue nach oben. Da ist kein Dschungel mehr. Das hier hat eher was von Wüste. Erdige Pfade. Links und rechts ist die Landschaft von kniehohen Gräsern bewachsen. Vor mir türmen sich drei Berge auf. Könnte man sich wenigstens an der Aussicht erfreuen nach den ganzen Mühen. Aber nein, die Wolkendecke ist so dicht, dass man nach unten nichts sieht als eine einzige Nebelsuppe.

Spätestens bei dieser Etappe verfluche ich die Worte unseres Gastgebers, dass Turnschuhe völlig okay sind. Ich trage ausgelatschte Reeboks, die soviel Profil haben wie eine Marmortheke. Ich rutsche ständig ab und habe gar keine andere Wahl mehr, als Adis Ratschlag zu befolgen, weil ich sonst überhaupt nicht mehr weiter kommen, sondern nur noch hinfallen würde. Aufgrund der Vegetation gibt es nämlich nichts mehr zum Festhalten. Oft greife ich einfach einen Meter höher in den Boden und versuche mich weiterzuziehen. Bei besonders schwierigen Passagen wartet Adi auf mich und hievt mich hoch.

„Passieren hier eigentlich oft Unfälle?“

„Ja…“

„Ehm…und was macht man dann?“ Ich schaue mich um. Selbst wenn es auf Lombok Hubschrauber gäbe…hier gibt es keine ansatzweise ebene Fläche zum Landen.

„Wenn die Verletzung sehr schlimm ist, tragen wir Leute.“

„Wie…ihr tragt Leute?“

„Mal hat sich jemand unten am See Fuß verletzt. Da war ich noch Porter. Da habe ich mit einem andere Porter Mann wieder hoch zum Krater und dann Berg runter getragen.“

„Wie habt ihr den denn transportiert?“

„Wir haben zwei Bambusstange zusammen geschnürt und dann Zeltplane drüber gemacht und drauf gelegt.“

„Ahh…“

Ich schweige und hoffe inständig, dass meine Knöchel mich nicht im Stich lassen.

 

„Das ist das letzte Camp. Jetzt sind es nur noch 200 Meter bis zum Ziel.“

Johlende Erleichterung.

„Also wenn es nur noch 200 Meter bis zum Ende sind…und hier noch ein Camp ist. Dann haben es die letzten Meter wahrscheinlich so richtig in sich“, resümiert Tom vor sich hin. Meine panikerfüllten Augen suchen Adi. Der lächelt…und nickt.

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Mit ein paar Crackern gestärkt, machen wir uns zur letzten Etappe auf. Ich gehe um die Kurve…und reibe mir die Augen, weil ich hoffe, nicht richtig zu sehen. Vor mir türmt sich ein riesiger Geröllhaufen auf. Ein paar Meter weiter oben sehe ich den Rest der Gruppe bereits beherzt kraxeln. Ich setzte an zum ersten Schritt und merke, dass ich am Ende meiner Kräfte bin. Als wäre das nicht genug, läuft einer unserer Porter – ja, immer noch in Flip-Flops – flinken Schrittes an mir vorbei, lächelt und wirft mir ein fröhliches „Fun?“ zu. Ich werde wütend und muss mich zusammen reißen, die Tränen zurückzuhalten. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich jemals dermaßen am Ende meiner körperlichen Kräfte war. Es macht mich wütend, dass alle anderen bereits in schwindelerregenden Höhen über mir Klettern, während ich nicht mal die ersten zehn Meter geschafft habe. Dabei bin ich eigentlich gar nicht so unsportlich. Ich schwöre mir nie mehr Bier zu trinken und an meiner körperlichen Kondition zu arbeiten, damit mich nie mehr ein Berg an den Rand der Tränen bringt.

Aber es gibt kein Zurück. Ich muss irgendwie auf diesen Vulkan. Also reiße ich mich zusammen und setze tapfer Fuß vor Fuß. Ich verhake mich ständig zwischen den Steinen. Zweimal falle ich hin. Gott sei Dank sind meine Hände noch reaktionsschnell genug um eine Landung auf meinem Gesicht zu verhindern. Endlich.

„Kathi, fast geschafft.“

„Wie, fast. Wir sind doch oben!“

„Ja, wir sind oben. Aber wir müssen noch ein paar Meter nach rechts um zum Kratersee zu kommen.“
In Zeitlupe bewege ich meinen Kopf nach rechts und tatsächlich. Ich sehe Emily und Co. entlang des Bergmassivs laufen. Ich trotte hinterher und mache innerliche Luftsprünge, als sie endlich anhalten. Ich schleppe mich die letzten Meter entlang des Gesteins.

Tom reicht mir die Hand mit den Worten: „Hier ist deine Entschädigung.“

Ich bin sprachlos. Vor der Kulisse des Gipfels erstreckt sich der türkisblaue Kratersee, in dessen Mitte sich ein neuer Vulkan, der Gunung Baru, erhebt. Wie um seine Naturgewalt zu demonstrieren, steigt aus seiner Spitze eine dichte Dampfwolke auf.

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„Bricht der Vulkan noch regelmäßig aus?“, fragt Emily.

„Zum letzten Mal ist vor einem Monat ausgebrochen“, antwortet Adi, als wäre das das Normalste der Welt.

Ich atme tief ein und schließe die Augen. Erleichterung. Aber Halt. Ich bin doch wegen der Aussicht hier. Ich blinzle in die untergehende Sonne. Meine Beine fühlen sich an, als hätte sie jemand durch einen Fleischwolf gedreht und trotzdem bin ich gerade ziemlich glücklich.

„Na, wann hast du dich zum letzten Mal so lebendig gefühlt?“, neckt Tom.

Er hat Recht. Ich lache und bin unglaublich stolz.

Adi stupst mich in die Seite und grinst.

„Adi…was?“

„Ich frage mich nur grade ob du lachst, weil du dich schon auf Abstieg morgen früh freust.“

Fast vergessen. Wir müssen hier ja auch nochmal runter.

„Wo ist der Reiswein??!!“

Soviel zur Alkoholabstinenz.

„Haha. Also eins ist sicher. Selbst wenn ich mich jetzt total betrinke und den größten Filmriss hätte, dann würde ich diese Tour hier mit euch niemals vergessen“, sagt Tom und nimmt uns alle in den Arm. Gemeinsam genießen wir die absolute Ruhe und glotzen auf den Kratersee.

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Bereits zwei Tage später sind die Qualen vergessen und der ‚sneaky volcano’, der sich als nette Wanderung getarnt und uns alle – außer Tom, der ohne zu zögern nochmal hochsteigen würde – in die Knie gezwungen hat ist zum Running Gag geworden. Obwohl die Erinnerung an die körperlichen Strapazen nie in Vergessenheit geraten wird, ist das Bild des sternenklarsten Himmels, dem schönsten Sonnenaufgang über dem Kratersee und ein Blick der in die Ferne bis zu den Gili-Inseln schweift viel tiefer in meine Netzhaut eingebrannt.

Ich war noch nie in meinem Leben dermaßen am Ende meiner Kräfte – aber ich habe auch noch nie ein Abenteuer erlebt das so zusammen schweißt. Während wir auf Gili Air unsere geschundenen Füße hochlegen und Cocktails schlürfen schaue ich rüber zu meinen neu gewonnen Freunden und weiß ganz genau, ihr zu Hause wird auch immer meins sein.

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Katharina Raskob

Katharina Raskob liebt die Wellen und die Sonne. Reiseziele erfüllen deswegen meist eins der beiden Kriterien. Die Kölnerin macht derzeit ihr Referendariat und schreibt für drei Magazine. Hier kommt die nächste Leidenschaft ins Spiel: Die Musik. Egal ob drüber schreiben, selber machen, unterrichten oder anhören. Am Liebsten kombiniert Kathi einfach all das und fliegt auf der Suche nach Klavieren an ungewöhnlichen Orten – bislang der Favorit: Wellington – um die Welt und schreibt darüber.

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