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Reisen von Gestern (1) – Interrail 2006

Inter­rail – was war das noch gleich?

Ach ja: Man kaufte ein Ticket, setzte sich in einen Zug und fuhr dann ein­fach los, quer durch Europa. Man ver­brachte einen nicht gering­fü­gi­gen Teil sei­ner Rei­se­zeit in schlecht aus­ge­stat­te­ten Regio­nal­zü­gen, man machte Nudeln auf Cam­ping­ko­chern warm, und am Ende jedes Tages lau­tete die bedeu­tendste Frage: Wo fin­den wir heute Abend einen Platz zum Übernachten?

Es galt in ers­ter Linie, eine Distanz zu über­win­den – was am Ziel war­tete, war eigent­lich zweitrangig.

Heute flie­gen die Anfang-Zwan­zig­jäh­ri­gen mit einem Bil­lig­flie­ger in zwei Stun­den nach Rom, nach Bar­ce­lona, nach Prag, und sie wis­sen dort schon ganz genau, in wel­che Gale­rie sie unbe­dingt müs­sen, in wel­ches Café und in wel­chen Club. Irgend­wer ist immer schon da, hat das alles schon gese­hen, kennt sich bes­ser aus, ist mor­gen schon wie­der weg. Weil das nächste Aben­teuer nur zwei Flug­stun­den ent­fernt liegt. Dazwi­schen ist alles Nie­mands­land, Fel­der in End­los­schleife, Zeitverschwendung.

Inter­rail ist im Prin­zip eine voll­kom­men anti­quierte Form des Rei­sens, eine grand tour, nur ohne Geld und Glo­rie: Ent­schleu­ni­gung statt Hyper­mo­bi­li­tät, Beschwer­lich­keit statt Hedo­nis­mus, das müh­sam Zugäng­li­che anstelle des immer gleich Präsenten.

„Auf Inter­rail“ zu sein bedeu­tet, über­all da drau­ßen, an jeder Desti­na­tion, das ver­bin­dende, orts­un­ab­hän­gige Ele­ment zu fin­den: den Schlaf­platz, den Super­markt, die große Sehenswürdigkeit.

Heute führt die Suche zum Exklu­si­ven, zum Ver­gäng­li­chen: der Club, in dem man genau die­sen Som­mer oder Win­ter gewe­sen sein muss, die eine Party in die­ser einen Nacht mit die­sem einen DJ. Heute will nie­mand mehr wirk­lich vor dem Eif­fel­turm ste­hen, es gibt ihn schon tau­send­fach online. Die immer glei­chen Bil­der, die glei­chen Kame­ra­per­spek­ti­ven, aus­tausch­bare Gesichter.

Wer vor sechs Jah­ren Inter­rail gemacht hat, stand unmit­tel­bar vor der Schwelle zum sozia­len Inter­net für die breite Masse, zur tota­len Ver­net­zung, zum Rei­sen in der Digitalität.

Heute sind alle Per­spek­ti­ven und Ein­stel­lun­gen, alles Wis­sen über einen Ort, schon uni­ver­sell ver­füg­bar. Des­halb rückt das Bestän­dige aus dem Fokus, und das Vor­über­ge­hende wird interessant.

Viel­leicht fällt es dadurch noch schwe­rer, auf Rei­sen nichts ver­pas­sen zu wol­len. Viel­leicht hät­ten die Ner­ven damals, im Som­mer 2006, schon auf der ers­ten lan­gen Zug­fahrt durch Bel­gien blank gelegen.

Es ist ein Rück­blick auf eine Reise, die heute so nicht mehr mög­lich wäre, die heute so kei­nen Sinn mehr erge­ben würde.

Paris

Was weiß man mit 19 Jah­ren von Paris?

Stadt der Kul­tur, Stadt der Kunst, Stadt der Liebe. Tau­send Dinge, von denen man nichts versteht.

Eine Stadt, die sich vor dem jun­gen Rei­sen­den auf­spal­tet wie Licht in einem Kalei­do­skop, tau­send Orte und Bege­ben­hei­ten in jeder Sekunde: die totale Überforderung.

Natür­lich ist die Zeit viel zu knapp, und wir kön­nen auch nicht drau­ßen schla­fen, also suchen wir ein Hos­tel und het­zen dann zu den gro­ßen Sehens­wür­dig­kei­ten der Stadt: Notre-Dame, Lou­vre, Eif­fel­turm. Wir schie­ßen Fotos in Schwarz-Weiß am Place de la Con­corde, die wir spä­ter ver­grö­ßert an die Wand unse­res Kin­der­zim­mers hän­gen, das kein Kin­der­zim­mer mehr ist. Wir schauen betont gedan­ken­ver­lo­ren auf die­sen Bil­dern, in den Posen suchen wir die Zeit­lo­sig­keit gestan­de­ner Männer.

In Paris geht es darum, ein­fach dazu­sit­zen, im Jar­din des Tui­le­ries oder am Ufer der Seine, und Erwach­sen-Sein zu zele­brie­ren, Lebe­mo­mente zu simulieren.

Aber wie sehen die eigent­lich aus?

Es sind Momente des Ver­lie­bens, des krea­ti­ven Schaf­fens, des Tan­zes und des Rauschs.

Wir ken­nen die guten Orte dafür nicht in Paris. Wir bewe­gen uns wie durch eine Kulisse, wir sind nicht Teil die­ser Stadt. Wir sind zu jung, zu klein, zu uner­fah­ren für Paris. Wir ahnen nur, was irgend­wann im Leben noch ein­mal auf uns war­ten könnte.

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Nizza

Das Süd­län­di­sche, Medi­ter­rane springt einem gleich ent­ge­gen, wenn man den Bahn­hof von Nizza ver­lässt. In der Archi­tek­tur, in der Vege­ta­tion, durch die Wärme der Sonne auf der Haut.

Nizza ist ein guter Ort, er ist unbe­schwert, leicht.

Die Ufer­pro­me­nade, das Meer, die Wel­len: End­lich sind wir an der Cote d’Azur.

Wir las­sen unsere Sachen in einer Her­berge und schlen­dern los ohne den Druck, hier etwas sehen zu müs­sen, viel­leicht auch, weil Nizza ange­neh­mer­weise keine gro­ßen Sehens­wür­dig­kei­ten bereit­hält, weil es eher als Gan­zes wird. Wer nach Nizza kommt, will ein­fach in Nizza sein und nicht Die­ses oder Jenes tun. Die­ser Anspruch macht es für den Rei­sen­den leicht.

Wir sehen das volle Leben Süd­frank­reichs: Es ist WM, die Équipe Tri­co­lore gewinnt das Halb­fi­nale, am Abend fah­ren Auto­cor­sos durch die Stadt, die Men­schen fei­ern auf den Stra­ßen. Wenn ein Ort an den Rand des Aus­nah­me­zu­stands gerät, ist das immer span­nend. Wir machen da jetzt mal mit, lau­fen rum, quat­schen mit Leu­ten. Wir wol­len ein biss­chen männ­lich sein und trin­ken Four Roses aus der Fla­sche. Nizza – hier könnte man eine gute Weile bleiben.

Aber es gibt noch so viel zu sehen.

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Monaco

Monaco kennt man aus den Hoch­glanz­ma­ga­zi­nen und Cele­brity-Sen­dun­gen im Fern­se­hen. Die Steu­ern sind nied­rig, die Autos sind teuer, hier ist der Reich­tum zu Hause, zumin­dest solange es Vor­teile gegen­über dem hei­mi­schen Fis­kus mit sich bringt.

Wir zäh­len Fer­ra­ris und Lamborghinis.

Natür­lich sind wir nicht so dumm, in Monaco nach einer Unter­kunft zu suchen, wir wol­len am Abend noch wei­ter. Ein Tag Monaco, ein Tag Luxus­gu­cken. Wel­che Namen haben die Yach­ten? Was für Autos par­ken vor dem Casino? Eine Cola am Hafen kos­tet 8 Euro: Man, ist das irre!

Der Him­mel ist wol­kig und ver­han­gen an die­sem Tag, Monaco liegt unter einem grauen Schleier. Die an der Küste ange­leg­ten Wohn­blocks sind häss­lich. Viel­leicht ist es gar nicht so toll, hier die Hälfte des Jah­res seine Zeit zu ver­brin­gen. Aber ver­mut­lich ist das so wie mit Los Ange­les, über das ja immer alle Pro­mi­nen­ten schimp­fen, obwohl sie alle Häu­ser im Nor­den der Stadt haben, ein­fach weil sie dort unter ihres­glei­chen sind, weil sie sich stän­dig über den Weg laufen.

Monaco liegt am Mit­tel­meer, reich und klo­big, aber das war es auch schon. Mar­seille ist halt cooler.

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Men­ton

Eine Nacht an der Cote d’Azur hat­ten wir am Strand geschla­fen, mor­gens waren wir im Meer schwim­men, im Son­nen­schein. Jetzt reg­net es, unsere Sachen sind ein biss­chen klamm.

Süd­frank­reich ist plötz­lich gar nicht mehr so verheißungsvoll.

Die Rei­se­gruppe stockt an der Grenze zu Ita­lien in Men­ton. Wo soll es jetzt hin­ge­hen? Wie fah­ren wir wei­ter? Es ist schwül, die Stim­mung ist gela­den, alles stockt. Es gibt einen hand­fes­ten Streit. Das Ver­fah­rene der Situa­tion wird auf­ge­bro­chen durch die spon­tane Ent­schei­dung, ein­fach einen Nacht­zug nach Ita­lien zu nehmen.

Menton Interrail

Rom

Rom ist für den jun­gen, bis­her weit­ge­hend unbe­reis­ten Inter­rai­ler ähn­lich wie Paris: eine Stadt als ein­zige Über­for­de­rung. 2500 Jahre Geschichte: die Kai­ser­zeit, die Katho­li­sche Kir­che, das Hei­lige Römi­sche Reich. Eine Stadt wie ein Museum.

Wir brin­gen kaum Fach­wis­sen mit über die Bau­werke, die Kul­tur­schätze, die Kunst­werke der Stadt. Wir lau­fen durch die Stra­ßen und unsere Augen sehen nur Ober­flä­che. Über­all sind Zei­chen, die wir nicht lesen kön­nen. So kom­men wir hier nicht weiter.

Aber für uns geht es in Rom auch um etwas Anderes.

Am Abend ler­nen wir an der Spa­ni­schen Treppe eine Gruppe jun­ger, ame­ri­ka­ni­scher Juden ken­nen, mit denen wir uns ganz ordent­lich betrin­ken. Die Mäd­chen sehen ver­dammt gut aus. Man gibt sich Biere aus, redet erst Small­talk und spä­ter alko­hol­ge­schwän­gert über den Sinn des Lebens, man tauscht Emailadressen.

Auf dem Rück­weg jugend­li­cher Über­mut: Wir ren­nen durch die Gas­sen zum Hos­tel, wir rei­ßen Pflan­zen aus Blu­men­kü­beln, wir sta­cheln uns gegen­sei­tig an, wir beneh­men uns, ehr­lich gesagt, ganz schön aso­zial. Das liegt daran, dass wir das Gefühl haben, die Stadt erobert zu haben, hier genau rich­tig zu sein, weil wir diese schö­nen, freund­li­chen Ame­ri­ka­ner getrof­fen haben, mit denen der Abend so lus­tig und aus­ge­las­sen war.

The world can be your friend in one night.

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Vene­dig

Ita­lien, die andere Seite des Stiefels.

In Vene­dig ist das Muse­um­hafte des Stadt­bilds so über­deut­lich wie kaum in einer ande­ren euro­päi­schen Metro­pole. Wir kön­nen Vene­dig unmög­lich auslassen.

Das ist schon wie­der lus­tig: Wir wis­sen ja erneut rein gar nichts über die Stadt, außer dass sie berühmt ist. Nie­mand von uns hat wäh­rend der lan­gen Zug­fahr­ten über­haupt einen Rei­se­füh­rer gele­sen, um zu wis­sen, vor wel­cher Sehens­wür­dig­keit man sich jetzt genau foto­gra­fie­ren las­sen muss. Es läuft also wie­der auf das Fla­nie­ren hin­aus: ein­fach mal Vene­dig auf sich wir­ken lassen.

Wir gehen zum Mar­kus­platz, wir suchen ein halb­wegs preis­wer­tes Restau­rant, wir ver­su­chen uns in den engen Stra­ßen nicht zu verlieren.

Vene­dig ist anstren­gend. Aber es ist natür­lich auch ziem­lich schön.

Man hat das ja alles schon im Kopf und prüft das bloß noch ein­mal: die Brü­cken, die Gon­deln, die Wasserwege.

Das Wet­ter ist lei­der blen­dend, und des­halb ist es in den Gas­sen bre­chend voll. Manch­mal hat man das Gefühl, in einem Frei­zeit­park unter­wegs zu sein. Abends wird es ruhi­ger, die Tou­ris­ten sind müde.

Man müsste viel­leicht noch ein­mal wie­der­kom­men, wenn es neb­lig und nass ist, und dann müsste man fünf Tage gedan­ken­ver­sun­ken durch die Gas­sen lau­fen, ohne von dem uner­träg­li­chen Kom­merz der Marke Vene­dig behel­ligt zu werden.

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Tos­kana

Tos­kana. Das ist schon wie­der ein Wort, bei dem ganz viel mitschwingt.

Ita­lie­ni­scher Lebens­stil, gelbe Fel­der, alte Bur­gen, guter Wein.

Wir legen uns unweit einer Stadt, deren Namen wir alle­samt bis heute nicht erin­nern, auf ein Feld und schla­fen unter dem Ster­nen­him­mel, nicht mal die Zelte bauen wir auf. Wir sind auf Durch­reise, lang­sam geht es Rich­tung Hei­mat, also müs­sen wir in die­ser Nacht und am nächs­ten Mor­gen ein­mal kon­zen­triert den Tos­kana-Moment auf­schnap­pen. Wir schla­fen also unter freiem Him­mel und am nächs­ten Tag wan­dern wir zu einer klei­nen Fes­tung auf einem Hügel.

Blick über die Hänge und dör­ren Fel­der: Das ist die Tos­kana. Na gut. Im Rück­blick, muss man sagen, wäre es viel­leicht schön gewe­sen, in Flo­renz gehal­ten zu haben.

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Gap

Gap ist eine unge­plante Sta­tion unse­rer Reise.

Wir errei­chen die Stadt in den fran­zö­si­schen Alpen am spä­ten Abend, es reg­net, es ist frisch, und weil am kom­men­den Tag die Tour de France in der Stadt gas­tiert, gibt es beim bes­ten Wil­len kein freies Zim­mer mehr für uns. Es gibt außer­dem nir­gendwo einen guten Park zum Über­nach­ten. Wir mar­schie­ren ohne Plan durch leere Stra­ßen: Wohn­häu­ser, eine Tank­stelle, irgend­wann Gewer­be­ge­biet. Wir legen uns nie­der zum Schla­fen auf der stei­ner­nen Lade­rampe eines Anbie­ters von Gas­ka­tu­schen, die jeden­falls ste­hen vor der Halle in den Rega­len. Es wird eine Nacht auf kal­tem Beton.

Am nächs­ten Tag fin­den wir für den Abend einen Cam­ping­platz, die Sonne scheint. Wir haben den gan­zen Tag Zeit, wir stei­gen von Gap auf einen mit­tel­ho­hen, aber doch schon alpin-kar­gen Berg. Weite Aus­sicht über das Land.

Zum ers­ten Mal sind wir rich­tig in der Natur, das ist schön, davon ver­ste­hen wir etwas, vom In-der-Natur-Sein.

In drei Tagen wer­den wir wie­der in Deutsch­land sein.

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Was bleibt von einer Interrail-Tour?

Die Kul­tur­haupt­städte Euro­pas kön­nen wir nur als über­bor­dende Abs­trak­tion der Wirk­lich­keit wahr­neh­men. Kleine Jungs in gro­ßen Städ­ten, Dyna­mik und Cha­rak­ter der Metro­po­len blei­ben uns ver­schlos­sen. Wir sehen immer nur Ahnun­gen und Andeu­tun­gen von Lebens­we­gen, die wir noch nicht ken­nen. Eine schöne Frau auf der Straße, zwei Män­ner mit Schals und Halb­schu­hen im Café, Bal­kon­früh­stü­cke, Ziga­ret­ten und Wein, Kunst, Bohème, Lebensart.

Anders­herum ist es wich­tig, sich diese Ober­flä­che mal anzu­schauen, um sie dann spä­ter ein­mal, wer weiß, selbst zu erle­ben und zu entzaubern.

Man lernt auf Inter­rail natür­lich auch, sich ein biss­chen zu orga­ni­sie­ren, in der Gruppe Pro­bleme zu lösen, sol­che Geschich­ten. Aber das ist nur das Beiwerk.

Es ist für viele der erste Schritt in die große Welt, die heute viel klei­ner erscheint, nicht nur, weil man älter gewor­den ist. Heute ist alles gleich ultra­prä­sent, wenn man 40 Euro für einen Flug bezahlt. Die Umwege verschwinden.

Nie­mand braucht mehr ein Inter­rail-Ticket, aber das Rei­sen ist genauso wich­tig wie frü­her. Es geht dabei nur am Rande um Sehens­wür­dig­kei­ten – son­dern um ein Gefühl für die Welt und das Leben.

Infor­ma­tio­nen zu Prei­sen:..www.interrail.eu

Cate­go­riesFrank­reich Ita­lien
  1. Judith says:

    sehr schön geschrie­ben! Erin­nert mich an meine fünf­wö­chige Inter­rail­reise vor zwei Jah­ren. Man bekommt glatt wie­der Lust auf über­füll­ten Nach­zug fah­ren und irgendwo im nir­gendwo schlafen!

  2. Jan says:

    Ja, die Gegen­wart besteht heut­zu­tage mehr aus abs­trak­ten, schnell wech­seln­den Model­len mit nor­ma­ti­ver Anwen­dung als frueher.
    Mag auch sein, dass im Vor­stel­lung­ho­ri­zont von Leu­ten, die in frue­he­ren Zei­ten als Pil­ger, Rad­fah­rer oder Inter­rail­rei­sende Rom, Paris oder Vene­dig besuch­ten, latei­ni­sche Spra­che, roemi­sches Reich, Renais­sance, Reli­gi­ons­kon­flikte, Abso­lu­tis­mus, Revo­lu­tio­nen, Natio­nal­staa­ten mit Bue­r­ger­rech­ten und – pflich­ten von der Bil­dung bis zur Ueber­deh­nung, prae­sen­ter und gewich­ti­ger waren als bei den oben beschrie­be­nen Reisenden.
    Gleich­zei­tig trifft aber auch zu, dass es – eben auch aus­ser­halb von Lebens­we­gen, in denen jahr­zehn­te­lange Papier- und Scher­ben­ar­beit sowie wirk­lich abs­trakte Theo­rie als Haupt­in­ter­es­sen vor­kom­men – noch nie so leicht war wie heute, durch Inter­net oder bezahl- und les­bare Bue­cher die eine oder andere Wis­sens­luecke zu schlies­sen, sobald man sie z.B. beim Anblick einer raet­sel­haf­ten Stadt­ku­lisse bemerkt.
    Inso­fern ver­stehe ich das hier ange­spro­chene Pro­blem nicht.
    Wer aus­ser­dem das Gefuehl fuer die ‚grosse‘ Welt und das Leben vor allem aus feucht­fro­eh­li­chen Begeg­nun­gen mit ame­ri­ka­ni­schen Tou­ris­ten und dem Zau­ber des Anblicks schoe­ner Frauen bezieht und mit Trans­port­mit­tel-Orga­ni­sa­tion sowie Grup­pen­dy­na­mik in Zusam­men­hang ste­hende Pro­bem­loe­sun­gen ‚auf Inter­rail gelernt‘ hat – der sollte mal als Bei­spiel nach Kleo­pa­tra, Colomba, Han­ni­bal oder Marie Antoi­nette goog­len, und dann den Aus­druck ‚ueber­bor­dende Abs­trak­tion der Wirk­lich­keit‘ im Besug auf euro­pa­ei­sche Kul­tur­haupt­sta­edte noch­mal ueber­den­ken – die ‚ueber­bor­dende Wirk­lich­keit‘ wuerde wahr­schein­lich bestehen koen­nen, aber ver­mut­lich muesste ‚Abs­trak­tion‘ ganz schnell gestri­chen werden!

    1. Bitte nicht alles durch­ein­an­der wer­fen für eine spöt­ti­sche Replik! Es geht ja bei den Gedan­ken über die Städte eher darum: Wie ist es, mit 19 Jah­ren in Paris anzu­kom­men? Oder in Rom? Hut ab, wenn Sie in die­sem Alter mit Büchern über Kunst- und Kul­tur­ge­schichte durch Europa gereist sind, denn ein Tablet mit Wifi kön­nen Sie beim Anblick der Stadt­bil­der ja damals noch nicht zur Hand gehabt haben. Und ein Gefühl für die Welt und das Leben ent­steht natür­lich beim Rei­sen, aber Moment: So steht es ja auch in der Geschichte. Nichts für Ungut.

    2. Jan says:

      Ganz so spoet­tisch habe ich es nicht gemeint, wenigs­tens nicht bezo­gen auf Ihren super kon­stru­ier­ten Text – bloss zeigt er eben auch deut­lich, wohin die Ent­wick­lun­gen selbst zwi­schen 2006 bis 2013 wei­ter­hin gehen: Selbst­in­sze­nie­rung durch situa­tiv zu ver­wen­dende vor­ge­ge­bene Modelle, heute oft ein­zi­ger Lebens­in­halt und ein­zig moe­g­li­che Ueber­le­bens­stra­te­gie selbst bei einer peri­pha­ren Tae­tig­keit wie dem Reisen.
      Die ers­ten Male per Inter­rail in Paris, Nizza, Rom und Verona, aber auch in Athen, Wien, Buda­past und Prag fan­den bei mir mit 15, 16 statt. Meist alleine. Und nein – viel wusste ich sei­ner­zeit nicht ueber die europ. Kul­tur­haupt­sta­edte und ihre Geschichte oder ihre Geheim­tipps fuer rau­schende Feste, weiss ich auch heute nicht. Auch Rei­se­fueh­rer und kunst­his­to­ri­sche Wael­zer habe ich, wenn ver­fueg­bar, nur aus­zugs­weise und meist kurz nach Heim­kunft bemueht. Vor­kennt­nisse und Neu­gier haben aber aller­dings aus­ge­reicht, um z.B. in Ungarn und Ita­lien nicht Ham­bur­ger und Wuerstchen, son­dern Pas­tet­chen bzw. Par­me­san mit fri­schem Weiss­brot und einem Glas loka­len Wein ein­zu­neh­men, und um Ver­sailles, dem Lou­vre, dem Pont Neuf, dem Quar­tier Latin oder Bou­le­vard Saint Michel, der Via Giu­lia, Via Appia, San Gio­vanni in Lat­terano, dem F.R., der Fischer­bas­tei, der Pes­ter Kon­zert­halle, der Pra­ger Burg, dem Kafka-Haus, einem Holz­pup­pen­thea­ter, usw. Besu­che abzu­stat­ten, dabei die (kultur-)geschichtliche Bedeu­tung ober­flaech­lich zu ken­nen. Auch, um vor dem Hin­ter­grund des Hin­wei­ses auf den Romeo&Julia-Balkon die uebli­chen (Jugend-)Paarbeziehungen im Ueber­gang vom 20. Zum 21. Jahr­hun­dert zu reflek­tie­ren, deren Ideale eher die Filme von Bigas Luna oder Pedro Almo­do­var, aber auch ´Basic Instinct´ und ‘Der bewegte Mann’ waren, bzw. sind. Waeh­rend­des­sen war in den Jugend­her­ber­gen Ungarns und Tsche­chi­ens kaum moe­g­lich war, nicht in Geprae­che mit Ein­hei­mi­schen mit deren Erwar­tun­gen bezue­g­lich des kurz zuvor erfolg­ten fried­li­chen Umbruchs in Ost­eu­ropa kon­fron­tiert zu werden. 

      Aber mal eine ganz andere Frage: warum gibt es in den Sue­dame­rika-Berich­ten nichts zu Kolumbien?

    3. Jens says:

      Die Welt ist deut­lich klei­ner gewor­den, dass kann man schon sagen. Meine erste Euro­pa­reise habe ich eben­falls mit 19 Jah­ren unter­nom­men – Ita­lien mit dem Auto (geborgt vom Vater eines Freun­des). Man erle­bet eine „Welt“ anders, wenn man sich bemü­hen muss das Ele­men­tare zu regeln (also schla­fen, essen etc.) – das finde ich auch. 

      Fotos sind ein span­nen­der Zeit­zeuge die­ser Rei­sen. z.B. sind meine ers­ten Bil­der aus Rom und Paris nach wie vor noch viel ein­dring­li­cher in mei­nem Kopf, als alle Fotos, die ich in die­sen Städ­ten spä­ter geschos­sen habe. Sie wir­ken weni­ger kon­stru­iert, als heute – authen­ti­scher, da das Augen­merk in der Jugend wahr­schein­lich noch auf etwas ande­res lag. 

      Man war aber damals auch noch nicht so „gehetzt“ und man hatte Zeit zu rei­sen – die Angst etwas zu ver­pas­sen oder nicht zu sehen, setzte sich bei mir erst ein, als ich Städte nur noch in „Tagen erle­ben“ konnte.

      Ich war mit 17 Jah­ren das erste Mal mit meine dama­li­gen Freun­din in Paris – in der Stadt der Liebe und ich hatte keine Ahnung von der Paris und keine Ahnung von der Liebe. Auf mei­nen Fotos von damals sieht man sehr deut­lich, wie man trotz­dem aller Unkennt­nis, der Stadt gerecht wer­den wollte. 13 Jahre spä­ter war ich noch mal in Paris (Bil­lig­flie­ger) und ich war ent­täuscht von der Stadt. 

      All mein Wis­sen über die Stadt, hat den Zau­ber ver­flie­ßen lassen…

    4. „Auf mei­nen Fotos von damals sieht man sehr deut­lich, wie man trotz­dem aller Unkennt­nis, der Stadt gerecht wer­den wollte.“ – Das haben Sie tref­fend beschrie­ben. Die­ses Wis­sen um die eigene Unzu­läng­lich­keit, einer Stadt gerecht wer­den zu kön­nen und es trotz­dem (ver­zwei­felt) versuchen.

  3. Wie schön! Ich bin ja eigent­lich ein gro­ßer Zug Fan – mir gefällt es das man dabei die Ent­fer­nung die man zurück­legt wirk­lich „spürt“. Das fehlt beim flie­gen ja total. Start, lan­dung und zack biste da. Schade nur, dass oft die zeit dafür und noch viel öfter das Geld fehlt. Eigent­lich ziem­lich schräg das Flüge oft güns­ti­ger sind als mit der Bahn zufahren

    1. Du hast Recht, Sarah. Diese Auf­he­bung von Distan­zen führt, glaube ich, ver­stärkt dazu, dass viele Leute bestimmte Rei­sen wie­der bewusst ent­schleu­nigt zurück­le­gen. Groß­ar­tige Lite­ra­tur gibt es zum Bei­spiel von Wolf­gang Büscher, der zu Fuß von Ber­lin nach Mos­kau lief, durch die USA und ein­mal um Deutsch­land herum. Aber natür­lich: Wer hat Zeit für sol­che Projekte…

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