Nach einer katastrophalen Nacht in Bangkok, die eigentlich nur dazu hatte dienen sollen, einen Anschlussflug zu erreichen und stattdessen einige Charakterzüge an mir zu Tage gefördert hatte, die man unverzüglich amputieren sollte, hatte ich meinen Flug zurück nach Europa verpasst. 

Und das völlig zu Recht! Seitdem weiß ich, wie es sich anfühlt, vor einer Servicekraft von Air Berlin zu stehen, die den armen Irren vor ihr geflissentlich ignoriert, wirre Kommandos in ein Walkie-Talkie bellt und ihn mit Todesverachtung straft, weil er sich die Blöße gibt, in seinem verlotterten Zustand zum verzweifelten Bittsteller zu werden, um doch noch an Bord der Maschine zu kommen. Die letzte Fassade meiner Würde bröckelte bedenklich. Air Berlin kannte keine Gnade – irgendwann werde ich mich fürchterlich rächen – wobei die mit ihrem neuen Flughafen genug gestraft sind.

Außerdem war ich selbst schuld; oder die Typen im Hotel, die mich nicht geweckt hatten; und das nur weil sie der Überzeugung waren, dass ich bereits wach war, als ich nach einer schlaflosen Nacht zur besten Frühstückszeit hereingeschneit kam – nur um kurze Zeit später gewahr zu werden, was für einen Bockmist ich in der Nacht fabriziert hatte und bei dem Versuch einzelne Passagen – vor dem Einschlagen des unweigerlich folgenden Holzhammers – schriftlich zu fixieren, bevor sie auf ewig in den Orkus der Bedeutungslosigkeit hinabsinken würden, in einen Sekundenschlaf geriet, der eben nicht einige Sekunden anhielt, sondern zu meinem Entsetzen zu einem Kurzzeitkoma von zwei Stunden geführt hatte. Das realisierte ich, als ich mich unter die Dusche begeben wollte und notgedrungen eine Unterhaltung mithörte. Der folgende Taumel, das eilig zusammengeraffte Gepäck, hastiges Auschecken sowie das Chartern eines Taxis, das sich trotz meiner emsigen Bemühungen nicht in einen Düsenjet verwandeln wollte, hatten nichts genützt. Ich stand vor dem Nichts.

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Vielleicht spürt die Dame am Service-Schalter, dass ich dabei bin, mich in eine tickende Zeitbombe zu verwandeln, und sie verkündet mir großmütig, man könne mir aus Kulanzgründen eine Umbuchung für den nächsten Tag gegen die Gebühr des halben Flugpreises zugestehen – vielleicht könnte man ja an dem Irren nochmal verdienen, wenn er wieder klar im Kopf ist, und man erspart sich, eine Randexistenz voreilig zu vernichten. Jetzt musste ich nur noch Geld stehlen. Am Abend zuvor hatte ich mich schließlich bei einer unglücklichen Transaktion infolge der zu raschen Abfolge verschiedener Währungen in den letzten Monaten um eine Null vertan und anstatt der verbliebenen 10 Euro mehr abgehoben als mir noch zustand.

Nicht ganz unmaßgeblich dürfte auch der einsetzende Hirnfick gewesen sein, der aufgrund der herrschenden 40 Grad, einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 99% und einer aufkommenden Euphorie, dass ich auch diese Reise gemeistert hatte, rasant an Fahrt gewann. Auch der Genuss eines süffigen Weißweins, den ein gewiefter Schweineficker in einer Bierflasche verkaufte (womit er mich gekriegt hatte; denn an jedem Ort probierte ich die exotischsten Biere), war nicht hilfreich. Diesen Fehler hatte ich zu allem Überfluss auch noch als Wink des Schicksals verstanden und das hatte eine neue Stufe der Eskalation eingeleitet. In den wirren und schwer zu entziffernden Aufzeichnungen dieses Abends prangt eine Bemerkung zu dieser Erleuchtung: „it`s a coconutyoga`s world.“ – armer Irrer!

Eigentlich müsste meine Bank doch kooperativ sein und der Automat erneut ein wenig Geld ausspucken. Schließlich tut die sich auch als Immobilienspekulant im neuen Herz Europas (auf der Magistrale Paris-Bratislava) hervor, bei der Stützung von Nahrungsmittelpreisen (…) und bei Geschäften mit hirnamputierten Arschlöchern (Zitat eines Lehrers auf einem humanistischen Gymnasium über den damals zehnjährigen Autor dieses Textes…), die mit Wasserwerfern Wahlkampf machen.

Doch der Bankautomat lacht mich höhnisch an: Hier hast Du keinen Kredit mehr, Du asozialer Herumstreicher! Wärst Du nicht auf Reisen gegangen und hättest wie jeder anständige Mensch weitergearbeitet, dann hätten wir Dir auch den Dispo nicht gestrichen – „dämlicher Arsch!“, murmelte ich, doch der nächste Automat war nicht besser erzogen. So muss ich anerkennen, welch trostlose Bedeutung ein seelenloses Flughafengebäude für einen Gestrandeten in solch einer Stunde gewinnen kann. Lost in Transit(ion)! Würde mich eine Fabrik in Bangkok anstellen? Panik kommt in mir auf – ja, ich hatte es endgültig zu weit getrieben. Ich war doch ein hoffnungsloser Fall! In einem Anfall von Wahnsinn muss ich mir verkneifen, als Belohnung für meine Heldentaten der vergangenen Nacht meinen Kopf an der nächsten Scheibe blutig zu schlagen oder durch wütendes Gebrüll die Aufmerksamkeit der heimtückischen Security auf mich zu lenken. Was war ich nur für ein erbärmlicher Idiot! Doch so schnell der Wahnsinn angeflutet war – so schnell verebbte er wieder.

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Ich erinnerte mich an all die schönen Erlebnisse der letzten Monate und beschloss, meine Reise nicht auf solch unwürdige Weise zu beenden. Ich atmete tief durch und eine lässige Ruhe, die der Situation seltsam unangemessen erschien und meinerseits zu einem dümmlichen Grinsen führte, kehrte zurück. Wenn bipolare Menschen auf Reisen gehen, gibt es eben viel zu erzählen. Das würde wohl nicht der letzte Fehler in meinem Leben sein. Dafür war ich Erfahrungsmillionär. Nun hieß es durch den massiven Konsum von Koffein und Nikotin wieder einen klaren Kopf zu kriegen und einen Weg zu finden, um wieder aufzustehen. Dafür würde ich Hilfe brauchen.

Den höllischen Kater in meinem Schädel hatte ich zwischenzeitlich vergessen. Das Adrenalin, das sich während der Taxifahrt zum Flughafen in mir aufgestaut hatte, hätte sicher gereicht, um mit einem Jagdbomber einmal um die Welt zu fliegen – mit einem debilen Lächeln im Gesicht. Da musste ich nun wieder anknüpfen.

Infolge einiger Telefonate, die ich von einem Internetcafe aus führte, konnte ich dankbar registrieren, dass es im weit entfernten Europa Menschen gab, die mich trotz meiner Allüren noch immer mögen und mir beispringen würden. Schon während der Gespräche war ich wieder zum Scherzen aufgelegt – schließlich wurde ich als Überraschungsgast auf einer Geburtstagsparty im schweizerischen Jura erwartet, für die ich aus Bali anreiste.
Danach war ich wieder in der Lage, mich ganz meinen Kopfschmerzen hinzugeben. Im Flughafenbus fuhr ich erneut in die Stadt und stieg mit meinen letzten Groschen wieder im selben Hostel ab – schlimmer konnte es ohnehin nicht werden. Den Rest des Tages verbrachte ich in einem buddhistischen Tempel.

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Immer wieder kamen aus der letzten Nacht furchtbare Gedankenfetzen in mein Bewusstsein. Was war ich nur für ein grausamer Bastard! Eben hatte ich noch stundenlang mit einem taubstummen Thai über das Leben philosophiert und schon wurde ich (begünstigt durch unsere Ankunft auf der Kasoan Road) in einen finsteren Abgrund hinabgezogen. Das Schlimmste war: Dort fühlte ich mich (in dieser Nacht!) pudelwohl.

Von Kitsch aller Art, über Kleidung, Elektronik, Accessoires bis hin zu gefälschten Führerscheinen und Studentenausweisen oder Masken von Saddam Hussein oder Osama Bin Laden findet man dort alles – und mehr. Natürlich kann man sich auch vor Ort Rastas machen lassen oder Tattoos stechen und sich von Fischen anknabbern lassen. Garniert wird das Spektakel (das hier nur im Ansatz beschrieben ist) durch das Anpreisen von Flatrate-Saufen, wummernde Technobässe, Angebote aller Art aus dem leichten Gewerbe und durchtriebene Gestalten, die einem ins Ohr raunen: „Ping-Pong, Sir?“

Die Preisliste dieser Marketinggenies bestand aus Gegenständen, die wir aussuchen sollten, woraufhin sie von einer uns nicht näher bekannten Frau in ihre Geschlechtsöffnungen gesteckt wurden. Ich will nicht ins Detail gehen. Aber das war ekelerregend. Und wie konnte man diese indiskutable Einladung mit einem „Sir“ abschließen? Vielleicht waren die Gentlemen schlicht ausgestorben. Nachdem das nicht zog, wurde das Angebot noch wesentlich subtiler: „you like Boom, Boom?“ Schmierig grinste uns der missratene Typ von der Seite an. Schwer zu beschreiben, wie übel einem in solch einem Moment werden kann; man ist hin und her gerissen zwischen handfestem Ekel und einer Form von morbider Faszination, dass sich ein solcher Ort wirklich auf Längen- und Breitengraden materialisiert hatte.

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Neben mir stimmten die Mönche ihre Mantras an und ich saß in tiefer Einkehr neben ihnen und versuchte die entsetzlichen Erinnerungen zu vertreiben, die ich aufgrund meiner massiven Zellenvernichtung bereits verloren hoffte, und entschuldigte mich ganz im Stillen für meine grenzenlose Dummheit und war schließlich dankbar, dass der zweite Teil meiner Reise nicht mit einem solchen Absturz endete, sondern ich noch in der Lage war zu bereuen und mit einem Rest von Würde heimzukehren. Irgendeinen Kredit brauchte ich schließlich…

Wer Zeit und Muße hat, erfährt im Originalbeitrag außerdem, wie ich den Aussteigern auf Ko Samui begegnete, weshalb sich mein Reisepartner auf der Full-Moon-Party auf Ko Pha Ngan in einen hüpfenden Gummiball verwandelte und warum ich meinen Erlebnissen in Thailand nur mit gonzo-journalistischen Mitteln zu Leibe rücken konnte…

CategoriesThailand
  1. Maik says:

    Die Khaosan Road war für mich auch eher bäh. Verstehe den Hype nicht. Zum Glück war ich zu dem Zeitpunkt schon abgehärtet was diese fragwürdigen Angebote betrifft. Am Ende fand ich Bangkok dann doch richtig Klasse.

    1. zweifellos hat Bangkok auch schöne Seiten und es gibt definitiv bessere Ecken um abzusteigen. Und danke für das Kompliment, werde mich irgendwann mal wieder dem gonzoesken Stil zuwenden… Liebe Grüsse!

    1. anders ließ sich das nicht schadensfrei darstellen ;-) Als die gesammelten Reportagen von Hunter Thompson nächtelang mein Zwerchfell attackierten, wußte ich, wie ich mir endlich das Thailand-Trauma von der Seele schreiben konnte: mit den Stilmitteln der FREAK POWER :-)

    2. Ich habe „Die Rolling-Stone-Jahre“ gelesen und kann es sehr empfehlen. Es enthält die meisten seiner Reportagen, einen Auszug aus „Fear and Loathing in Las Vegas“ und Briefwechsel zwischen den Rolling-Stone-Verantwortlichen und Hunter, die einen Einblick in seine „Arbeitsweise“ bieten. Das Buch ist eine gute Annäherung an seine Person – ein ziemlicher Wälzer, aber unbedingt lesenswert. Ansonsten direkt zu „Fear and Loathing in Las Vegas“ greifen. Es gibt neben der Verfilmung dieses Buches auch noch den Film „when the buffalo roams“, in dem seine journalistische Arbeit stärker im Vordergrund steht.

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