Dalarna wirkt wie Schweden im Miniaturformat. Die Region im Zentrum des skandinavischen Landes ist bekannt für rote Holzhäuschen, Mittsommerfeste, endlose Wälder und riesige Seen. Auf einer Reise durch Dalarna, das so groß ist wie Belgien, erzählen Kerstin Sahlin, Anders Åkerberg und Andreas Hermansson Geschichten vom Vogel Strauß, von Knäckebrot so groß wie Schallplatten und von einem Dorf ohne grelles Licht.
Die Luft ist kalt am frühen Morgen. Der Himmel leuchtet rosa. Die Umrisse dunkler Hügel zeichnen Wellen in den Horizont. Auf dem Siljan schwebt der Herbstnebel wie Rauch über einem Feuer. Der 20 Kilometer lange See bildet die geografische Mitte von Dalarna, einer alten Kulturlandschaft und „Perle“ der Natur. Landwirtschaft prägt den sanft von Flüssen und Wiesen durchzogenen Süden der Region, die so groß ist wie Belgien, aber nur etwa 280.000 Einwohner hat. Im wilden Norden stehen riesige Nadelwälder und die kargen Fjällberge, durch die Wölfe, Elche und Bären streifen.
Das Rot des Kupfers
Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert war Dalarna industrielles Rückgrat Schwedens. Aus dem Stein schlugen sie Erze. Bäume lieferten Holzkohle für die Verhüttung. Und über das Wasser schipperten Eisen, Blei oder Zink in die Hauptstadt Stockholm. Die Kupfermine der Kleinstadt Falun war einst die größte der Welt. Heute ist das UNESCO-Welterbe wie alle anderen Gruben der Region geschlossen. Ihr Schlamm wurde allerdings zur ikonischen Signatur des ganzen Landes: als rote Hausfarbe.
In Stjärnsund rücken Arbeiterkaten, historische Gutshöfe und Werkshallen nah an das Ufer des Grycken-Sees. Sein Wasser glitzert durch Birkenhaine. Etwa 160 Leute wohnen noch in dem Dorf, in dem um 1700 die ersten modernen Fabriken Schwedens entstanden. In der historischen Transformator-Station arbeitet Tyler Domsic. Der 37-Jährige braut Craftbier mit lokalem Hopfen. „Wir verstehen uns als Kreativlabor, wollen Angebote machen und Jobs schaffen“, sagt der gebürtige Amerikaner und schenkt Gerstensaft mit den Namen Polhem, Emerentia und Cronstedt ein; alles Erfinder und Pioniere, die Dalarna in den vergangenen Jahrhunderten veränderten.
Wie früher scheint das Leben der Bauern. Leuchtend rote Farmen liegen weit auseinander auf Hügeln, umringt von schmalen Feldern und Wiesen für ein paar Rinder. Holzhäuser, Ställe und Speicher drängen sich aus Schutz vor den eisigen Wintern trutzig aneinander. Weil das Klima rau ist und die Böden karg, verdienen die Landwirte seit jeher als Holzfäller oder Handwerker dazu. Kleine, nahezu autarke Familienbetriebe sind noch heute typisch für Dalarna, genauso wie die Folklore.
Die Liebe zu Traditionen
„Auf Feiern wie dem Mittsommerfest und Hochzeiten spielen wir Volksmusik, Frauen tragen Trachten mit Blumenornamenten und Männer Kniebundhosen sowie Westen“, erzählt Kerstin Sahlin und lacht, denn die 73-Jährige hat mit ihrem Mann Gunnar die Traditionen durchbrochen. Da der eigene Hof unrentabel war, bauten die Sahlins vor 30 Jahren die erste Straußenzucht Schwedens auf. „Anfangs wollte keiner das Fleisch, Leder oder Federn kaufen“, erinnert sich Kerstin. Mittlerweile führen die beiden ein Restaurant für Straußen-Spezialitäten und einen urigen Hofladen mit Dutzenden Produkten vom größten Vogel der Welt.
Anpassen mussten sich die Menschen in Dalarna schon immer: an die Natur oder das Ende des Bergbaus. Altes wird jedoch ungern ausgemustert, lieber verwandelt. Als die letzte Knäckebrot-Fabrik der Region, in der mit Holz gebacken wurde, pleiteging, startete Anders Åkerberg ein Crowdfunding. Über 700 Leute zahlten ein, um die Bäckerei zu retten. Das Knäcke aus Roggen von „Skedvi Bröd“ sieht wie eine Schallplatte aus, mit einem Loch in der Mitte zum Aufhängen gegen Mäusediebe. Es schmeckt erdig, leicht säuerlich, mit zarten Röstaromen. In der Markthalle nebenan gehen Fleisch, Käse, eingelegter Fisch über die Theke. „Unser Erfolgsrezept sind hochwertige, regionale Produkte“, sagt Manager Åkerberg, der von einem kulinarischen Begegnungsort träumt.
Wie aus der schwedischen Seele geschnitzt erscheint Tällberg. Das ehemalige Bauern- und Almendorf schmiegt sich 300 Meter über dem Siljansee in die Hügel. Alle Gebäude sind aus Holz, mit Grasdächern, gedrechselten Giebeln und Veranden mit Blick über das meergroße Wasser. Ein paar Hotels verstecken sich im Dorf, in dem es bedächtig zugeht. „Wir pflegen einen Stil ohne Beton, Lärm und Licht. Ampeln oder blinkende Reklame gibt es bei uns nicht“, erklärt Andreas Hermansson, der als Guide durch Tällberg und die Umgebung führt – ein Paradis für Wanderer, Biker und Fans der Mittsommertradition. „Jedes Dörfchen feiert hier Ende Juni sein eigenes Fest, und ganz traditionell“, sagt Hermansson.
Die unberührte Natur
Am anderen Ufer des Siljan steht Mora. Seit 1922 verwandelt sich das Örtchen im März in die Bühne für den spektakulärsten Skilanglauf der Welt: den „Vasaloppet“. 16.000 Athleten versuchen sich jedes Jahr an der 90-Kilometer-Strecke durch verschneite Täler und zugefrorene Seen. Das Volksfest überträgt das Fernsehen live. Sonst ist Mora ruhig und als Tor in den wilden Norden von Dalarna bekannt. Knapp zwei Stunden dauert die Autofahrt in den Nationalpark Fulufjället. Die Landschaft an der Grenze zu Norwegen ist so groß wie die Mittelmeerinsel Malta. Auf den windigen Hochebenen wachsen Moose und Flechten auf rötlichem Sandstein. Weiter unten breiten sich uralte Fichten- und Birkenwälder aus, durchzogen von Bächen, Mooren und Schluchten. Mit ein wenig Glück sehen Wanderer Elche oder Steinadler.
Wer im Norden von Dalarna unterwegs ist, hat es nicht weit zu den ersten Siedlungen der Samen in Schweden. Die Ureinwohner Skandinaviens züchten in der Grenzregion zu Norwegen Rentiere, die frei zwischen den Ländern umherziehen. Nur wenige Straßen führen in die Wälder und Berge, in denen die Samen traditionell jagen und fischen. In Dalarna scheint tatsächlich alles zusammenzukommen, was Schweden ausmacht.
Serviceinformationen
Anreise
Eurowings, SAS und Lufthansa fliegen Stockholm von Deutschland direkt an. Von der schwedischen Hauptstadt geht es mit dem Leihauto oder der Bahn weiter; etwa alle drei Stunden fährt ein Zug in die größte Stadt Dalarnas, nach Borlänge.
Übernachten
Garpenberg Slott bei Hedemora, das Dalecarlia in Tällberg und das Kungshaga bei Mora sind gute Hotels mit ganz eigenem Flair.
Essen und Trinken
Abstecher zur Bierbrauerei in Stjärnsund, in die Knäckebrotfabrik Skedvi Bröd, das Straußen-Restaurant der Sahlins und zur Murboannas Molkerei lohnen auf alle Fälle.
Touren
Kultur‑, Wander- und E‑Bike-Touren rund um den Siljansee bietet Nordic Connect Travel. Einfach bei Andreas Hermansson per Mail unter andreas@nordicconnecttravel.com anfragen.
Weitere Informationen
Die Reise wurde von Visit Dalarna unterstützt
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