Andacht in Ruinen

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Andacht in Ruinen

Seit Jahren hatte ich mit glühenden Augen Berichte über Angkor verschlungen. Die Ruinenstadt, die nach ihrem Niedergang von Dschungel überwu­chert wurde, zog mich magisch an.

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Von den viertau­send Inseln im Süden von Laos fuhr ich über 20 Stunden bis in den Westen Kambodschas. Siam Raep liegt direkt vor den Toren Angkors. Der Stadt ist deutlich anzumerken, wie rasant sie in den letzten zwei Jahrzehnten gewachsen ist, seit zu Beginn der 90er-Jahre die Demokratisierung der kambo­dscha­ni­schen Gesellschaft einge­setzt hat. Wenn ich die gewal­tigen Hauptverkehrsadern verließ und mich mit dem Fahrrad auf eine Erkundungsfahrt in die kleinen Gassen treiben ließ, landete ich schnell in Vierteln, die fast ländlich anmuten. Wasserbüffel kreuzten meinen Weg. Der Kontrast zwischen den herrschaft­li­chen Hotelanlagen und den ärmli­chen Behausungen, die nur einen Steinwurf entfernt liegen, erschlug mich glatt. Das Nachtleben stieß mich ab. Die Pub Street kam mir wie eine Miniaturausgabe der Kaosan Road vor. Bei meinem Besuch bekam ich so lange Kokain und Frauen von zwielich­tigen, schmie­rigen Gestalten angeboten, bis ich angeekelt das Weite suchte.

Längst ist Angkor wieder eine der meist­be­suchten Touristenattraktionen Südostasiens. Der Tourismus boomt so sehr, dass den Ruinen der erneute Verfall droht; sie sind dem Ansturm nicht mehr gewachsen.

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Mich beein­druckte von Anfang an die Freundlichkeit der meisten Kambodschaner. Ich hatte vermutet, dass ich nach dem Frieden von Laos mit dem Land fremdeln würde. Zwar bestä­tigte sich, was ich gehört hatte: Das Leben war tatsäch­lich hekti­scherer; aber die pulsie­rende Kraft des Lebens zog mich unerwartet stark an. Während ich im Kontakt mit Laoten oft das Gefühl hatte, erst das Eis brechen zu müssen, um wirklich in Kontakt zu treten, so erschienen mir die Khmer offener und direkter. Ständig blieb ich stehen, unter­hielt mich mit Moto- und Tuk-Tuk-Fahrern, mit Händlern, Soldaten und behin­derten Menschen, die von Minen verstüm­melt worden waren. Viele erzählten erstaun­lich offen vom Krieg und ihrem Schicksal. Die Großeltern-Generation war während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in einem bestia­li­schen Genozid dezimiert worden. Wer auch nur im Verdacht stand, ein Intellektueller zu sein, war seines Lebens nicht mehr sicher. Mit Gewalt siedelte Pol Pot die Bevölkerung wieder aufs Land und träumte von einer kommu­nis­ti­schen Bauerngesellschaft. Nicht mal die Roten Khmer selbst waren im Strudel von Misstrauen und Denunziation vor den Schergen aus ihren eigenen Reihen sicher. Pol Pot hatte das denkbar grausamste Regime geschaffen. Noch heute ist das dunkle Kapitel nicht aufge­ar­beitet. Der aktuelle Premierminister ist früherer Offizier der Roten Khmer und alte Seilschaften haben noch immer Bestand. Die beacht­li­chen Einnahmen die Angkor einbringt gehen größten­teils an eine private Firma. Trotzdem schien mir die Hoffnung vieler junger Menschen auf eine bessere Zukunft groß. Selten habe ich eine dynami­schere Jugend erlebt – trotz lähmender Korruption und himmels­schrei­ender Ungerechtigkeiten. Die jungen Khmer blicken nach vorne und sind extrem offen für Einflüsse von außen.

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Wer sich auf die Standardtour begibt und sich nur einen Tag Zeit nimmt, um die Tempel in einem Rundumschlag zu besuchen, dem entgeht fast zwangs­läufig viel von dem Zauber, der von den Bauwerken ausgeht. Der wird immer noch staunend vor den gigan­ti­schen Tempeln stehen, aber es wird schwierig, inmitten von Menschenmassen, Geschnatter und Blitzlichtgewitter ein Gefühl von Mystik zu empfinden. Am Abend mag man dann in einer Bar sitzen und der Meinung sein, für die nächsten zehn Jahre genug Tempel gesehen zu haben. Die 1000 Bilder verschwinden in der Schublade. Nur ein weiterer Strich auf der Bucket List.

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Als ich am zweiten Abend loszog, um den Sonnenuntergang zu betrachten, wusste ich endgültig, was ich nicht wollte. Der Tempel, den alle Touristen ansteuern, liegt auf einer Anhöhe. Einige nutzen den Service, auf einem Elefanten nach oben getragen zu werden. Von oben hat man einen wunder­baren Blick auf den Dschungel und die Tempelanlage von Angkor Wat. Man bekommt einen guten Eindruck von den immensen Dimensionen. Alles wäre wunderbar, stünde man nicht in einer Menschentraube. Unter diesen Umständen kommt kaum Atmosphäre auf. Ich hatte mir hingegen eine existen­ti­elle Erfahrung erhofft und nahm mir daher alle Zeit, die Erhabenheit der Kulisse auf mich wirken zu lassen. Ich buchte ein Ticket, das mir inner­halb einer Woche drei Tage Eintritt verschaffte.

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Ich begann die Tempel in meinem ganz eigenen Rhythmus zu erkunden. Es gelang mir immer wieder, den Massen zu entgehen, die die Tempel wie die Lemminge besich­tigten, indem ich die Tempel in anderer Reihenfolge erkun­dete. Ich fand günstige Momente, in denen ich die Tempel fast alleine erkunden konnte.

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Wenn mir doch eine Gruppe in die Quere kam, die mit großen Bussen einfallen, wartete ich geduldig ab, bis sie weiter­ge­zogen war und ich mich wieder in die Atmosphäre versenken und sie tief in mich einzu­saugen konnte.

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Ich kehrte zum Hotel zurück, wenn ich genug in mich aufge­sogen hatte und ließ die Impressionen lange auf mich wirken und zog erst dann wieder los, wenn das Feuer in mir loderte. Die Wahl einsamer Streifzüge an der Seite eines freund­lich-zurück­hal­tenden Fahrers, der geduldig vor den Tempeln wartete, war Gold wert.

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Beim letzten Besuch habe ich die Ruinen mit dem Fahrrad erkundet. Diese Erfahrung erschien mir die indivi­du­ellste Möglichkeit, die Ruinenstadt zu erleben. Auf diese Weise erschließt sich einem die wahre Größe am eindrucks­vollsten.

Mich berauschten schon die Fahrten auf dem Rücksitz meines Fahrers: wir fuhren gemäch­lich durch die Dschungellandschaften und weitläu­figen Tempelanlagen; dabei lauschte ich den Klängen des Soundtracks von Into the wild – Musik, die mich tief im Inneren berührte. Die Zeilen die Eddie Vedder in society vortrug, schienen wie für mich geschrieben worden zu sein:

 

“It’s a mystery to me
We have a greed with which we have agreed
You think you have to want more than you need
Until you have it all you won’t be free

When you want more than you have
You think you need
And when you think more than you want
Your thoughts begin to bleed

I think I need to find a bigger place
›Cause when you have more than you think
You need more space

Society, you’re a crazy breed
I hope you’re not lonely without me”

 

Angkor war vom 9. bis zum 15. Jahrhundert das Zentrum des Khmer-Königreichs Kambuja. Als das Khmer-Reich durch Landgewinne in fortwäh­renden Kriegen mit Cham, Thai und Vietnamesen seine größte Ausdehnung erreichte, umfasste es neben Kambodscha Teile der modernen Staaten Thailand, Vietnam, Laos und Myanmar. Das mächtige Imperium erstreckte sich über ein Drittel des südost­asia­ti­schen Festlandes. Schriftlichen Aufzeichnungen haben nicht überdauert. Einzig die detail­lierten Berichte chine­si­scher Diplomaten, Händler und Reisender und die Steinreliefs  geben Zeugnis über das Leben in der Stadt.

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Angkor liegt in einer Ebene nördlich des Tonle-Sap, einem See im Westen Kambodschas. Eine ganz wesent­liche Voraussetzung für die blühende Hochkultur Angkors war der Bau eines ausge­klü­gelten und weitver­zweigten Bewässerungssystems. Das Wetter in der Region hängt vom Sommermonsun ab. Der meiste Regen fällt zwischen Juni und November. Entsprechend kurz ist die Wachstumsperiode für die Pflanzen. Dazu kommen erheb­liche jährliche Schwankungen. Manchmal bleibt der Monsun ganz aus. So sind Missernten durch Dürren oder Überschwemmungen die Regel. Die Lösung bestand in gigan­ti­schen Wasserspeichern, um den Regen in feuchten Jahren zu speichern und in trockenen wieder abzugeben.

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Bei drohenden Überschwemmungen konnte man das Wasser schnell in den Tonle-See ablaufen lassen. Diese Anlage ist ein Meisterwerk der Ingenieurkunst und bis heute sind nicht alle Geheimnisse ihrer Funktionsweise gelüftet. Der Tonle-See, der in der Trockenzeit dem Mekong zufließt, kehrt unter den Wassermassen des Monsunregens seine Richtung um und die Fläche des Sees vergrö­ßert sich immens. Es entstehen Überschwemmungsebenen – ideale Voraussetzungen für den Anbau von Reis. Der gewal­tige Fischbestand im See stellt zudem eine wichtige Proteinquelle dar. Diese Faktoren boten die Voraussetzung für die Khmer, inten­siven Reisanbau zu betreiben und damit die die Grundlage für ihre Hochkultur zu schaffen. Nur mit mehreren Reisernten konnte solch ein großes Volk ernährt und Überschüsse erzielt werden. Handel blühte auf, der den Bau der Tempelanlagen finan­zierte.

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Ich war vom ersten Moment an gebannt von Angkor. Beim Streifzug durch die Tempel ergriff mich tiefe Andacht. Ich war wie geblendet von der außer­ge­wöhn­li­chen Architektur. Auf eine merkwür­dige Weise fühlte ich mich, als würde ich heim kommen. Ich empfand Demut vor der Schöpfungskraft der Erbauer. Sie hatten sich über Jahrhunderte mit immer gewal­ti­geren Tempeln, Bewässerungsanlagen und Palästen gegen­seitig übertrumpft. Trotz aller Bewunderung, sollte man sich nicht darüber hinweg­täu­schen, dass es am Ende Sklaven und einfache Bauern waren, die sich zu Tode schuf­teten, um die Visionen der Mächtigen wahr werden zu lassen.

 

Angkor Wat ist rein von den Dimensionen das eindrück­lichste Bauwerk. Schon der erste Blick aus der Ferne sprengt jegliche Vorstellungskraft, egal wie oft man Bilder oder Videos gesehen hat. Die Spitzen der Tempel ragen lockend über die Umfassung der Außenmauer. Der Tempelkomplex liegt da wie eine Insel – umschlossen von einem gewal­tigen Wassergraben. Er scheint übermächtig und unein­nehmbar.

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Gebannt lief ich auf einem 300 m langen Damm über den mächtigen Wassergraben. Er symbo­li­sierte den Ur-Ozean und diente zugleich als Wasserreservoir. Die Außenmauer ist mit lebhaften Reliefs bedeckt, die ganze Mythenzyklen von Kriegszügen, Ritualen und Alltagsleben der Khmer am Königshof und auf den Märkten darstellen.

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Ich ließ den ersten Wall hinter mir, und stand nun auf einem weiten Vorplatz.

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Unwillkürlich fragte ich mich, wie es möglich war, solche monumen­talen Anlagen zu errichten. Was hatte die Herrscher zu solchen Visionen inspi­riert? Doch das wäre, als wollte man die griechi­sche Antike ohne die Kenntnis ihrer Mythen und philo­so­phi­schen Texte verstehen.

Nach einigen hundert Metern gelangte ich zum zentralen Komplex. Ich betrat fünf konzen­tri­sche und recht­wink­lige Höfe mit Türmen in Form von Lotosblüten, die Brahma, den Schöpfergott symbo­li­sieren.

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Von hier aus gelangt man ins Zentrum der Anlage, dem Allerheiligsten.

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Im Zentrum steht der mit 65 Metern höchste Turm.

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Darin befindet sich das Hauptheiligtum für den Gott Vishnus – den Erhalter der Welt. Der Turm symbo­li­siert den Berg Meru aus der Hindumythologie, den Mittelpunkt des Universums. Er ist ein Abbild des Kailash in Westtibet.

Die Tempelanlage ist gespickt mit Darstellungen, die in den Stein gemei­ßelt sind.

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Unweit von Angkor Wat befindet sich das Areal von Angkor Thom (die große Stadt). Mit diesem Machtzentrum hatte Angkor seine größte Ausdehnung erreicht. Im Großraum Angkor sollen etwa 750 000 Menschen gelebt haben – eine für die damalige Zeit unvor­stell­bare Zahl! Noch eindrück­li­cher als die Einwohnerzahl war die gigan­ti­sche Ausdehnung der Stadt. Man gelangt über gewal­tige Tore hinein, die einst für Elephanten gedacht waren.

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Das inter­es­san­teste Bauwerk von Angkor Thom ist das Hauptheiligtum – der Bayon.

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Es besteht aus gewal­tigen Skulptur-Türmen, die auf allen vier Seiten mit dem Antlitz Buddhas geschmückt sind. Man vermutet, dass die Gesichter gleich­zeitig den Herrscher Jayavaram VII. darstellen. Die Könige des Khmer-Reiches betrach­teten sich als irdische Inkarnation der Götter. Es ist erstaun­lich, welch leben­dige Ausdruckskraft in diesen aus massiven Steinblöcken zusam­men­ge­fügten Gesichtern liegt. Mir schien die Mimik der Gesichter tiefe Güte, Anmut und Weisheit auszu­strahlen.

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Besonders zur Zeit des Sonnenuntergangs kam ich regel­mäßig hierher. Die meisten Touristen strömten zum Aussichtspunkt für den Sonnenuntergang; am Bayon wurde es angenehm ruhig. Im schwin­denden Licht war die Majestät des Bauwerks am eindrück­lichsten. Die Gesichter schienen in der goldenen Abendsonne zu lächeln. Dann verwan­delten sie sich in Schemen. Im Dämmerlicht verwischten sich Vergangenheit und Gegenwart.

Die ältesten Tempel im Stadtgebiet von Siam Raep ist die Roulos-Gruppe, die weit außer­halb des archäo­lo­gi­schen Parks liegt und von deutlich weniger Touristen besucht wird:

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Besonders faszi­nie­rend fand ich die Anlage von Bantey Srei, die sich ebenfalls einige Kilometer abseits der Hauptheiligtümer befindet. Sie wurde der Legende nach von einem Brahmanen in Auftrag gegeben – als Priester und Gelehrter Angehöriger der höchsten indischen Kaste. Er war der Guru eines Herrschers von Angkor. Die Tempel sind mit leben­digen Darstellungen aus der Mahabharata geschmückt, einem der Epen in den Veden, den Ursprungstexten, auf denen der Hinduismus basiert. Mythologische Bilder mit Tempeltänzerinnen, Göttern und Dämonen schmü­cken die Tempel genauso wie Alltagsszenen.

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Der Hinduismus gelangte durch Händler und Brahmanen von Indien aus nach Kambodscha. Für mich war spannend, der indischen Kultur in den Tempeln von Angkor zu begegnen. Genau dieser Route war ich gefolgt: von den Höhen des Himalaya bis nach Südostasien. Immer dabei: Lord Shiva

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Shivas Reittier Nandi:

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Erst später wurden die Heiligtümer Angkors in buddhis­ti­sche Wats (Klöster) umgewan­delt.

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Dabei vermischten sich hindu­is­ti­sche und buddhis­ti­sche Elemente mit den früher vorherr­schenden von Geistern und Dämonen.

 

Meine Lieblingstempel waren Ta Prohm und Preah Khan. Im Gegensatz zu den meisten anderen Tempeln lässt man hier zu, dass Baumriesen auf den Mauern und Tempeln wachsen. Das erweckt den Eindruck, als erobere sich der Dschungel die Tempel zurück, und vermit­telt ein Gefühl davon, wie Angkor gewirkt haben muss, als es nach seinem Niedergang vollständig vom Dschungel überwu­chert war. Gerade das grüne Labyrinth des Dschungels trägt erheb­lich zur mysti­schen Atmosphäre bei, einer Aura vergan­gener Zeiten und einer vergan­genen Welt. Die Natur zeigt deutlich, wie schnell sie sich nach dem Niedergang einer Hochkultur zurück­holt, was ihr der Mensch in Jahrhunderten abgerungen hat.

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Ich meinte zu erahnen, wie sich Henri Mouhot gefühlt hatte, als er 1860 auf diese unglaub­li­chen Bauwerke inmitten des Dschungels stieß. Sein Bericht machte Angkor in Europa bekannt. Angkor war jedoch nie in Vergessenheit geraten. Die Khmer wussten auch nach dem Niedergang um die Existenz der alten Tempel. Angkor Wat wurde durch­gängig verehrt, das Umland von Reisbauern und Fischern bewohnt.

Immer wieder ließ ich mich in einsamen Nischen nieder und genoss die wunder­volle Atmosphäre für einige Stunden: Ich lauschte den Klängen des umgebenden Dschungels; ich war umgeben von mächtigen Bäumen, Tempeln und Mauern, fühlte mich erfüllt und glück­lich. Ich spürte, wie sich tiefer innerer Frieden in meinem Herzen ausbrei­tete. Ich gab mich diesem Gefühl voll hin.

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Ich liebte es, durch die dunklen Räume zu schlei­chen, jeden Winkel zu erkunden, dem Schattenspiel zu folgen und dann wieder im gleißenden Licht der Sonne zu stehen und auf den Dschungel zu blicken; wann immer ich die Tempel durch­streifte, empfand ich kindli­ches Staunen und Ehrfurcht; Das Gefühl von Zeitlosigkeit und Frieden war vollkommen. Die Größe der Herrscher Angkors war lange vergangen; aber sie haben etwas geschaffen, was uns noch heute tief im Inneren berührt und uns daran erinnert, welche Schöpferkraft wir in uns tragen. Die Frage ist nur, wie wir sie einsetzen: zum Wohl oder zum Verderb der Menschheit.

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Der Verfall der Bauwerke, die noch heute solche Andacht auslösen können, war einer der eindrück­lichsten Erfahrungshorizonte für mich: Weltreiche gelangen zu Größe, Macht und Ruhm. Sie entwi­ckeln außer­ge­wöhn­liche Kultur. Doch diese Konzentration an Macht war nur möglich, weil sie auf dem Rücken vieler Menschen ausge­bildet wurde, die viel Verachtung, Unterordnung und Leid kannten. Irgendwann ist jedes Großreich durch seine Dekadenz zugrunde gegangen. Auch die Gesellschaft von Angkor war kolla­biert. Es war wohl eine ganze Reihe von Faktoren, die zum schlei­chenden Untergang des Khmer-Reiches geführt hatten. Schon lange waren die Bäume an den steilen Hängen der nahen Kulen-Berge im Norden der Stadt vollständig abgeholzt worden. Erosion führte zu Überschwemmungen; Sedimente setzten sich in den Bewässerungskanälen fest. Es kam zu einem Klimawandel. Sowohl die Dürren als auch die Überschwemmungen wurden immer verhee­render. Es gelang nicht mehr, das Wassersystem an diese Extreme anzupassen. Das Khmer-Reich stellte sich neu auf und verla­gerte seinen Schwerpunkt von der Landwirtschaft in den Ebenen von Angkor auf den Seehandel mit Indien, China und der islami­schen Welt von Pnom Penh aus, bis die Vietnamesen die Khmer überflü­gelten. Schließlich konnte man dem Druck der Thai aus dem Westen und den Vietnamesen aus dem Osten nichts mehr entge­gen­setzen.

 

Vielleicht liegen diese Wellenbewegungen in der Natur der Schöpfung: Geburt, Aufstieg, Größe, Übermaß und Niedergang. Weltreiche sind entstanden und wieder vergangen. Doch niemals zuvor besaß die Menschheit solch zerstö­re­ri­schen Waffen und einen solch (selbst)destruktiven Lebensstil. So stellt sich mir die Frage, ob wir als ganze Spezies vor dem Untergang stehen, ob sich die Natur überhaupt noch von unserem drohenden Kollaps erholen kann oder ob wir nicht doch einen Weg finden, aus den wieder­keh­renden Fehlern der Geschichte zu lernen und eine weitere Stufe in der Evolution zu erklimmen, und zu einem Gleichgewicht finden, das uns auch in Zukunft Existenz ermög­lich.


Kommentare

  1. Avatar von Mat
    Mat

    Sehr schöner und ausführ­li­cher bericht!

    Würdest du denn sagen das die tempel mehr athmo als die indischen haben? Und:
    – kann man in der anlage auch selber mit einem moped rumfahren ? ($?)
    – wie sind die eintritts­preise ca.?
    Danke dir,
    mat

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Vielen Dank, Mat!

      Da die Tempel von Angkor stark indisch beein­flusst sind, ist das unmög­lich zu beant­worten, zumal das Wahrnehmen der Atmosphäre auch immer stark von den inneren Gefühlen abhängt. AM ehesten könnte ich Angkor mit Hampi in Südindien verglei­chen (dazu kommt auch noch ein Beriht bei gelegen­heit). Beide Orte haben mich auf unter­schied­liche Weise ähnlich stark angezogen.
      Mit dem eigenen Moped die Tempel zu erkunden, ist nicht erlaubt, bleibt die Wahl eines Motoroller-Fahrers oder das Fahrrad. Bei meinem letzten Besuch galt noch 1 Tag 20 Us-DOllar, 3 Tage 40 US-Dollar. Scheint noch aktuell zu sein.

      Liebe Grüße!

      Oleander

  2. Avatar von Sylvia Schilling
    Sylvia Schilling

    Ein wunder­barer Bericht. Ich werde in zwei Wochen dort sein. Ich freue mich schon sehr!

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Vielen Dank, Sylvia! Leider kam ich jetzt erst zu einer Antwort. Ich hoffe Du hattest eine wunder­bare Erfahrung in den Ruinen! Ganz liebe Gruesse! Oleander

  3. Avatar von Michael Jahn

    Einfach Wahnsinn, sehr schöner Bericht und beein­dru­ckende Fotos von dieser faszi­nie­renden Architektur. Danke!

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Danke schön, Michael! Freut mich, dass Dir der Bericht und die Photographien gefallen! Die Architektur ist in der Tat umwer­fend, das können die Bilder nur ansatz­weise abbilden. Liebe Grüße! Oleander

  4. Avatar von Claudia

    Vielen Dank für den spannenden Bericht! Wir werden im kommenden März endlich dort sein. Ich träume da auch schon seit Jahren von. Interessant fand ich, dass Dir Ta Prohm so gut gefallen hat. Von den Fotos, die ich über die Jahre gesehen habe, reizt dieser mich auch am meisten. Bin gespannt ob ich das dann vor Ort auch so sehe.
    LG, Claudia

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Sehr gerne, Claudia! Ich freue mich, dass der Bericht auch gelesen wird. Im Ta Prohm gab es einfach einen Platz, an dem ich immer alleine sein konnte und die Atmosphäre voll auf mich wirken lassen konnte. Aber am Ende haben die Tempel jeder für sich seine Reize, mindes­tens so beein­dru­ckend fand ich die abend­liche Atmosphäre am Bayon und die schieren Ausmaße von Angkor Wat. Manchmal ist es aber auch ein allein stehender, kaum besuchter und verfal­lener Tempel im »Dschungel«, der die Phantasie beflü­gelt. Architektonisch außer­ge­wöhn­lich ist auch die Tempelanlage Banta Srey. Es gibt einfach unheim­lich viel zu entde­cken und Angkor ist auch bei weitem nicht die einzige Tempelanlage aus der Hochzeit der Khmer in Kambodscha. Für Kinder ist das sicher auch ein unver­gess­li­ches Erlebnis! Ich hoffe, Ihr dürft ähnlich faszi­nie­rende Erfahrungen machen! Liebe Grüße! Oleander

  5. Avatar von Philipp Laage

    Toller Bericht, Oleander. Sehr ausführ­lich und mit viel Hintergrundwissen gespickt.

    Ich war im August in Angkor. Tatsächlich sind alle Menschen am frühen Morgen an dem großen Teich stehen geblieben, um den Sonnenaufgang zu sehen bzw. zu fotogra­fieren, was ja gar keinen Sinn ergibt, weil die Sonne hinter den Ruinen aufgeht und diese darum nur schwarz erscheinen. Jedenfalls hatte ich die Hauptanlage von Angkor Wat ungefähr eine Stunde für mich allein.

    Durchaus ein spiri­tu­elles Erlebnis, irgendwie.

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Vielen Dank, Philipp, freut mich sehr, dass Dir der Bericht gefällt! Leider sind wir ja (noch) nicht dazu gekommen, uns persön­lich über Kambodscha auszu­tau­schen.
      Schon lustig, was Gruppendynamik erzeugen kann und umso besser, wenn Du das für Dich nutzen konntest, um Angkor Wat ganz für Dich alleine zu haben. Für mich war der Besuch eine sehr spiri­tu­elle Erfahrung! Das galt haupt­säch­lich für die Tempel, die von Baumriesen überwu­chert sind.
      Liebe Grüße! Oleander

  6. Avatar von Aylin

    Lieber Oleander, Du verknüpfst wunderbar Geschichte, Gegenwart und Deine eigene Subjektivität. Vor allem Dein Endgedanke gefällt mir sehr gut! LG, Aylin

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Lieben Dank für Deine tolle Rückmeldung, Aylin! Gerade der Endgedanke ist mir sehr wichtig und ich hab mich sehr gefreut, dass Du darauf einge­gangen bist und er Dich angespro­chen hat. Ganz liebe Grüße! Oleander

  7. Avatar von ch.grygier

    Hallo… toll geschrieben und schön anschau­lich der Bericht. Konnte vieles gut nachemp­finden, ging mir auch so als ich vor 3 Jahren selbst dort war und ziemlich begeis­tert war von diesen bauwerken und der tatsäch­lich mysti­schen Stimmung in die man geraten kann, nicht muss… Beste Grüße aus berlin *Christian*, 48J

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Vielen Dank, Christian! Schön, dass Du Dich reinfühlen konntest. Mit einem 7‑Tage-Pass hast Du den Besuch ja schön ausge­reizt. Ich bin auch der Meinung, dass 3 Tage das absolute Minimum sind, um die Ausmaße der Tempelanlagen richtig zu begreifen. Spiritualität oder Mystik kann man natür­lich nicht herbei­zau­bern, umso schöner wenn man Zugang dazu findet. Liebe Grüße! Oleander

  8. Avatar von Nina Soentgerath via Facebook
    Nina Soentgerath via Facebook

    Sehr schöner Artikel. Ich war vorletzte Woche dort und habe mir einen lang gehegten Traum erfüllt!

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Danke, Nina! Schön, dass Du Dir diesen Traum erfüllen konntest. Für mich hat der Besuch auch mindes­tens das gehalten, was ich mir erhofft hatte und ich würde jeder­zeit nochmal dorthin reisen! Liebe Grüße! Oleander

  9. Avatar von Biene

    Ein toller Bericht. Ich war erst im Oktober in Angkor – und selbst zur Hauptzeit lassen sich ruhige Momente inmitten der erhabenen Bauwerke erleben – man muss sie nur einge­hend suchen und antizy­klisch vorgehen.
    Danke für diese schön geschrieben Erinnerung an ein tolles Erlebnis.
    Viele Grüße,
    Sabine

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Vielen Dank, Sabine! Ich gebe Dir unein­ge­schränkt recht! Viele suchen aller­dings gar nicht danach, ihnen ist das eigene Konterfei vor den Tempeln und das abend­liche Besäufnis wichtiger, was ich persön­lich sehr schade finde! Erst wer sich richtig einläßt, erkennt die wahre Größe dieser unver­gleich­li­chen Bauwerke.
      Liebe Grüße! Oleander

  10. Avatar von Die See kocht via Facebook

    Ich war in der Regenzeit 1998 dort und hatte fast alle Tempel für mich allein. (Dank eines privaten Moped Taxi) trotzdem schön, dass man die stillen Momente noch findet.

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Ein Besuch in der Regenzeit ist sicher auch heute noch die sicherste Variante, um den Massen zu entgehen; ich war jeweils im März da. Der Ansturm auf die Tempel hat seit dem Ende der 90er erheb­lich zugenommen. Mit viel Geduld und kreativen Erkundungstouren kann man stille Momente glück­li­cher­weise auch heute noch erhaschen. Steuert man weniger bekannte Tempel an, kann man stunden­lang in der Atmosphäre versinken.

  11. Avatar von Peter Speit via Facebook

    …sehr schöner bericht. ich war zweimal in ankor.….…

    1. Avatar von Oleander Auffarth

      Herzlichen Dank, Peter! Mein Bericht basiert ebenfalls auf zwei Besuchen in Angkor in den Jahren 2011 und 2014. Liebe Grüße! Oleander

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