Nova Scotia ist ein maritimes Erlebnisrevier. Die kanadische Provinz am Atlantik besitzt über 13.000 Kilometer Küste, die höchsten Gezeiten der Welt und unzählige Wasserwege.
Halifax: Hafenstadt und Tor für Einwanderer
Wer Halifax sehen will, muss auf den Citadel Hill. Unter dem Hügel mit der historischen Festung drängen sich die Straßen und Häuser bis zum Hafen. Dahinter öffnet sich eine riesige Bucht mit Inseln und dem Ortsteil Dartmouth am anderen Ufer. Im 18. und 19. Jahrhundert war Halifax wichtigster Marinestützpunkt der Briten im Nordatlantik. Heute ist die Hauptstadt der Provinz Nova Scotia eine entspannte Metropole mit gut 400.000 Einwohnern und ein idealer Ausgangspunkt für eine Tour durch Kanadas Osten.
Die starte ich in einem Bauernmarkt an der Uferpromenade. In der Halle preist eine Händlerin Clam Chowder, Muschelsuppe mit Speck und Sahne. An anderen Ständen duften polnische Piroggen, mexikanische Tacos und jamaikanisches Ziegencurry. Als erstes Land der Welt verankerte Kanada das gleichberechtigte Zusammenleben verschiedener Kulturen im Gesetz. „Wir haben alle nebeneinander Platz“, sagt Bella Doucette, die französische Vorfahren hat und wilde Blaubeeren verkauft. Beim Markt steht ein Backsteingebäude, das von der Hoffnung erzählt. Das „Canadian Museum of Immigration“ war der Terminal, an dem die Dampfer der Einwanderer anlegten. Über eine Million Menschen kam zwischen 1928 und 1971 in Halifax an. Jetzt machen Kreuzfahrtschiffe am Pier 21 fest.

An der legendären Wasserfront der Stadt verschwimmt die Zeit: Hightech-Yachten dümpeln neben alten Fregatten. Stahlkunst steht auf Holzbohlen. Werften schieben sich zwischen Bürotürme, Cafés, Imbissbuden und alte Lagerhäuser. In einem schenkt die Brauerei Alexander Keith aus. „Die Leute in Nova Scotia sind offen und gastfreundlich“, meint Duncan Fraser. Der Kellner studiert Maschinenbau an einer der sieben Hochschulen der Stadt. Sein Tipp, die »Craftbeer«-Runde. Ein Dutzend Häuser würde klasse Gerstensaft brauen, schwärmt der 26-Jährige. Ich gehe in das „Maritime Museum“ und tauche in die Tragödie der Titanic ein. Die Schiffe, die die Toten bargen, fuhren 1912 von hier zum Unglücksort bei Neufundland. Drei Tage brauchten sie.
Von Peggy’s Cove bis in den Kejimkujik-Nationalpark
Außerhalb von Halifax beginnt ein Labyrinth aus Buchten, Inseln und Wasserarmen. Obwohl kaum größer als Niedersachsen, hat Nova Scotia über 13.000 Kilometer Küste und über 9.000 Seen. Ich fahre Richtung Süden, nach Peggy’s Cove. In dem Fischerdorf schwojen Hummerboote. Auf den Stegen türmen sich die Fallen. Ein typisches Bild für Nova Scotia. Die Krustentiere sind das „rote Gold“ der Provinz und recht günstig auf jeder Speisekarte zu finden. In Lunenburg steigen die Straßen vom Hafen steil an. Geschützt vor dem Atlantik ziehen sich bunte Holzhäuser die Altstadt hoch, die zum UNESCO-Welterbe gehört.
Die ersten Einwohner kamen im 18. Jahrhundert aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Sie siedelten auf dem Land der Mi’kmaq, dem indigenen Volk von Nova Scotia. „Im Sommer fischten unsere Vorfahren an der Küste und jagten Wale. Im Winter fuhren sie mit Kanus ins Landesinnere“, erzählt Jonathan Oickle. Ich treffe den Ranger im Kejimkujik. Der Nationalpark unterscheidet sich stark von der kargen Küste mit ihren Heide- und Salzwiesen. Dichte Wälder durchziehen das Gebiet, in dem die Mi’kmaq schon vor Jahrtausenden lebten.
Der 27-Jährige von Parks Canada zeigt Felszeichnungen: den mythischen Kulloo-Vogel, Karibu-Jagd, Menschen in traditioneller Kleidung. Die Bilder hielten die Erinnerungen einer Kultur fest, die ihre Geschichte vor allem mündlich weitergab. Die First Nations ritzten über 500 Petroglyphen in Steine an Seen und Flüssen. „Wir führen nur zu einer Fundstelle“, sagt Oickle und erklärt: „Die heiligen Stätten sind Teil unserer gelebten Welt und keine Attraktionen.“ Ich wandere weiter durch den Hemlock-Forst im Nationalpark, einen der letzten Urwälder der Provinz. Unter Tannenriesen mit dichten Kronen wachsen Moosteppiche. Es ist feucht und still.

Bay of Fundy: die höchsten Gezeiten der Welt
An der Nordwestküste von Nova Scotia, zu der man vom Kejimkujik gerade eine Stunde fährt, tobt die Natur. Die Bay of Fundy hat die höchsten Gezeiten der Welt. Über 16 Meter können zwischen Ebbe und Flut liegen. Das Wasser schwingt wie in einer Badewanne vom Atlantik bis tief ins Land und baut Tiden auf, die hoch sind wie fünfstöckige Häuser. Dabei bewegt das Meer jeden Tag rund 640 Milliarden Tonnen Wasser. Neun Jahre dauert es, bis diese Menge aus dem Rhein in die Nordsee fließt. Hier wechselt die Landschaft dramatisch: Inseln, Seegraswiesen und algengrüner Boden heben sich aus dem Wasser. Um sechs Stunden später wieder in riesigen Buchten abzutauchen.

Mit Kienan Corbus paddle ich zu den „Three Sisters“, die im Cliffs of Fundy Geopark liegen. Die von der UNESCO anerkannte Landschaft verbindet mehr als 40 kulturell und geologisch wichtige Orte. Die Felstürme gehören dazu, weil ihr Lavastein der Erosion trotzt. Die Mi’kmaq erzählen laut Wilderness-Guide Kienan eine andere Version. Demnach verwandelte der mythische Held Kluskap drei Zauberinnen in die gewaltigen Felsnadeln, weil sie ihn bei der Jagd ärgerten.
In Eatonville Harbour schieben wir unser Kajak an den Strand. Früher lebten hier ein paar hundert Leute, die in Sägewerken und Werften arbeiteten. „Als Dampfboote die Segelschiffe ablösten, gingen die Leute weg“, erklärt Kienan. Nichts ist mehr da. Kein Stein. Keine Planke. Alles hat das Meer mitgenommen. „Kilometerlange einsame, spektakuläre Küste. Das reizt mich“, sagt Kienan, der seit zehn Jahren als Guide an der Bay unterwegs ist. Er deutet zum Cape d´Or. Am „Goldkap“ stürzen orange und rostrot leuchtende Klippen fast 100 Meter tief ins Meer. Darüber schwebt Wald wie ein grünes Band.

Annapolis Valley: Wein, Cidre und das Erbe der Akadier
Den rauen Felsen gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht, erstreckt sich das Tal von Annapolis. Apfelbäume stehen in Reihen auf sanften Hängen, Weinreben ziehen Linien durch Maisfelder. Straßen winden sich um weiß gestrichene Farmen. Im „Garten“ von Nova Scotia ist es im Frühling und Sommer eher kühl, im Herbst oft lange mild. Ideal für Obst und robuste Weißweine wie Riesling oder Chardonnay. Zwei Dutzend Güter produzieren mittlerweile Wein im Annapolis Valley, das mit seinen grünen Hügeln an das Loiretal in Frankreich erinnert.
In Wolfville kann man den Rebensaft und Cidre der Region testen. Die Universität der kleinen Stadt wurde 1838 gegründet und gehört damit zu den ältesten Hochschulen Kanadas. Sie ist nach „Acadie“ benannt, dem wichtigsten Siedlungsgebiet der Franzosen an der Bay of Fundy im 18. Jahrhundert. Die Akadier bauten Deiche gegen die Gezeiten, entwässerten die Salzwiesen und machten daraus Äcker. Sie wurden später von den Briten vertrieben, doch ihre Kultur und Sprache sind Teil von Nova Scotia geblieben.
Reisetipps für Nova Scotia
Anreise: Von Frankfurt direkt nach Halifax mit Discover Airlines.
Einreise: Eine „Electronic Travel Authorization“ muss sein. Wichtig: eTA nur auf der offiziellen canada.ca-Seite beantragen. Drittanbieter verlangen überhöhte Gebühren.
Mietauto: Pkw kosten ab 25 bis 30 Euro pro Tag.
Übernachten: Historisch geht es im „Lord Nelson“ in Halifax zu. Die Mersey River Chalets verstecken sich am Kejimkujik Nationalpark. Das Weingut Grand Pré bei Wolfville vermietet Suiten in einem Haus von 1828. Die Zimmer von NovaShores Adventures in Advocate Harbour haben einen Wohnraum mit Kamin. Und das Four Seasons Retreat liegt im UNESCO Geopark direkt an der Bay of Fundy.
Essen: Der „Lobster Trail“ verknüpft als kulinarische Route Restaurants mit Hummer-Signatur-Gerichten. Ein Must-go für Fans innovativer Küche ist das „Wild Caraway“ in Advocate Harbour.
Infos – Viele Tipps stehen auf novascotia.com/de.
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Die Reise wurde von Tourism Nova Scotia unterstützt.


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