Wald oder Fluss, Hafen oder Museum, Küste oder Insel: Die Region Kotka-Hamina an der Südostküste Finnlands bietet einen faszinierenden Mix aus Natur und Kultur.
Vielleicht liegt es am spärlichen Verkehr. Vielleicht am Wald und den Felsen, die sich neben der Straße wie Mauern aufbauen. Oder am Blick auf sonnenglitzerndes Wasser. Die Fahrt entlang der Südostküste Finnlands jedenfalls überrascht. Viel Natur, kaum Orte, so geht es die zwei Stunden von der Hauptstadt Helsinki bis nach Hamina.
Hamina: Festungsstadt am Finnischen Meerbusen
Die Kleinstadt ist die älteste Siedlung der Region. Im 18. Jahrhundert bauten die Schweden hier eine kreisförmige Festung, wie mit dem Zirkel gezogen. In der Mitte thront das Rathaus auf einem achteckigen Platz, von dem die Straßen der Altstadt wie Speichen eines Rades nach außen laufen. Über Kopfsteinpflaster schlendert man an bunten Holzhäusern mit schmucken Höfen und Gärten vorbei, in denen sich Museen, Cafés und Boutiquen verstecken.
In der 1837 erbauten orthodoxen Kirche der »Heiligen Apostel Peter und Paul« spreche ich Pavel Pugovkin. „Bei uns ist jeder willkommen, um zur Ruhe zu kommen oder zu beten“, sagt der Priester der orthodoxen Kirche Finnlands, die zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel gehört. Von dem Gotteshaus, das wie ein antiker Tempel aussieht, sind es gerade 500 Meter zum Meer. Mit langen Armen schiebt es sich an Hamina heran. Typisch für die wenigen Orte am Finnischen Meerbusen.

Orte voller Überraschungen
Buchten und Inseln schützen auch Kotka, die als die Parkmetropole des Landes gilt. Ein Netz aus gestalteten Landschaften durchzieht die Hafenstadt, die früher von der Holzindustrie geprägt war. Alle Parks sind verschieden. In einem reihen sich Blumen und Linden geometrisch auf. In einem anderen gedeihen Heilkräuter an Festungsruinen. Oder Wiesen reichen bis ans Meer. Spektakulär ist Sapokka. Die Wasserwelt mit einer 20 Meter hohen Kaskade wirkt erstaunlich natürlich.
Ein perfekter Blick auf das 50.000-Einwohner-Städtchen an der Mündung des Flusses Kymijoki öffnet sich von der Dachterrasse des Vellamo. Außen wie eine Welle designt, verbindet das 2008 eröffnete Zentrum drei Museen, die die maritime Geschichte und Kultur Finnlands zeigen. Gleich daneben liegt die „Tarmo“, der älteste Eisbrecher der Welt. Ich laufe weiter zur Tekla I.
Kaunissaari: Inselleben im finnischen Schärengarten
Die Fähre schippert von Kotka nach Kaunissaari. Knapp zwei Stunden dauert die Passage an flachen, bewaldeten Inseln mit Sommerhäusern und Fahnenmasten vorbei; sie ist wie viele öffentliche Verbindungen in die Schärengärten Finnlands kostenlos. Im Hafen von Kaunissaari drängen sich rote Bootsschuppen und Speicher ans Wasser, dahinter ducken sich Holzhäuser und schmale Wege unter einen dichten Kiefernwald. Ab dem 18. Jahrhundert wohnten auf der Insel einige Dutzend Fischerfamilien. Sie fingen Hering und Robben.
Kommerzielle Jäger gibt es nicht mehr. Und die alte Schule lässt sich wie einige andere Unterkünfte mieten. Doch zwischen den Katen lagern noch immer Netze und Reusen. Korkbojen stehen im Gras. An einem Schuppen hängen Handsäge, Schaufel, Waschbrett. Neben einer Schwengelpumpe steht eine Zinnkanne. Wie vergessen. Zeit scheint ausgesperrt. „Zehn Leute leben das ganze Jahr auf der Insel“, sagt Ville Laakso, der den Krämerladen und das Café betreibt. Es ist Mitte August und wir sitzen allein auf der Terrasse. Im Juli sei etwas mehr los, grinst der 48-Jährige. Dann würden Segler und Feriengäste kommen.

Wilde Inselwelt im Nationalpark Östlicher Finnischer Meerbusen
Kaunissaari hat lange, feine Sandstrände. Im äußeren Archipel von Kotka-Hamina ist das Land wilder. Wie Tupfer verteilen sich mehr als hundert Inseln über den Nationalpark Östlicher Finnischer Meerbusen. Eis hat die Granitfelsen glattgeschliffen und kleine Buchten hineingedrückt. Im Frühjahr vibriert der Himmel von Vögeln. Dann ziehen große Schwärme Gänse und Enten durch, von ihren Winterquartieren in die Brutgebiete der arktischen Tundra. Mit seegängigen Kajaks führt Simo Peri durch den Nationalpark. Übernachtet wird in Zelten oder offenen Hütten.
„Ich zeige die Spots, die ich selbst wunderschön finde“, sagt der staatlich anerkannte „Wilderness Guide“, der im Sommer auf dem Wasser und im Winter im Schnee unterwegs ist. Von der alten Eisenhütte Strömfors, an der Simo seine Basis hat, paddeln wir den westlichen Mündungsarm des Kymijoki in Richtung Küste. Schon nach wenigen Schlägen verschwinden die Holzhäuser des historischen Eisenwerks, das heute eine Mischung aus Freilichtmuseum und Handwerkerdorf ist, im dichten Grün.

Der Fluss mäandert durch Wälder, ein Graureiher stakt davon, am Ufer türmt sich eine Biberburg auf. Ein Mann in einem Kahn tuckert vorbei, er hat Pfifferlinge und Steinpilze gesammelt. Weiter im Süden wird das Wasser breiter, Schilfgürtel und flache Ufer deuten die Nähe des Finnischen Meerbusens an.

Wildwasser und Sauna am Kymijoki
„So gemächlich ist der Kymijoki nur in der Nähe der Küste“, erzählt Simo und rät, seinen Freund Sauli Orimus zu besuchen. Ich fahre den Fluss 40 Kilometer hoch und miete mich im „Erämys Keisarin Kosket“ ein. Beim Wildniscamp rauscht der Fluss über Felsen, gurgelt und spuckt Gischt. Direkt am Ufer stehen Hütten mit großen Fenstern. Drumherum erstrecken sich endlose Wälder. Sauli serviert am Feuer gegarten Lachs, dazu Kartoffeln und Salat.

„Nicht weit entfernt fahren wir durch fünf Stromschnellen“, sagt der 58-jährige Rafting-Guide und zeigt lachend auf die zum Trocknen aufgehängten Helme und Neoprenanzüge. In der Sauna will ich wissen, wie die Finnen so sind. „Entspannt“, sagt Sauli. „Wir vertrauen einander. Es gibt viel Freiheit und wenige Regeln. Und wir sind tief verwurzelt mit der Umwelt.“ Fast jeder habe ein kleines Haus im Wald oder am Wasser. Ob das die Gründe seien, warum die Finnen laut Umfragen die glücklichsten Menschen der Welt sind, frage ich. „Wer gelassen ist und die Natur genießt, kann glücklich sein“, philosophiert Sauli und deutet nach draußen, wo das Abendrot im mächtigen Strom langsam in Lavendel, Purpur und dunkles Violett zerfließt.
Reisetipps für Südostfinnland
Anreise: Mit Finnair, Lufthansa oder Eurowings für etwa 200 Euro nach Helsinki; per Leihwagen weiter in die Region Kotka-Hamina.
Übernachten: Im Wildniscamp „Erämys Keisarin Kosket“ stehen die Hütten an Stromschnellen. Das „Kaunissaari Maja“ besitzt schöne Zimmer am Meer. Und das „Söderstrand“ ist ein B&B zwischen Schilffeldern, durch die ab und zu Elche waten.
Touren: Sauli Orimus von „Erämys Keisarin Kosket“ bietet Wildwasser-Rafting auf dem Kymijoki sowie Trekking. Simo Peri von „Retkipiste“ führt Kajaktrips auf Flüssen und Meer.
Hinweis: Die Reise wurde von Visit Finland unterstützt


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