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Meeresschutz im Cinque Terre Nationalpark

Von

An die­sem Sep­tem­ber­mor­gen krib­bel­te es mäch­tig in mei­ner Brust. Ich war an einem der schöns­ten Orte Ita­li­ens und wür­de die welt­be­kann­ten Cin­que Terre sehen. Aber nicht irgend­wie, nein. Ich wür­de in die Arbeit von Meeresschützer:innen hin­ein­schnup­pern, die hier den Mari­ne Park vor den UNESCO geschütz­ten Dör­fern patroul­lie­ren.

Wecker aus und ab zum Meer!

Ich lief im Mor­gen­grau­en quer durch La Spe­zia. Eine gute hal­be Stun­de brauch­te ich bis zu einer klei­nen Mari­na. Dort traf ich auf Ste­fa­no und Car­lo, die mich freund­lich anlä­chel­ten und die Hand reich­ten. Die bei­den Frei­wil­li­gen der Mee­res­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Sea She­p­herd tru­gen wei­ße T‑Shirts mit der Auf­schrift „PN5T“, was für Natio­nal­park Cin­que Terre stand. Heu­te bekam auch in eines die­ser Shirts und wür­de sie beglei­ten. Dann lie­fen wir zum Gum­mi­boot, mit dem es gleich aufs Meer gehen wür­de. Am Böt­chen ange­kom­men, muss­ten wir alle kichern. Neben den schi­cken Yach­ten im Hafen sah das moto­ri­sier­te Schlauch­boot von Sea She­p­herd ein biss­chen nied­lich aus. Car­lo ent­fern­te alle Sei­le, die das RHIB, wie es in Fach­spra­che hieß, sicher an Ort und Stel­le gehal­ten hat­ten. Dann fuh­ren wir vor­sich­tig aus dem Hafen.

Das ers­te Mal am Steu­er auf dem Mit­tel­meer

Ein wenig spä­ter über­nahm Ste­fa­no die Rol­le des Rei­se­füh­rers. Wir fuh­ren vor­bei an Por­to­ve­ne­re mit sei­ner impo­san­ten Fes­tung und hin­ein in klei­ne Buch­ten. Wir bestaun­ten die berühm­te Byron-Grot­te, die von dra­ma­ti­schen Fel­sen und kris­tall­kla­rem Was­ser umge­ben war. Kurz dar­auf durf­te ich das Steu­er über­neh­men. Ich fuhr uns mit elf Kno­ten die ligu­ri­sche Küs­te ent­lang bis kurz vor das ers­te der fünf berühm­ten Dör­fer. Dabei erklär­te Ste­fa­no, dass die Steil­küs­te, die wegen ihres Eisen­ge­halts rot gefärbt war, hier „La Ros­sa“ genannt wur­de. Eine mar­kan­te For­ma­ti­on, die ich umfah­ren muss­te, war ein drei­ecki­ger, aus dem Was­ser ragen­der Fels, mit einem klei­nen Gip­fel­kreuz gekrönt. Kurz vor Riom­ag­gio­re soll­te ich den Motor aus­schal­ten. Da begann das ers­te der fünf Dör­fer, die als UNESCO Welt­na­tur- und Welt­kul­tur­er­be ein popu­lä­res Aus­flugs­ziel gewor­den sind.

Beein­dru­cken­de Schön­hei­ten sind die Dör­fer ent­lang der Küs­te Ligu­ri­ens

Einmal vor den Cinque Terre patroullieren? Klar.

Ste­fa­no zeig­te auf ver­schie­de­ne Bojen, die den A- und B‑Bereich des Mari­ne Parks mar­kier­ten. Moto­ri­sier­te Boo­te durf­ten – bis auf weni­ge Aus­nah­men – die­sen Abschnitt des geschütz­ten Gewäs­sers nicht durch­fah­ren. Das Schutz­ge­biet soll­te zum einen die Fische­rei in dem von Über­tou­ris­mus belas­te­ten Gebiet ver­hin­dern. Zum ande­ren erhoff­te man sich, die Lärm­be­las­tung durch den Boots­ver­kehr für die Mee­res­be­woh­ner zu unter­bin­den. Sea She­p­herd patrouil­lier­te des­halb seit eini­ger Zeit, um sicher zu stel­len, dass sich Ein­hei­mi­sche und Tourist:innen an die Vor­ga­ben hiel­ten. So war es auch an die­sem Tag ihre Auf­ga­be, auf vor­bei­fah­ren­de Motor­boo­te zu ach­ten und sie auf die Bestim­mun­gen hin­zu­wei­sen.

„Im Juli und August muss­ten wir bis zu 75 Boo­te pro Tag stop­pen“, erzähl­te Car­lo mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen. „Nichts im Ver­gleich zu dem hier“, er zeig­te auf die ruhi­ge See an die­sem Sep­tem­ber­tag. Heu­te war erst­mal gar nichts los. Das Was­ser war sei­dig glatt und sah aus, als hät­te sich rei­nes Tür­kis in Königs­blau gehüllt. Es gab kei­ne Wel­len, die Ober­flä­che war ledig­lich ein wenig gerif­felt. Wir sahen eine gro­ße Qual­le im kla­ren Mit­tel­meer. Kein Boot weit und breit. Die Idyl­le war per­fekt und lud zu einem klei­nen Mit­tags­schläf­chen ein. Ich ließ mich auf den Gum­mi­bug nie­der und schloß die Augen. Die Son­ne ver­schwand gele­gent­lich hin­ter Wol­ken und ab und zu pfiff Car­lo den einen oder ande­ren 90er Jah­re-Song. Sonst Stil­le.

Verschiedene Reaktionen auf die Mühen der Freiwilligen

Es gab dann doch noch eini­ges zu tun. Man­che Boo­te ras­ten mit weit­aus mehr als den erlaub­ten 5 Kno­ten durch das Schutz­ge­biet. Ande­re waren dank­bar, dass wir sie auf den Mari­ne Park hin­wie­sen. Wie­der ande­re zeig­ten sich pikiert, dass man sie über­haupt ansprach oder büx­ten vor uns aus. Mei­ner Beob­ach­tung nach waren die Tou­rist:innen mit den Leih­boo­ten sehr freund­lich und respekt­voll. Sie bedank­ten sich für die Infor­ma­tio­nen und hiel­ten sich an die Anwei­sun­gen. Die loka­len Fischer wirk­ten mit­un­ter sehr genervt und lie­ßen teil­wei­se den Motor lau­fen. Sie zeig­ten auf ihre Ohren: Sie könn­ten nichts hören und fuh­ren davon.

Es war schon span­nend zu sehen, wie unter­schied­lich die Men­schen damit umgin­gen, wenn sie ange­spro­chen wur­den. Letzt­lich waren das eini­ge Frei­wil­li­ge, die ihre Zeit opfer­ten, um ein Gewäs­ser und die dar­in leben­den Mee­res­be­woh­ner zu schüt­zen. Gleich­zei­tig beob­ach­te­te ich den Wunsch in mir, vor allem die Men­schen vor Ort in punc­to Mee­res­schutz an Bord zu wis­sen. Die Ein­hei­mi­schen waren es schließ­lich, die ihn am meis­ten brauch­ten und auch von ihm pro­fi­tie­ren wür­den.

Was machte der Massentourismus mit den Dörfern?

Stun­den spä­ter, nach­dem die bei­den viel­leicht fünf­zehn Boo­te über die Umfah­rungs­rou­te infor­miert hat­ten, setz­ten wir uns wie­der in Bewe­gung. Immer der Küs­te ent­lang, wur­de mir ein Dorf nach dem nächs­ten gezeigt. Auf Riom­ag­gio­re folg­te Mana­ro­la, dann kam Cor­nig­lia und schließ­lich Ver­naz­za. Alle­samt pit­to­res­ke Dörf­chen, deren bun­te Häu­ser wie wild­ge­wach­se­ne Zäh­ne aus der grü­nen Hügel­land­schaft her­aus wuch­sen. Bis nach Mon­terosso al Mare schaff­ten wir es nicht. Statt­des­sen war Ste­fa­no bei jedem Dorf lang­sam in die Bucht gefah­ren, damit ich gut sehen konn­te. Der Kon­trast zwi­schen male­ri­schen Ort­schaf­ten und den Men­schen­mas­sen war immens. Jedes biss­chen Weg war vol­ler Men­schen, die sich lang­sam vor­wärts scho­ben. Es sah aus als platz­ten die Dör­fer aus allen Näh­ten.

Wir tausch­ten uns über den Tou­ri-Ansturm aus und wel­che Fol­gen er für das Land und das Meer hat­te. Immer­hin war der Mas­sen­tou­ris­mus ein Grund, war­um das Mit­tel­meer so unbe­dingt mehr Schutz­ge­bie­te brauch­te. Als wir eini­ge Meter unter dem Schlauch­boot ein lan­ges Rohr lie­gen sahen, sah ich Ste­fa­no fra­gend an. „Das Abwas­ser aus den Dör­fern wird hier ins Meer gelei­tet. Als die Dör­fer zuerst gebaut wur­den, gab es noch kein aus­ge­klü­gel­tes Abwas­ser­sys­tem. Da hat man das ein­fach so gemacht“, erklär­te er. Was das Öko­sys­tem Meer viel­leicht noch für ein paar klei­ne Dorf­ge­mein­schaf­ten ver­schmer­zen konn­te, wur­de heut­zu­ta­ge eine öko­lo­gi­sche Kata­stro­phe. „Bei durch­schnitt­lich vier Mil­lio­nen Besucher:innen pro Jahr sind das ganz schön vie­le Fäka­li­en, die im Meer lan­den“, warn­te er dann. Wir schüt­tel­ten die Köp­fe, frag­ten uns ins­ge­heim, wo die Roh­re genau ende­ten und fuh­ren gemäch­lich wei­ter.

Die vie­len Tourist:innen habe ich erst auf den zwei­ten Blick gese­hen

Ein berühmtes Dorf und seine Geschichten

In Ver­naz­za ange­kom­men, erwar­te­ten uns hun­der­te von Tourist:innen in den engen Gäss­chen des Dor­fes. Dar­un­ter waren zwei wei­te­re Sea She­p­herd-Frei­wil­li­ge mit lecke­rer Oli­ven-Foc­ac­cia. Sie wür­den die Nach­mit­tags­schicht über­neh­men, wäh­rend ich die Cin­que Terre zu Fuß erkun­de­te. Zunächst aber saßen wir an der Kai­mau­er am Hafen. Ich blick­te auf die vie­len Besucher:innen, eini­ge Plas­tik­tei­le schwam­men im Was­ser, die die Meeresschützer:innen spä­ter noch auf­le­sen wür­den. Wir mampf­ten genüss­lich unser Mit­tag­essen.

Hin­ter uns beob­ach­te­te ich einen asia­tisch aus­se­hen­den Mann mit einem klei­nen Buch, auf dem „Luca“ stand. Er pos­te vor einem gleich­na­mi­gen Restau­rant. „Ach­so, kennst du den Pix­ar-Film Luca?“, frag­te Car­lo. „Der spielt hier in dem Dorf. Des­halb kom­men jetzt noch mehr Men­schen her. Sie foto­gra­fie­ren alles, was an den Film erin­nert“, lach­te der Mee­res­schüt­zer. Der Tou­rist ver­such­te umständ­lich das Restau­rant­schild und sich selbst mit­samt Büch­lein aufs Foto zu krie­gen. „Neu­lich war hier ein Rie­sen­sturm. Da flo­gen gan­ze Regen­rin­nen durch die Gegend, weil die Häu­ser alle sehr alt sind“, erzähl­te Car­lo mit gro­ßem Grin­sen. „Ich habe also ver­sucht, die Mas­sen in Sicher­heit zu brin­gen. Aber eini­ge blie­ben echt ste­hen beim größ­ten Getö­se. Sie muss­ten erst­mal noch Bil­der mit dem Luca-Schild­chen machen, statt sich in Sicher­heit zu brin­gen. Unfass­bar!“, lach­te der Ita­lie­ner und schüt­tel­te ungläu­big den Kopf.

Mittendrin im Getummel – noch eine Touristin mehr

Noch einen Kaf­fee an der Bar mit aller­lei Son­der­wün­schen. Man­che woll­ten ihn „nor­ma­le“, ande­re „lungo“ oder „cor­to“, ich bevor­zug­te „deca“ (ent­kof­fee­i­n­iert). So stan­den wir noch kurz zusam­men im Weg, genos­sen das schwar­ze Gold und ver­ab­schie­de­ten uns dann mit­ten im Men­schen­ge­wu­sel von­ein­an­der. Ich bedank­te mich bei Ste­fa­no für das Ver­trau­en, mich für einen Tag mit an Bord zu las­sen. Einen Tag für den Mee­res­schutz unter­wegs zu sein, war mehr als ich mir für mei­nen Kurz­be­such in Ita­li­en erträumt hät­te.

Der Blick aus der Kir­che San­ta Mar­ghe­ri­ta d’An­tio­chia auf die Mari­na

Von der Kir­che San­ta Mar­ghe­ri­ta d’Antiochia aus schau­te ich ein letz­tes Mal auf das Schlauch­boot. Dann fuh­ren die Italiener:innen wie­der hin­aus zum Schutz­ge­biet. Nun kehr­te etwas Ruhe ein. In der Kir­che selbst waren nur weni­ge Tou­ris und es fühl­te sich gut an, einen Moment der Stil­le zu haben. Kurz inne­hal­ten, bevor ich dem Wan­der­weg zum nächs­ten Dorf fol­gen wür­de. Ich woll­te aus­kos­ten, dass ich nun ein­mal hier war. Und so kam es, dass ich mich mit allen ande­ren Tourist:innen durch die engen Gas­sen bahn­te.

Eines der Must-have-Fotos offen­bar, denn an die­ser Stel­le stau­te es sich mäch­tig

Ich erfreu­te mich an den schö­nen Aus­bli­cken auf die Dör­fer. Ich foto­gra­fier­te die Steil­klip­pen und das immer­wäh­ren­de Meer, stieg unzäh­li­ge Trep­pen­stu­fen hin­auf und hin­ab. Auch der nächs­te Ort war vol­ler Men­schen. Was einst ein idyl­li­sches Fischer­dorf war, wur­de auch hier zum über­lau­fe­nen Foto-Hot­spot. Es gab kaum noch Raum für die Ein­hei­mi­schen und ihre tra­di­tio­nel­le Lebens­wei­se.

Schließ­lich nahm ich den Zug für das rest­li­che Stück zurück nach La Spe­zia. Ein lecke­res Eis gönn­te ich mir noch und schließ­lich – natür­lich – den süßen Film über Luca und die Cin­que Terre.


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