Warum Reisen mehr Wert ist als (m)ein Doktortitel: Erkenntnisse eines Arbeiterkinds aus verbotenen Ländern

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Imamplatz in Isfahan bei Nacht

Eine Woche nach der Verteidigung meiner Dissertation stand ich in Pjöngjang, der Hauptstadt Nordkoreas. Ein ehema­liger Arbeitskollege hatte es einmal so formu­liert: „Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der sanktio­nierte Länder googelt, wenn er entscheidet, wohin er reisen will.« So gezielt suche ich freilich nicht danach, aber fünfzehn Jahre lang bin ich meist allein unter­wegs gewesen, in Länder, in die man selten reist: Nordkorea, Iran, Saudi-Arabien, Liberia oder Timor-Leste. Ich habe als Freiwilliger unter­richtet, in Westafrika, an der syrischen Grenze, in buddhis­ti­schen Klöstern in Nepal. Und irgend­wann drängte sich eine Frage auf: Was von beidem hat mich im Leben eigent­lich weiter­ge­bracht, der Titel oder der Weg?

Im Iran fällt das erste Bild vom »verbotenen Land«

Teheran, mitten in der Nacht. Ein junges Paar in meinem Alter, er Pilot, sie Englischlehrerin, hat mich über Couchsurfing zu sich einge­laden. Die Begrüßung auf der Straße ist herzlich. Oben in der Wohnung legt die Gastgeberin sofort ihr Hijab ab, sieht mein verdutztes Gesicht und lächelt: „Hinter verschlos­senen Türen und mit herun­ter­ge­las­senen Rollläden wirst du den wahren Iran kennen­lernen.« Das werde ich wirklich, und es wird mir eine neue Perspektive aufs Leben schenken.

Mit dem Reiseführer im Freefalltower von Pjöngjang

In Nordkorea, einem Land, das ich vorher nur als negative Schlagzeile kannte und in dem Freiheit nicht groß geschrieben wird, verstehen wir uns mit unserem staat­lich zugeteilten Reiseführer bald so gut, dass wir ihn dazu bringen, das Standardprogramm für Touristen zu ändern, einen Programmpunkt ausfallen zu lassen und einen anderen vorzu­ziehen, um abends noch Zeit für den Kaeson Youth Park unter­zu­bringen, einen Vergnügungspark mit Achterbahn, Freefalltower und vielen Nordkoreanern vor Ort. Die Stimmung empfinden wir fried­li­cher und ruhiger als in einem westli­chen Vergnügungspark, nicht beson­ders verwun­der­lich. Nie hätte ich es für möglich gehalten, neben meinem Guide im Freefalltower zu sitzen und Pjöngjang beim Sonnenuntergang von oben zu filmen. Die scherz­hafte Frage, ob der TÜV Süd auch in Nordkorea tätig sei, konnte ich mir nicht verkneifen.

Am nächsten Morgen, zum Abschied am Ende der Reise, kann unser Guide seine Tränen nicht mehr zurück­halten. Alles nur Show? Mein Gefühl sagt nein.

Mein Lieblingsbild aus Nordkorea am Geburtstag des Staatsgründers
Mein Lieblingsbild aus Nordkorea am Geburtstag des Staatsgründers

Riad hinter den Kulissen

Meine Couchsurfing-Gastgeberin in Saudi-Arabien zeigt mir Riad auf schonungs­lose Art und Weise: „Das hier ist der wohl blutigste Ort der Stadt, hier werden heute noch Menschen öffent­lich hinge­richtet.« Die Geschlechtertrennung im öffent­li­chen Raum trägt ebenfalls nicht zur Normalität bei. In Restaurants und Cafés gibt es getrennte Eingänge und Aufenthaltsbereiche: eine Family Section für Familien und Frauen, die allein oder in Begleitung männli­cher Verwandter unter­wegs sind, und eine Single Section nur für Männer.

Ausflug in die saudi-arabische Wüste unweit von Riad
Ausflug in die saudi-arabi­sche Wüste unweit von Riad

Was mir ein Schüler in Westafrika über Armut zeigte

Im ersten Corona-Winter hat mich mein Bauchgefühl nach Westafrika gebracht, um dort als Freiwilliger zu unter­richten. Mit einem Schüler entwi­ckelt sich eine beson­dere Beziehung. In meinen Workshops ist er mir schon als sehr motiviert aufge­fallen, und so steht er eines Tages vor meiner Tür auf dem Campus, eine Stunde vor Unterrichtsbeginn. Er hat Zuckerrohr aus seinem Garten mitge­bracht und will mir zeigen, wie man es zubereitet. Nach und nach erfahre ich von ihm und dem Personal der Schule seine Geschichte. Er wurde von seinen Eltern zurück­ge­lassen, wohnt noch im alten Haus der Eltern, das der Kirche gehört, muss aber bald ausziehen, ohne zu wissen, wohin. Er ist hochre­li­giös und erzählt mir viel aus der Bibel. Als wir an Weihnachten zusammen mit dem Hausmeister ans Meer laufen, erfahre ich, dass er im vergan­genen Jahr sieben Tage lang keine Nahrung zu sich genommen hat, außer Wasser, weil er schlicht kein Geld für Lebensmittel hatte. Das schockiert mich. Von da an isst er regel­mäßig bei und mit mir, und ich frage mich, wie ich ihn unter­stützen kann, ohne eine Abhängigkeit entstehen zu lassen.

Aufstellen zum Singen der Nationalhymne vor Schulbeginn
Aufstellen zum Singen der Nationalhymne vor Schulbeginn

Unterrichten an der syrischen Grenze

Im libane­si­schen Bekaa-Valley an der syrischen Grenze unter­richte ich über die zweiten Corona-Weihnachten syrische Flüchtlinge. Einer von ihnen war in Syrien Anwalt gewesen, hat im Krieg alles verloren und lebt nun mit seiner Familie in einer Notunterkunft aus UN-Plastikplanen. Und doch begegnet er uns mit einer Würde und Dankbarkeit, die mich heute noch tief berührt.

Wie das Reisen war auch meine Promotion ein großes Stück persön­liche Entfaltung, eine steile Lernkurve, als Forscher und Dozent ebenso wie als Mensch. Die Freiheit, sich selbst auszu­pro­bieren und der eigenen Neugier freien Lauf zu lassen, kann man sowohl auf Reisen als auch im akade­mi­schen Kontext erleben, manchmal sogar gemeinsam, etwa beim Wildcampen nach einer Konferenz. 

Wildcampen am Vierwaldstättersee nach einer Konferenz
Wildcampen am Vierwaldstättersee nach einer Konferenz

Was bleibt: Reisen oder Promotion?

Was bleibt mir heute vom Reisen und der Promotion? Die Promotion hat mich entspannter und beschei­dener werden lassen, auch weil man manches besser einschätzen kann, sich selbst einge­schlossen. Am Ende habe ich vor allem eines gelernt: Persönliche Bildung und Entwicklung sind unver­zichtbar und letzt­lich wichtiger als fachliche und beruf­liche Qualifikation. Fachkenntnisse sind leichter zu erlernen als die weicheren, persön­li­chen Einsichten über sich selbst. Kennt man sich besser, hört man vielleicht auf, den Erwartungen oder Zielvorgaben der Familie oder des Umfelds hinter­her­zu­laufen, und erkennt eher die Ziele, für die man wirklich brennt, die man als Kind oder Jugendlicher noch hatte, bevor gesell­schaft­liche Konventionen sie verdrängt haben.

Was ist in unserer Gesellschaft anerkannt? Reisen, mit Rucksack, allein, nach der Promotion, mit Anfang dreißig, in verbo­tene Länder jeden­falls nicht. Eine Doktorarbeit dagegen ist gerne gesehen, oft sogar erwünscht. Derselbe Mensch, dieselbe Neugier, und doch die entge­gen­ge­setzte gesell­schaft­liche Reaktion. Nicht alles, was anerkannt ist, ist richtig, und nicht alles, was richtig ist, wird anerkannt. Gesellschaftliche Anerkennung ist kein verläss­li­cher Kompass für ein erfülltes Leben.

Dabei half mir das Unterwegssein mal wieder: Kurz nach unserer Hochzeit sollte es mit meiner Frau für drei Wochen nach Malawi zu einer NGO gehen, die Rucksäcke gepackt, der Koffer voller Spenden. Ein falsch-positiver PCR-Test machte alles zunichte. Im kurzfris­tigen Ersatzurlaub auf Sizilien, alles andere als entspannt, sagte ich einen folgen­schweren Satz: „Ich glaube, wir suchen etwas im Äußeren, das wir nur im Inneren finden können.«

Im Kloster in Nepal

In einem Kloster in Nepal spürte ich später, was ich damit gemeint haben könnte. Ich lebe dort rund um die Uhr mit den Mönchen und passe mich freiwillig komplett deren Rhythmus an. Die selbst gewählte Einschränkung meiner äußeren Freiheit ermög­licht mir eine große innere Freiheit: Ich spüre eine Ruhe und Gelassenheit, die ich als ungeduldig veran­lagte Person so noch nie in meinem Leben wahrge­nommen habe. Ich kann länger einfach nur in Stille dasitzen, vollkommen zufrieden und glück­lich, ohne jegli­chen Drang, etwas anderes zu tun oder gedank­lich zu planen.

Abschiedsbild mit den Mönchen vor dem Tempel
Abschiedsbild mit den Mönchen vor dem Tempel

Ein hohes Gehalt, Titel, Statussymbole wie Haus und Auto oder Luxusreisen. Die Gesellschaft wollte mir vermit­teln, dass solche Dinge Anzeichen für Erfolg im Leben sind. Auch, dass meine Eltern bei der Kindererziehung erfolg­reich waren, weil ich zwei Buchstaben vor dem Namen tragen dürfte. All das habe ich zu hören bekommen. Doch für mich bedeutet Erfolg etwas anderes: mich selbst zu kennen, im Einklang mit meinen Überzeugungen zu leben, inner­lich frei entscheiden zu können und Zeit für das zu haben, was mir wirklich wichtig ist. Erfolg bedeutet für mich nicht, möglichst viel zu errei­chen, sondern möglichst nah bei mir selbst zu bleiben. 

Der wahre Doktortitel

Je mehr ich gereist bin, desto mehr habe ich etwas verstanden: Der Doktortitel ist auch ein äußerer Marker, hinter dem sich Unsicherheit verbergen kann. Als Statussymbol birgt er die Gefahr, dass man Unwichtiges und egozen­tri­sche Motive überbe­wertet, weil eine Promotion zwangs­läufig stark auf die eigene Person ausge­richtet ist. Meine Reisen dagegen haben mir geholfen, dass Dinge, die für mich zweit­rangig und neben­säch­lich sind, auch zweit­rangig und neben­säch­lich bleiben. Äußere Anerkennung verliert ihren Reiz, wenn innere Klarheit wächst. Meine Reisen haben mir gezeigt, dass es nicht darum geht, anderen überlegen zu sein. Dass äußerer Erfolg keine innere Orientierungslosigkeit ersetzt. Und dass der wahre Doktortitel im Leben kein akade­mi­scher ist.

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Mehr davon im neu erschie­nenen Buch Warum Reisen mehr Wert ist als (m)ein Doktortitel: Erkenntnisse eines Arbeiterkinds aus verbo­tenen Ländern


Kommentare

  1. Avatar von Mark Kramer
    Mark Kramer

    Die Szene mit dem Schüler in Westafrika zeigt eine Frage, die über den Gegensatz von Reise und Titel hinaus­geht: Wie hilft man, ohne eine dauer­hafte Abhängigkeit zu schaffen? Mich würde inter­es­sieren, ob du im Rückblick Kriterien gefunden hast, an denen du deine Unterstützung ausge­richtet hast. Gerade diese Unsicherheit macht den Bericht für mich nachvoll­ziehbar, weil eine persön­liche Begegnung nicht automa­tisch eine einfache Lösung mitlie­fert.

    1. Avatar von Andreas
      Andreas

      Vielen Dank, das ist tatsäch­lich eine Frage, die mich lange beschäf­tigt hat, und ich habe ehrlich gesagt keine saubere Formel dafür gefunden. Es geht dabei ja um das ganze System der Entwicklungshilfe, wobei allein der Begriff schon wieder unsere westliche Perspektive offen­bart. Was sich für mich als hilfreich erwiesen hat: eher auf konkrete, akute Not zu reagieren als auf Dauer zu versorgen, und wo möglich über Strukturen zu helfen statt direkt und indivi­duell, etwa über die Schule oder die Organisation vor Ort, die den Kontakt auch über meine Anwesenheit hinaus halten kann. Aber im Einzelfall, vor einem konkreten Menschen, der Hunger hat, wirken solche Kriterien oft sehr theore­tisch. In einer echten Begegnung möchte ich mich gar nicht ganz auf ein System verlassen, sondern den Menschen sehen und Mensch sein.

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