„Was für eine schöne altmodische Art zu reisen!“, sagt ein älterer Mann zu mir. Wir sitzen im Speisewagen des California Zephyr, eines amerikanischen Langstreckenzugs, der mich von Chicago bis nach San Francisco bringen wird. Wir essen Quesadillas mit zu viel Käse, zu vielen Eiern und zu wenig Gemüse.
In den vergangenen zehn Jahren habe ich lange Strecken in Zügen zurückgelegt. Die Klimakrise und meine latente Flugangst spielten hierbei sicher eine gewisse Rolle, aber in erster Linie war ich einfach eine Reisende mit einer Leidenschaft für internationale Langstreckenverbindungen auf Schiene.
Mein europäischer Basisbahnhof war jahrelang der Wiener Hauptbahnhof. Von dort reiste ich in alle Himmelsrichtungen. Tagsüber ging es sitzend voran, doch mein Interesse galt vor allem den Nachtzügen, jenen dunkelblauen Ungetümen, die Jahr für Jahr mehr von ihrem ranzigen Charme einbüßten. Ob Venedig, Zürich, Hamburg, Danzig oder Bukarest: All diese Städte konnte ich sitzend und schlafend erreichen, ohne umzusteigen oder gar fliegen zu müssen. Außerhalb Europas stand vor einigen Jahren klassischerweise die Transsibirische Eisenbahn auf meiner Agenda. Sie brachte mich zwar nur von Moskau nach Irkutsk und nicht bis an den Pazifik, aber in mein Gedächtnis sollte diese Reise eingehen als eine Zugfahrt, die mir endlich zeigte, was diese unendlichen Weiten sind, von denen im Intro von Star Trek immer die Rede ist.
Es ist doch so: Als Europäer und Europäerinnen einer Generation, die in eine globalisierte, stark US-amerikanisch geprägte Welt hineingeboren wurde, blicken wir alle, zumindest ab und zu, über den Atlantischen Ozean gen Westen und fühlen einen Mix aus: Bewunderung, Unverständnis, Neugierde. Die USA, das sind HipHop, Hollywood, Mac and Cheese, Hochhäuser, Malls, Iced Latte, Hustle, Hustle, Hustle.
Und damit stand der Plan auch schon fest. Ich musste die USA auf dem Landweg durchqueren. Die Zahlen und Gerüchte durften mich keinesfalls von diesem Vorhaben abbringen: Weit über 5000 Kilometer, zwei Umstiege, unverschämt hohe Ticketpreise und Verspätungen, mit denen selbst bestimmte staatliche Bahnunternehmen im deutschsprachigen Raum nicht mithalten konnten.
Von New York nach San Francisco, von der Eastcoast zur Westcoast! Ich wollte spüren, wie groß dieses Land wirklich ist und ich wollte erfahren, wie die Menschen in den USA ticken, abseits von Großstädten und Touristen-Hotspots. Nach all den Erlebnissen auf Schiene bezeichnete ich mich nämlich insgeheim als Profi und dachte, dass mich zugreisetechnisch nichts mehr aus der Fassung bringen könnte. Ich war deshalb vollkommen entspannt, als ich in der Moynihan Train Hall in New York den ersten Zug Richtung Washington, D.C. bestieg und wunderte mich über die Beinfreiheit im Sitzabteil. Alles easy.
Nur wenige Tage später bezog ich eine Roomette in einem weiteren Zug – ein ungewöhnliches Miniabteil, das viel zu lange mein Zuhause sein sollte: für über 70 Stunden.
Etappe 1: New York – Washington, D.C.
Zugfahrten spielen in den USA kaum eine Rolle. Bahnhöfe großer Städte haben bis auf wenige, besonders schmucke Ausnahmen, oft nicht mehr als zwei Gleise und machen nicht den Eindruck, als würde sich irgendjemand um ihren Erhalt kümmern. Gleichzeitig sind Bahnfahrten immens teuer, wenn man sich für all die längeren Strecken entscheidet, die sonst bevorzugt per Flugzeug zurückgelegt werden.
Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen war die erste Etappe, die dreistündige Fahrt von New York nach Washington, unspektakulär und ultragemütlich: Der Komfort in meiner Sitzreihe, salzig-fettiges Essen aus dem Cafe Car und die Anwesenheit von Fahrgästen, die sich im Ruheabteil tatsächlich an das „library like setting“ hielten, stellten mich zufrieden. So durfte es weitergehen.

Etappe II: Washington, D.C.-Chicago
Erstmal Washington! Nach drei furchtbar heißen Tagen in der Politikmetropole führte mich mein Weg wieder zurück zur zentral gelegenen Union Station. Dort angekommen und die monumentale Architektur dieses Bahnhofs bewundernd, war ich so lange guter Dinge, bis ich in den nächsten Zug einstieg und meine Roomette das erste Mal in Augenschein nahm: Zwei ausladende Sitze, die, teilt man sich das Abteil mit einer fremden Person, trotz ihrer stattlichen Größe keinerlei Privatsphäre ermöglichen. Sitzt man sich auf engstem Raum nämlich ständig gegenüber, MUSS man irgendwann ins Gespräch kommen.
Über den Sitzen: Ein schmales Bettchen, das nachts als zweite Schlafstätte verwendet werden kann. Sonst nichts, außer ein ausklappbarer Tisch mit Schachbrettmuster zwischen den Sitzen, ein ausklappbares Waschbecken, ein kleiner Stauraum neben dem oberen Bettchen und ein drei Finger breites Kästchen für nicht mehr als ein dünnes Jäckchen. Zwei Koffer, die laut Bahngesellschaft in die Abteile mitgenommen werden dürfen, solange man sie selbst tragen kann, hatten auf 2 Quadratmetern natürlich keinen Platz und wurden vom Zugbegleiter sichtlich genervt an einem unbekannten Ort verstaut.

Und so rollten wir los. Es ging zunächst nach Virginia und dann weiter nach West Virginia, vorbei an unzähligen weißen Holzhäusern, vor denen große Pickups standen und riesige amerikanische Flaggen vom Dach herabwehten. Geschlafen wurde, immer mal wieder, mehr schlecht als recht, weshalb viel Zeit für den Blick aus dem Fenster blieb.

Weiter führte mich diese erste Etappe durch Ohio und Indiana, wo einige Amishfamilien zustiegen, wo endlose Felder und vereinzelt einsame Farmen an uns vorbeizogen, während ich Mac and Cheese und viel zu süße Buttercakes im Speisewagen vertilgte.
Schließlich wurde die Landschaft vor den staubigen Zugfenstern wieder urbaner: Walmart, Wendy´s Burger und KFC statt unendliche Weiten. Der Zug kam überpünktlich in Chicago an, fast eine Stunde früher als geplant. Aber Ereignisse dieser Art sind keine Durchsage wert. Die zweite, 24-stündige Etappe, war damit geschafft.
Etappe III: California Zephyr
Angekommen in Chicago, wo ein Aufenthalt von vier Stunden eingeplant war, gab ich der berühmten Deep Dish Pizza eine Chance: Dabei handelt es sich um ein wohlschmeckendes Monstrum, bestehend aus mehreren Teig‑, Sauce- und Käseschichten, das zumindest äußerlich an eine Quiche erinnert. Ein kurzer Bummel durch diese charmante Stadt mit den zeitlos schönen Art Deco Gebäuden macht Lust auf mehr, aber man fragt sich schon, weshalb so viele Geschäftslokale in der Innenstadt leer stehen und wo sich die ganzen Einheimischen, aber auch Touristen, an einem Wochenende im Juli aufhalten.
Ich ahnte bereits Böses, als ich nach diesem bitternötigen Zwischenstopp in den California Zephyr einstieg und damit die längste Etappe begann. Der Zug war ein noch furchterregenderes Ungetüm als die Pizza in Chicago. Ein Doppeldecker, immens hoch, unnatürlich breit, größer als jeder Zug, der mir in meinem Leben jemals untergekommen war. Und er war laut; ganz vorne am Gleis stand eine stinkende Diesellok, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hatte und auf ihren Einsatz wartete. 52 Stunden am Stück, wieder in einer kleinen Roomette, lagen nun vor mir. Und ich überlegte nicht zum ersten Mal auf dieser Reise, last minute einen überteuerten Flug an die Westküste zu buchen und nach einigen Stunden in einer Kleinstadt auszusteigen, ein Taxi zu nehmen und mich zum nächstbesten Flughafen kutschieren zu lassen. Natürlich stieg ich nicht aus.
Beginnen wir mit der Zugbegleiterin und nennen wir sie einfach Lynn. Sie war äußerst laut, sehr präsent und unglaublich bemüht, den Laden (also unseren Wagen mit ca. 20 Personen) am Laufen zu halten und auch selbst die 52 Stunden irgendwie zu überstehen. Aber Bemühen reicht ja oft nicht aus, wie wir wissen. Sie hätte eine ganze Crew gebraucht, um den Dreck, der sich in sämtlichen Ritzen des Wagens über Jahrzehnte festgesetzt hatte, zu entfernen. Auch meine Roomette war geschrumpft – oder bildete ich mir nur ein, dass die Ablage noch schmäler und das Bett noch unbequemer war als im Zug von Washington nach Chicago?
Was macht man nun weitere zweieinhalb Tage in einem Zug?
Nun, man bewegt sich zwischen eigenem Abteil und Dining Car, wo alle drei Mahlzeiten eingenommen werden; ab und zu schaut man auch im Observation Car vorbei, einem Wagen mit großflächigen Panoramafenstern und gemütlichen Sitzgelegenheiten.
Denn in diesem Wagen, der nur aus Fenstern zu bestehen scheint, treffen die beiden zuginternen Welten aufeinander: Menschen, die mehr als zwei Tage (einige von ihnen hoffentlich auch kürzer) in der Coach Class verbringen und sich nicht in die Horizontale begeben können, treffen auf uns, die viel mehr bezahlt haben, aber sich gar nicht mehr sicher sind, ob nicht auch ein verstellbarer Sitz um deutlich weniger Geld seinen Zweck erfüllt hätte. An schlafen war so oder so nicht zu denken.
Immerhin kann man durch eine Coach Class-Buchung das inkludierte Essen im Dining Car umgehen! Ungern erinnere ich mich an die Auswahl dort. Zum Frühstück: Eier, Eier und nochmal Eier, Käse, Butter, Ahornsirup und Speck – in den waghalsigsten Kombinationen. Mittags: Burger, Pommes, Mac and Cheese. Abends: Steak, Steak, Steak und Cheesecake!
Möchte man gern allein essen, da ohnehin drei Viertel des Speisewagens leer sind und das Personal herumsitzt? Leider nein! Egal, wann man erscheint, man wird von genervt wirkenden Damen immer an einen Tisch mit fremden Personen gesetzt. „Haben Sie grünen Tee?“ Die Antwort lautet: „Nein.“ Also muss man erraten, welche Teesorten verfügbar sind. Ist die komplizierte Getränkefrage geklärt, können nun die verschiedensten Szenarien folgen.
1. Gespräche sind auf beiden Seiten des Tisches nicht gewünscht. Man schweigt das Gegenüber an; ist man als Pärchen unterwegs, kann man sich immerhin dem Partner/der Partnerin zuwenden und sich angeregt über die immergleiche Speisekarte unterhalten. 2. Man stürzt sich in eine Unterhaltung, die jedes Mal mit der Frage, woher man denn komme, begonnen wird und dann alle denkbaren Stationen einer oberflächlichen Konversation abarbeitet: Warum man in die USA reist, welchen Job man hat, welche Länder man sonst noch besucht hat. Oder aber 3., die interessanteste Variante: Man führt ein mehr oder weniger ernsthaftes Gespräch über Politik, Klima und Weltschmerz. Letzteres ist mir einige Male passiert und ich bereue nichts, außer vielleicht, mein Englischvokabular vor Reiseantritt nicht noch einmal aufgefrischt zu haben.

Einige wenige Gespräche sehnt man sogar herbei, sie kommen aber nie zustande: So etwa eine Unterhaltung mit einer Amishfamilie, die mich neugierig, aber wohlwollend beäugt, wenn ich Deutsch spreche. Auf mich verweisen sie in ihrem Pennsylvaniadeutsch als „die Junge“ (Danke dafür!) und wenn ich in der Nähe bin, nicken sie mir zu. Vielleicht hätten wir sprachlich irgendwie zusammengefunden.
Wer reist also zwei Tage lang in diesem Zug, statt in ein Flugzeug zu steigen? Es sind die unterschiedlichsten Gestalten, die einem begegnen, aus den unterschiedlichsten Bundesstaaten. Lehrerinnen, Ex-Soldaten, pensionierte Bahnmitarbeiterinnen, Bibliothekare, Studentinnen, Selbständige. Einige Reisende aus Europa trifft man ebenfalls, doch die Mehrheit kommt aus den USA. Die meisten Mitreisenden lieben Züge; oder sie lieben die Langsamkeit.

Und so ziehen die Stunden dahin und man freut sich über jeden Kurzaufenthalt in kleineren und größeren Stationen, um sich die Beine zu vertreten. Mittlerweile bekannte Gesichter steigen aus, man winkt sich kurz zu und weiß, dass man sich nie mehr wiedersehen wird. Sitzt man im eigenen kleinen Abteil und blickt in die Ferne, ziehen wirklich beeindruckende Landschaften an einem vorbei. Zwischen Chicago und Denver sind es am ersten Tag vor allem die altbekannten, breiten Felder Iowas und Nebraskas, die einfach nie langweilige werden; dazwischen einsame bewaldete Täler und riesige Rinderherden, schwarze Punkte in der Landschaft.
Schaut man genauer hin und bewegt sich der Zug langsamer, sieht man ab und zu ein paar Menschen. Manche von ihnen sitzen auf ihrer Veranda, andere werkeln in der Garage oder werfen gerade ihren Grill an; einige winken uns zu oder schauen etwas skeptisch dem Zug hinterher. Würden sie sich diese Reise antun? Auch an einem Schießstand, direkt neben den Gleisen, kommen wir vorbei. Einem Jugendlichen wird gerade ein Gewehr in die Hand gedrückt, während zwei seiner Freunde hinter ihren Vätern stehen. Ein Ziel wird anvisiert.
Nach einer Nacht, die ich aus meinem Gedächtnis streichen will, erreichen wir am Morgen Denver, Colorado. Es wird hügeliger, das flache Grün wird durch rötliche, raue Felsen abgelöst. Der Moffat-Tunnel trennt uns für einige Minuten von dieser Szenerie, bevor es weitergeht, noch höher hinauf, auf fast 3000 Meter und vorbei am Colorado River, der ungewöhnliche Ausblicke auf die Hinterteile zahlreicher Rafter bietet. Sobald nämlich ein Zug am Fluss entlangfährt, wird die Hose runtergelassen. Fast alle halten sich an diese Regel. Wer die Tradition ins Leben gerufen hat, kann mir niemand sagen.
Der Zug schlängelt sich zwischen Canyons entlang und erreicht am zweiten Abend die ausgetrockneten Ebenen Nevadas; sie erinnern an Mondlandschaften. Darin tauchen ab und zu schiefe Wellblechhütten auf, nicht selten sind sie bewohnt. Wen hat es wohl in diese Einöde verschlagen?

Und so erreichen wir müden Reisenden mit dunklen Augenringen das sonnige Kalifornien. Die letzten Stunden im Zug fühlen sich eigenartig an. Man weiß, dass man bald erlöst ist und dennoch will man nicht raus in diese Welt der Gegensätze: Palmen, schmucke Villen, daneben Obdachlosenlager, kilometerweit. Sie haben sich neben den Bahngleisen aus Decken Zelte errichtet, sitzen auf alten Holzstühlen zusammen. Wie schnell landet man auf der Straße? Nachdem man sich zwischen einem Arztbesuch und einem Wocheneinkauf entscheiden musste? Nachdem man von anderswo in dieses Land gekommen ist, bereit, hart zu arbeiten und in der Hoffnung auf ein angenehmeres Leben?
Auch das ist also Kalifornien, aber vielleicht nicht nur Kalifornien.

„Amerika ist ein simples Konzept“, meinte ein junger Student, der seine Familie in der Bay Area bei San Francisco besuchen wollte. Mit ihm wurde ich beim Frühstück zusammengewürfelt. „Wer mit diesem Konzept einverstanden ist, ist Amerikaner; da spielen Herkunft und Hautfarbe keine Rolle.“
Ich würde mir wünschen, es wäre so einfach und schön. Aber ich bin mir nicht sicher. Auf einer Reise wie dieser lernt man gezwungenermaßen viele verschiedene Menschen kennen. Zu oft beobachtet man nur am Rande, schnappt Wortfetzen auf und vergisst sie. Aber ab und zu führt man, wie gesagt, auch tiefgründigere Gespräche. Ich merke an vielen Stellen wieder mal, dass wir, ganz egal, woher wir kommen, ähnliche Bedürfnisse haben, ja, selbst über die gleichen Witze lachen können und uns über dieselben Missstände aufregen.
Amerika ist tatsächlich all das, was ich in meiner Jugend, als globalisiert sozialisierte Person mitten in Europa, vermittelt bekam: Es ist Hip Hop, Hollywood, Mac and Cheese, Hochhäuser, Malls, Iced Latte und Hustle, Hustle, Hustle.
Dieses große Land hat aber einige sehr sichtbare Probleme. Man kann sie sehen, wenn man aus dem Zugfenster schaut.

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