Nach vier Monaten Backpacker-Alltag – zwischen Pad Thai, Nachtbussen und Mückenspray – war es soweit: Familienbesuch.
Genauer gesagt, mein Bruder.
Ich hatte mir ein paar Tage vorher ein Privatzimmer in Thailand gegönnt, um meine Sozialbatterie mal kurz aufzuladen – und um mich in Ruhe auf unseren gemeinsamen Trip einzustimmen.
Morgens um sechs klingelte dann der Wecker, ich tigerte runter – und da war er.
Verpeilt, verschwitzt, aber mein Bruder.
Zweieinhalb Wochen Thailand lagen vor uns.
Es wurde gelacht, gestritten, gegessen, geschwitzt – alles wie früher, nur mit Palmen.
Und dann kam der Roller-Moment. Ich: Team “Nein danke, ich fahr lieber Bus”. Er: Team “Stell dich nicht so an”. Spoiler: Ich hab mich angestellt.
Aber er ließ nicht locker.
„Komm schon, das machen hier alle!“ meinte er.. Ich versuchte, mich noch rauszureden – irgendwas mit „Sicherheitsbedenken“, „Straßenverhältnisse“ und „Ich mag meine Knie zu sehr“. Keine Chance.
Also standen wir da, in der flirrenden Mittagshitze, vor einer kleinen Rollerbude, irgendwo zwischen einer Kokosnussbar und einem Massagesalon mit Neonpalmen im Fenster. Ein freundliches Lächeln, ein kurzes Nicken, ein Formular, das eher pro forma wirkte – und schon drückte man uns zwei Helme und die Schlüssel in die Hand. Niemand fragte nach irgendwas. Kein Ausweis, kein Nachweis, kein „Sind Sie schon mal gefahren?“ – einfach pure thailändische Effizienz.
Ich schwöre, ich habe in meinem Leben noch nie jemanden so lässig mit einem Roller losdüsen sehen wie ihn. Kaum saß er drauf, war er plötzlich in seinem eigenen Actionfilm. Wenn es ein Casting für Fast & Furious: Thailand Drift gegeben hätte – er hätte die Hauptrolle sicher gehabt. Er startete den Motor, grinste mich an, und zack – war nur noch eine Staubwolke von ihm übrig.
Ich hingegen saß auf meinem Roller wie auf einem wild gewordenen Pferd. Erst mal fünf Minuten lang den Seitenständer gesucht. Dann noch mal kurz gegoogelt, wo Gas und Bremse sind – sicher ist sicher. Als ich mich schließlich in Bewegung setzte, fühlten sich 20 km/h an wie 200. Ich klammerte mich so fest am Lenker fest, dass meine Hände aussahen, als hätte ich gerade einen Marathon gewonnen.
Während er vorne die Straße entlangbretterte, den Fahrtwind im Gesicht, die Sonne auf der Haut, dachte ich nur: Wie machen die das alle so mühelos? Überall um uns herum flitzten Touristen, Einheimische, ganze Familien mit drei Kindern auf einem Roller vorbei – und ich war der einzige Mensch auf Phuket, der offenbar eine existenzielle Krise bei 20 km/h hatte.
Aber irgendwann – ganz langsam – ließ ich den Griff ein bisschen lockerer. Atmete durch. Der Wind war warm, die Straße leer, Palmen rauschten, und in dem Moment verstand ich plötzlich, warum alle von diesem Freiheitsgefühl schwärmen. Für ein paar Minuten fühlte ich mich tatsächlich wie jemand, der wusste, was er tat. Fast zumindest.
Bis zur ersten Kurve.
Danach blieb ich konsequent bei meinen 20 km/h. Ich nannte es „defensives Fahren“, andere hätten es wohl „rollendes Verkehrshindernis“ genannt. Aber ehrlich gesagt – mir war’s egal. Ich tuckerte gemütlich durch die Straßen, während Roller, Autos, Tuk-Tuks und halbe Familien auf einem einzigen Moped an mir vorbeizogen. Ich winkte sogar einmal einer Oma zu, die mich überholte – ohne Helm, aber mit einem riesigen Sack Reis auf dem Schoß.
Als ich schließlich ankam, voller Stolz, tuckerte ich auf den Parkplatz, als wäre ich gerade durch die Wüste Thailands gereist. Mein Bruder stand schon da – natürlich. Lässig, entspannt, Roller an die Wand gelehnt, zwei Zigaretten schon geraucht. Er grinste, als er mich sah.
„Na, läuft ja“, meinte er, während ich mit noch immer vibrierenden Händen den Helm absetzte.
Ich tat so, als wäre alles easy. So, als wäre ich nicht fast zehnmal beim Abbiegen gestorben – nur in meinem Kopf, versteht sich. Aber innerlich war ich richtig stolz. Ich war nie schneller geworden, nie mutiger, nie waghalsig – aber ich war gefahren. Jeden einzelnen Meter.
Und irgendwie, zwischen Angstschweiß, Sonnenbrand und meinem Bruder, der vorneweg raste, haben wir in diesen zweieinhalb Wochen gemerkt: Wir sind ein ziemlich gutes Team.
Auch wenn einer vorne den Asphalt aufreißt – und der andere hinten mit 20 km/h, Helm, Humor und viel Geduld hinterher tuckert.

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