Die schottische Hauptstadt Edinburgh steckt voller Überraschungen, Legenden und Geschichten und ist Heimat zahlreicher Dichter und Denker. Dieser Streifzug führt zu Sehenswürdigkeiten in Edinburgh, die alle eine Geschichte erzählen: von Edinburgh Castle durch die Altstadt und die georgianische Neustadt bis hinauf auf den Calton Hill.
Streift man durch Edinburghs historischen Stadtkern, rund um die imposante St.-Giles-Kathedrale mit der kronenförmigen Turmspitze sowie durch die engen Gassen zwischen den hohen Steinhäusern, möchte man meinen, die beschauliche Metropole sei die geniale Erfindung eines schottischen Schriftstellers. Immerzu wechselt der Himmel über der „Stadt der sieben Hügel“ seine Farbe, mal ist er strahlend blau, dann von einer bleigrauen Wolkendecke bedeckt, abends färbt er sich lila oder orange. Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Wolken und verströmen eine geheimnisvolle Atmosphäre.

Edinburgh Castle: Festung auf dem Vulkanfelsen
Auch das Edinburgh Castle, das wie eine verwunschene Burg auf dem Basaltkegel eines erloschenen Vulkans thront, wirkt, als würde es aus der Feder eines einfallsreichen Autors stammen. Sage und schreibe 23 Mal stand die ikonische Verteidigungsanlage in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte unter Belagerung. In den düsteren, stickigen Kerkern der Burg fällt es dem Besucher keineswegs schwer, sich in die missliche Lage einstiger Kriegsgefangener hineinzuversetzen. Im Jahr 1566 brachte die berühmte schottische Königin Maria Stuart im Schutze der Festung ihren Sohn Jakob VI. zur Welt, der später als Jakob I. auch den englischen Thron bestieg. Nur ein paar Jahrzehnte zuvor ereigneten sich unter der kunstvollen Holzdecke vor dem Kamin der Großen Halle opulente Festbankette mit Musik und feiner Unterhaltung. Heutzutage finden in einem winzigen Raum des Königlichen Palastes die glanzvollen Kronjuwelen, die Honours of Scotland, Unterschlupf, die in längst vergangenen Zeiten bei den Krönungszeremonien schottischer Monarchen verwendet wurden.

Auf dem Burggelände, in luftiger Höhe, liegt einem Edinburghs Neustadt in ihrer ganzen Herrlichkeit zu Füßen: Hübsche Grünanlagen, die zum Verweilen einladen, breit angelegte Straßen sowie unzählige georgianische Häuser prägen das Bild. Ein mit Holzbänken gespickter Park schmiegt sich an den Fuß des Felsmassivs, auf dessen sattgrünem Rasen man gerne die Seele baumeln lässt. Althergebrachte Dudelsackmelodien schwingen in der Luft, ab und an vernimmt man das Kreischen der Möwen, die vom Firth of Forth zu den Mauern der Festung herüberfliegen.

Hochzeit in der St. Margaret’s Chapel und die Geschichte des Kilts
Völlig unerwartet erscheint ein schwarzer Oldtimer auf dem Gelände der Burg, aus dem eine Braut aussteigt. Umringt von einer Schar Touristen führt ihr Vater sie in Begleitung einer Dudelsackspielerin zur St.-Margarets-Kapelle. Für manch einen Schotten ist es eine Herzensangelegenheit, sich in der zierlichen Burgkapelle aus dem 12. Jahrhundert, Edinburghs ältestem Bauwerk, das Jawort zu geben. Während die Braut in elegantes Weiß gehüllt ist, tragen der Bräutigam und der Vater der Braut traditionsbewusst einen Kilt. Es gab jedoch Zeiten, da war es den Schotten strengstens untersagt, die altüberlieferte Tracht der Highlands zu tragen: Nach dem gescheiterten Jakobitenaufstand verbot der Dress Act von 1746 Kilt und Tartan, erst 1782 wurde das Verbot aufgehoben.
In der malerischen West Bow verbirgt sich hinter der knallroten Fassade ein Fachgeschäft für Kilt und Zubehör. Edward kennt sich mit dem bunt karierten Faltenrock bestens aus und plaudert aus dem Nähkästchen. So erfährt man, dass die Wahl des Stoffmusters von der Zugehörigkeit zu einem Clan abhängig ist. Als Dauerbrenner unter den Kilts hat sich der „Black Watch“, auch „Old Campbell“ genannt, etabliert, der seinen Ursprung in der Armee hat. Georg IV. trug bedeutend zur Popularität des Kilts bei. Der damalige König des Vereinigten Königreichs und von Hannover, dessen Herz eher für Mode, Kunst und Architektur als für Politik schlug, erschien nämlich 1822 bei seinem Besuch in Edinburgh zum Erstaunen aller in dem karierten Faltenrock. Eingefädelt hatte diesen Auftritt kein Geringerer als der Nationaldichter Sir Walter Scott, dessen Absicht es war, die Wogen zwischen den Schotten und der britischen Monarchie zu glätten. Von nun an war es en vogue, einen Kilt zu tragen.
Greyfriars Bobby: Edinburghs treuester Hund
In unmittelbarer Nähe zum großartigen National Museum of Scotland erinnert eine kleine Statue an das herzzerreißende Schicksal eines putzigen Skye Terriers. Einst gehörte der Vierbeiner namens Bobby dem Nachtwächter John Gray, gemeinsam streiften sie des Nachts durch die nasskalten, dunklen Gassen der Stadt. Unglücklicherweise starb Gray 1858 an Tuberkulose und wurde auf dem nahe gelegenen Friedhof Greyfriars Kirkyard begraben. Der Legende nach hielt ihm der kleine Hund Zeit seines Lebens die Treue und verbrachte ganze 14 Jahre am Grab seines Herrchens.

Literaturstadt Edinburgh: Scott Monument und Writers’ Museum
Stoff wie diesen liefert Edinburgh zuhauf. Es hat fast den Anschein, als würde unter jedem Stein der Metropole eine Geschichte lauern, echt oder fiktiv, das steht oftmals in den Sternen. Kein Wunder, dass zahlreiche Schriftsteller hier einen Ort der Inspiration gefunden haben. Und die Edinburgher sind stolz auf ihre Literaten. Deren Wertschätzung spiegelt sich in der Erhabenheit des 61 Meter hohen Scott-Denkmals, das am Rande der hochfrequentierten Princes Street alle Blicke auf sich zieht. Oder im liebenswerten Writers’ Museum im Herzen der Altstadt, das sich dem Literaten-Trio Robert Burns, Sir Walter Scott und Robert Louis Stevenson widmet. Das einzigartige Sammelsurium aus wertvollen Erstausgaben, Manuskripten, persönlichen Briefen, Reisetagebüchern, Möbelstücken, Ölgemälden sowie Lieblingsgegenständen der Autoren gewährt interessante und aufschlussreiche Einblicke in das Leben und Schaffen der literarischen Elite Edinburghs.


Edinburgh International Book Festival und UNESCO City of Literature
Auch auf dem Edinburgh International Book Festival, einem der größten seiner Art auf dem Globus, kommen Literaturliebhaber auf ihre Kosten. So findet alljährlich im August im Edinburgh Futures Institute der altehrwürdigen Universität der Stadt ein Literaturfest ohnegleichen statt, auf dem mehrere Hundert prominente und aufstrebende Autoren nahezu jeder Couleur und jedes Genres mit von der Partie sind. Zum Programm des stimmungsvollen Buch-Festivals zählen spannende Lesungen, Podiumsdiskussionen und Kreativworkshops, die nicht selten durch Musik-Performances, Theateraufführungen oder Poetry-Slam-Auftritte begleitet werden. Mehr Literatur-Feeling als hier kann man nun wirklich nicht erleben. Nicht ohne Grund war Edinburgh die allererste Stadt weltweit, die im Jahr 2004 die Auszeichnung „UNESCO City of Literature“ verliehen bekam. Hierzu haben sicherlich ebenso die 28 öffentlichen Bibliotheken, von denen eine ausschließlich auf Lyrik spezialisiert ist, die 10 Campus-Bibliotheken sowie dutzende Indie‑, Second-Hand-Buchhandlungen und alteingesessene Antiquariate beigetragen.
„Athen des Nordens“: Aufklärung und georgianische Neustadt
Den Ruf eines pulsierenden geistigen Zentrums genoss Edinburgh wohlgemerkt bereits im 18. Jahrhundert. Große Denker und Philosophen kamen im Zuge der schottischen Aufklärung im Rahmen von Clubs in den Tavernen, Kaffeehäusern, Universitätsgebäuden oder Salons der Hauptstadt zusammen, um zu debattieren und sich intellektuell auszutauschen. Adam Smith, David Hume und Adam Ferguson waren nur einige davon. Da überrascht es nicht, dass Theodor Fontane seinerzeit Edinburgh als das „Athen des Nordens“ bezeichnete.
Hinzu kommt noch der allgemein bekannte historische Mythos, dass Edinburgh genau wie Athen oder Rom auf sieben Hügeln erbaut wurde. Nicht zuletzt fiel Fontane auf seiner Reise im Jahr 1858 bei seinen Streifzügen durch die Neustadt ins Auge, dass es dort nur so vor klassizistisch geprägten Bauten und Denkmälern wimmelte. Heute noch staunt man über deren Schönheit und Eleganz. Hier ragt die Scottish National Gallery mit ihrer faszinierenden Sammlung von europäischen Gemälden empor, dort das Bute House, die Residenz und der Amtssitz des Regierungschefs, an einer anderen Stelle das Dundas House, der Hauptsitz der Royal Bank of Scotland.

Wer das opulente Innere eines solchen Prunkbaus in aller Gemütlichkeit bewundern und dabei noch in den Genuss eines Cocktails oder Aperitifs kommen möchte, dem sei das Restaurant The Dome in der George Street empfohlen. Unter der monumental-pompösen Glaskuppel thront inmitten des stilvoll eingerichteten Restaurants mit dem kunstvollen Mosaikboden eine schicke Bar, geschmückt mit üppigen Blumenamphoren, die kaum einen Wunsch offenlässt. Ein bisschen Luxus schadet bekanntlich nie. Sollten noch, wie durch Zufall, im Hintergrund beschwingte Jazz-Klänge zu hören sein, so fühlt man sich schlagartig in die 1920er Jahre hineinversetzt.
Calton Hill: National Monument und Nelson Monument

Man mag es kaum glauben, doch Edinburgh hat sogar eine stattliche Parthenon-Replik in petto, obgleich nur in unvollendeter Form. Das reizende National Monument mit den zwölf kolossalen dorischen Säulen wurde den abertausenden schottischen Soldaten gewidmet, die unglücklicherweise bei den napoleonischen Kriegen ums Leben kamen, und ist Teil eines Ensembles von mehreren Denkmälern auf dem Calton Hill, einer markanten Erhebung, die aufgrund ihrer geschichtsträchtigen und geheimnisvollen Aura immer wieder unzählige Besucher magnetisch anzieht. Das i‑Tüpfelchen des Hügels ist das Nelson-Monument, ein über 30 Meter hoher Rapunzelturm, dessen 143 Stufen zu einer kreisförmigen Galerie mit einem schwindelerregenden sowie atemberaubenden Rundumblick führen. Der Weg hinauf lohnt sich allemal, denn von dort oben zeigt sich die sagenumwobene Hauptstadt mit ihrer weltberühmten Burg von ihrer wohl schönsten und dramatischsten Seite, wie auf einer Postkarte der ganz alten Schule!

Edinburgh-Tipps: die Orte aus diesem Beitrag
- Edinburgh Castle: Castlehill, am oberen Ende der Royal Mile. Tickets am besten vorab online buchen, im Sommer sind Zeitfenster schnell ausgebucht.
- St.-Giles-Kathedrale (St Giles’ Cathedral): High Street, Royal Mile.
- Writers’ Museum: Lady Stair’s Close, Lawnmarket, Eintritt frei.
- Greyfriars Bobby und Greyfriars Kirkyard: Ecke Candlemaker Row/George IV Bridge, gegenüber dem National Museum of Scotland (Chambers Street, Eintritt frei).
- Scott Monument: East Princes Street Gardens, Princes Street.
- The Dome: George Street, Neustadt.
- Calton Hill mit National Monument und Nelson Monument: am östlichen Ende der Princes Street, zu Fuß rund zehn Minuten von der Waverley Station.
- Edinburgh International Book Festival: jedes Jahr im August, Programm und Tickets unter edbookfest.co.uk.
Weiterlesen? Auf dem Blog etwa nach Orkney und auf die Isle of Mull.

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