Oman im Fußballfieber: Ein Abend in Muscat, eine Nacht in Salalah

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Oman im Fußballfieber: Ein Abend in Muscat, eine Nacht in Salalah

Eigentlich wollten wir nur Fußball schauen.

Muscat, Dezember 2025: Oman gegen Saudi-Arabien

Es war der 2. Dezember 2025 in Muscat und Oman spielte beim Arab Cup gegen Saudi-Arabien. Wir waren den ganzen Tag unter­wegs gewesen und wollten zum Abschluss des Tages noch irgendwo das Spiel gucken.

Wir fanden ein kleines Lokal an der Straße, wo sich draußen vor einer großen Leinwand schon viele Menschen versam­melt hatten und auf den Anpfiff warteten. Es war kühl, wie man es an einem Dezemberabend im Oman durchaus erwarten kann, aber mit einer Jacke noch warm genug, um entspannt draußen zu sitzen.

Es war gar nicht so einfach, noch einen freien Platz zu finden, von dem aus man auch etwas vom Spiel sehen konnte. Überall saßen eigent­lich nur Männer, viele mit einer Shisha vor sich, und natür­lich waren alle Augen auf die Leinwand gerichtet. Ich war mit einem Bekannten da und wir setzten uns einfach dazwi­schen und bestellten etwas zu trinken. Obwohl ich dort offenbar die einzige Frau war, sagte niemand etwas oder schaute mich komisch an.

Dann begann das Spiel und die Männer waren sofort ganz in ihrem Element. Es wurde disku­tiert und mitge­litten, wenn der Ball am Tor der saudi­schen Mannschaft vorbei­flog, und genauso gebangt, wenn er dem omani­schen Tor zu nahe kam.

Ich verstand weder, was die Männer um uns herum sagten, noch was der Kommentator erzählte. Trotzdem sprangen die Emotionen schnell über und ich fieberte mit.

Und dabei musste ich immer wieder an 2018 denken. Denn fast acht Jahre zuvor hatte ich schon einmal erlebt, was passieren kann, wenn Oman Fußball spielt – und gewinnt.

Salalah, Januar 2018: Gulf-Cup-Finale gegen die Emirate

Am 5. Januar 2018 war die Situation aller­dings noch etwas spannender: Diesmal ging es um den Gulf Cup, und Oman spielte im Finale gegen die Vereinigten Arabischen Emirate. Ich war an diesem Abend in Salalah, und schon vor dem Anpfiff war die Stadt merkwürdig still.

Die Straßen, auf denen sonst Autos unter­wegs waren und Menschen vor Cafés saßen, wirkten plötz­lich beinahe leer. Nicht weil niemand Fußball sehen wollte, sondern weil offenbar fast alle längst irgendwo vor einem Fernseher oder einer Leinwand saßen und pünkt­lich zum Anpfiff bereit waren. Das Finale wollte sich kaum jemand entgehen lassen. Die Chance auf den Titel war zum Greifen nah.

Oman hatte zuletzt 2009 im Gulf-Cup-Finale gestanden und damals sogar gewonnen. Es war der erste Gulf-Cup-Titel des Landes. Damals war Saudi-Arabien der Gegner gewesen: Nach einem 0:0 nach Verlängerung gewann Oman das Elfmeterschießen mit 6:5.

Neun Jahre später war die Chance auf den nächsten Titel wieder da.

Wir fanden einen Platz in einem kleinen Restaurant an der Strandstraße. Das Meer war in Sichtweite, nur war es inzwi­schen zu dunkel, um noch viel davon zu sehen. Wäre das Spiel nicht so laut gewesen, hätte man von unseren Plätzen aus wahrschein­lich sogar das Rauschen der Wellen hören können.

Vor uns stand die Leinwand, um uns herum saßen auch damals fast ausschließ­lich Einheimische, haupt­säch­lich Männer, mit Getränken und Shishas.

Bei jedem Spiel lief der Kommentar auf Arabisch. Ich hatte während des Turniers schon einige Spiele verfolgt und dabei schnell festge­stellt, dass es gar nicht so einfach war, dem Spiel allein über den Kommentar zu folgen. Das einzige Wort, das ich immer wieder sicher heraus­hörte, war „Mohammed“.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, Mohammed müsse gleich­zeitig im Mittelfeld, im Sturm und wahrschein­lich auch noch im Tor spielen.

Natürlich waren es verschie­dene Spieler. Aber wenn man die Namen nicht kennt, sie in hoher Geschwindigkeit durch einen arabi­schen Fußballkommentar rauschen und ausge­rechnet „Mohammed“ das einzige Wort ist, das man jedes Mal sofort erkennt, kommt es einem schnell vor, als würde der Kommentator fast nichts anderes mehr rufen. Und zugegeben: Der Name ist unter Fußballspielern aus der Region auch nicht gerade eine Seltenheit.

Dann kam hin und wieder noch „Allah, Allah!“ dazu. Für einen kurzen Moment fragte ich mich ernst­haft, ob das jetzt auch noch ein Spielername war. Spätestens wenn dieser Ausruf nach einem Tor kam, wusste ich, dass gerade etwas Wichtiges passiert war – nur welcher Spieler getroffen hatte, war mir dadurch nicht immer sofort klar.

Die Menschen um mich herum hatten solche Probleme offen­sicht­lich nicht. Sie wussten sehr genau, was auf dem Platz geschah und welcher Spieler zu welchem Team gehörte.

Ich war deshalb froh, dass ich die beiden Mannschaften auf der Leinwand wenigs­tens problemlos anhand der Trikots ausein­an­der­halten konnte: Oman spielte in Rot, die Emirate in Weiß. Solange ich das Spiel also sehen konnte, war ich nicht allein auf den arabi­schen Kommentar angewiesen.

Und zwischen­durch entweder Jubel – oder kollek­tives Entsetzen.

Torlos bis ins Elfmeterschießen

Das Finale 2018 blieb torlos.

0:0 nach 90 Minuten.

0:0 nach der Verlängerung.

Dann, gegen neun Uhr abends, Elfmeterschießen.

Spätestens jetzt war von dem gemüt­li­chen Abend im Restaurant nicht mehr viel übrig. Mit jedem Schuss wurde die Spannung größer. Alle starrten gebannt auf die Leinwand.

Dann stand es fest.

Oman gewann das Elfmeterschießen mit 5:4.

Eine Nacht im Autokorso

Und Salalah verwan­delte sich.

Von der Ruhe, die noch während des Spiels auf den Straßen geherrscht hatte, war inner­halb weniger Minuten nichts mehr übrig. Menschen sprangen auf, jubelten, klatschten und umarmten sich. Stühle wurden zurück­ge­schoben und plötz­lich strömten die Leute aus den Restaurants auf die Straße.

Es wirkte fast so, als hätten alle außer uns schon gewusst, was jetzt passieren würde. Telefone kamen zum Vorschein und die Straßen, die kurz zuvor noch beinahe ausge­storben gewesen waren, füllten sich.

Noch während des Spiels hatte kaum jemand mit einer Fahne dagesessen. Danach schienen sie plötz­lich aus allen Autos und Fenstern aufzu­tau­chen. Ein bisschen erinnerte mich das an die Stimmung rund um den Nationalfeiertag.

Wir waren mit dem eigenen Auto da und versuchten irgendwie, aus unserer Parklücke auf die Straße zu kommen. Das war aller­dings leichter gesagt als getan, denn der Autokorso hatte längst begonnen. Innerhalb weniger Minuten war die Strandstraße komplett dicht.

Also reihten wir uns vorsichtig ein.

Viel voran kamen wir aller­dings nicht. Solche verstopften Straßen kenne ich sonst nur von der Rushhour in Muscat oder einem ordent­li­chen Stau auf der A1 zu Hause.

Überall waren Autos. Menschen lehnten sich aus den Fenstern oder streckten die Köpfe durch die geöff­neten Schiebedächer. Manche saßen sogar ganz entspannt im Schneidersitz auf den Autodächern und schwenkten omani­sche Flaggen. Andere hatten Masken auf oder Tücher vor dem Gesicht. Daneben liefen Menschen zu Fuß zwischen den Autos hindurch, sangen und riefen irgend­etwas im Chor. Hupen wurden Teil der Musik und aus verschie­denen Fahrzeugen dröhnten immer wieder dieselben Lieder.

An eines davon erinnere ich mich bis heute. Den Text konnte ich nicht mitsingen, den Rhythmus irgend­wann schon. Die Melodie hat sich so sehr bei mir einge­brannt, dass ich mir das Lied noch heute manchmal auf YouTube anhöre, nur um mich für einen Moment wieder in diese Nacht zurück­zu­ver­setzen.

Im Schneckentempo ging es damals durch Salalah und eigent­lich wollte auch niemand schneller fahren. Den Leuten ging es gar nicht darum, nach Hause zu kommen, sondern einfach nur darum, den Sieg zu feiern. Die ganze Innenstadt entlang der Küste war eine einzige Feier.

So emotional hatte ich Oman bis dahin noch nie erlebt – und auch in all den Jahren danach nicht wieder.

Was mich daran beson­ders beein­druckte, war, wie unmit­telbar diese Freude auf einen übersprang. Ich hatte im Oman durchaus erlebt, dass Menschen andere zum Mitsingen oder Mittanzen einluden – aber meist auf diese zurück­hal­tende, höfliche Art, bei der man genauso gut ablehnen konnte. An diesem Abend war das anders. Niemand musste einen zum Mitfeiern auffor­dern. Die Begeisterung um einen herum riss einen ganz automa­tisch mit.

Irgendwann fühlte es sich weniger wie die Feier nach einem Fußballspiel an als wie eine riesige Hochzeit, zu der eine ganze Stadt einge­laden worden war.

Und wir waren einfach mitten­drin.

An mehreren Stellen stand Polizei. Ich weiß bis heute nicht, ob sie dort vor allem den Verkehr im Blick behalten sollte oder einfach vorsorg­lich da war. Jedenfalls hatte ich nicht den Eindruck, dass die Polizei versuchte, den Autokorso möglichst schnell aufzu­lösen. Einige der Polizisten winkten den vorbei­fah­renden Autos sogar zu.

Noch gegen vier Uhr morgens waren die Straßen voll. Inzwischen hatten wir längst aufge­geben, irgend­einen schnellen Weg nach Hause zu finden. Jede vermeint­liche Abkürzung, von der wir dachten, sie würde uns aus dem Trubel heraus­bringen, führte uns nur noch tiefer hinein.

Also beschlossen wir irgend­wann, uns einfach treiben zu lassen und die Feste zu feiern, wie sie fallen. Erst gegen fünf Uhr morgens schafften wir es schließ­lich ins Bett.

Und noch etwas fiel mir in dieser Nacht auf: Die Menschen feierten ausge­lassen – ganz ohne Alkohol.

Trotz der vollen Straßen und der vielen Menschen habe ich die Stimmung als erstaun­lich fried­lich in Erinnerung. Ich erlebte keine Randale oder aggres­siven Auseinandersetzungen. Zwischen den vielen Männern sah ich hin und wieder auch Frauen und Kinder mitfeiern.

Der Morgen danach

Am nächsten Morgen wartete noch eine Überraschung.

Nach Stunden voller Autos, Menschen und Feierlichkeiten hatte ich damit gerechnet, überall Spuren davon zu sehen. Doch als ich wieder durch Salalah fuhr, fiel mir kein Müll auf. Die Stadt wirkte sauber wie immer, fast so, als hätte diese riesige Feier in der Nacht zuvor gar nicht statt­ge­funden.

Bis heute denke ich oft an diese Nacht zurück, wenn ich irgendwo ein Fußballspiel sehe. Und manchmal wünsche ich mir dann, die Stimmung wäre wieder so wie damals im Oman.

Zurück in Muscat: ein Abend ohne Happy End

Und nun saß ich tatsäch­lich wieder da.

Fast acht Jahre später.

Dieses Mal in Muscat. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, um zumin­dest die Chance auf so ein Erlebnis noch einmal zu haben.

Der Arab Cup hatte gerade erst begonnen. Ein Sieg an diesem Abend würde noch keinen Titel bedeuten. Aber genau darin lag für mich auch ein Teil der Vorfreude: Wenn Oman gut ins Turnier startete und weit kam, konnte am Ende vielleicht wieder so eine Nacht stehen wie damals in Salalah.

Saudi-Arabien ging in Führung.

Die Stimmung im Lokal verän­derte sich sofort.

Dann, in der 70. Minute, glich Oman aus.

1:1.

Die Männer um uns herum richteten sich auf, Stimmen wurden lauter, Hände gingen in die Luft.

Vielleicht geht da noch etwas.

Sieben Minuten später traf Saudi-Arabien zum 2:1.

Diesmal kam Oman nicht mehr zurück.

Als das Spiel endete, hatte Oman verloren. Das war ein Rückschlag. Aber nach nur einem Gruppenspiel war noch längst nicht abzusehen, wie weit die Mannschaft in diesem Turnier kommen würde.

Die Hoffnung auf ein zweites Salalah-Erlebnis war also noch nicht vorbei.

Und trotz der Niederlage ging ich an diesem Abend nicht enttäuscht nach Hause.

Denn auch dieser ganz normale Fußballabend war ein Erlebnis gewesen. Wir hatten irgendwo in Muscat in einem einfa­chen Lokal gesessen, zwischen Shisharauch und Fußballkommentar, und mit Menschen mitge­fie­bert, die wir überhaupt nicht kannten.

Warum sich ein Blick auf lokale Ereignisse lohnt

Das Besondere daran war eigent­lich gar nicht der Fußball. Für ein paar Stunden saß ich einfach dort, wo die Menschen an diesem Abend ohnehin saßen. Es ging nicht darum, etwas zu besich­tigen oder ein Erlebnis für Touristen zu suchen. Ich war einfach mitten­drin in einem ganz normalen Abend in Muscat und fühlte mich für diesen Moment nicht mehr wie jemand, der nur von außen zuschaut.

Die wenigsten Reisenden würden wahrschein­lich einen Urlaub danach planen, wann irgendwo ein Fußballturnier statt­findet. Aber genau dieser Abend hat mich wieder daran erinnert, dass es sich lohnt, vor Ort auch zu schauen, was gerade abseits der klassi­schen Sehenswürdigkeiten und Ausflüge passiert.

Gibt es ein Fußballspiel? Ein Fest? Einen Markt, der nur an einem Wochenende im Jahr statt­findet? Ein Konzert oder eine beson­dere Aufführung?

Gerade solche Veranstaltungen findet man nicht unbedingt im Reiseführer oder in den üblichen touris­ti­schen Programmen. Manchmal weiß man als Reisender noch nicht einmal, wonach man eigent­lich suchen muss.

Man reist in den Oman, um Moscheen, Wadis, Berge, Wüste oder Souqs zu sehen. Und all das gehört auch dazu. Aber manchmal sind es am Ende gar nicht die Sehenswürdigkeiten, die man vorher unbedingt sehen wollte, an die man sich Jahre später am stärksten erinnert.

Sondern die Dinge, die eigent­lich nur nebenbei passiert sind.

Wahrscheinlich waren im Dezember 2025 viele Reisende im Oman unter­wegs, die gar nicht wussten, dass gleich­zeitig der Arab Cup lief. Vielleicht hätten einige von ihnen genauso gern irgendwo Platz genommen und mitge­schaut.

Ich hatte diesmal einfach das Glück, davon zu wissen.

2018 hatte ich noch viel mehr Glück.

Damals wollte ich eigent­lich auch nur ein bisschen Fußball schauen.

Am Ende saß ich mitten in einem Autokorso, kam erst gegen fünf Uhr morgens ins Bett – und erzähle fast acht Jahre später immer noch davon.


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