Herr, gib mir Geduld

Weltweit › Warum KI-Design nervt
Postkarten mit betender Katze und italienischen Sprüchen, darunter »Signore, dammi la pazienza«

Eine Katze faltet die Pfoten und blickt zum Himmel. »Signore, dammi la pazienza«, steht neben ihr. Herr, gib mir Geduld. Ich hätte gern genug davon, um dieses Schild nicht von der Wand zu reißen.

Dabei ist die Katze sehr niedlich. Das Fell schön gezeichnet, der Blick rührend, daneben eine Kerze. Jemand hat sich vermut­lich über dieses Bild gefreut. Meinen Kindern gefällt es sehr. Ich erkenne darin vor allem den Look, der mich inzwi­schen durch jede Einkaufsstraße verfolgt.

Überall hängen jetzt diese Bilder, auf der ganzen Welt. Kleine Läden entde­cken ChatGPT und sehen auf einmal aus, als hätten sie eine Werbeagentur beauf­tragt, deren gesamtes Personal aus einem sehr ausge­schla­fenen Marshmallow besteht. Ein Hauch von Handarbeit, entstanden unter strengem Ausschluss von Händen. Sogar die krumme Linie ist auf eine Weise krumm, die niemanden beunru­higen soll.

Auf dem Frühstücksschild glänzen die Cornetti, der Cappuccino trägt ein Herz. Im Supermarkt lächelt eine im Stil eines bekannten Künstlers gezeich­nete Familie, als sei der Wocheneinkauf der lange ersehnte Höhepunkt ihres Zusammenlebens.

Frühstücksplakat mit Cappuccino und gefüllten Cornetti vor einem Café
Supermarktschild mit gezeichneter Familie, Einkaufswagen und gefüllten Regalen

Das Seltsame daran: Es ist tatsäch­lich oft eine Verbesserung.

Wir müssen kurz der alten Speisekarte gedenken. Acht Seiten in Plastikhüllen, innen feucht. Auf dem Titel ein Foto des Inhabers, aufge­nommen aus der Perspektive eines Gastes, der gerade unter den Tisch gerutscht war. Für »Unsere Spezialitäten« hatte jemand einen Schatten einge­stellt, der bis in den Gastraum fiel. Hinten sprang eine Clipart-Pizza aus einem gelben Stern.

Ihre Ablösung war eventuell überfällig. Trotzdem wusste ich etwas über den Menschen, der sie verbro­chen hatte. Er hielt viel von seiner Pizza und noch mehr von der Möglichkeit, Wörter zu unter­strei­chen. Irgendwann hatte er vor einem Computer gesessen und beschlossen: Ja. Der Stern bleibt. Der ist gut.

Darüber kann man streiten. Aber: Ich war bei jemandem zu Gast.

Auf den neuen Bildern wird überall dieselbe wohlige Liebe angeboten. Sie lässt sich offenbar als Datei herun­ter­laden. Dass jedes einzelne dieser Bilder aus einer KI kommt, weiß ich übrigens nicht. Inzwischen reicht der Look, und ich bin schlecht gelaunt. So weit ist es schon.

Nun hat die Frau im Café mögli­cher­weise seit sechs Uhr morgens gearbeitet, die Spülmaschine ist kaputt und für einen Grafiker fehlt das Geld. Abends tippt sie einen Satz ein und bekommt etwas, das endlich ordent­lich aussieht. Sie freut sich.

Und ich verlange, sie möge bitte für mein persön­li­ches Stadtgefühl weiterhin hässliche Schilder herstellen. Eigenhändig. Nach Feierabend. Vielleicht noch Kartoffeldruck.

Man sollte mich gelegent­lich wirklich einfach nach Hause schicken.

Nur bleibt der Ärger. Die neue Illustration sieht aus, als hätte jemand sehr liebe­voll hinge­sehen. Sie kennt bloß den Laden nicht.

Der Bäcker könnte die besten Brötchen der Straße backen und seine Rosinenbrötchen nach verfein­deten Familienmitgliedern benennen. Auf seinem Plakat herrscht dieselbe behag­liche Sonntagsstimmung wie bei der Kette gegen­über. Ausgerechnet das Werkzeug, das ihm zu einem eigenen Auftritt verhelfen könnte, zieht ihm die Uniform aller anderen an.

Und diese Uniform ist so verdammt nett. Die Bilder kommen einem mit offenen Armen entgegen. Selbst die Zitrone hat ihre Säure offenbar thera­peu­tisch aufge­ar­beitet. Wer davon genervt ist, steht da wie jemand, der auf einem Kindergeburtstag die Hüpfburg entlüftet.

Ich wäre dann so weit.

Getränkekarten mit illustrierten Zitronen und Orangen vor geflochtenen Körben

Ein einzelnes solches Schild hätte ich vermut­lich hübsch gefunden. Beim zwölften fühle ich mich verfolgt. Auf dem Bildschirm kann ich das Fenster schließen. Jetzt steht es vor jedem zweiten Geschäft, ausge­druckt und einla­mi­niert. Ich gehe raus, um etwas anderes zu sehen, und draußen hat sich dieselbe Software schon um die Dekoration geküm­mert.

Als Reisender macht mich das beson­ders mürrisch. Ich fahre in eine andere Stadt, biege in eine kleine Straße ein, suche ein Café, das ich noch nicht kenne. Vor der Tür steht wieder dieser Cappuccino. Offenbar ist er geflogen.

Natürlich gab es auch vorher überall dieselben Fotos von Eisbechern, auf denen eine einzelne Physalis den gesamten Bildungsauftrag übernahm. Dazwischen stand aber dieser eine Laden mit dem seltsamen Schild. Da komme ich zurück und hoffe, dass der Besitzer noch immer der Ansicht ist, man müsse »Frühstück« in Anführungszeichen setzen.

Jetzt können alle mit einem Satz etwas Eigenes bestellen. Heraus kommt erstaun­lich oft dasselbe. Vielleicht, weil man nach dem ersten Bild schon zufrieden ist: Oh, sieht gut aus. Drucken.

Ich kenne das. Ich benutze KI selbst. Mein Bedarf an bequemen Abkürzungen ist erheb­lich. Mit dem Werkzeug ließe sich auch etwas Seltsames machen, das genau zu diesem Laden passt und dem Nachbarn ausge­spro­chen missfällt. Dafür müsste man nach dem ersten hübschen Vorschlag noch eine Weile unzufrieden bleiben.

Die Frau hat morgens den Kaffee gemacht und ihre Gäste begrüßt. Draußen steht ein Plakat, das zu zehntau­send anderen Cafés genauso gut passt. Es macht ihre Arbeit kleiner, als sie ist. Ein bisschen mehr als das sollte einem zu dem eigenen Laden doch einfallen.

Plakat der Kirche Sant’Ignazio all’Olivella zum Fest des heiligen Ignatius

In Palermo hängt sogar an einer Kirche ein Hochzeitshinweis mit goldenen Ringen, geschwun­gener Schrift und einem kleinen Kalender mit Herz. Man könnte darunter problemlos noch ein Frühstücksangebot unter­bringen.

Zwei Cappuccini, zwei Cornetti, anschlie­ßend das Sakrament.

Hochzeitshinweis der Kirche Sant’Ignazio all’Olivella mit goldenen Ringen und Herzkalender

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