Inselhopping an der Westküste Kanadas

Inselhopping rund um Vancouver Island an Kanadas Westküste

Wenn ich frü­her über ein mög­li­ches Insel­le­ben nach­ge­dacht habe, dann gab es Sand­strand, Pal­men und Kokos­nüs­se. Nicht im Traum hät­te ich mir vor­stel­len kön­nen, wie wun­der­schön es an der West­küs­te Kana­das rund um Van­cou­ver Island sein könn­te. Ist das nicht zu nörd­lich, um Insel­ge­füh­le aus­zu­lö­sen?

Magisch anmutendes Archipel

Statt Pal­men ragen hier die Mam­mut­bäu­me hoch in den Him­mel, die Küs­te ist abwechs­lungs­reich und statt auf fal­len­de Kokos­nüs­se, soll­te man hier auf Bären ach­ten. Die Som­mer sind tro­cken und warm. Und die Cam­ping­plät­ze weit­läu­fig und natur­be­las­sen. Für Out­door-Fans ist die Küs­te im Nord­wes­ten Kana­das ein abso­lu­tes Para­dies und Insel­hop­ping lohnt sich.

Die Inseln zwi­schen dem Fest­land und Van­cou­ver Island lie­gen in der soge­nann­ten Sali­schen See. Sie alle haben ihre ganz eige­ne Geschich­te, ihren indi­vi­du­el­len Charme. Mit den BC Fäh­ren kommt man bequem von einer Insel zur nächs­ten: bezahlt wird nur ein­mal auf dem Hin­weg, denn die Fähr­fahrt zurück ist schon ein­ge­preist.

Ich kann mich unglaub­lich glück­lich schät­zen, dass ich die­ses Insel­le­ben für mich ent­deckt habe, denn hier kom­me ich aus dem Stau­nen kaum noch her­aus und wer­de regel­mä­ßig ganz ehr­fürch­tig ange­sichts der majes­tä­ti­schen Natur. Bist du bereit für eine Run­de Insel­hop­ping?

Von Vancouver geht’s los

Wir star­ten da, wo die meis­ten Men­schen ankom­men: In Van­cou­ver. Die Stadt wur­de vom gleich­na­mi­gen Bri­ten im spä­ten 18. Jahr­hun­dert ent­deckt und wächst seit­dem zu einer der größ­ten Städ­te Kana­das her­an. Die Metro­po­le ist jung, divers und ver­sucht sich noch immer selbst zu ent­de­cken. Als Tou­ri stel­le ich vor allem fest, wie teu­er die Unter­künf­te sind und wie vie­le Bubble Tea Läden es gibt.

Van­cou­ver City mit Son­nen­un­ter­gangs­stim­mung

Was fetzt: Es ist eine Stadt mit Mee­res­zu­gang. Das heißt, es gibt Strän­de, Hafen­spa­zier­gän­ge und dra­ma­ti­sche Son­nen­un­ter­gän­ge. Ich per­sön­lich mag es, Städ­te lau­fend zu erkun­den. Aber auch die öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel brin­gen mich über­all dahin wo ich will und heu­te heißt das für unse­re klei­ne Rei­se­grup­pe: zur Fäh­re.

Es gibt meh­re­re Mög­lich­kei­ten, nach Van­cou­ver Island (oder wie die locals sagen: Van Isle) zu kom­men. Schnel­le teu­re Fäh­re, lang­sa­me güns­ti­ge Fäh­re oder Was­ser­flug­zeug. Letz­te­re Opti­on wür­de ich mir nicht leis­ten, bie­tet aber sicher­lich spek­ta­ku­lä­re Bli­cke auf das bezau­bern­de Archi­pel.

In Nana­i­mo ange­kom­men trin­ken wir ein Käff­chen und gön­nen uns den inzwi­schen viral gegan­ge­nen Nana­i­mo-Bar: Die­se loka­le Süß­spei­se ist ein­fach super lecker und wird von allen Nasch­mäul­chen geliebt, die einen Bei­geschmack von Kokos schät­zen.

Von Insel zu Insel

Direkt in Sicht­wei­te vom pit­to­res­ken Hafen Nana­i­mos gibt es das win­zi­ge Eiland Pro­tec­tion Island. Mit einem Böt­chen kann man direkt von der Mari­na aus hin­über schip­pern und im Ding­hy Dock Pub spei­sen. Das Restau­rant befin­det sich eigent­lich auf einem Floß und so bekommt man sei­nen (vege­ta­ri­schen) Bur­ger qua­si auf dem Was­ser kurz bevor die Son­ne hin­ter der Sky­line von Nana­i­mo unter­geht.

Ab zum Ding­hy Dock Pub, leicht zu errei­chen per Boot

Der Ver­dau­ungs­spa­zier­gang danach bringt uns ein­mal über die Insel. Über­all sind Tische auf­ge­baut, auf denen die Bewohner:innen Aus­ran­gier­tes ver­schen­ken. Hier wird geteilt, getauscht, ver­wer­tet – immer­hin ist es eine Insel und alles, was man nicht mehr braucht, müss­te sonst als Müll wie­der nach Nana­i­mo gebracht wer­den: “Nehmt so viel ihr wollt” sagt ein Insel­be­woh­ner. Ich brau­che heu­te kein Vin­ta­ge Geschirr, kei­ne Bro­sche und kein Buch. Ist etwas für dich dabei?

Wenn ihr mich im Alter sucht, bin ich vielleicht hier

Zurück in Nana­i­mo ist die Fäh­re nach Gabrio­la Island nur fünf Fuß­mi­nu­ten ent­fernt. Wir neh­men sie, weil ich euch ger­ne zei­gen möch­te, wie der per­fek­te Alters­wohn­sitz aus­se­hen kann. Gabrio­la, kurz Gabe, ist vol­ler hoher Bäu­me. Die sehen wir schon bei der Über­fahrt. Genau­so wie die Steil­küs­te und die vie­len klei­nen Buch­ten. In einer die­ser Buch­ten, Descan­so Bay, kann man her­vor­ra­gend zel­ten, baden, wan­dern.

Rie­sen, Far­ne, Son­nen­licht — So wird jeder Wald­spa­zier­gang zum Erleb­nis

Von dort aus ent­spinnt sich ein Trail-Sys­tem, das uns durch saf­ti­ge Wäl­der führt. Hier gibt es zum Glück kei­ne Bären. Das macht die Insel sehr ein­fach zu bewoh­nen und weni­ger gefähr­lich. Dafür gibt es aber wild leben­de Trut­häh­ne, aller­lei Rehe und rot­köp­fi­ge Spech­te, die sich viel­leicht bei unse­rem Spa­zier­gang sich­ten las­sen. Frü­her sind die Ein­hei­mi­schen hier vor allem zu Fuß und mit Pfer­den unter­wegs gewe­sen, erzählt Valery, die wir spä­ter in der Biblio­thek tref­fen: „Es ist das ergie­bigs­te Wan­der­weg­sys­tem im Groß­raum Nana­i­mo“, ver­si­chert sie mir. Ge-fact-che­cked wird das heu­te nicht. Wir glau­ben ihr ein­fach, denn sie lebt seit den 70ern hier und hat viel Arbeit und Herz­blut in die Insel gesteckt.

Die Biblio­thek ist eines der weni­gen Gebäu­de im über­sicht­li­chen „Vil­la­ge“. Sie ist auch ein Ort, an dem es meh­re­re Ange­bo­te pro Woche gibt, an denen kos­ten­los teil­ge­nom­men wer­den kann: Medi­ta­ti­on, Open Mic Lesun­gen, Film­nach­mit­ta­ge usw. Auf die­se Wei­se kön­nen sich alle mit ein­brin­gen, die das ger­ne möch­ten. Und auch wir wer­den hier freund­lich emp­fan­gen von Biblio­the­ka­rin Ken­dra und ihrem hilfs­be­rei­ten Team.

Am Strand von Gabrio­la Island fas­zi­nie­ren die Bli­cke in jede Rich­tung, auch die aufs Fest­land

Auf der Wan­der­kar­te habe ich den „Wha­le­bo­ne Beach“ gese­hen. Das klingt ver­lo­ckend, des­halb machen wir uns auf den Weg zum Strand. Es ist gera­de Ebbe und so kön­nen wir von Stein zu Stein hüp­fen, wäh­rend die Kana­di­schen Gän­se im Was­ser unse­ren Spa­zier­gang beob­ach­ten. Einen Wal­kno­chen, wie der Name ver­mu­ten lässt, fin­den wir nicht. Dafür schwim­men viel­leicht ein paar Rob­ben vor­bei. Und wir kön­nen die Wol­ken­krat­zer der Stadt Van­cou­ver am Hori­zont erken­nen. Unglaub­lich, den­ke ich. Es fühlt sich an, als wäre ich hier so weit weg von allem und doch ist die Groß­stadt in Sicht­wei­te.

Einzigartige Lage: Cortes Island

Unser nächs­ter Aus­flug führt uns wei­ter in den Nor­den: Nach Cor­tes Island. Um auf die­se klei­ne Insel zu kom­men, müs­sen wir von Van Isle aus gleich zwei Fäh­ren neh­men. Ab Camp­bell River geht es erst nach Qua­dra Island. Wir kom­men auf der einen Sei­te an, müs­sen auf der ande­ren Sei­te die nächs­te Fäh­re neh­men. Weil wir kein Auto haben, lau­fen wir zunächst los, fin­den dann aber ein jun­ges Paar, das uns über die Insel mit­nimmt. Die bei­den arbei­ten als Sai­son­kräf­te in einem Hotel. Sie sind erst seit kur­zem hier, aber min­des­tens genau­so begeis­tert wie ich.

Die nächs­te Fähr­fahrt bie­tet tol­le Pan­ora­men. Male­risch lie­gen klei­ne Inseln im Was­ser, vie­le beher­ber­gen nicht mehr als etwas Wald. Und schwimmt da ein Segel­boot? Nein. Ein Buckel­wal reißt unweit der Fäh­re eine Flos­se wie zum Gruß aus dem Was­ser. Die Innen­sei­te sei­nes Flip­pers gleicht tat­säch­lich einem Segel. Das scheint hier kei­ne Sel­ten­heit zu sein, denn das kana­di­sche Pär­chen neben uns zückt nicht mal mehr die Kame­ra. Sie lächeln nur.

Ein bisschen Happy Hippie Life

Auf Cor­tes besu­chen wir einen Selbst­ver­sor­ger-Hof, der auch Frei­wil­li­ge emp­fängt. Auf der „Blue­jay Lake Farm“ gibt es zur Ern­te­zeit aller­hand zu tun. Früch­te und Gemü­se kom­men in allen Far­ben und Grö­ßen vor. Die Frei­wil­li­gen woh­nen in selbst­ge­zim­mer­ten, rudi­men­tä­ren Hüt­ten. In unse­rer Zeit hier machen wir das auch so: Vor­mit­tags anpa­cken und beim Ern­ten hel­fen. Ein­we­cken, ein­frie­ren, kochen. Mit­tags gibt es Essen für alle. Und am Nach­mit­tag sprin­gen wir in den See, der die­ses Grund­stück zu einem abso­lu­ten Sehn­suchts­ort wer­den lässt.

Wir hel­fen mit und ern­ten Gutes in bun­ten Far­ben

Wer an spi­ri­tu­el­lem Wachs­tum inter­es­siert ist, fin­det im Retre­at-Cen­ter Hol­ly­hock den gan­zen Som­mer über tol­le Pro­gram­me, lecke­res Essen und einen Well­ness-Bereich mit Blick aufs Meer. In der Sau­na schwit­zen wir, bis die Sand­uhr durch­ge­lau­fen ist. Dann kann man ins Was­ser sprin­gen. Die Muti­gen gehen ins Meer. Ich sprin­ge heu­te ledig­lich in den Außen­whirl­pool von dem aus ich bis nach Van­cou­ver Island gucken kann.

An unse­rem letz­ten Mor­gen schau­en wir beim Cor­tes Coop Cafe vor­bei. Das süße Café ist direkt am kun­ter­bun­ten Ein­kaufs­la­den ange­schlos­sen. Es bie­tet güns­ti­gen Kaf­fee und beleg­te Sand­wi­ches, die ich so schnell nicht ver­ges­sen wer­de. Es gibt aller­lei Kunst von den Kunst­schaf­fen­den vor Ort zu kau­fen. Ich wäh­le eine süße, selbst­ge­mal­te Kar­te mit einer Rob­be dar­auf. Am schwar­zen Brett bemer­ke ich, dass auch hier das Gemein­schafts­le­ben boomt, eine hei­le Hip­pie-Welt irgend­wie. Auf dem Rück­weg beglei­tet eine Grup­pe Del­fi­ne die Fäh­re und springt mun­ter neben uns umher. Ob sie wis­sen, welch gro­ße Freu­de uns das berei­tet?

Eine Galaxie ganz für mich

Wir machen noch einen letz­ten Abste­cher und zwar zur West­küs­te von Van Isle. Dort gibt es den Wild Paci­fic Trail unweit vom klei­nen Dörf­chen Uclue­let. Über Wur­zeln im Wald und Strand­pas­sa­gen ent­lang bie­ten sich hier atem­be­rau­ben­de Bli­cke aufs Meer. Beson­ders, wenn die Son­ne scheint, macht es ein­fach Spaß.

Die­ser Wan­der­weg ist einer der schöns­ten hier

Hier kön­nen wir mit ein biss­chen Glück etwas ent­de­cken, was sehr unge­wöhn­lich ist: eine Gala­xie aus See­ster­nen. Noch nie zuvor habe ich so vie­le See­ster­ne auf einem Hau­fen gese­hen, weil sie eigent­lich Ein­zel­gän­ger sind. Aber heu­te bie­tet sich ein Bild, das ich so schnell nicht ver­ges­sen wer­de. Unfass­bar!

Eine Gala­xie von See­ster­nen am Wild Paci­fic Trail

Wie­der und wie­der stau­ne ich wäh­rend mei­ner Rei­se: Dar­über, wie sehr die Kana­di­sche Küs­ten­land­schaft mich in ihren Bann zieht. Wie schnell ich mich ganz weit drau­ßen füh­le. Und wie oft ich mir wün­sche, die­ses Insel­le­ben für immer leben zu kön­nen.


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