Normandie & Bretagne: Küstenwind & Königsglanz

Wohnmobil-Roadtrip durch Normandie und Bretagne an der französischen Küste

Frank­reich ist das Land der Genies­ser und der schein­bar end­lo­sen Küs­ten­we­ge. Für vie­le ist es ein Sehn­suchts­ort, für uns lan­ge Zeit ein weis­ser Fleck auf der per­sön­li­chen Land­kar­te der gros­sen Aben­teu­er. Wir bre­chen auf ohne die schwe­ren Kof­fer der Erwar­tung, dafür mit viel Platz für neue Erfah­run­gen im Gepäck. Drei Wochen lang las­sen wir uns trei­ben. Von den glit­zern­den Lich­tern Paris’ über die rau­en Gra­nit­küs­ten der Bre­ta­gne bis hin zu den stil­len Zeu­gen der Geschich­te in der Nor­man­die. Es ist eine Rei­se, die uns lehrt, dass der Weg das Ziel ist, solan­ge man ihn gemein­sam geht.

Der Ruf der Landstrasse

Es ist die­ser eine Wunsch, der unse­re Kin­der seit einer ein­wö­chi­gen Rei­se durch die Schweiz vor eini­ger Zeit nicht mehr los­lässt. Sie haben die­ses schö­ne Erleb­nis einer ers­ten Wohn­mo­bil-Tour noch so leben­dig im Kopf, dass sie uns stän­dig in den Ohren lie­gen: „Mami, Papi, wir müs­sen unbe­dingt wie­der mit dem Cam­per ver­rei­sen!“

End­lich wie­der ein­mal nach Kana­da, mei­ner Sehn­suchts­des­ti­na­ti­on. Vor mei­nem geis­ti­gen Auge sehe ich uns bereits durch die unend­li­chen Wei­ten der Wäl­der strei­fen, nach Bären Aus­schau hal­ten und Weiss­kopf­see­ad­ler über ein­sa­men Seen beob­ach­ten. Die­se Gedan­ken las­sen mein Herz höher­schla­gen.

„Frank­reich, das wäre doch was!“ Der Vor­schlag mei­ner Frau kommt uner­war­tet und reisst mich mit einem Ruck aus mei­nen Tag­träu­men. Ehr­lich gesagt, schlägt mein Herz in einem ande­ren Takt. „Frank­reich kön­nen wir machen, wenn wir älter sind“, ent­geg­ne ich zuerst noch mit einem Lachen, in der fes­ten Über­zeu­gung, oder eher Hoff­nung, dass sie mich auf den Arm nimmt. Doch weit gefehlt. Sie meint es ernst.

Ich brau­che einen Moment, bis ich mich dar­auf ein­las­sen kann. Als sie mir aber die ers­ten Bil­der der gewal­ti­gen Klip­pen in der Nor­man­die zeigt, ist mei­ne Neu­gier umge­hend geweckt. Und nach eini­gen Recher­chen bin ich defi­ni­tiv über­zeugt und mit an Bord. Wir beschlies­sen, die Mis­si­on „West­wärts“ zu star­ten. Ohne gros­sen Plan, dafür mit der Offen­heit für alles, was unser Nach­bar­land Ende Juni zu bie­ten hat.

„Der Weg ist das Ziel, solan­ge man ihn gemein­sam geht.“

Unser Zuhause auf vier Rädern: Mit dem Camper unterwegs an der nordfranzösischen Küste
Unser Zuhau­se auf vier Rädern: Mit dem Cam­per unter­wegs an der nord­fran­zö­si­schen Küs­te

Ici c’est Paris! – Zwischen Fussballgöttern und königlicher Pracht

Der Ein­stieg in unser Aben­teu­er ist ein Pau­ken­schlag: Paris. Ein schö­ner Cam­ping­platz am Stadt­rand dient uns als Aus­gangs­punkt für die Erkun­dung der Metro­po­le. Dass Paris kei­ne Stadt der moder­nen Wol­ken­krat­zer ist, son­dern an jeder Ecke geschichts­träch­tig, prunk­voll und fast schon könig­lich wirkt, zieht uns sofort in den Bann. Es gibt hier so viel zu sehen, dass man Wochen bräuch­te, um alles zu erfas­sen. Die beson­de­re Atmo­sphä­re der Stadt gefällt uns aus­ser­or­dent­lich gut.

Für unse­ren Sohn gibt es jedoch ein ganz kla­res High­light: Den Parc des Prin­ces, das Sta­di­on des Fuss­ball­ver­eins Paris Saint-Ger­main – kurz PSG. „Ici c’est Paris!“ – die­ser Satz lässt nicht nur sein Herz höher­schla­gen. In der Umklei­de­ka­bi­ne darf er sich tat­säch­lich an den Platz sei­ner gros­sen Ido­le set­zen: Kili­an Mbap­pé und der Tor­hü­ter-Gigant Gian­lui­gi Don­na­rum­ma. Die Begeis­te­rung in sei­nem Gesicht ist unbe­schreib­lich, erst recht, als er sich anschlies­send im Shop ein ori­gi­na­les Tor­hü­ter-Dress von Don­na­rum­ma kauft. In die­sem Moment gehen für ihn ech­te Träu­me in Erfül­lung.

„Ici c'est Paris“: Ein unvergesslicher Moment für unseren Sohn im Stadion von Paris Saint-Germain.
„Ici c’est Paris“: Ein unver­gess­li­cher Moment für unse­ren Sohn im Sta­di­on von Paris Saint-Ger­main.

Wäh­rend sich die Stadt auf die kom­men­den Olym­pi­schen Som­mer­spie­le vor­be­rei­tet, genies­sen wir die Mischung aus sport­li­cher Vor­freu­de und zeit­lo­ser Ele­ganz. Ob bei einer Boots­fahrt auf der Sei­ne oder beim Blick auf die gewal­ti­ge Bau­stel­le von Not­re-Dame. Paris beweist uns, dass hier Geschich­te und Moder­ne auf beein­dru­cken­de Wei­se Hand in Hand gehen.

Der Moment, in dem die Welt stillsteht

Nach dem Tru­bel der Haupt­stadt steu­ern wir die Küs­te an. Ers­ter Halt: Saint-Pierre-en-Port, ein klei­nes, unschein­ba­res Dorf in der Nor­man­die. Hin­fahrt und Ankunft sind unspek­ta­ku­lär und das gars­ti­ge Wet­ter domi­niert. Erst als wir unse­ren Cam­ping­platz errei­chen und die Umge­bung begut­ach­ten, trifft uns die Kulis­se mit vol­ler Wucht.

Der Platz liegt prak­tisch direkt auf den Klip­pen. Wir tre­ten ans Ende des Gelän­des und bli­cken hin­un­ter auf das tief­blaue Meer und die senk­recht abfal­len­den, weis­sen Krei­de­wän­de, die wie gigan­ti­sche Fes­tungs­mau­ern in den Him­mel ragen. Es ist ein atem­be­rau­ben­der Aus­blick. Wir ste­hen ein­fach nur da und atmen die sal­zi­ge Luft ein. In die­sem Augen­blick füh­len wir uns so rich­tig ange­kom­men in unse­rem Van­li­fe-Aben­teu­er.

Wie gigantische Festungsmauern: Die imposanten weissen Kreidefelsen.
Wie gigan­ti­sche Fes­tungs­mau­ern: Die impo­san­ten weis­sen Krei­de­fel­sen.

Von der Stille der Geschichte zum Wunder im Watt

Die Nor­man­die ist jedoch mehr als nur Kulis­se. Am Oma­ha Beach begeg­nen wir der rau­en Ver­gan­gen­heit des D‑Day. Kaum vor­stell­bar, was sich hier am 6. Juni 1944 abspiel­te, als rund 34‘000 ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten der Ope­ra­ti­on Nep­tu­ne lan­de­ten. Es ist ein Ort, der einen zum Schwei­gen bringt, wenn man auf die Wei­te des Stran­des blickt und ver­sucht, den Kin­dern die his­to­ri­sche Bedeu­tung die­ses Küs­ten­ab­schnitts zu erklä­ren.

Ein Ort, der zum Schweigen bringt: Die historische Weite des Omaha Beach in der Normandie.
Ein Ort, der zum Schwei­gen bringt: Die his­to­ri­sche Wei­te des Oma­ha Beach in der Nor­man­die.
Das Denkmal „Les Braves“ im Sand des Omaha Beach erinnert an die dramatischen Ereignisse des D-Day.
Das Denk­mal „Les Bra­ves“ im Sand des Oma­ha Beach erin­nert an die dra­ma­ti­schen Ereig­nis­se des D‑Day.

Doch die Rei­se führt uns wei­ter zu einem Monu­ment, das man fast für eine Fata Mor­ga­na hal­ten könn­te: Der Mont Saint-Michel. Die­se mit­tel­al­ter­li­che Abtei, die auf einem Fels­ke­gel im Wat­ten­meer thront und zum UNESCO Kul­tur­er­be der Mensch­heit gehört, ist ein archi­tek­to­ni­sches Wun­der­werk und eines der gröss­ten High­lights unse­rer Rei­se. Das Dorf mit sei­nen extrem engen Gas­sen fühlt sich an wie eine Zeit­rei­se.

Als Land­schafts­fo­to­graf genies­se ich hier einen ganz beson­de­ren Moment. Wäh­rend die gros­sen Tou­ris­ten­strö­me lang­sam abzie­hen, star­te ich mei­ne abend­li­che Foto­tour. Das sanf­te Licht der blau­en Stun­de, wenn die Flut lang­sam den Berg umschliesst und die Abtei hell erleuch­tet wird, bie­tet eine Magie, die man kaum in Wor­te fas­sen kann. Ich ver­su­che, die­se Per­fek­ti­on aus Natur und Bau­kunst mit der Kame­ra fest­zu­hal­ten, wäh­rend die Welt um mich her­um still wird.

Ein architektonisches Wunderwerk im Wattenmeer: Der Mont Saint-Michel im sanften Licht der abendlichen Flut.
Ein archi­tek­to­ni­sches Wun­der­werk im Wat­ten­meer: Der Mont Saint-Michel im sanf­ten Licht der abend­li­chen Flut.

Bretagne: Das ersehnte Rauschen der Wellen

Schliess­lich errei­chen wir die Bre­ta­gne. Nach den vie­len Akti­vi­tä­ten und Besich­ti­gun­gen der ers­ten zwei Wochen seh­nen wir uns nun nach Ruhe und Ent­span­nung. Wir suchen uns Plät­ze an der zer­klüf­te­ten Gra­nit­küs­te und genies­sen ein­fach das Hier und Jetzt. Es fol­gen ent­schleu­nig­te Tage: Strand­spa­zier­gän­ge, das Sam­meln von Muscheln und das Beob­ach­ten der Gezei­ten ste­hen auf dem Pro­gramm.

Raue Schönheit und warme Farben: Die zerklüftete Granitküste der Bretagne lädt zum Innehalten ein.
Raue Schön­heit und war­me Far­ben: Die zer­klüf­te­te Gra­nit­küs­te der Bre­ta­gne lädt zum Inne­hal­ten ein.

Auf dem Rück­weg in Rich­tung der Schweiz bau­en wir noch einen kul­tu­rel­len Abste­cher ein und besu­chen die Ort­schaft Ambo­i­se im Loire-Tal. Wir schlen­dern durch die Gas­sen rund um das gleich­na­mi­ge Schloss, in wel­chem angeb­lich das Uni­ver­sal­ge­nie Leo­nar­do da Vin­ci sei­ne letz­ten drei Lebens­jah­re ver­bracht hat. Die­ser starb dort am 2. Mai 1519. Sein Grab befin­det sich heu­te in der Cha­pel­le Saint-Hubert, einer klei­nen goti­schen Kapel­le, wel­che direkt auf dem Gelän­de des Schlos­ses steht. Anläss­lich der vie­len Besu­cher und etwas müden Bei­ne, ver­zich­ten wir auf die Besich­ti­gung und genies­sen einen gemüt­li­chen Abend in unse­rem Wohn­mo­bil.

Schloss Chambord: Ein Traum aus Stein

Bevor wir die Heim­rei­se end­gül­tig antre­ten, steht noch das Schloss Cham­bord auf dem Plan. Welt­kul­tur­er­be der UNESCO und das gröss­te und spek­ta­ku­lärs­te Schloss des Loire­tals. Eine 32Km lan­ge Schloss­mau­er, 440 Räu­me, 365 Schorn­stei­ne und 84 Trep­pen. Wir haben sie nicht gezählt, aber wenn man vor die­sem gigan­ti­schen Bau­werk steht, kommt man sich win­zig vor.

Auch unse­re Kin­der sind völ­lig fas­zi­niert. In einem „ech­ten“ Schloss zu ste­hen, die berühm­te Dop­pel­wen­del­trep­pe hin­auf­zu­lau­fen und sich vor­zu­stel­len, wie hier einst die Höfe fran­zö­si­scher Köni­ge durch die rie­si­gen Säle schrit­ten, ist für uns alle ein rie­si­ges Aben­teu­er. Es ist der per­fek­te Abschluss für eine Rei­se, die so vie­le ver­schie­de­ne Facet­ten ver­eint.

Königlicher Abschluss unseres Roadtrips: Das gigantische Schloss Chambord im Loiretal.
König­li­cher Abschluss unse­res Road­trips: Das gigan­ti­sche Schloss Cham­bord im Loire­tal.

Fazit: Ein gelungener Spagat

Oft stellt sich die Fra­ge, ob sol­che geschichts­träch­ti­gen Orte durch die Moder­ne ihren Zau­ber ver­lie­ren. Doch unser Fazit fällt durch­wegs posi­tiv aus. Ob in Paris, wo die olym­pi­sche Vor­freu­de auf jahr­hun­der­te­al­te Archi­tek­tur trifft, oder an den geschütz­ten Küs­ten­ab­schnit­ten. Wir fin­den, dass Frank­reich der Spa­gat zwi­schen Tra­di­ti­on und Moder­ne her­vor­ra­gend gelingt. Es wirkt nicht auf­ge­setzt, son­dern wie eine natür­li­che Wei­ter­ent­wick­lung einer stol­zen Kul­tur.

Wenn der Kreis sich schliesst

Nach drei Wochen auf engs­tem Raum im Cam­per rol­len wir schliess­lich wie­der Rich­tung Hei­mat. Natür­lich freu­en wir uns alle wie­der auf etwas mehr Platz zuhau­se, auf ein fes­tes Bade­zim­mer und unse­re eige­nen Bet­ten. Doch wäh­rend ich das Lenk­rad hal­te, spü­re ich eine tie­fe Dank­bar­keit. In die­sen drei Wochen haben wir viel gese­hen, gelernt und unse­re See­le bau­meln las­sen.

Am Ende ist es nicht die Desti­na­ti­on allein, die eine Rei­se per­fekt macht, son­dern die gemein­sa­me Zeit. Das Tei­len von Stau­nen, das gemein­sa­me Lachen und das Gefühl, zusam­men die Welt zu ent­de­cken. Egal ob vor einem Krei­de­fel­sen oder Mbap­pés Spind. Frank­reich zeig­te uns sei­ne Schät­ze und erin­nert uns dar­an, was wirk­lich zählt: Die Men­schen, mit denen man im Wohn­mo­bil sitzt, wenn die Son­ne hin­ter dem Hori­zont ver­sinkt.

„Es ist nicht die Desti­na­ti­on allein, die eine Rei­se per­fekt macht, son­dern die gemein­sa­me Zeit.“

Das ersehnte Rauschen der Wellen: Entschleunigung pur und leise Momente am Atlantik.
Das ersehn­te Rau­schen der Wel­len: Ent­schleu­ni­gung pur und lei­se Momen­te am Atlan­tik.


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