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Spontan weg: Wie ich lernte, meinen Reiseplan loszulassen

Ich bin ein Mensch, der vor einer Rei­se nicht ein­fach „packt“. Ich kura­tie­re Gepäck.

Mei­ne Pack­lis­te hat Kate­go­rien, Unter­ka­te­go­rien und eine Spal­te namens „emo­tio­nal optio­nal“, in der Din­ge lan­den wie ein zwei­tes Buch, obwohl ich beim ers­ten noch auf Sei­te 38 bin. Mei­ne Schwes­ter Mira nennt die­se Lis­te „ein Hil­fe­ruf mit Check­bo­xen“. Sie selbst reist mit einem Ruck­sack, in dem sich Lade­ka­bel, Son­nen­bril­le und Zahn­bürs­te nach dem Prin­zip archäo­lo­gi­scher Schich­ten anord­nen.

An einem Don­ners­tag­abend saßen wir in mei­ner Küche in Köln. Ich hat­te gera­de vor­ge­schla­gen, im Herbst „viel­leicht mal über ein ver­län­ger­tes Wochen­en­de nach­zu­den­ken“. Mira schau­te mich an, als hät­te ich ange­kün­digt, eine Peti­ti­on für lau­war­mes Lei­tungs­was­ser zu star­ten.

„Oder“, sag­te sie, „wir flie­gen über­mor­gen.“
Ich lach­te. Sie nicht.

Zwei Tage spä­ter stan­den wir am Flug­ha­fen. Ich trug Snea­k­er, die laut Wet­ter-App „fle­xi­bel genug“ waren. Mira hat­te ver­ges­sen, Socken ein­zu­pa­cken, dafür aber eine Packung Salz­bre­zeln, die sich spä­ter als wich­tigs­te Rei­se­ent­schei­dung her­aus­stel­len soll­te.

Der erste Morgen ohne Excel-Tabelle

Unser Ziel war Pal­ma. Nicht, weil ich Pal­ma seit Jah­ren auf einer Lis­te hat­te, son­dern weil die Ver­bin­dung pass­te, das Hotel frei war und Mira den Satz sag­te: „Da ist Meer, Jonas. Das reicht als Kon­zept.“

Nor­ma­ler­wei­se begin­ne ich einen Städ­te­trip mit einer Rou­te, die so eng getak­tet ist, dass selbst ein Lini­en­bus ner­vös wür­de. Dies­mal gab es nur einen Plan: früh­stü­cken, los­lau­fen, schau­en, was pas­siert.

Das war anfangs schwe­rer, als es klingt. Schon nach zehn Minu­ten in der Alt­stadt woll­te ich inner­lich eine Prio­ri­tä­ten­ma­trix erstel­len. Links eine Gas­se mit flat­tern­der Wäsche, rechts ein Café, aus dem es nach gerös­te­tem Brot roch, gera­de­aus ein Stück Him­mel zwi­schen Sand­stein­fas­sa­den. Ich blieb ste­hen, über­for­dert von Optio­nen, die kei­ne Bewer­tun­gen in Stern­chen tru­gen.
Mira biss in ein Ensai­ma­da-Gebäck und sag­te: „Du darfst ein­fach irgend­wo­hin.“

Das klang fast ille­gal.

Wir gin­gen also irgend­wo­hin. Die­ses Irgend­wo führ­te uns zur Kathe­dra­le La Seu, die am Rand der Alt­stadt so groß und hell über dem Parc de la Mar steht, dass man auto­ma­tisch lang­sa­mer wird. Ich woll­te etwas Klu­ges sagen über goti­sche Archi­tek­tur, Licht und Pro­por­tio­nen. Statt­des­sen sag­te ich: „Okay. Die hat Prä­senz.“
Mira nick­te. „Wie Mama, wenn man frü­her zu spät nach Hau­se kam.“

Fünf Orte, die nicht auf meinem Plan standen

Der ers­te Ort war also die Kathe­dra­le. Nicht als Pro­gramm­punkt, son­dern als Über­ra­schung mit Sand­stein und Meer­blick. Wir setz­ten uns eine Wei­le in die Nähe des Was­sers und sahen zu, wie ande­re Men­schen Fotos mach­ten, als müss­ten sie bewei­sen, dass Blau wirk­lich exis­tiert.

Der zwei­te Ort war der Mer­cat de l’Olivar. Wir fan­den ihn, weil Mira „nur kurz“ nach Kaf­fee suchen woll­te. Auf Märk­ten ver­liert mei­ne Schwes­ter jede zeit­li­che Ori­en­tie­rung. Sie kann zwan­zig Minu­ten vor Toma­ten ste­hen, als wür­de sie eine Gale­rie besu­chen. Ich hin­ge­gen woll­te wis­sen, ob wir „noch im Rah­men“ waren, bis mir ein­fiel, dass es kei­nen Rah­men gab.

Wir kauf­ten Man­deln, Käse und Brot. Mira ver­han­del­te mit Hän­den, Lächeln und drei spa­ni­schen Wör­tern, von denen eines ver­mut­lich „Don­ners­tag“ bedeu­te­te. Am Ende hat­ten wir zu viel Essen und zu wenig Ahnung, wohin damit. Also wur­de der drit­te Ort ein schma­ler Platz in der Alt­stadt, des­sen Namen ich mir nicht notier­te. Für mein frü­he­res Ich wäre das ein doku­men­ta­ri­sches Ver­sa­gen gewe­sen. Für mein neu­es Ich war es Mit­tag­essen.

Der vier­te Ort kam am Nach­mit­tag: Cas­tell de Bell­ver. Der Weg hin­auf war län­ger, als Mira behaup­tet hat­te. „Nur ein Spa­zier­gang“, hat­te sie gesagt. Das ist in unse­rer Fami­lie ein dehn­ba­rer Begriff, der alles zwi­schen 800 Metern und leich­ter alpi­ner Erfah­rung umfasst.

Oben ange­kom­men, war ich ver­schwitzt, belei­digt und sofort ver­söhnt. Die Burg liegt über der Stadt, rund und eigen­wil­lig, mit einem Blick, der Pal­ma, Hafen und Hügel in eine ein­zi­ge wei­te Ges­te packt. Ich mach­te kein Foto. Nicht aus Prin­zip, son­dern weil ich gera­de ein Stück Käse aus dem Markt in mei­ner Tasche fand und Prio­ri­tä­ten set­zen muss­te.

Der fünf­te Ort war Es Baluard, das Muse­um für moder­ne und zeit­ge­nös­si­sche Kunst. Eigent­lich lan­de­ten wir dort, weil ich Schat­ten such­te und Mira ein Pla­kat inter­es­sant fand. Drin­nen stan­den wir vor einem Werk, das aus mei­ner Sicht aus­sah wie ein sehr ent­schlos­se­ner Unfall. Mira betrach­te­te es lan­ge und sag­te: „Das bist du, wenn jemand den Tages­plan ändert.“

Ich woll­te wider­spre­chen. Dann sah ich genau­er hin. Sie hat­te nicht völ­lig unrecht.

Warum Spontanität nicht dasselbe ist wie Chaos

Am zwei­ten Abend saßen wir an der Ufer­pro­me­na­de. Die Son­ne war schon tief, die Luft roch nach Salz, Son­nen­creme und war­mem Stein. Ich hat­te den gan­zen Tag über nichts reser­viert, nichts opti­miert und nie­man­dem erklärt, dass man „eigent­lich frü­her hät­te los­ge­hen müs­sen“. Und das Selt­sa­me war: Es fehl­te nichts.

Viel­leicht ist genau das der Punkt an spon­ta­nen Rei­sen. Sie neh­men einem nicht die Kon­trol­le weg, son­dern nur die Illu­si­on, dass man alles kon­trol­lie­ren müss­te. Natür­lich kann etwas schief­ge­hen. Ein Bus kommt spä­ter. Das Restau­rant ist voll. Man nimmt eine Abzwei­gung, die in einer erstaun­lich unin­ter­es­san­ten Sei­ten­stra­ße endet. Aber selbst das wird Teil der Geschich­te.

Als ich Mira das erzäh­le, muss sie lachen. Es erin­nert sie an ein State­ment, das sie neu­lich von Bea­te Ein­häu­ser, der Che­fin von ltur, gehört hat. Sie habe dabei sofort an mich den­ken müs­sen. „Die hat einen Satz gesagt, Jonas, der dein gan­zes Pro­blem beschreibt“, sagt Mira.

„Wir pla­nen unser Leben oft bis ins kleins­te Detail durch. Doch die bes­ten Geschich­ten ent­ste­hen immer dann, wenn wir dem Zufall eine Chan­ce geben. Ein spon­ta­ner Last-Minu­te-Trip ist wie ein Kurz­ur­laub vom eige­nen Per­fek­tio­nis­mus.“

Ich sehe mei­ne Schwes­ter an und füh­le mich unan­ge­nehm ertappt. Ein Kurz­ur­laub vom eige­nen Per­fek­tio­nis­mus. Genau das war es. Nicht nur weg von Köln, Mails und Kalen­dern. Son­dern weg von die­ser klei­nen inne­ren Stim­me.

Nur: Wenn nichts Uner­war­te­tes pas­siert, pas­siert manch­mal auch nichts, wor­an man sich spä­ter lachend erin­nert.

Der beste Moment war keiner für den Reiseführer

Unser schöns­ter Moment hat­te kei­nen Namen. Kein Wahr­zei­chen, kein Ein­tritts­ti­cket, kei­ne per­fek­te Uhr­zeit.

Wir hat­ten uns auf dem Rück­weg vom Cas­tell de Bell­ver ver­lau­fen. Nicht dra­ma­tisch, eher so, wie man sich ver­läuft, wenn zwei Men­schen gleich­zei­tig behaup­ten, „ein gutes Gefühl für Rich­tun­gen“ zu haben. Wir kamen in eine ruhi­ge Stra­ße mit Zitro­nen­bäu­men, in der ein älte­rer Mann sei­nen Hund aus­führ­te. Der Hund ent­schied, dass Mira eine lang ver­miss­te Freun­din sei, und setz­te sich auf ihren Schuh.

Der Mann ent­schul­dig­te sich, Mira lach­te, ich bot dem Hund eine Salz­bre­zel an, was alle Betei­lig­ten außer dem Hund für eine schlech­te Idee hiel­ten. Fünf Minu­ten spä­ter saßen wir auf einer Bank, wuss­ten immer noch nicht genau, wo wir waren, und ich merk­te: Ich war ent­spannt.

Nicht effi­zi­ent ent­spannt. Nicht „Well­ness nach Plan“ ent­spannt. Ein­fach ent­spannt.

Mira sah mich von der Sei­te an. „Du denkst gera­de nicht an Mon­tag, oder?“
„Nein“, sag­te ich.
Sie nick­te zufrie­den. „Dann hat sich’s gelohnt.“

Was ich mit nach Hause genommen habe

Ich wer­de mei­ne Pack­lis­ten nicht löschen. Dafür bin ich nicht der Typ, und ehr­lich gesagt hat Mira am letz­ten Tag mei­ne Ersatz­so­cken gebraucht. Pla­nung ist nichts Schlech­tes. Sie kann Rei­sen leich­ter machen, güns­ti­ger, ruhi­ger.

Aber ich habe gelernt, dass ein Urlaub nicht per­fekt vor­be­rei­tet sein muss, um genau rich­tig zu sein. Manch­mal reicht ein frei­es Wochen­en­de, ein biss­chen Mut zur Lücke und jemand, der sagt: „Da ist Meer. Das reicht als Kon­zept.“

Zu Hau­se in Köln öff­ne­te ich mei­ne Rei­se­lis­te. Ich leg­te eine neue Kate­go­rie an. Sie heißt: „Nicht pla­nen.“ Dar­un­ter steht nur ein Punkt: Öfter machen.




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