Ein Minimalist unter Maximalisten

Monaco Monte Carlo

Vor den Toren des Casino de Monte Carlo herrscht reges Treiben. Fetzen verschiedener Sprachen wehen durch die milde Nachmittagsluft und Touristen ergötzen sich an sonnenbeschienenen Ferraris, Lamborghinis und Bentleys, die mit beinahe grotesker Selbstverständlichkeit vor dem benachbarten Hôtel de Paris vorfahren. Dazwischen gehen elegante Anzugträger telefonisch gewiss weltumspannenden Geschäften nach, während junge Damen adrett gekleidet und gebotoxt für Selfies posieren.


Es ist ein Schauspiel, das etliche Klischees über Monaco auf den Punkt bringt. Kaum jemand scheint sich dem Flair, den Geschichten und der Dekadenz dieses wohl ikonischsten Ortes im Fürstentum entziehen zu können. Mir geht es nicht anders, obwohl mein eigenes Leben dieser Welt kaum ferner sein könnte.

Anlass meines Besuchs ist die schwimmende Kleinstadt einer Kreuzfahrt-Reederei, auf der ich mich gelegentlich als Dozent verdinge und die einige Kilometer westlich vor Anker liegt. Statt schillernder Ausflugsziele wie St. Tropez, Cannes oder Nizza hat mich ausgerechnet das Millionärsreservat Monaco am meisten angezogen.

Zwischen Luxuskarossen und Lebensträumen

Die dortigen Verhältnisse existierten für mich bislang lediglich in den ausschweifenden Fantasien zukünftigen Weltruhms, denen ich als ambitionierter Junior frönte. Statt einer Uni-Laufbahn schuftete ich nach dem Studium jedoch zunächst schlecht bezahlt in staubigen Lagerhallen und anderen originellen Nebenjobs.

Der wirtschaftliche Mangel hatte allerdings sein Gutes, denn er regte zum Hinterfragen von Konsumwünschen an und lenkte den Fokus auf elementare Themen: Was ist wirklich wichtig? Wie viel ist genug?

Fortan trennte ich mich von Abos, Kleidung, DVDs sowie anderen Dingen, bei denen mir dämmerte, dass sie in erster Linie Zeit, Geld oder Platz fressen, meine Lebensqualität jedoch nicht nennenswert verbessern und fand Ruhe und Zufriedenheit im Einfachen.

Aus der Notwendigkeit ist inzwischen privilegierte Freiwilligkeit geworden. Nun möchte ich diese Überzeugungen auf die Probe stellen. Ist die Gier nach mehr wirklich erloschen? Ein Besuch im Casino de Monte Carlo soll darüber Auskunft geben. Einmal wie James Bond am Roulettetisch sitzen und in das Gefühl von Überfluss eintauchen, wenn – idealerweise – mit jeder Runde mehr Gewinne in meine Hände wandern. So lautet die Mission.

Luxusautos vor dem Casino de Monte Carlo

Monaco, vertikal gestapelt

Auf dem Weg vom unterirdisch gelegenen Bahnhof zum Casino durchstreife ich eine Weile das Fürstentum. Seine Fläche ist kleiner als der Englische Garten in München, weshalb dort primär alles in die Höhe wuchert. Dennoch ist man bestrebt, auch in die Breite zu expandieren und dem Meer in Gestalt mondäner Neubauprojekte wie der Siedlung Mareterra weiteren Raum abzuringen.

Beträchtlicher Reichtum ist mir schon in Paris, London oder New York begegnet. Dort fand ich aber stets auch das Gegenteil, sah Kontraste. In Monaco sehe ich nur Überfluss. Zwar füllen auch hier Menschen die Supermarktregale auf, fahren Taxi oder verkaufen Pizza, doch bewohnen sie häufig günstigere Ortschaften in der Peripherie und kommen lediglich zur Arbeit über die Grenze.

Die Kontraste zeigen sich eher in der Art, wie sich Reichtum ausdrückt. Einerseits drängt er sich in Gestalt besagter Luxuskarossen regelrecht auf, deren aufreizend grollende Motoren allseits durch die schmalen Straßen donnern. Andererseits ist er in nichtssagende, sich auf engstem Raum wie Tetris-Klötze in die Höhe stapelnde Appartementblöcke verpackt, hinter deren schmucklosen Fassaden Residenzen mit fünfstelligen Quadratmeterpreisen liegen.

Rot oder Schwarz

Angekommen am Ort meines angestrebten Triumphs, lege ich mir im Getümmel des Casino-Vorplatzes einen Schlachtplan zurecht. In einem Roman von Graham Greene, der in Monaco angesiedelt ist, las ich vorab von ausgeklügelten Systemen, mit denen die Profis – sprich, die Spielsüchtigen – hier ans Werk gehen.

Mein System wird ein schlichtes sein. Rot oder Schwarz. Schließlich bin ich Minimalist.

Versetzt einen die opulente Gestaltung des Eingangsbereichs bereits in Staunen, gehen einem beim Betreten des Spielsaals die Augen über. Fotografieren ist während des laufenden Spielbetriebs aber leider untersagt. Mensch und Mobiliar wirken vergleichsweise klein in diesem palastartigen Raum, der von einem mächtigen Fenster mit filigraner Struktur überkuppelt wird. Das Licht stattlicher Kronleuchter hüllt den Raum in warme Farben. Die Wände sind durch Stuckarbeiten, vergoldete Reliefs, Säulen und Gemälde strukturiert. Nur die Spieltische lassen erkennen, dass es sich nicht um eine Königsresidenz handelt. Es wirkt, als habe man mit diesem Bauwerk dem Maximalismus des Zwergstaates ein Denkmal setzen wollen.

Monte Carlo

Rien ne va plus

Zur Stunde sind aber nur Touristen anwesend und es ist relativ leer. Ballkleider und Smokings suche ich vergebens. James Bond ist auch nicht zu sehen. Erst am Abend gilt strenger Dresscode. Dann versprüht das Casino jenes Flair, das Hollywood schon mehrfach glamourös in Szene gesetzt hat. Die sogenannten High Roller spielen ohnehin in exklusiven Privatbereichen. Dort kommen die wahrhaft großen Beträge auf den Tisch, werden Luxusyachten, Immobilien und vermutlich Ehen aufs Spiel gesetzt.

An der Kasse tausche ich mein vorab definiertes Spielgeld in Jetons und beobachte zunächst neugierig das Geschehen. Am ersten Roulettetisch spielt ein bauchiger, unrasierter Mann mittleren Alters in hellblauem Hemd und dunkler Jeans. Sein Stapel an Chips gewinnt zuverlässig an Volumen. Es muss ein guter Tisch sein. Ich trete dazu und platziere schüchtern auf Rot.

„Spätestens wenn du dein Spielgeld verdoppelt hast, gehst du raus“, mahnt sogleich der Minimalist in mir.Während die Kugel bereits hektisch in der Schüssel tanzt, gesellt sich eine Gruppe asiatischer Touristen dazu und verteilt behände einige Jetons auf dem Grün, ehe der Croupier bestimmt, aber höflich die Runde beendet.

„Rien ne va plus.“

Rot gewinnt.

Die Versuchung des Mehr

Freudiges Kribbeln breitet sich in meiner Magengegend aus. Für die nächste Runde versuche ich erneut ganz dem Bauchgefühl zu vertrauen. Es entscheidet für Schwarz und auch die Kugel stolpert nach einigem Zögern dorthin.

Während meine Mitspieler ihre Einsätze diversifizieren, auf riskantere, aber auch lukrativere Felder setzen, weiche ich wie auf Schienen nicht von meinem Kurs ab. Nichts soll den Fluss durchbrechen.

„Ist die Risikobereitschaft am Spieltisch ein Spiegel der inneren Verfassung?“, frage ich mich, während der Croupier abermals Jetons in meine Richtung schiebt und der bauchige Herr einen saftigen Totalverlust verkraften muss.

Mir kommt es jedenfalls so vor, als ich realisiere, wie sehr die Genügsamkeit scheinbar nicht nur meinen Alltag beeinflusst, sondern auch im Casino den Fuß schützend auf der Handbremse halten möchte.

„Du solltest jetzt besser gehen, sonst endet es wie bei dem Mann eben gerade“, mahnt deshalb vorsichtshalber die Vernunft.

Ich zögere, will aber noch nicht die Segel streichen. Die Idee, den eingetauschten Geldbetrag tatsächlich zu verdoppeln, lässt mich weiterspielen und sogar den Einsatz pro Runde steigern.

Die kommenden Minuten vergehen wie im Rausch. Mittlerweile bin ich der einzige am Tisch, denn auch die Touristen aus Fernost haben den Großteil verloren.

Wider besseren Wissens spiele ich mittlerweile mit dreifachem Einsatz. Überraschenderweise ging bis auf eine Ausnahme bislang jede Runde an mich und ich habe den Überblick über die Höhe des Gewinns verloren.

Handpizza statt Haute Cuisine

Nach einem weiteren Erfolg zwinge ich mich dennoch, wenn auch nicht ganz freiwillig, zum Gehen, erhalte an der Kasse makellose Banknoten, wische einen erneut vorbeiziehenden Gedanken an mehr beiseite und trete hinaus auf den Place du Casino. Zurück zu jenen, die es geschafft haben und denen, die sich an deren Luxus laben.

Kurz erwäge ich ein Siegesmahl im Hôtel de Paris, wo Sternekoch Alain Ducasse mediterrane Küche kredenzt. Das Menü sieht unter anderem provenzalische Artischocken mit Seeanemonen, Burrata sowie Kaviar für geschmeidige 195 Euro vor. Das ließe sich nach meiner erfolgreichen Abhebung bei der Spielbank zwar stemmen, die Aussicht auf winzige Portionen auf großen Tellern lässt meinen Magen jedoch nach Hausmannskost verlangen.

Das Gala-Menü weicht zugunsten einer Handpizza und ich drehe noch eine Runde durch das widersprüchliche Stadtbild des Fürstentums, bevor mich der Zug zurück zum Schiff bringen wird. Zwischen die zweckmäßige Wohnarchitektur mischt sich immer wieder alte Bausubstanz, was dem Ganzen einen gewissen Charme verleiht. Wer es typisch mediterran mag, kommt hier ebenfalls auf seine Kosten. Erklimmt man auf breiten Stufen den Grimaldi-Felsen, finden sich gegenüber des Fürstenpalastes hübsche Altstadtgassen, die sich vor den benachbarten Dörfern nicht zu verstecken brauchen.

Monaco sehen

Wie viel ist genug?

Von dort oben entfaltet sich ein prächtiges Panorama über den Zwergstaat und seine Luxusyachten, die von den ineinander verschachtelten Appartementblocks umrahmt werden.

Wenngleich meine Lebensphilosophie mehr dem Sein als dem Haben zugewendet ist und Erfahrungen über materiellen Besitz stellt, fühle ich mich von Monaco nicht gänzlich abgestoßen. Gegen schöne Dinge ist schließlich nichts einzuwenden.

In diesem Moment drängt auf einmal jenes nagende Gefühl, dass sich schon beim Verlassen des Casinos latent bemerkbar gemacht hat, vollends in mein Bewusstsein.

„Verdammt! Warum habe ich nicht weitergespielt?“

Als aus dem Hintergrund das Geräusch eines Löffels, der in einer Tasse klimpert, in mein Ohr dringt, erinnert mich das allerdings wieder an den Tag zuvor in der Kleinstadt Toulon. In einem Café saß ich dort im Halbschatten eines werdenden Frühsommertags. Ein älterer Herr am Nachbartisch bot mir sein Exemplar der örtlichen Tageszeitung an und ein Stück die Straße hinunter fand man sich gemächlich zum Wochenmarkt ein.

Mehr braucht es doch nicht, denke ich mir jetzt, während erneut das Gefühl einer verpassten Chance anklopft.


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