»René…«, flüstere ich, »wir sind in Afghanistan.« Ich schaue ihn an, René lächelt verkrampft und kurbelt das Fenster herunter. Unauffällig filmt er Menschen, Straßen, Häuser.
Mich durchfluten die widersprüchlichsten Gefühle im Sekundentakt. Das Soldatencamp zu verlassen, nur im Taxi und ohne Begleitschutz, lösen ein Emotionsgewitter in mir aus. Ich fühle mich hellwach und betrunken zugleich. In meinem Kopf schwirren Ängste, Neugier, Staunen und Dankbarkeit wild umher. Was mache ich eigentlich? Ich sitze in einem Taxi. In Afghanistan. Hatten die Soldaten nicht davor gewarnt? »Verlasst niemals das Camp! Lebensgefahr!« Und nun?
Ich versuche, mich zu beruhigen und starre auf ein Medaillon, das vom Rückspiegel herabbaumelt. »Allah« ist darauf in arabischen Schriftzeichen eingestanzt. Wie das Pendel eines Hypnotiseurs saugt es meinen Blick ein und René filmt alles, was ihm vor die Linse kommt. Ein Mann im bunten Hemd sitzt auf dem Beifahrersitz. Jamal ist sein Name und er lacht. »Everything okay? Let’s go to the city!«

Mazar‑e Sharif gilt als verhältnismäßig sicher. Zumindest so sicher eine Stadt in Afghanistan sein kann. Auch hier gibt es noch Anschläge.
Ich schaue aus dem Fenster und bestaune diese fremde Welt. So ein Städtebild hatte ich bisher noch nicht gesehen. Abgerissene Häuser, schiefe Sendemasten, protzige Neubauten. Dazwischen kleine Stände, an denen Kebab und Autoreifen verkauft werden. Ein abgeriegeltes deutsches Konsulat, das einer Festung gleicht. Ein mir unverständlicher Straßenverkehr.
Männer mit Turbanen und pludrigen Hosen, Jungs in Jeans und T‑Shirt, Frauen in Burkas, Mädchen mit locker gebundenen Kopftüchern. Schulkinder, die kilometerweit zu Fuß laufen. Menschen, die zu viert auf einem kleinen Moped sitzen. Automarken, die ich nicht kenne.
Ein Bild brennt sich in mein Gedächtnis: Ich sehe einen alten Mann auf einem Fahrrad durch den verworrenen Verkehr radeln. Er hat nur ein Bein. Vielleicht von einer Landmine zerfetzt. Um das Pedal zu treten, benutzt er einen langen Holzstock. Dieser einbeinige alte Mann mit seinem Stock auf dem Fahrrad mitten im Durcheinander. Und trotzdem fährt er weiter. Ganz selbstverständlich. Irgendwie. Ich denke, das ist Afghanistan. Ein versehrtes Land. Doch es gibt nicht auf.
Das Taxi hält vor der großen Blauen Moschee, dem Ali-Mausoleum aus dem 15. Jahrhundert. Angeblich liegt hier der Schwiegersohn des Propheten Mohammeds begraben. Daher stammt der Name der Stadt. Mazar‑e Sharif ist persisch und bedeutet Grab des Heiligen. Die Blaue Moschee gehört zu den schönsten Moscheen der Welt. Einige Historiker vermuten hier aber weniger das Grab des berühmten Imam Ali, sondern vielmehr die Begräbnisstätte des Propheten Zarathustra, der vor 3.800 Jahren gelebt haben soll.
Auf dem großen Platz, der die Blaue Moschee umgibt, gurren hunderte Friedenstauben. Männer und Frauen werfen Brotkrumen, ein Junge mit Witwengesicht rennt uns hinterher. Kindlich und gealtert zugleich. Zwei Tage später sollte genau hier eine Bombe explodieren.
Im Innenhof der Moschee blenden die weißen Marmorplatten in den Augen, in Nischen legen Frauen ihre Stirn an die Kachelwände und beten.

In einer Seitenstraße wartet der Taxifahrer auf uns. Fremde Männer sagen etwas auf Dari zu mir. Ich weiß nicht, was. Jamal scheucht sie weg. Der Taxifahrer drückt seine Zigarette aus, richet seinen Pakol – die runde traditionelle Kopfbedeckung der Afghanen – und dann fahren wir weiter. Tiefer in die Stadt hinein. An einem Bazar steigen wir aus. Jamal unterhält sich mit einigen Händlern, René und ich laufen an den Ständen vorbei. Und wieder fallen wir auf. Menschen bleiben stehen, recken die Köpfe, schauen uns an. Gelächelt wird wenig. Was denken die Leute über uns? Sehen sie uns als Besatzungsmacht, die nun kolonial umherspaziert? Ich würde es verstehen. Oder begrüßen sie es gar, dass sich Westler ihre Stadt anschauen möchten? Wer kann das wissen? Obwohl ich nichts mit diesem Krieg zu tun habe, fühle ich mich schuldig.
René dreht nicht mehr. Er ist angespannt, die Situation nicht überschaubar. Überall Menschen. Und Klischees in unseren Köpfen. Frauen in blauen und weißen Burkas stehen neben mir. Afghanische Burkas werden tatsächlich auch in Schwarz, Grün oder Orange gefertigt. Bevor die Taliban alle Frauen verpflichteten, den Ganzkörperschleier zu tragen, sah man Blau eher selten. Blauer Stoff war damals teurer und zeugte von einem höheren Stand. Als die Vollverschleierung zum Zwang wurde, war dies die einzige Möglichkeit der Frau, ihren sozialen Status geltend zu machen. Und so dominiert Blau noch heute.
Ich kannte Frauen in Burkas nur aus den Medien und jetzt sehe ich sie mit eigenen Augen. Starre sie an. So wie ich angestarrt werde. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es sie wirklich gibt. Gesichtslose Frauen hinter Stoffgittern, abgeschirmt und von der Welt getrennt. Werden sie gezwungen oder tragen sie den Stoff freiwillig? Auch das weiß ich nicht. Ich stelle fest, ich weiß rein gar nichts. Warum ist hier ständig Krieg? Wer kämpft gegen wen und warum? Weiß das überhaupt jemand?
Wir verlassen das Zentrum und biegen in eine ruhige Straße ein. Hier irgendwo lebe er, sagt Jamal. Die Straßen sind aufgerissen und unbefestigt. Jamal führt uns zu einer kleinen Bretterbude, die neben Cola-Dosen auch Spielzeug, Klopapier und Tonkrüge verkauft. Eilig stellt der Inhaber zwei Plastikstühle an den Straßenrand. Hier ist es ruhig. Friedlich. Der Mann reicht uns Tee und Gebäck. Er scheint sich tatsächlich über uns zu freuen, er hat ein offenes Lächeln. Auf der anderen Straßenseite kichern Kinder und schöpfen Wasser aus einem Brunnen. Frauen in Burkas gehen vorüber. Diesmal schaut uns niemand an.
Wir schlürfen unseren Tee, aufgewühlt und dankbar sitzen wir da. Jamal gesellt sich zu uns, und zum ersten Mal kommen wir ernsthaft ins Gespräch mit ihm. Wir fragen, was er von dem Bundeswehreinsatz hält und wie er über die Taliban denkt. Erklären kann er den ganzen Krieg nicht, aber er befürwortet den Einsatz der Soldaten und ist froh über die Vertreibung der Taliban. Ich bin mir nicht sicher, ob er die fremden Truppen in seinem Land wirklich willkommen heißt. René und ich sind immerhin Gäste der Bundeswehr, die uns wiederum an ihn vermittelt hat. Was soll er schon sagen? Doch eines glaube ich ihm sofort: »Our country is beautiful. I hope the world will see it some time.«




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