Oslo ist vieles – nur nicht langweilig. Die norwegische Hauptstadt überzeugt nicht nur mit hübschen Grünflächen und interessanten Vierteln, sondern auch mit einer aufregenden Kultur- und Freizeitlandschaft.
Ein mehrtägiger Roadtrip durch skandinavische Gefilde liegt nun hinter uns. Wir sind über so manche spektakuläre Brücke und zweimal mit der Fähre gefahren, haben während der Fährüberfahrt nach Helsingborg die leicht vernebelte Silhouette von Hamlets Schloss erspäht sowie entlang der schwedischen Westküste den einen oder anderen malerischen Ort aufgesucht. So haben wir am Sandstrand von Ängelholm dem Meeresrauschen gelauscht, die atemberaubende Aussicht von der Varberg-Festung aus genossen, am Jachthafen von Strömstad Fisch gegessen und anschließend die Kunst an der Promenade bewundert.
Je mehr wir uns unserem nördlichsten Ziel nähern, desto mehr Wald ist zu sehen. Hier und dort funkeln die Wasseroberflächen der Fjorde und des Meeres, massive Felswände erheben sich am Straßenrand. Immer wieder durchqueren wir lange Tunnel, einer von ihnen spuckt uns unvermittelt ins urbane Leben der norwegischen Kapitale aus. Unser Aparthotel befindet sich in Frogner, einem, wie sich herausstellt, besonders vornehmen Stadtteil im Osloer Westen, wo uns als Erstes die zahlreichen herrschaftlichen Villen und Wohnhäuser der Jahrhundertwende ins Auge springen. Nimmt man sich ein wenig Zeit, um die Gegend zu erkunden, wird man etliche charmante Läden und Straßencafés, aber auch schicke Restaurants ausfindig machen. Bekannt ist Frogner vor allem für seinen gleichnamigen Park, dessen außergewöhnliche, teilweise bizarr anmutenden Skulpturen jedermann zum Staunen bringen.
Was Grünflächen und Parks angeht, hat man in der „Grünen Hauptstadt Europas 2019“ die Qual der Wahl. Wir entscheiden uns für einen Besuch des 22 Hektar großen Schlossparks, der direkt neben dem Botschaftsviertel im Herzen der Stadt liegt. Wie zu erwarten, handelt es sich hierbei um eine repräsentative, vorbildlich gepflegte Grünanlage voller Statuen und prächtiger Blumenbeete, auf dessen höchstem Punkt das über 175 Jahre alte Königsschloss thront. Vor der schnörkellosen hellgelben Fassade sind ein paar junge uniformierte Gardisten postiert, bereitwillig und etwas verlegen lassen sie sich von den schaulustigen Besuchern fotografieren. Über den Dächern Oslos ertönen zur vollen Stunde feierlich-fröhliche Glockenmelodien, die von einem der beiden Rathaustürme zum Schlosspark herüberschallen.
In uns kommt der Wunsch auf, die Palastgemächer zu besichtigen, um ein wenig royale Luft zu schnuppern. Zwischen Ende Juni und Mitte August ist dies sogar möglich, erfahren wir und nehmen spontan an einem einstündigen geführten Rundgang teil. Eine akkurat gekleidete Dame leitet uns durch mehrere der 173 Räume, führt uns in den Ratssaal, den Speisesaal mit der festlich gedeckten Tafel, den opulenten Ballsaal, das entzückende Vogelzimmer. Mit einem herrlichen britischen Akzent erklärt sie uns die Gemälde und Porträts, weist uns auf die raffinierte Schönheit der Malereien im pompejanischen Stil hin, erlaubt uns, einen Blick durch die geöffneten Türen über Norwegens prominentesten Balkon auf die Karl-Johan-Straße zu erhaschen – und wir sind schlichtweg begeistert!
Nach einem gemütlichen Spaziergang über den geschäftigen Vorzeigeboulevard, lassen wir die Innenstadt mit ihren historischen Wahrzeichen hinter uns, um uns auf die Suche nach den derzeit beliebtesten Osloer Architektur-Highlights zu begeben. Und die sind nirgendwo anders als am Ufer des Oslofjords in Bjørvika zu finden, einem Stadtteil, der seit mehreren Jahren stark im Umbruch ist. Wo einst Container, Hafenkräne und Lagerhallen das Uferbild beherrschten, erfreut sich heute das Auge an modernen Wohngebäuden und extravaganten Kulturbauten.
Ob das im Jahr 2007 fertiggestellte Opernhaus einem überdimensionierten Raumschiff oder eher einem vor sich hintreibenden Eisberg ähnelt, darin sind wir uns nicht ganz einig. Fest steht jedoch, dass dem Architekturbüro Snøhetta, benannt nach einem der höchsten Berge des Landes, mit dem Monumentalbau aus Glas und blendend weißem Marmor ein wahrer Hingucker gelungen ist. Das Operahuset versteht sich sowohl als Ort für kulturelle Veranstaltungen als auch als urbaner Freiraum, der für alle offen zugänglich ist. Die Besucher sollen sich ermutigt fühlen, nicht nur in das Opernhaus einzutreten, sondern auch um das Gebäude herum zu flanieren sowie – und das ist der Clou – auf sein Dach zu steigen, um auf diese Weise die Stadt und den Oslofjord aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu erleben.
Ein Buch lesen, tanzen, picknicken, angeln, sonnenbaden, schwimmen oder paddeln – Oslos ausgedehnte Uferpromenade und sein kühles Gewässer bieten Freizeitmöglichkeiten wie Sand am Meer. Apropos: Gleich neben dem Opernhaus befindet sich ein klitzekleiner Sandstrand und an der gegenüberliegenden Uferkante laden ein paar schwimmende Saunahütten mit holzbetriebenen Öfen zum Schwitzen ein. Mit unschlagbarem Blick auf die Oper und anschließendem Sprung in den Fjord. Nur für die ganz Mutigen, versteht sich!
Wir sind weniger mutig, dafür aber kunstinteressiert und ausgesprochen neugierig auf das 2021 eröffnete Munch-Museum. Der 13-stöckige Kulturbau mit dem unübersehbaren Knick ist nach wie vor der letzte Schrei in der reichen Museumslandschaft Oslos. Präsentiert werden Gemälde, Grafiken und Zeichnungen, aber auch einige persönliche Gegenstände des norwegischen Nationalmalers Edvard Munch. Es dauert nur wenige Augenblicke und schon gerät man in den Bann seiner Kunst, man taucht tief ein in den aufgewühlten Kosmos des Expressionisten und erhält intime Einblicke in seine Gefühlswelt: Liebe, Einsamkeit, Krankheit, Tod und Angst sind die Themen seines Schaffens. Übrigens: Das Museum beherbergt gleich drei Versionen des berühmten Schrei-Motivs, diese werden stündlich abwechselnd in einem abgedunkelten Raum ausgestellt.
Je höher uns die Rolltreppe befördert, desto überwältigender wird der Ausblick durch die großen Fensterscheiben des Museums. Grüne Hügel und der Fjord umrahmen die Stadt. In der Ferne entdecken wir den Sprungturm der fernsehberühmten Skisprungschanze Holmenkollen. Am nördlichen Rand von Bjørvika ragt ein Dutzend Gebäude empor. Allesamt sind sie hochmodern, keines gleicht dem anderen. Die Skyline scheint den einen oder anderen Osloer an einen Produkt-Strichcode erinnert zu haben, schließlich hat man dem unverkennbaren Turmensemble, in dem Büros, Wohnungen, Geschäfte und Restaurants untergebracht sind, den Namen „Barcode“ verpasst.
Von dort aus machen wir uns mit der markant blauen Trambahn auf den Weg zu unserem letzten Ziel – nach Grünerløkka. Einst ein Wohnquartier für Arbeiter, ist es heute ein populäres Szene- und Ausgehviertel, vergleichbar mit Nørrebro in Kopenhagen oder Södermalm in Stockholm. Wir lassen uns eine Weile treiben, schlendern gemächlich an den farbenfrohen Fassaden der Thorvald-Meyers-Straße entlang, halten Ausschau nach versteckten Streetart-Kunstwerken, stöbern in den Boutiquen und Vintageläden. Zum Abschluss kehren wir in einer der lebhaften Straßenbars ein, um stimmungsvoll die Eindrücke des Aufenthaltes Revue passieren zu lassen. Eines ist jedoch jetzt schon klar: Wir werden wiederkommen. Ha det, Oslo!
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