Hindu-Rituale in Malaysia

Thaipusam: Die bizarre Traumwelt des Lord Murugan

Wie in Bewegung gesetzte Kreisel rotieren die Anhänger des Kriegsgottes durch die Menge. Die Zunge und Wange gepierct, drücken sie ihre Demut und Dankbarkeit aus. Das Thaipusam Festival in Malaysia ist nichts für schwache Nerven.

Mein Blick haftet an einer goldenen Statue, die sich glänzend in den Himmel türmt. Den Kopf in den Nacken gelegt, versuche ich das Gesicht des Gottes zu erkennen, für dessen Huldigung sich hundertausende Hindus versammeln. Neben mir rollt sich eine Frau auf dem harten Asphalt Richtung der 272 Stufen, die hoch in die Batu Höhlen führen. Ihre Verwandten begleiten sie mit eindringlichem Sprechgesang, die Haare frisch abrasiert und mit Blumenketten geschmückt. Der Gott des Krieges, Lord Murugan oder Subramaniam (er hat viele Namen) fordert exzentrisch anmutende Dankbarkeit von seinen Anhängern.

Fakten für die Wissbegierigen

Das Thaipusam Festival in Malaysia findet seit 1888 an den Batu Höhlen in Kuala Lumpur statt. Tamilische Inder führten das größte und wichtigste Hindu Festival, dass in Malaysia gefeiert wird, ein. Es ist Ausdruck ihrer kulturellen und religiösen Identität. Die Bedeutung des Namens entschlüsselt sich durch die Worte Thai10. und Pusamwann der Mond am hellsten leuchtet.

Es ist der Tag, an dem der Lord Murugan zum ersten Mal erschien. Geschmückt mit glänzenden Juwelen und einem goldenen Speer schickten ihn seine göttlichen Eltern Siva und Sakti (variiert je nach Quelle) auf die Erde. Sein Schicksal ist der Kampf gegen die Asuren, die Dämonen, die die göttlichen Wesen bedrohten. Sein Reittier (Vahana) ist der Pfau.

Guha (Kartikeya)
You who has form and who is formless,
you who are both being and non-being,
who are the fragrance and the blossom,
who are the jewel and its lustre,
who are the seed of life and life itself,
who are the means and the existence itself,
who are the supreme guru, come
and bestow your grace, O Guha [Murugan]
—Kantaranuputi 51, Arunagirinathar

Die Reinigung von Körper und Geist

Mir verborgen bleiben die oft wochenlangen Vorbereitungen für das Festival. Es ist eine Zeit der Gebete und des Fastens. Die Anhänger schlafen auf dem nackten Boden, leben in sexueller Abstinenz und essen lediglich eine vegetarische Mahlzeit am Tag. Die letzten 24 Stunden vor dem Festival wird komplett gefastet. Somit reinigen sie Körper und Geist, bevor sie mit den Hindu-Ritualen ihre Demut und Dankbarkeit gegenüber dem Kriegsgott ausdrücken.

Hindu-Rituale und Opfergaben

Die typischen Rituale sind das Tragen eines Kavadi, eines Palkudam und verschiedene Körper-Piercings.

Ein Kavadi ist ein Altar: ein kurzer Holzpfahl, der von einem Holzbogen überragt wird, der mit Pfauenfedern, Blumen und anderen Materialien verziert ist. Dieser bis zu vier Meter hohe Altar wird an Hüften und Schultern gestützt.

Ein Palkudam ist ein Gefäß mit Opfergaben (Blumen, Früchte oder ein Milchgefäß), das andächtig auf den Köpfen der Anhänger balanciert wird.

Scharfe Spieße werden durch Zungen und Wangen gepierct: Damit verzichten die Anhänger auf die Gabe der Sprache. Zusätzlich werden Opfergaben mit Haken am Rücken befestigt.

Das Festival aus der Sicht einer staunenden Besucherin

Ich kämpfe mich durch die Menge Richtung Fluss. Dort erwartet mich der pure Wahnsinn. In Trance versetzte und vom Geist des Lord Murugan besessene Anhänger wirbeln ausgelassen durch die Menge. Den bis zu vier Meter hohen Kavadi umgeschnallt, begleitet von rhythmischer Trommelmusik und heiligen Gesängen, rotieren sie wie in Bewegung gesetzte Kreisel.

Egal, in welche Richtung ich blicke, kämpferische Augen, schrille Schreie und theatralische Gesten bestimmen das Bild. Wie bei einem Rugby Spiel bücke ich mich, weiche nach links und rechts aus und versuche möglichst unauffällig die Atmosphäre dieses Festivals aufzunehmen.

Ein Biest von einem Mann taucht plötzlich vor mir auf. Er trägt einen Turban über seinem schwarzen Haar und zieht und zerrt an einem dicken Seil, dass er einem anderen Mann um den Hals gelegt hat. Dabei raucht er eine Zigarre, falsch herum in den Mund gesteckt, was ihn nicht zu stören scheint. Zwischendurch verweilt er stumm, die Situation genießend, um kurz darauf den Mann am anderen Ende des Seils erneut zu knechten.

 

Ein Mädchen, keine zwölf Jahre alt, die mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Himmel blickt, rückt in mein Blickfeld. Jemand sticht ihr einen silbernen Spieß durch die Zunge. Neben ihr steht ihre Schwester, Zunge weit herausgestreckt, das Gesicht rot bemalt und die Augen befremdlich verdreht.

Ich entfliehe dem Wahnsinn unten am Fluss und gehe wieder zu der großen Statue, um den nächsten Schritt der Zeremonie beizuwohnen. Die erschöpften Anhänger stehen vor den Stufen, die zu den Höhlen führen. Sie tanzen ihren letzten Tanz, bündeln ihre letzte Kraft. Unter Zurufen Murugan’ku arogara wird ein tosendes vel vel vetrie vel erwidert. Ein Motivationsschub, denn die nächsten Schritte sind die reinste Qual. Stufe um Stufe erklimmen die Anhänger, keuchend und schwitzend, die Treppe zum heiligen Schrein.

In den Höhlen warten die Priester, die Verwandten und die Leidensgenossen auf sie. Die Anhänger werden von den Kavadis, Spießen und Haken befreit. Die dadurch entstandenen Wunden werden behutsam mit einem weißen Pulver eingerieben. Es heißt, dass niemand blutet, der hier seine Demut gegenüber Lord Murugan zeigt. Auch ich konnte keinen Tropfen Blut sehen.

Dann kommt der große Augenblick: die Befreiung aus der Trance. Ein Priester streckt eine Hand aus, findet den Punkt zwischen den Augen und drückt. Der treue Anhänger Lord Murugans zuckt, wie vom Blitz getroffen, und sackt völlig ohne Spannung zu Boden. Wie ein Ballon, dem die Luft entweicht.

Umgeben von wilden Affen, die durch die Höhlen springen, schrillen Lautsprecherdurchsagen und dem einen oder anderen verlorenem Huhn, das seinen Weg durch die Mengen bahnt, kommt er zu sich: Zurück in die Welt der Menschen.

Ich gucke auf den Boden vor mir. Da steht ein Huhn und guckt mich empört an. Zwei Lebewesen, völlig fehl am Platz inmitten der ganzen Heiligkeit. Neugierig starren wir in die Menge und wackeln mit dem Kopf. Was für ein skurriler Traum.

 

Gunda Hackbarth

Gunda kennt den Virus, der ganz normale Menschen dazu veranlasst, in rostigen Kleinbussen zwischen Hühnern und Schweinen eingepfercht, ins Unbekannte zu düsen. Der Drang nach Abenteuer steckt ihr im Blut. Darüber schreibt sie Geschichten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.