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Fliegen über dem Regenbogen

Möchte man sich der Stim­mung eines Tages nähern, hilft ein Blick auf das Früh­stück. In unse­rem Fall bestand das aus einem Ome­lette, Müsli, Bana­nen, Joghurt und Kaf­fee, was zusam­men genom­men für eine gewisse Ver­gnüg­lich­keit sorgte. 

Das hatte noch andere Gründe. 

Mut­maß­lich lässt es sich nir­gendwo zwi­schen Botsuana und Tan­sa­nia so gut aus­hal­ten wie in Living­stone, außer natür­lich im Muyoka Vil­lage süd­lich von Nkhata Bay am Lake Malawi kurz vor dem Ende der Regenzeit. 

Living­stone jeden­falls liegt ganz im Süden Sam­bias und kann dank sei­ner geo­gra­fi­schen Nähe zu den welt­be­rühm­ten Vic­to­ria­fäl­len mit einer ziem­lich vor­zeig­ba­ren Infra­struk­tur auf­war­ten. Der Ort ist sau­ber und auf­ge­räumt, es gibt viele Geschäfte und einige Ban­ken sowie Logis in jeder Preisklasse. 

Wir ent­schie­den uns für das Jolly Back­pa­ckers, was nicht nur ortho­gra­fisch ganz auf die Bedürf­nisse umher­zie­hen­der Ruck­sack­rei­sen­der zuge­schnit­ten war.

An die­ser Stelle muss eine kurze Abhand­lung über das Back­pa­cken ein­ge­scho­ben werden. 

Backpack

Das Rei­sen mit dem Ruck­sack hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eini­ges an Spott auf sich gezo­gen, den es ange­sichts der Wesens­merk­male vie­ler soge­nann­ter Tra­vel­ler abso­lut zu ver­tei­di­gen gilt, liegt dem Gan­zen doch ein grund­le­gen­des Miss­ver­ständ­nis zugrunde, das hier nicht uner­wähnt blei­ben darf und wie folgt umris­sen wer­den kann: 

Der Back­pa­cker erach­tet sein Back­packing allzu oft nicht ein­fach als zweck­dien­lichste Art und Weise des Fort­kom­mens, was sie zwei­fels­ohne ist, son­dern sti­li­siert sein Han­deln zur ein­zig rich­ti­gen mora­li­schen Hal­tung hoch, wofür er sich am Ende des Tages selbst­ge­recht auf die Schul­ter klopft. 

Der Irr­tum liegt nun darin zu glau­ben, eine mög­lichst ein­fa­che Art des Rei­sens hebe das beacht­li­che Wohl­stands­ge­fälle, das zwi­schen den meis­ten ande­ren Län­dern der Welt und Mit­tel­eu­ropa besteht, in irgend­ei­ner Weise auf. Das ist Unfug.

Man kann das dre­ckigste, löche­rigste T‑Shirt tra­gen, die unge­pfleg­tes­ten Fuß­nä­gel in die San­da­len ste­cken und sich wochen­lang nicht die Haare waschen – als umher­rei­sen­der West­mensch süd­lich der Sahara ist man in den Augen der dor­ti­gen Bevöl­ke­rung schlicht und ergrei­fend reich. 

Diese Tat­sa­che durch ein mög­lichst erbärm­li­ches Erschei­nungs­bild negie­ren zu wol­len, ist ein von Vor­ne­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teil­tes und ziem­lich lächer­li­ches Unterfangen.

Warum ein ein­fa­cher Gebrauchs­ge­gen­stand namens­ge­bend für eine bestimmte Art des Rei­sens gewor­den ist, erscheint in die­sem Licht rät­sel­haft. Ver­mut­lich soll der Ruck­sack als Sym­bol für ein ver­meint­lich zwang­lo­ses „Ein­tau­chen in eine fremde Kul­tur“ ste­hen, für ein Auf­he­ben der Gren­zen. Er wird somit zum Pro­jek­ti­ons­ob­jekt für das eigene Ver­hält­nis zur Welt und ihren Men­schen. Gleich­sam tritt sein Trä­ger, der Tra­vel­ler, der nur local unter­wegs ist, als guter Ant­ago­nist zum bösen Tou­ris­ten auf, der nur Pau­schal­rei­sen bucht und sich in teu­ren Hotels besäuft. 

Wie auch immer diese viel zu oft geführte Dis­kus­sion nun aus­geht – am Ende ist ein Ruck­sack ein über­aus prak­ti­sches Gepäck­stück, wenn man zum Bei­spiel für umge­rech­net 30 Euro von Lilongwe nach Living­stone fährt und auf die­sem Weg fünf Mal das Fahr­zeug wech­seln muss. Womit wir zurück bei der eigent­li­chen Geschichte sind.

Viele hun­dert Bus­ki­lo­me­ter hat­ten wir hin­ter uns gebracht, bevor wir die Vic­to­ria­fälle erreich­ten, den am wei­tes­ten von Dar es Salaam ent­fern­ten Punkt unse­rer Route. Dort­hin zieht es voll­kom­men zu Recht jeden ernst­zu­neh­men­den Rei­sen­den zwi­schen Nami­bia, Tan­sa­nia und Südafrika. 

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Wem das schon wie­der alles zu fremd­län­disch klingt, den dürfte fol­gende Anek­dote milde stim­men: Im immi­gra­tion office am Grenz­über­gang von Malawi nach Sam­bia klebte ganz ernst­haft ein Armi­nia-Bie­le­feld-Sti­cker an der Scheibe. 

Wir wech­sel­ten Dol­lar in Sam­bi­sche Kwacha, fuh­ren nach Chip­ata und such­ten eine Bleibe für die Nacht. 

Mor­gens blieb dann erst ein­mal das Taxi lie­gen, den durch­aus kom­for­ta­blen Rei­se­bus erreich­ten wir den­noch pünkt­lich, ein Bekann­ter des Fah­rers war kur­zer­hand eingesprungen.

Lei­der wurde die ansons­ten höchst ent­spannte Fahrt nach Lusaka durch die gewöh­nungs­be­dürf­tige Musik des Faith­ful Melody Church Choir, deren ama­teur­hafte Videos auf klei­nen Fern­se­hern gezeigt wur­den, bis­wei­len emp­find­lich gestört. 

Ich aß der­weil viele Mini­ba­na­nen, drau­ßen war es heiß gewor­den, wir dös­ten häufig. 

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Ein­mal sahen wir mit­ten im Nir­gendwo eine Hütte, die voll­stän­dig mit him­mel­blauer Farbe ange­stri­chen war. Der Sinn dahin­ter erschloss sich erst beim Erspä­hen der Pepsi-Wer­be­ta­fel, die an einer Seite der Behau­sung ange­bracht war. Pepsi, das musste man aner­ken­nen, hatte es wirk­lich geschafft.

Als wir den Bus in Lusaka ver­lie­ßen, herrschte ein ziem­li­cher Tumult, zwi­schen zwei Män­nern kam es bei­nahe zu einem Hand­ge­menge. Wenn­gleich Bus­bahn­höfe natur­ge­mäß ein Ort sind, an dem erhöhte Vor­sicht lohnt, mach­ten wir am Lusaka Inter­na­tio­nal Bus Ter­mi­nal keine schlech­ten Erfah­run­gen, was even­tu­ell den Bemü­hun­gen der Behör­den geschul­det war. „No alco­hol, no loi­te­ring, no call boys, no slee­ping“, stand auf einem Schild zu lesen, und die meis­ten schie­nen sich daran zu halten. 

Glück­li­cher­weise stand direkt ein grö­ße­rer Bus zur Wei­ter­fahrt nach Living­stone bereit, Abfahrt in zwei Stun­den, das sparte uns einen gan­zen Tag. Wir kauf­ten Toi­let­ten­pa­pier, Kekse, Äpfel und Was­ser. Ich wagte mich an eine Art Blät­ter­teig­ta­sche, die mit unde­fi­nier­ba­rem Fleisch­brei gefüllt war. Sie sollte mir spä­ter keine Pro­bleme berei­ten, das war gut: Wir wür­den bis in die Nacht hin­ein unter­wegs sein.

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Als wir Mazabuka erreich­ten, wo es kurz nach unse­rer Reise zu Unru­hen kom­men sollte, wes­halb das Aus­wär­tige Amt vor­über­ge­hend von Fahr­ten durch die Region abriet, notierte ich die Namen eini­ger Geschäfte: Ibra­him Hard­ware, Saladi House, Bethe­le­hem Bak­ery, Sup­plier of Buil­ding Mate­ri­als, Plum­ping & Electric, East Land Agency, Kou­kola Hyper­mar­ket, Rail­way Sys­tem Zam­bia („With you all the way“). Die­ser Slo­gan stimmte sogar, wir folg­ten lange Zeit der Bahn­li­nie, man konnte hier viele Kilo­me­ter über das Land schauen. 

Es wurde Abend, im Wes­ten senkte sich lang­sam die Sonne über die Ebene. Sie stand mitt­ler­weile so tief, dass die Bäume rechts der Straße nur noch als Sil­hou­et­ten erkenn­bar waren. Durch die andere Fens­ter­seite blick­ten wir auf die im Abend­licht grün­gol­den schim­mernde Vege­ta­tion vor einem satt­blauen Him­mel, der umso blas­ser wurde, je näher er der Erd­masse am Hori­zont kam. 

Ein schät­zungs­weise zwei­jäh­ri­ger Junge nagte höchst pro­fes­sio­nell einen Hüh­ner­schen­kel ab. Auf sei­nem blauen Pull­over waren die Figu­ren aus der Sesam­straße abgebildet.

Mit dem ein­gangs erwähn­ten Früh­stück im Magen lie­ßen sich die ers­ten Stun­den des nun fol­gen­den sehr hei­ßen Tages bes­tens aus­hal­ten. Ich mar­schierte zu Bar­clays, um etwas Geld in Lan­des­wäh­rung zu beschaf­fen, und im Anschluss tes­te­ten wir die Taug­lich­keit des klei­nen Pools. So ver­ging die Zeit bis zum Nachmittag. 

Dann holte uns der Fah­rer von Batoka Sky ab, um uns zum Aus­gangs­punkt einer Akti­vi­tät zu fah­ren, vor der im Rei­se­füh­rer stets gewarnt wird, da sie „natur­ge­mäß eine Gefahr für Leib und Leben“ bedeu­ten kann. 

Wir dach­ten uns: Wo wir nun schon ein­mal in Living­stone sind und noch nichts von die­sen ach so präch­ti­gen Vic­to­ria­fäl­len gese­hen haben, kön­nen wir auch gleich mit einem moto­ri­sier­ten Dra­chen­flie­ger dar­über fliegen. 

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Die nette Frau von der Rezep­tion über­nahm freund­li­cher­weise die Ver­hand­lun­gen mit dem Ver­an­stal­ter, und ohne groß dar­über nach­ge­dacht zu haben fuh­ren wir in einem Jeep zu der klei­nen Buckel­piste außer­halb von Living­stone, wo Crew und Bediens­tete in ver­ständ­lichs­ter Nach­mit­tags­träg­heit auf ihre Kun­den warteten.

Wir wür­den nach­ein­an­der flie­gen, auf dem Scha­len­sitz war nur für eine Per­son Platz. 

Der Pilot, so stellte sich am Ende her­aus, war noch bis vor kur­zem Kampf­flie­ger in Sim­bab­wes Armee gewe­sen. Nein, seine neue Arbeit mache er noch nicht so lange. Die Piste rüt­telte den Flie­ger kräf­tig durch, und schon ging es in die Luft. 

Wir stie­gen recht rasch recht weit nach oben, es muss­ten wohl um die 200 Meter zwi­schen unse­ren Füßen und dem Boden lie­gen. Gelenkt wurde der Flie­ger mit einer Quer­stange, die der Pilot mit bei­den Hän­den fest­hielt. Ab und zu, wenn uns eine Wind­böe erfasste, wur­den wir zur Seite gewor­fen. Über den Sam­besi, der kurz vor der Bruch­kante der Fälle von lau­ter klei­nen Inseln durch­setzt ist, fiel ein sanf­tes Spät­nach­mit­tags­licht. In Ufer­nähe war klar und deut­lich ein gewal­ti­ges Kro­ko­dil erkenn­bar, unweit des Rep­tils schip­perte ein Aus­flugs­damp­fer über den Fluss.

Wir flo­gen einige Kur­ven über dem Was­ser­fall, in der Schlucht spannte sich durch die Gischt ein Regen­bo­gen auf. Ich erkannte die Living­stone Bridge, die Sam­bia und Sim­babwe ver­bin­det, und die sie­ben Win­dun­gen des Sam­besi, der sich unmit­tel­bar hin­ter den Fäl­len in das ansons­ten kom­plett ebene Land hin­ein­ge­fräst hat. Meine Füße bau­mel­ten in der Luft, der Wind zerrte an mei­nem T‑Shirt, lot­recht unter mir ergoss sich die viert­längste Fluss Afri­kas über den flä­chen­mä­ßig größ­ten Was­ser­fall der Welt in die Tiefe. 

Ich war sprach­los, ich grinste nur dämlich.

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„Look, ele­phants“, sagte der Pilot auf dem Rück­flug. Ich sah da unten gar nichts. 

„They look like brown rocks.“ Das stimmte abso­lut. Erst als eines der Tiere mit den Ohren wackelte, erkannte ich die Herde im Busch. 

„They wave their ears to get cold air“. 

Ich musste also den gro­ßen Ele­fan­ten­oh­ren und der hei­ßen Regen­zeit dan­ken, ohne sie wäre ich blind geblie­ben. Immer­hin waren da noch eine Giraffe, meh­rere Gazel­len und einige baboons, also Affen, die ich selbst­stän­dig in der Wild­nis entdeckte. 

Eine gefühlte Stunde und erlebte 15 Minu­ten spä­ter setzte das illus­tre Flug­ge­rät wie­der auf der Lan­de­bahn auf, das Spek­ta­kel war vor­bei. Die Höhe steckte noch in den Bei­nen, sie zit­ter­ten leicht, und doch war das alles nicht recht zu begreifen. 

Ein­träg­li­che 135 Dol­lar hatte der Flug pro Per­son gekos­tet. Zwei­mal in Deutsch­land am Sams­tag­abend so rich­tig auf den Putz hauen, könnte der­je­nige als Ver­gleich her­an­zie­hen, dem die­ser Preis über­teu­ert erscheint, aber von einem sol­chen Rechen­spiel war ich in jenem Moment, als der Flie­ger lang­sam in den klei­nen Han­gar rollte und die Sonne gelb und warm auf die Grä­ser schien, wirk­lich ganz weit entfernt.

Nach dem luf­ti­gen Aus­flug beka­men wir mäch­tig Hun­ger und such­ten den ört­li­chen Shoprite auf. Er führte tat­säch­lich Blau­schim­mel­käse, zwar abge­packt und ein­ge­schweißt, aber den­noch zwei­fels­frei als genau diese Genuss­speise zu iden­ti­fi­zie­ren. Außer­dem gab es Joghurts in ver­schie­dens­ten Sor­ten und wuch­tige Kühl­tru­hen voll mit Eis­creme, abge­packt in Zwei-Liter-Boxen oder gleich mund­ge­recht am Stil geformt zu sechs Stück pro Packung. 

Die­ser Umstand erzeugte in uns inso­fern eine wahn­hafte Auf­re­gung, als dass wir uns auf den gut 2500 Kilo­me­tern von Dar es Salaam her­un­ter nach Living­stone haupt­säch­lich von durch das Bus­fens­ter gereich­ten Mini­ba­na­nen und Erd­nüs­sen ernährt hat­ten, die zwar tadel­los schmeck­ten, deren aus­schließ­li­cher Genuss jedoch nach eini­gen Tagen das Ver­lan­gen nach dem für mit­tel­eu­ro­päi­sche Ver­hält­nisse selbst­ver­ständ­li­chen Über­an­ge­bot an ent­behr­li­chen aber wohl­schme­cken­den Lebens­mit­teln nährte. Es war keine große Über­ra­schung, dass wir unsere Kwacha groß­zü­gi­ger also sonst in das üppige Waren­an­ge­bot des Super­markts investierten.

Im Licht eines war­men Abends schlen­der­ten wir durch die Gas­sen zurück zur Her­berge. Ein Junge wollte uns Erd­nüsse ver­kau­fen, doch wir lehn­ten ab. Als wir uns zu Käse, Weiß­brot und Mosi-Lager auf die Ter­rasse setz­ten, stan­den bereits die Sterne am Himmel.

Cate­go­riesSam­bia
  1. MIrco says:

    Moin,
    ich werde im Som­mer nach Malawi flie­gen bin kurz vorm Buchen eines Flugs. Meine Über­le­gung ist von Lilongwe über den South Luangwa Natio­nal­park zu den Vic­to­ria­fäl­len mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln zu fah­ren. Denkst, du das dies grund­sätz­lich gut mög­lich ist?
    Gruß Mirco

    1. Hallo Mirco,

      wir sind damals von Lilongwe mit öffent­li­chen Bus­sen über Chip­ata (hin­ter der Grenze) und Lusaka run­ter zu den Vic­to­ria­fäl­len. Das geht für afri­ka­ni­sche Ver­hält­nisse ohne Pro­bleme. Wie der Zugang in den South Luangwa Natio­nal­park ist, kann ich aber nicht sagen.

      Viele Grüße!

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