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Mein Weg zum Mount Everest

Den höchsten Berg der Welt sehen

Ein­mal den höchs­ten Berg der Welt zu sehen, geis­tert mir schon lange im Kopf herum. Als Hobby-Berg­stei­ger und Berg­fo­to­graf kann man sich der Fas­zi­na­tion des Hima­la­yas ein­fach nicht entziehen.

Doch es brauchte einen beson­de­ren Grund, um nach Tibet zu rei­sen. 2018 hatte sich in mei­nem pri­va­ten Leben viel geän­dert und als ich im Mai nach Tibet auf­bre­che, war ich genau zwei Wochen geschieden.

Nun sitze ich mit einem wei­ßen Will­kom­mens-Schal in einem klei­nen Rei­se­bus am Flug­ha­fen von Lhasa und weiß nicht so recht, was mich hier in den nächs­ten 16 Tagen erwar­ten. Meine Gedan­ken krei­sen um mein neues Leben.

Tibet soll mich wie­der in die Rea­li­tät zurück­ho­len und der Start eines Neu­an­fangs sein. So ist zumin­dest der Plan. Mal sehen, ob mir die Reise zum Mount Ever­est hilft, etwas aus mei­ner Gedan­ken­welt auszubrechen.

Bevor ich mich mit einer klei­nen inter­na­tio­na­len Rei­se­gruppe von Lhasa Rich­tung Süden zum Haupt­kamm des Hima­laya auf­ma­chen, ist erst ein­mal akkli­ma­ti­sie­ren ange­sagt. Kein guter Plan eine Tibet-Reise, so wie ich, direkt vom Flug­ha­fen in Lhasa zu begin­nen, denn hier befin­det man sich bereits auf 3600 m Höhe.

Obwohl ich aus dem Alpen­staat Öster­reich komme, lebe ich in Wien auf 230 m See­höhe. Ein Höhen­schritt von rund 3300 m tut dem Kör­per nicht gut. Mir geht es trotz­dem ganz gut, denn ich habe mich zu Hause einen Monat lang auf die Reise vor­be­rei­tet und ein Höhen­trai­ning absolviert.

Ich bin gespannt, ob es wirk­lich gehol­fen hat!

Kultur in Lhasa

Im Lhasa absol­vie­ren wir ein üppi­ges Kul­tur­pro­gramm, inklu­sive der gro­ßen Klös­ter Dre­pung und Sera, dem alten Bark­hor-Vier­tel mit dem hei­li­gen Jok­hang Tem­pel und natür­lich den Potala Palast.

Das Schnau­fen beim Auf­stieg zum Potala Palast, die vie­len Artefakte,die Gerü­che der But­ter­lam­pen und des Räu­cher­werks in den bud­dhis­ti­schen Klös­ter, es ist ein inten­si­ves Erleb­nis! Ich kann die Stim­mung in Tibet heute noch spü­ren, obwohl die Reise zwei Jahre her ist. Drei Tage in Lhasa sind wich­tig, damit sich der Kör­per zumin­dest ein wenig an die Höhe anpas­sen kann.

Spä­tes­tens, wenn man Lhasa Rich­tung Hima­laya ver­lässt, wird es schnell höher. Wenn man Tibet mit sei­nen impo­san­ten Berg­wel­ten erle­ben möchte, dann muss man sich ein­fach der Höhe stel­len. Und leiden.

Ebenso muss man sich mit stän­di­gen Aus­weis­kon­trol­len durch Poli­zei und Mili­tär arran­gie­ren, denn diese fin­den mehr­mals täg­lich statt.

Aufbruch Richtung Westen

Wir ver­las­sen Lhasa in einem klei­nen Bus Rich­tung Wes­ten, um abends Shi­gatse, unser heu­ti­ges Tages­ziel am Weg zum Mount Ever­est, zu erreichen.

Die weni­gen Tage, die ich bis jetzt in Tibet ver­bracht habe, schei­nen bereits ihre Wir­kung zu haben. Natür­lich las­sen sich die Gescheh­nisse nicht in so kur­zer Zeit ver­ar­bei­ten, das war mir natür­lich klar. Aber ein­fach hier in Tibet zu sein, tut mir ein­fach gut und das Krei­sen mei­ner Gedan­ken wird merk­lich weniger.

Nach einer guten Stunde über­que­ren wir den ers­ten hohen Pass unse­rer Reise, den Gam­pala in 4790 m Höhe.

An des­sen Fuß liegt der große, tür­kis­blaue Yam­drok See, hin­ter dem sich die ers­ten Aus­läu­fer des Hima­laya auftürmen.

Hier am Pass machen wir einen gemüt­li­chen Spa­zier­gang, in der Höhe fällt das Atmen schwer..

Gene­rell sollte man viel Was­ser trin­ken und Alko­hol weg­las­sen. Ihr braucht viel Ener­gie auf­grund der Höhe, auch wenn ihr nicht den größ­ten Appe­tit habt. Das Essen in Tibet ist aber durch­aus facet­ten­reich, neben der eher kar­gen tibe­ti­schen Küche wer­den auch viele chi­ne­si­sche Spei­sen serviert.

Wei­ter Rich­tung Wes­ten auf unse­rem Weg liegt Gyanse, wo wir das Palk­hor Chöde Klos­ter besich­ti­gen. Etwas ent­fernt vom Klos­ter kön­nen wir die Dzong Fes­tung bewun­dern, ehe wir schließ­lich nach gut acht Stun­den Bus­fahrt Shi­gatse, die zweit­größte Stadt von Tibet, erreichen.

Hier ver­brin­gen wir eine Nacht auf der­sel­ben Höhe wie in Lhasa. In den nächs­ten Tagen am Fuße des Hima­laya wird es aber deut­lich höher.

Bevor wir auf­bre­chen, besich­ti­gen wir noch das aus dem 17. Jahr­hun­dert stam­mende Tashil­hunpo Klos­ter. Wir ver­las­sen Shi­gatse zunächst Rich­tung Wes­ten, wäh­len dann aber Rich­tung Ever­est eine süd­li­che Richtung.

Heute müs­sen wir aber­mals zahl­rei­che Kon­trol­len über uns erge­hen las­sen, aber das über­nimmt unser tibe­ti­scher Rei­se­lei­ter. Als Indi­vi­du­al­tou­rist darf man Tibet nach wie vor nicht bereisen..

Das Wet­ter ist gut und wir freuen uns auf unser heu­ti­ges Ziel, den Mount Everest.

Der erste Aus­blick auf den höchs­ten Berg der Welt war eigent­lich am Pang La Pass auf gut 5200 m Höhe geplant. Pang La ist einer der bekann­tes­ten Aus­sichts­punkte in Tibet und bei guter Sicht sieht man hier meh­rere Acht­tau­sen­der. Lei­der hängt eine dichte Wol­ken­schicht über dem Haupt­kamm und der Ever­est ist nicht zu sehen. Als wir den Pang La Pass am nächs­ten Mor­gen noch­mals pas­sie­ren sind die Wol­ken weg und wir kön­nen die hohen Berge bestaunen.

So ein Pan­orama schießt man als Berg­fo­to­graf auch nicht alle Tage. Groß­ar­tig, oder?

Gleich der erste Berg, der sich links erhebt, ist der Makalu, mit 8485 m der fünft­höchste Berg der Welt. Links im Zen­trum befin­det sich natür­lich der Ever­est (8849 m) und gleich links dane­ben etwas nach hin­ten ver­setzt der Lhotse (8516 m), der viert­höchste Berg der Welt. Wei­ter am Hima­laya Rich­tung Osten (rechts am Foto) tür­men sich zwei wei­tere große Gip­fel auf. Nur der rechte die­ses Mas­si­ves ist ein Acht­tau­sen­der, näm­lich der Cho-Oyu (8188 m), der sechst­höchste Berg der Welt.

Ich bin etwas auf­ge­regt, denn wir wer­den nur einen Tag am Fuße des Mount Ever­est ver­brin­gen. Vor dem höchs­ten Berg der Welt zu ste­hen und ihn wegen schlech­tem Wet­ter nicht zu sehen, wäre wirk­lich eine Kata­stro­phe für mich.

Nach­mit­tags pas­sie­ren wir mit unse­rem Rei­se­bus den Ein­gang zum Cho­mo­lungma Natio­nal­park. Die Chi­ne­sen haben hier gute Stra­ßen gebaut, die aber durch die har­sche Wit­te­rung schon abge­nutzt und holp­rig sind.

Ankunft am Fuße des Mount Everest

Gegen 18 Uhr tref­fen wir am Tou­ris­ten-Base­camp an der Nord­seite des Mount Ever­est ein. Hier befin­det sich ein Park­platz und einige Zelte, in denen wir heute über­nach­ten werden.

Ich kann es gar nicht glau­ben, aber die Wol­ken wer­den weni­ger und der Ever­est zeigt sich mehr und mehr in sei­ner vol­len Pracht.

Gleich neben dem Park­platz liegt das Rongpu Klos­ter, das am höchs­ten gele­gene Klos­ter der Welt. Hier tum­meln sich einige Yaks, die nicht sehr freund­lich aus­se­hen und um die wir einen gro­ßen Bogen machen.

Ich bin ange­kom­men, an genau jenem ein­zi­gen Ort, an dem ich jetzt gerade sein möchte.

Der höchste Berg der Welt zeigt sich an die­sem Abend in einer unglaub­lich Viel­falt an Licht‑, Far­ben und Wolkenstimmungen.

Vom Park­platz kön­nen wir dem Berg in süd­li­cher Rich­tung noch ein wenig näher kom­men. Nach etwa einem Kilo­me­ter ist aber Schluss. Wei­ter dür­fen nur die Berg­stei­ger mit gül­ti­gem Per­mit wandern.

Auf dem letz­ten Foto sieht man Lich­ter hoch oben am Berg. Es ist Mai und daher Berg­stei­ger-Sai­son am Ever­est und die Lich­ter stam­men von den hohen Camps, von denen sich die Berg­stei­ger zum Gip­fel aufmachen.

Ich spüre die Höhe nun gewal­tig. Ich denke man kann es auf dem fol­gen­den Foto auch gut sehen.

Trotz Höhen­trai­ning war der letzte Höhen­sprung von Shi­gatse von 3600 m auf 5200 m zu hoch.

Aber die Apa­thie wird sich in den nächs­ten Tagen legen und ich kann die Tibet-Reise trotz der Stra­pa­zen wirk­lich genießen.

Neuanfang

Ich ver­lasse die Gruppe und möchte ein wenig allein sein. 

Um mei­nen Neu­an­fang zu erleich­tern, wollte ich mir einen Traum erfül­len und mir einen ganz spe­zi­el­len Ort suchen, um dem alten Leben Lebe­wohl zu sagen. Die­ser Moment ist nun gekom­men! Mei­nen Ehe­ring habe ich mit auf die Reise genommen.

In einem Stein­hau­fen am Fuße des Mount Ever­est werde ich ihn zurück­las­sen. Es ist ein guter Ort für ein Sym­bol, das man respek­tiert, aber nicht mehr benötigt.

Mit die­sem Ritual hier in Tibet am 17. Mai 2018 beginnt mein neues Leben. Ein Gutes und Erfüll­tes, wie die nächs­ten Jahre zei­gen sollen.

Tibet war nicht nur mein größ­tes Aben­teuer als Rei­sen­der und Foto­graf, son­dern mit genau 40 Jah­ren auch ein Neu­be­ginn in mei­nem Leben.

Cate­go­riesTibet
Stefan Czurda

Der Wiener Hobby-Fotograf und Blogger Stefan Czurda ist Outdoor-Liebhaber, sportbegeistert und reist in seinem Projekt „Berge der Welt“ mit seiner Kamera um den Globus, um exotische Bergwelten zu fotografieren. Auf seinem Blog www.sc-fotoblog.com schreibt er über seine Erfahrungen im Bereich Outdoor-, Sport-, Reise- und Studiofotografie.

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