Der Wandel einer Weltmacht

Hellas: Himmel und Hölle

Im alten Griechenland ging’s den Alten noch gut, im Griechenland der Gegenwart dagegen geht’s ihnen grauenvoll – ein scharfer Kontrast, der nachdenklich macht.

Perikles strahlte vor lauter Glück. Aus jeder seiner vielen, tiefen Furchen im Gesicht schimmerte Zufriedenheit und ich sah, wie sein weißer Vollbart im warmen Sonnenlicht goldig glänzte. Man merkte, wie stolz er war, auf sich und dieses makellose Monument mit seinen 136 Säulen aus Marmor, dieses Prunkstück der Akropolis, mit dem er seiner Heimatstadt Athen ein Wahrzeichen geschenkt und sich selbst ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt hatte.

Die vielen Männer um ihn herum waren wie gebannt. Sie lauschten den Worten des großen alten Staatsmannes und bestaunten seine umfassende Glückseligkeit. Perikles ließ sich richtig gehen. Er schwang seinen langen, weißen Chiton anmutig durch die Luft, als er gestenreich von der Ästhetik und Architektur des Parthenons schwärmte, und die anwesenden Gäste aus den höchsten Kreisen des Stadtstaates Athen nickten zustimmend mit den Köpfen.

Keine Frage, der große Tempel hier oben auf der Akropolis war mit Abstand das Schönste, was Athen je gesehen hatte. Er war perfekt, um genau zu sein. Er war genauso, wie ihn sich Perikles vorgestellt hatte. Der Parthenon war schlicht die Krönung seines Lebenswerks. Was hatte er bis hierher nicht schon alles erreicht? Unter seiner Ägide war die attische Demokratie zur Hochblüte gelangt. Ihm hatte es Athen zu verdanken, dass der Stadtstaat eine komfortable Vormachtstellung im attischen Seebund innehatte. Und es war sein Gespür für die Förderung Intellektueller gewesen, das die weiße Stadt an den Ufern des ägäischen Meeres zu einer Metropole der Kunst und Philosophie hatte werden lassen.

Aber nichts in seinem Schaffen, so stellte Perikles fest, leuchtete so hell wie die große Säulenhalle hier auf der Zitadelle von Athen. Er legte den Arm um die Schultern von Phidias, als er das sagte und drückte den kleinen, alten Mann fest an sich. Phidias war in diesem Moment genauso glücklich wie sein langjähriger Freund, der ihn gerade aufs Innigste herzte. Mit der Durchführung der Arbeiten auf der Akropolis war ihm ein beispielloses Gesamtkunstwerk gelungen. Sein Auftraggeber Perikles lobte ihn zurecht, wie Phidias fand. Der Parthenon war tatsächlich entzückend. So etwas schönes war ihm in seiner langen Laufbahn noch nie gelungen, dachte er zufrieden, und wusste, dass er seinem Ruf als begnadeter Künstler damit alle Ehre gemacht hatte.

Noch eine ganze Weile huldigte Perikles dem Monument und seinem Freund, ehe er Phidias schließlich bat, seinen Gästen nun das Innere des Heiligtums zu zeigen. Also schritten die zwei Senioren zufrieden voran, zwischen den haushohen Marmorsäulen hindurch, und ihr neugieriges Publikum folgte ihnen aufgeregt. Gerade sah ich den letzten weißen Kittel hinter den Kolumnen des Tempels verschwinden, da summte eine Fliege an meinen Augen vorbei und unterbrach meine antike Phantasie.

Ich blinzelte und mit einmal waren die Gewänder der alten Griechen modern geschneidert, sie wurden getragen von japanischen Frauen mit großen Sonnenbrillen und breit-krempigen Hüten, die da standen, mit gespitzten Ohren, am Fuß des uralten Parthenons, und den Ausführungen einer Fremdenführerin lauschten.

Es war ein wunderbarer Nachmittag im Herbst, 2.400 Jahre nach Perikles und Phidias, sonnig und warm war es in Athen und unzählige Gäste aus aller Welt säumten das Plateau der Akropolis. Von meinem Rastplatz aus, auf der Mauer des Athener Burgberges, ließ ich den Blick hinaus über die Stadt schweifen. Das Weiß des Häusermeeres ging am Horizont malerisch über ins schimmernde Blau des Mittelmeeres. Von hier aus sah man die kargen Berge am Nordrand der Stadt ebenso wie das hektische Treiben im Zentrum rund um den Syntagma-Platz. Ja man sah sogar bis ins Wohnzimmer von Apostolos, wie ich wenige Stunden später feststellen sollte, als ich durch Zufall bei dem alten, einsamen Griechen zu Gast war.

 

Alter Grieche

 

Besagter Besuch hatte sich ergeben, weil ich ganz dringend Wasser lassen musste. Nach dem vielen Sightseeing hatte ich mir ein paar Bier zur Stärkung genehmigt und diese drückten nun auf meine Blase, als ich durch die Nationalgärten unweit des Parlamentsgebäudes spazierte. Bis zur nächsten Toilette würde ich es nicht mehr schaffen, ich musste also improvisieren, deshalb bog ich unvermittelt ab, ins Gebüsch am Wegesrand, um mich zu erleichtern.

Es war angenehm kühl dort im Unterholz und während vereinzelte Tröpfchen meine nackten Unterschenkel kitzelten, bemerkte ich etwas weiter hinten einen Mann, der im Schatten von Bäumen auf einem Stuhl saß und eine Zigarette rauchte. Zunächst zögerte ich, doch der Fremde im Abseits machte mich neugierig, und so stand ich kurz darauf vor ihm, mit Lust auf eine Unterhaltung und der Bitte um einen Glimmstengel.

Apostolos, so sein Name, war ein trauriger Mann. Tiefe, sorgenvolle Falten durchzogen sein Gesicht. Er war seltsam ruhig, seine Zunge bewegte sich kaum, genauso wie der Rest seines Körpers, der lustlos und erschöpft in einem bleich-blauen Gartenstuhl döste. Ich merkte rasch, dass er wenig Interesse hatte an einem Dialog und so begann ich ungefragt ein wenig von mir zu erzählen, von wo ich herkam und wohin ich hier in Griechenland noch gehen wollte. Der Alte streichelte seine Katze unterdessen, ohne ein Wort zu sagen, sie lag auf seinem Schoß und schnurrte während er immer wieder mit der Hand durch ihr schmutziges Fell strich.

Da er meine Worte nicht erwiderte, war ich kurz davor wieder aufzubrechen, als er mir überraschenderweise noch eine Zigarette anbot. Sich selbst steckte er ebenfalls eine an, und dann begann er langsam zu sprechen.

Er war am Boden zerstört. Alles, was ihn einmal glücklich gemacht hatte, lag in Trümmern. Es gab eine Zeit, erzählte er mit kraftloser Stimme, da war er ein stolzer Mann gewesen und ein glücklicher Familienvater, damals, vor der großen Wirtschaftskrise. Bedrückt kraulte er seinen grauen, ungepflegten Bart und sagte, dass von alledem nichts übrig geblieben sei, nichts, außer seiner Katze und den paar Habseligkeiten in seiner Baracke. Mit einer resignierenden Geste deutete er auf eine armselige Hütte hinter seinem Rücken. Sie stand unter zwei Bäumen, ein trostloser Verschlag aus alten Brettern und Plastikplanen, ein elender Unterschlupf, braun und grau, in dem Apostolos seit ein paar Jahren hauste. Hier lebte er, seit alles den Bach runter gegangen war. Er zupfte nervös am Ärmel seines abgewetzten Hemdes, als er fortfuhr und erzählte, wie alles abgelaufen war: Wie er seine Arbeit verloren hatte, dann sein Haus und am Ende auch seine Frau, die sich irgendwann mitsamt den Kindern davon gemacht hatte.

Als er fertig war mit seiner Geschichte, sprang die Katze von seinem Schoß und verschwand hinter den Brettern der Hütte. Um uns herum war es beklemmend leise. Sein im Schatten liegendes Gesicht war regungslos und düster, in der Luft lagen der Geruch von verglühtem Tabak und der Gestank von Katzenurin. Ich zögerte eine gefühlte Unendlichkeit mit meiner Antwort – was hätte ich auch sagen sollen? – und so war es schließlich Apostolos, der mich darauf hinwies, dass er jetzt zu tun habe.

Ich verstand auf Anhieb, also stand ich auf und machte mich auf den Weg. Der Händedruck unseres Abschiedes war halbherzig und doch voller Endgültigkeit. Ich war bereits einige Meter entfernt, als ich mich noch einmal umdrehte, in der Hoffnung, spontan etwas Tröstliches über die Lippen zu bringen. Doch vergeblich, meine Zunge blieb stumm. Ich schaute auf den einsamen, gebrochenen Mann und die kläglichen Reste seiner Existenz und erst da bemerkte ich, dass er von seinem Platz aus einen Blick auf die Akropolis und den Parthenon hatte.

Hinter dem rostigen Drahtzaun und ein paar Sträuchern, die sein Refugium nach Süden hin begrenzten, erstreckte sich die Millionenstadt und über allem thronte die weiße Zitadelle. Sie waren lediglich einen Steinwurf von einander entfernt, der marmorne Prachtbau des Perikles und die erbärmliche Baracke des Apostolos; einen Steinwurf und eine bewegte Geschichte von 24 Jahrhunderten, in denen die Weltmacht Athen zugrunde gegangen war und mit ihr die alten Männer dieser Stadt. Oben weiß, unten schwarz. Und dazwischen? Was alles liegt zwischen dem historischen Idyll der Akropolis und der zeitgenössischen Tristesse im Abseits der Stadt, fragte ich mich.

Mit einem leisen „Andio“ verabschiedete ich mich noch einmal von Apostolos, wandte mich ab und stapfte durchs Unterholz, bis ich schließlich wieder zurück war auf dem befestigten Gehweg der Nationalgärten. Ich hielt kurz inne, beeindruckt von der Gegensätzlichkeit, mit der Athen mich soeben beeindruckt hatte, und dann ging ich weiter.

 

Abschlussbild Hellas

 

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