Zu dritt rum­peln wir auf einem Motor­rad über die Sand­pis­ten von Bohol, vor­bei an klapp­ri­gen Wellblechhütten, die von schläfrigen Stra­ßen­hun­den bewacht wer­den und sofort wie­der den Blick auf die umlie­gen­den Reis­fel­der frei­ge­ben. Am Hori­zont erklimmt eine Ansamm­lung korea­ni­scher Tou­ris­ten die Aus­sichts­platt­form einer der über drei­hun­dert Cho­co­late Hills, die hier wie eine Armada von Sili­kon­brust­im­plan­ta­ten die Land­schaft for­men. Die Köpfe der Rei­se­gruppe sind mit einem Sam­mel­su­rium bun­ter Regen­schirme gar­niert und wir­ken so wie Kon­fetti auf der grünlich-braunen Landschaft.

Die bun­ten Punkte wer­den immer klei­ner, während wir ein klei­nes Dorf hin­ter uns las­sen, um mit unse­rem Fah­rer Gia­como immer wei­ter in die phil­ip­pi­ni­sche Pampa vor­zu­drin­gen. Auf einem Feld sind bunte Plas­tik­pla­nen zwi­schen Pal­men gespannt, davor eine Ansamm­lung von Motorrädern, die zunächst den Blick auf die drei Grüppchen abschir­men. Sobald die eif­rig dis­ku­tie­ren­den Männer unser Motorengeräusch ver­neh­men, unter­bre­chen sie ihr Gewu­sel und star­ren uns mit gefühlt 187 Augen­paa­ren für min­des­tens 1,25 Minu­ten an. Die­ses Gefühl hatte ich zuletzt, als ich von der 7a in die 7b wech­seln musste, dabei hing nur viel weni­ger Tes­to­ste­ron in der Luft.

Betont gekonnt stei­gen wir von unse­rer Maschine ab und lau­fen Gia­como hin­ter­her, der uns zu die­sem Ort abseits der Souvenirstände mit­ge­nom­men hat. Nach­dem auch wirk­lich der Letzte unsere Ankunft mit leicht zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen oder belus­tig­ter Miene kom­men­tiert hat, wen­den sie sich im Kreis ste­hend wie­der ihrer Beschäftigung zu. Und das ist nicht irgend­eine, son­dern lässt im All­ge­mei­nen das Dopa­min durch die Syn­ap­sen phil­ip­pi­ni­scher Männer sprudeln.

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Es ist Diens­tag­nach­mit­tag, Zeit für ein paar Hahnenkämpfe. Gia­como navi­giert uns näher an die Grüppchen heran, grüßt nach links und rechts, kom­men­tiert ein paar Sprüche, die in unsere Rich­tung flie­gen. Zwei die­ser Men­schen­an­samm­lun­gen bestehen aus auf­ge­reg­ten Männern, die fast aus­nahms­los Käppis tra­gen und sich um die bei­den am Boden hocken­den Kampf­hahn­be­sit­zer schar­ren, die an die­ser Stelle Größe, Tritt­kraft und Level der Aggressivität ihres Feder­viehs mit­ein­an­der ver­glei­chen. Das ist der schick­sal­hafte Vor­ent­scheid für das Feder­vieh, gewiefte Wett­pro­fis set­zen schon hier auf ihr favo­ri­sier­tes Geflügel.

Wenn gerade nichts zu sehen ist, sind wir immer wie­der ein gefrag­tes Motiv. Trotz der Sprach­bar­riere ist ein­deu­tig, dass sich die Meute über uns lus­tig macht. Bleich wie die Hähnchen ste­hen wir auf die­ser Wiese und schauen dem Trei­ben stau­nend zu, während Gia­como uns unermüdlich erklärt, was gerade pas­siert und unse­ren Pesos-Schein an den Wett­ma­na­ger weitergibt.

Plötzlich wird eine beein­dru­ckende Tan­duay-Fahne über unse­rer Gruppe gehisst. Umso näher er kommt, desto deut­li­cher wird, dass er neben dem süffigen phil­ip­pi­ni­schen Rum auch eine Lei­den­schaft für frit­tierte Hähnchenschenkel mit Ketchup zu haben scheint. Ent­spre­chende Relikte for­men auf sei­nem T‑Shirt ein genüssliches Pas­se­par­tout. Bevor wir

das Mus­ter vollständig stu­diert haben, legt er uns seine Arme auf die Schul­tern und sagt etwas, das so klingt wie „New Friends“. Unser neuer Freund beglei­tet uns auch zur nächsten Sta­tion, an der die Kampfhähne ihre tödlichen Werk­zeuge in Form von fünf Zen­ti­me­ter lan­gen Rasier­klin­gen ver­passt bekom­men. Unsere stau­nen­den Gesich­ter nimmt er im Pro­mil­le­ne­bel bestimmt nicht mehr wahr. Durch fachmännische Kom­men­tare ver­sucht er, uns den Volks­sport der Phil­ip­pi­nen näher zu brin­gen. Viele sei­ner Worte gehen in den auf­ge­reg­ten Ver­hand­lun­gen der Männer unter. Schlimm ist das aller­dings nicht, denn die ganze Zeit wie­der­holt er wie ein Man­tra einen ein­zi­gen Satz „Chi­cken fight, chi­cken eat“.

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Auf ein unsicht­ba­res Zei­chen hin lotst Gia­como uns von unse­rer rumi­sier­ten Bekannt­schaft in Rich­tung der spar­ta­nisch zusam­men­ge­zim­mer­ten Kampf­arena. Um den Holz­zaun ver­sam­meln sich Geld­schein schwen­kende Männer, Bier wird verschüttet und die Ansa­gen des Anhei­zers führen dazu, dass sich immer mehr Schul­tern anein­an­der­rei­ben. Im Ring sind nun die Besit­zer der Hähne mit ihren Ath­le­ten zu sehen, die sich im Sand schar­rend beäugen. In die­sem Moment lan­det wie­der eine Hand auf mei­nem Rücken, gefolgt von einem wert­vol­len Hin­weis: „Chi­cken Fight, chi­cken eat“. Mit sei­nem Aroma würde er jeden Kampf für sich ent­schei­den. Regelmäßig ruft er ver­schie­de­nen Männern in der Nähe etwas zu, deu­tet auf uns, rückt immer näher. Als wäre das Hah­nen­mas­sa­ker nicht genug, die Stim­mung wird immer zwielichtiger.

Dann geht alles ganz schnell, die mit jah­re­lan­ger Sorg­falt auf­ge­zo­ge­nen Hähne stürmen auf­ein­an­der los, flie­gen hoch, ver­su­chen sich gegen­sei­tig den ers­ten blu­ti­gen Hieb zu ver­pas­sen. Sand wird auf­ge­wir­belt, das Gackern der Hühner wird immer auf­ge­reg­ter. Genauso wie unser überambitionierter Beglei­ter, der uns immer wei­ter in Rich­tung Ring drückt. „Chi­cken fight!“ Ein ers­ter Stich sitzt, einer der Hähne tau­melt, fängt sich wie­der, setzt zur Revan­che an. Ein paar halb­her­zige Ver­su­che später wird er auf den Boden gedrückt und mit einem pro­fes­sio­nel­len letz­ten Zug der Rasier­klinge getötet. Die Menge jubelt, Geld­scheine wech­seln ihre Besit­zer, San Miguel befeuch­tet die vom Schreien tro­cke­nen Keh­len. Der Trai­ner des Cham­pions nimmt auch den toten Hahn mit aus dem Ring, heute Abend wird er sei­ner Fami­lie ein Fest­mahl servieren.

„Chi­cken eat“, dazu ein auf­ge­reg­ter Zei­ge­fin­ger, der wild in der Gegend rum­sto­chert. Die Kom­pli­zen unse­res unfrei­wil­li­gen neuen Freun­des kom­men immer näher, rau­chend grin­send ihre Ziga­ret­ten und schauen uns unent­wegt an. Die ange­heizte Meute war­tet auf den Beginn des nächsten Kamp­fes, als wir Gia­como signa­li­sie­ren, dass jetzt die Zeit zu gehen gekom­men ist. Ohne Ver­ab­schie­dung lau­fen wir zurück zum Motor­rad, win­ken von Wei­tem der Menge und been­den so die wohl die kürzeste Freund­schaft aller Zeiten.

Eines haben dabei wir von die­sem Acker mit­ge­nom­men: „Chi­cken fight, chi­cken eat – der Kreis­lauf eines Hah­nen­le­bens auf den Phil­ip­pi­nen. Als wir wie­der auf die asphal­tierte Straße ein­bie­gen, hängt uns noch der Duft des Rums in den Nasenhärchen. Am Abend gibt es Hähnchen.

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Cate­go­riesPhil­ip­pi­nen
Rebecca Gürnth

Auf dem Weg zur Arbeit hat sie oft darüber nachgedacht, das Fahrrad einfach bis weit über die Stadtgrenze hinaus weiterrollen zu lassen. Stattdessen wurde der Vollzeitjob an den Nagel gehängt, um das vor Fernweh zuckende Herz zu beruhigen und darüber zu schreiben.
Verschiedene Lebensentwürfe entdecken, ein Mittel gegen Bettwanzen erfinden, ohne viel Schi Schi zurechtkommen und irgendwann das perfekte Städtchen am Meer entdecken, um jeden Morgen mit einem Bauchklatscher zu beginnen. Nur ein paar Gründe für das stetige Weiterrollen.

  1. Uschi says:

    Ich bin als Vege­ta­rie­re­rin auch ein fried­lie­ben­der Mensch, finde den Bericht aber sehr inter­es­sant! Das ist schon eine ganz andere Kul­tur als unsere.
    Und super geschrie­be­ner Arti­kel, es ist eine Freunde, ihn zu lesen!

  2. Kasia Oberdorf says:

    Hah­nen­kampf, welch Sen­sa­tion. Manch­mal muss es eben blu­tig sein, um sich zu amü­sie­ren und sich die Zeit zu ver­trei­ben. Und ist oben genann­ter in Deutsch­land ver­bo­ten, wer­den eben die Phil­ip­pi­nen ange­flo­gen für die­ses zwei­fel­hafte Vergnügen.

    1. Rebecca Gürnth says:

      Liebe Kasia,

      dabei ging es ganz sicher nicht um Ver­gnü­gen oder Blutgier.

      Wir sind durch Zufall an die­ser Wiese vor­bei­ge­kom­men und waren neu­gie­rig, was es mit die­ser Men­schen­an­samm­lung auf sich hat.

      Ich denke, dass man auch über die Dinge berich­ten sollte, die man per­sön­lich nicht befürwortet.
      Für mich ist Hah­nen­kampf auf kei­nen Fall ein unter­halt­sa­mes Frei­zeit­ver­gnü­gen, jedoch Teil der phil­ip­pi­ni­schen Kul­tur. Hätte sich der Moment nicht durch Zufall erge­ben, hätte ich diese Begeg­nung auf kei­nen Fall gesucht.

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