Sierra Leone

Freetown, Sierra Leone

„Welcome to Sierra Leone“

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Ich erwachte in der dunklen Nacht über Westafrika. Der Royal Air Maroc AT 597 ging über Freetown nach Monrovia: unangenehmer Flug, fahles Licht, irgendwas zwischen Weiß und Grün, meine Haut sah krank aus. Nur die Beschaffenheit des schlauchförmigen Innenraums mit seinen Sitzreihen und dem Gang erinnerte an ein Flugzeug. Hier und dort saßen Libanesen mit schlecht sitzenden Hemden, abgeklärten Blicken und Goldschmuck. Ansonsten: viele liberianische Geschäftsleute in Anzügen und mit dem Gestus des Emporkömmlings einer armen Gesellschaft, der nun mit Verachtung auf seine Mitmenschen herunterschaut, auf die, die es nicht geschafft haben, die immer noch im Dreck leben, als seien sie selbst schuld daran.

Ich lag über drei Sitze verteilt, der Oberkörper abgeknickt. Die Maschine war nicht voll besetzt, ich meine, wen wunderte das auf dieser düsteren Himmelsfahrt mitten in der Nacht? Meine Augen waren trocken, alles klebte und kratzte, weil ich die Kontaktlinsen seit gestern Morgen trug; ich wurde auch nicht richtig wach und hatte, natürlich, viel kürzer geschlafen, als ich geglaubt hatte, vielleicht eine Stunde. Ich war immer noch oder schon wieder sehr erschöpft, keine Ahnung. Draußen zuckte ein Blitz hinter der Fensterscheibe und ließ die Tragfläche des Airbus aufleuchten.

Ich schaute mich um und hatte das Gefühl, dass kein einziger seriöser Mensch an Bord war. Stewardessen oder sonstiges Personal der Airline waren nicht zu sehen, überall saßen nur raffgierige Zombies. Ein Geisterflug. Wie um alles in der Welt war ich hier gelandet?

Gestern morgen um 6 Uhr war es losgegangen von Berlin nach Heathrow. Dort einen ganzen Vormittag und einen ganzen Nachmittag herumsitzen, kurz nach London hineinfahren, um günstig Geld zu tauschen, dann überteuerten Kaffee trinken. Die Stunden hatten sich hingezogen wie Kaugummi. Abends war es weitergegangen, aber nicht direkt nach Sierra Leone, sondern erst mal nach Marokko, Zwischenstopp in Casablanca. Der Airport war so wie die Maschine jetzt: einigermaßen schmutzig, verlassen, ranzig, irgendwie halbseiden. Gott bitte, dachte ich, hoffentlich wird mein Gepäck ordentlich durchgecheckt; das war das einzige, was mir Sorgen bereitete.

In Casablanca hatte ich mich zwei Stunden mit einer Kenianerin unterhalten, die unterwegs nach Banjul war, um dort an irgendeiner Konferenz teilzunehmen, bei der es um Frauenrechte ging. Sie nannte sie Barbra. Wir redeten also, aber sie hatte ihre Uhr nicht umgestellt, und dann war es geschehen: Gate closed, Flieger verpasst, was für eine Scheiße. Ich konnte aber leider nichts tun und musste boarden.

Jetzt, in dieser Art Zwischenraum zwischen Himmel und Erde, rekapitulierte ich die vergangenen 18 Stunden. Es war 3 Uhr in der Nacht, bald würde der Landeanflug auf Freetown beginnen. Draußen gewitterte es. Wie war ich jetzt also hier hingekommen? Ich hatte meinen ersten Flug über Brüssel verpasst. Aus unglücklichen Gründen. Deshalb musste ich zwei Tage später, nachdem ich in einer Kurzschlussreaktion die nächstmögliche Verbindung gebucht hatte, diese mühselige Odyssee über London und Casablanca in Kauf nehmen. Aber jetzt würde ich doch noch nach Sierra Leone kommen.

Es gab ein lausiges Brötchen zum Frühstück, mit der Konsistenz eines Gummiballs, absolut ungenießbar. Manche Passagiere grinsten im Gammellicht zu mir herüber, ich war der einzige Weiße an Bord, oder sagen wir mal, der einzige, den man als caucasian bezeichnen konnte. Das Flugzeug verlor langsam an Höhe. Draußen war immer noch alles schwarz, alles Finsternis, dann tauchten spärliche Lichter unter uns auf. Der Freetown International Airport liegt auf der anderen Seite des Sierra Leone River in Lungi, also komplett in der Pampa. In der Empfangshalle des Flughafens liefen verschiedene Offizielle ohne konkret erkennbare Funktion herum. Ich registrierte, dass mein Gepäck da war. Alles ein bisschen Chaos hier, eine halbherzige Taschenkontrolle, ein flüchtiger Blick in den Impfausweis: Gelbfieber steht drin, alles klar, „Welcome to Sierra Leone“.

Ich tauschte im Flughafengebäude ein paar Dollar in Leones. Direkt vor der Ankunftshalle zerstreute sich jeder noch so marginale Anschein internationaler Reisestandards, diese Gewissheit um das verbindlich Kalkulierbare, das ein Flughafen als Teil des globalen Verkehrswesens mit seinen Regeln und Abläufen nun einmal bietet. Ich sah nur Abzocker und Betrüger, ihre gierigen Augen, Penner und Prostituierte und ihre roten kaputten Augen, die aus dem Halbdunkeln auf mich schielten. Weit und breit gab es keine erleuchteten Straßen, nur ein paar Bretterbuden, überall lag Müll. Aus der Ferne kam das Gewitter näher. Schwärzeste Nacht im raum- und zeitlosen Nirgendwo.

Aus der Dunkelheit trat ein Mann auf mich zu, der beim National Tourist Board arbeitete und extra herausgefahren war, um mich abzuholen. Ich konnte mir seinen Namen nicht merken, aber er wirkte sehr vertrauenserweckend. Begrüßung, Erklärungen. Ich musste jetzt mit einem kleinen Bus herunter zum Wasser fahren, dort würde ich mit dem Boot herüber nach Freetown übersetzen, und dort würde ein Mann namens Mohamed auf mich warten. Wird schon hinhauen, dachte ich mir.

Freetown, Sierra LeoneSierra LeoneFreetown, Sierra Leone„Welcome to Sierra Leone.“

Die Dämmerung war nicht mehr fern, als der Regen einsetzte. Wir hatten orangene Schwimmwesten bekommen, die Geschäftsleute mit ihren schlecht sitzenden Anzügen sahen darin noch lächerlicher aus als vorher. Der Kapitän des Schnellboots war ein redseliger Draufgänger, der seine temporäre Macht genoss – nämlich die ankommenden Passagiere über den Fluss in die Stadt zu bringen, das war alles. So stritt er eine Weile mit einem Sierra Leoner, der sich weigerte, die Schwimmweste anzulegen. „As long as I am driving this boat, my friend, you follow my instructions.“ Der letzte Teil des Satzes klang nach Betriebsanweisung, nach Ordnung im Chaosfall, und kam mir angesichts dieser behelfsmäßigen Überfahrt extrem absurd vor.

Die Tropfen ratterten jetzt richtig auf den Plastiküberzug, der das Gestell der Passagierkabine gegen den Regen schützen sollte. Mir fielen immer wieder die Augen zu, ich war fast 24 Stunden wach, ich hatte ja immer nur maximal eine Stunde ein wenig gedöst und raste hier nun mit einem Boot voller korrupt aussehender Fremder über den schwarzen, distanzlosen Fluss. Am anderen Ufer würde ein Mohamed auf mich warten, das war das einzige, das ich wusste. Abgesehen davon: Ich musste im Laufe des kommenden Tages irgendwie zu meiner Reisegruppe stoßen, die sich im Landesinneren befand. Das Tourist Board hatte hoffentlich alles organisiert.

Im strömenden Regen wurde das Gepäck entladen. Tatsächlich wartete hier am Ende der Straße ein Geländewagen. Mohamed erkannte mich sofort, wir begrüßten uns, tauschten ein paar Small-Talk-Formalitäten aus, und ich stieg in sein Fahrzeug. In Bo, der zweitgrößten Stadt Sierra Leones, sollte ich auf die Gruppe stoßen, Mohamed würde mich jetzt dorthin fahren, gute fünf Stunden würde das dauern. Wir durchquerten Freetown und ich versuchte, ein paar kluge Sätze herauszubringen, aber mir kam nichts Gescheites über die Lippen. Mit dem ersten Violett am Himmel hatten wir die Stadt hinter uns gelassen und fuhren auf einer von den Chinesen perfekt asphaltierten Straße in den Busch. Ich konnte nicht mehr. Der Kopf fiel mir auf die Schulter, immer wieder.

Freetown, Sierra LeoneSierra Leone Peace and Cultural Monument.

Als der wirre Halbschlaf ein Ende hatte und ich wieder einen strukturieren Gedanken fassen konnte, war der Tag schon hell und heiß geworden. Grünes Buschland zog an uns vorüber, die Regenzeit war gerade vorbei. Ich fühlte mich schmutzig. Mit Mohamed wechselte ich ab und zu ein paar Belanglosigkeiten. Im Zeitstrom war alles verschwommen: Berlin, London, Casablanca, Freetown, jetzt fuhren wir auf dieser einsamen Straße, dabei war ich gefühlt immer noch wach, ich trug noch die gleiche Kleidung, so als hätte ich stets still an einer Stelle verharrt, als hätte sich nur die Umgebung um mich herum verzerrt wie bei einem Morphing-Effekt in einem dubiosen Science-fiction-Film.

In Bo, das wurde schnell klar, würden wir noch einige Zeit auf die Reisegruppe warten müssen. Keine Ahnung, wann sie ankommen sollte: typisch Afrika. „Around twelve“, sagte Mohamed, der immer wieder unsere Kontaktperson anrief. Wir fuhren durch Bo, warfen einen Blick auf die Schule, auf den Markt, aber hier gab es im Prinzip nicht so viel zu sehen, als dass eine mehrstündige Stadtrundfahrt Sinn ergeben hätte. Die Kennzeichen des wirtschaftlichen Fortschritts waren weniger sichtbar als in anderen afrikanischen Ländern, die ich besucht hatte. Ich sah keine Banken, keine Supermärkte, keine Ampeln. Die Mittagshitze knallte jetzt richtig schön auf die Straßen herab.

Bo, Sierra LeoneNachmittags in Bo: sanfte Entropie.

Ich fragte Mohamed, ob es möglich wäre, irgendwo einen Kaffee zu trinken, und daraufhin setzen wir uns vor den Bretterverschlag eines kleinen Geschäfts, das auch Brot, Tee und Nescafé aus der Dose anbot. Ich beobachtete die Entropie des Stadtverkehrs: Motorradfahrer, immer wieder Laster, Lärm und Gehupe, ein Durcheinander, das von einer inneren Ordnung zusammengehalten wurde.

Um uns herum auf den provisorischen Bänken saßen etwa zehn junge Männer und taten nichts. Andere hielten mit ihren Bikes an, setzen sich dazu, tranken etwas und fuhren wieder. Es lief ein Best-of-Album von 2Pac. Oben an einem Brett hing das ausgeblichene Foto eines amerikanischen Gangstarappers, der mit seinen Fingern ein gang sign machte. Im Verschlag nebenan zerteilte ein Mann mit einem dünnen, ellenbogenlangen Messer ein Stück Kuh; in einer metallenen Schüssel auf einem Grill, der aus einer Tonne bestand, brutzelte ein Eintopf.

Ich beobachtete die Männer, die herumsaßen und schwiegen. Mohamed musste meine Irritation bemerkt haben: „You know, they just sit here and wait.“ Aber auf was, fragte ich mich, und erkannte, dass es die falsche Frage war, einfach weil ich hier etwas ganz grundsätzlich nicht verstand: Es gab nichts zu tun für diese Männer, keinen Job zu verrichten und auch sonst nichts wegzuarbeiten. Ich wartete ja auf meine Gruppe und wurde nervös, weil nichts vorankam, nur an diesem Ort wurde dieser Umstand durch die Präsenz der Männer noch einmal unterstrichen. Dabei war offensichtlich, dass die Leute mit nichts vorankommen wollten, weder heute noch morgen. Die Zeit ging einfach dahin.

Ein junger Typ, der einen äthiopischen Einschlag hatte, schien am Tisch das Sagen zu haben. Vor ihm lagen zwei Handys und zwei Ladegeräte. Es wurden Samsung-Mobiltelefone verglichen. Samsung wurde von allen Diskutanten für besonders gut befunden. Wieder hielt ein Motorrad und ließ vier Paar Markensneaker-Imitate durch die Hände der Männer geben. Dann wurde diskutiert, welche Möglichkeiten Terroristen der radikalislamischen Al-Shabab-Miliz hätten, von Somalia nach Sierra Leone zu kommen. Warum auch immer sie das tun sollten. Palaver. Großes Männer-Blabla.

Ich trank die ganze Zeit „Jago Instant Drinking Chocolate“ und fand es jetzt, in meiner übermüdeten und erbärmlichen Allgemeinverfassung, nicht einmal unangenehm. Ein Junge in weißem Unterhemd saß stundenlang teilnahmslos mit am Tisch und redete mit niemandem, als sei ihm jede Sprache abhandengekommen. Ich konnte nicht erkennen, ob er die anderen Typen kannte. Er schaute neutral, irgendwie traurig wie jemand, der eine große Bürde trägt, trotzdem wirkte er selbstgewiss und stur, als sei ihm alles egal. Er ging, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Ich akzeptierte langsam die tropische Wärme, den Schweiß und das Kleben, ebenso wie das Warten, das kein Ende nahm. Es wurde Nachmittag, die Sonne fiel schon schräg auf die staubigen Straßen von Bo. Ich saß da und beobachtete. Der Tag schwand, aber ich konnte nicht mehr sagen, wie lange ich nun unterwegs war, ob ich vor einem oder zwei Tagen aufgebrochen war. Endlich kam der Allrad-Toyota.

Zusammen mit der Reisegruppe ging es jetzt über Schlammpisten in den Busch, zum Fluss Moa nach Tiwai Islands, wo wir zwei Nächte bleiben sollten. Der Fahrer raste über die erdige Piste, drei Stunden, manchmal erwischten wir ein Schlagloch etwas zu heftig, der Wagen ruckelte durch und riss mich aus dem Halbschlaf.

Wir erreichten das letzte Dorf vor dem Fluss und begannen, unsere Ausrüstung die Böschung herunterzutragen. Die Nacht kommt in den Tropen wie auf Kommando, und es war jetzt schon fast wieder stockfinster. Wir gingen an Bord eines motorisierten Schlauchboots. Über dem Wasser stand ein voller Mond, die Konturen der nächtlichen Landschaft zeichneten sich in der Dunkelheit ab.

Auf der anderen Seite des Flusses legten wir an, die Strömung war kräftig und hatte uns ein Stück mitgenommen. Ich hatte, ehrlich gesagt, mit einer einfachen, aber doch voll funktionsfähigen Lodge auf der Insel gerechnet, schließlich wollte man uns hier das Potenzial des Tourismus in Sierra Leone vorstellen, stattdessen: Zelte unter Wellblechbaracken, kein fließendes Wasser, eine defekte Solaranlage. Ich war seit gestern Morgen ungeduscht, vollkommen übermüdet, schlichtweg fertig, kaputt, und dachte nur: Das ist ja eine Katastrophe jetzt. Kann es sein, dass ich nach 36 Stunden nonstop unterwegs auf einer feuchten Matratze Ruhe finden muss?

Tiwai Island, Sierra LeoneEin Mann setzt mit seinem Einbaum über nach Tiwai.

Wir aßen Fisch und Gemüse und Reis, kühles Bier gab es natürlich nicht, nur Wasser aus Plastikflaschen, aber ich entwickelte einen gewissen Fatalismus gegenüber dieser völligen Abwesenheit von Zivilisation. Es sollte jetzt, irgendwie, auch alles so sein.

In meinem Kopf spulte die Erinnerung Bilder der vergangenen Reise ab: der schrecklich biedere, behördenhafte Flughafen Tegel, der Megakomplex Heathrow, alles very british, der verlotterte Airport von Casablanca, das fremde Freetown in dieser pechschwarzen Gewitternacht kurz vor Morgengrauen. Jegliche Ordnung war im Verlauf der letzten Stunden zerfallen, architektonisch, örtlich, räumlich, ganz greifbar, aber auch im Kopf, innerlich, vom Bewusstsein her.

Ich lag auf der gammeligen Matratze im Zelt, mitten im Dschungel, und die Regentropfen auf dem Wellblech hörten sich an, als würden faustgroße Steine auf das Dach fallen. Blitze erleuchteten die Umgebung taghell. Es war ein ohrenbetäubendes Inferno aus Donner und gewehrkugelartigem Prasseln. Die Welt entglitt mir, ich hatte kein Verständnis mehr für den Ort, an dem ich mich befand, es war alles zu viel. Ich bewegte mich in die totale Verwirrtheit: Traumbilder griffen auf mich über, wüste Schimären, es kam mir vor, als würde ich mich hier, am Endpunkt dieser Odyssee, endgültig auflösen und davongespült werden. Die Vergangenheit verschwommen, die Gegenwart bedrohlich und rauschhaft, die Zukunft in einer Ferne jenseits dieser urgewaltigen Gewitternacht.

Ich träumte nicht in dieser Nacht, jedenfalls konnte ich mich an nichts erinnern, und trotzdem kam es mir am Morgen, als Sonne durch die Blätter fiel, exakt so vor, als sei ich aus einem völlig unrealen Traum erwacht. Ich war in Sierra Leone angekommen. Auf einem mühsamen Weg. Und vielleicht war das genau der richtige Weg gewesen, um in so ein Land einzusteigen, um dort anzukommen.

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