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Drei Jahre Reisedepeschen: Ein Geburtstagsspezial

Von Leipzig nach Alaska per Anhalter: USA, der erste Kulturschock (10)

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Die erste Nacht in Texas habe ich vor einem Holzzaun hinter der Tankstelle geschlafen. Als ich morgens noch am Aufwachen war und auf meiner Isomatte saß, kam ein Auto vorbei gefahren. Es stoppte eine Frau, die mich aus dem heruntergelassenen Fenster anstarrte: „Are you homeless?“ Ich musste erstmal lachen über diese Frage. „No, I am just hitchhiking.“ „Oh, but I bought you breakfast!“ Willkommen in Amerika. Dem Land in dem man ständig mit Essen beschenkt wird. Oder sagen wir besser mit FastFood. Es gab McDonalds diesen Morgen.

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Es began für mich nun auch eine Zeit meiner Reise, wo ich es etwas langsamer angehen sollte. Die ersten drei Wochen meines USA Aufenthaltes verbrachte ich in Austin, Texas. Eine Stadt die sich selber den Slogan: „Keep Austin Weird.“ gegeben hat. Interessantes Selbstverständnis. Dafür das Austin im erzkonservativen Texas liegt, ist die Stadt wirklich merkwürdig, im Sinne von, des Merkens würdig. Vielleicht sollte ich das näher erläutern und damit auch diesen Kulturschock beschreiben, der mich zweifelsohne in den USA überkam.

Austin. Ich wurde von einem Freund aus einem Hospitality-Netzwerk für Tramper und Nomaden beherbergt. Als wir Beide einen Abend auf dem Sofa saßen und Bier tranken, zeigte Dawson auf sein Bein. „Can you see this?“ Eine tischtennisballgroße Beule war zu sehen, verziert von einem Schnitt. „This is a tumor!“, meinte er, „I tried to cut it out by myself.“. Ich war erstmal baff. Was er mir danach erzählt, mag ich euch auch gerne erzählen. Die Amerikaner haben es ja nicht so mit Krankenkasse und gesundheitlicher Versorgung. Dawson hatte also einen Tumor am Bein. Er hat dann seinen Computer geöffnet, Google aufgerufen und den Suchbegriff „Self Surgery“ eingegeben. Es gibt Foren im Internet, wo Menschen sich darüber austauschen, wie sie sich selber operiert haben. Ich fand das prinzipiell ziemlich mutig. Er ist schon ne Type.

Nächste Szene fand mit zwei Freunden im improvisierten OP-Saal, dem WG-Badezimmer, statt. Ich glaube, das Hauptproblem an der ganzen Sache war, dass er kein Skalpell sondern lediglich einen Papier-Cutter hatte. Gegen die Schmerzen nahm er ein paar Ibuprofen Tabletten und für die örtliche Betäubung hatten sie irgendwo eine Salbe aufgetrieben, die man eigentlich bei Pferden verwendet. So fing die OP an. Gut vorbereitet. Dawson meinte, dass er einen Teil des Tumors rausziehen konnte, dann aber von den Schmerzen ohnmächtig geworden ist. Ehrlich gesagt, mir hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ein Mensch etwas vergleichbares erzählt. Willkomen in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Ich denke der zweite Schock und hier reden wir besonders darüber war eine Mitbewohnerin von ihm, wie Menschen ihr Leben und ihrem Lebensunterhalt bestreiten. Ihr Auto war irgendwie kaputt gegangen, was sie sonst nutzt, um als Uber-Taxi zu arbeiten. Sie hatte 14 Tage um 1000$ aufzutreiben. Putzen bei den Nachbarn, Yoga anbieten in der Fußgängerzone. Einen Tag als Forschungassistenz arbeiten. Jeden Tag nach neuen spontanen Jobs schauen, um die Kohle irgendwie zusammen zu kriegen. Dieser Druck. Knallhart. Und das war längst keine Ausnahme, sondern die Regel. Ich kann euch sagen, dass die Work-and-Life-Balance dort nochmal etwas rückständiger ist, als bei uns in Deutschland.

Eines meiner persönlichen Highlights war definitiv, dass ich meinen ersten Hinterhofboxkampf bestritten habe. Dawson arbeitete als Fahrrad-Rikscha-Fahrer und seine Kollegen organisierten einmal im Monat eine Fight Night in ihrer Hinterhofgarage, wo man sich dann mit einem wildfremden Menschen aufs Maul hauen konnte. Ich hatte seit der 7. Klasse nicht mehr seriös geboxt und war bis dato ungeschlagen. Das sollte sich auch an diesem Abend nicht ändern. Es war der absolute Adrenalinkick. Als Bissschutz gab es in Stücke geschnittene Fahrradschläuche. Mein Gegner war zwei Köpfe kleiner als ich und hatte eine Beinverletzung. Ich und mein Kontrahent haben zwar gekämpft wie zwei kleine Mädchen, aber immerhin über die volle Distanz von drei Runden durchgehalten. Meine Karriere als Hinterhofboxer hab ich danach beendet. Jetzt nur noch Bareknuckle Fights.

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Aus Austin wollte ich nach Denver, Colorado weiterreisen und eine kleine Jack Kerouac Gedenktour machen. Ich hatte schon vorher Kontakt zu einem anderen Tramper, der in Dallas wohnte und vor vielen Jahren fast diesselbe Route nach Südamerika getrampt ist, wie ich in diesem Jahr. Sein Name war Patrick. Er machte gerade seine Pilotenlizenz und bot mir an, mich in seinem Flugzeug 800 km nach Norden zu fliegen. Meine Erster Lift in einem Flugzeug von einem Trampbruder! Der Flug war super. Die Maschine war ein Sportflugzeug, Zweisitzer. Wir übernachteten zusammen auf einem Flugplatz in New Mexico. Die Nacht ist dann etwas eskaliert. Zum einen, weil wir beide ziemlich gut miteinander zurecht kamen, beide etwas bekloppt sind und uns mit ordentlich Bier eingedeckt hatten. Zum Anderen, weil der Flugplatz uns völligst überraschend einen Ford Grand Victoria (ihr wisst schon:„Copcar!!!“) zur Verfügung gestellt hat und wir auf einmal stolze Autobesitzer waren. Nach der Ankunft erstmal in die Stadt cruisen und auf dicke Hose machen. Irgendwann mitten in der Nacht, es war ein kleines Flugfeld und weit und breit niemand anwesend, saßen wir ziemlich euphorisiert und angetrunken in unserem Auto und sind mit 190 Sachen die Landebahn hoch und runter geknallt. Ich glaube es gibt Menschentypen, wenn die zusammen kommen, dann kann einfach nur Scheiße dabei rauskommen. Patrick und ich sind auf jedenfall so eine Kombination. Wir hatten aber einen Riesenspaß.

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Und dann Denver, Colorado. Colorado hat Marihuana legalisiert und letztes Jahr damit so viele Steuern eingenommen, dass sie einen Teil davon, laut Gesetz, wieder zurückzahlen müssen. Zu viele Steuern generiert. Damit war die Gesetzgebung überfordert. Irgendwie verständlich, weil in Colorado auch alle Kiffen, wie die Weltmeister. Ich hab ja nichts gegen Drogen, muss jeder selbst wissen, wie und was er nimmt. Aber ich muss sagen, dass in Denver einfach ALLE um mich herum, konstant sediert waren. Irgendwie sah das nicht sehr gesund aus. Besonders, weil der ganze Kram eigentlich zu medizinischem Gebrauch legalisiert wurde und die meisten sich mit den Medical Marihuana Produkte so richtig weggeknallt haben, da das Zeug meist abartig stark war (gerade Nahrungsprodukte, wie unscheinbare saure Apfelringe, konnten schnell mal zur Bewegungsunfähigkeit führen). Nicht meine Welt. Aber interessant das alles mal zu sehen.

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Bald darauf fing eine neue Epoche meiner Reise an: Trainhopping Das illegalen Mitfahren auf Güterzügen. Ich muss sagen, dass mich auf meiner Reise nichts so sehr fasziniert hat, wie Trainhopping. Ich habe absolut mein Herz verloren. Die wahre Kultur Nordamerikas entdeckt man erst auf den Gleisen. Nirgends fühlte ich mich mehr in den USA, wie in meiner Trainhopping Zeit. „One of the last red-blooded adventures in America“, wie Duffy Littlejon sagte….

 

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