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Drei Jahre Reisedepeschen: Ein Geburtstagsspezial

Von Leipzig nach Alaska per Anhalter: Bolivien, meine neue Liebe (7)

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Bolivien hatte mich vom ersten Moment an verzaubert. Ich war schon wieder verliebt. Viele Gründe sprechen für diese Liebe. Den Anfang machten die grün bedeckten Hügel im Süden und alte Bergbaustädte aus der Kolonialzeit. Hier wurde das Gold und Silber des ehemalig reichsten Landes von Südamerika abgebaut. Dann kamen die Spanier, haben alles mitgenommen und nun zählt Bolivien zu einem der ärmsten Länder des Kontinentes. Das die Bolivianer aufgrund der Geschichte des Landes keine ausgeprägte Willkommenskultur haben, sollte verständlich sein.

Der ehemalige Regierungssitz der spanischen Besatzer lag in Sucre. Dies war auch mein ersters Ziel. Sucre ist bekannt, als der beste Ort zum Spanisch lernen in Südamerika, weil die Aussprache hier so klar ist. Die Bolivianer sprechen fast ohne Dialekt. Eigentlich hat jeder Reisende in der Stadt Spanisch gelernt und die Infrastruktur hat sich entsprechend darauf eingestellt. Man konnte umsonst in Hostels übernachten, wenn man nebenbei noch Spanisch Unterricht bucht und die Preise waren absolut unschlagbar. Weniger als 5€ für eine Stunde Einzelunterricht. Wer Sprachschulen kennt, der weiß, wie billig das ist.

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Außerdem ist Sucre einfach ein Juwel. Man merkt, dass die Spanier hier residiert haben. Wenn mir Leute sagen, ich soll nach Antigua in Guatemala fahren, um ein schönes Feeling für den Kolonialstil zu kriegen, glaube ich, die waren nie in Sucre. Schöne alte Katholikenbauten. Auf dem Berg gibt es einen kleinen Marktplatz, mit einem überdachten Durchgang, schön verzierten Geländer und einigen Liebesschlössern, die daran befestigt sind. Von diesem romantischen Ort kann man die ganze Stadt überblicken. Eignet sich auch gut für Dates.

Es war auch so ziemlich der erste Ort in Südamerika, von dem mir Menschen gesagt habe, dass er sicher sei. Ironischerweise auch der erste Ort, an dem ich fast ausgeraubt worden wäre. Das war ne heiße Nacht für mich. Erst hab ich einen Schotten in einer der Bars kennengelernt und die sagen grundsätzlich nie „Nein“, wenn man fragt: „Wollen wir noch eins trinken?“, was ich sehr zu schätzen gelernt habe. Und dann ein Haufen junger Typen, die mich auf dem Heimweg durch die Straßen verfolgt haben.  Die Angreifer haben allerdings so souverän agiert, wie eine F-Jugend Mannschaft, der man gerade die taktischen Vorteile einer Abseitsfalle erklärt. Und ich hab noch meine Wertsachen.

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Ich hatte trotzdem eine sehr schöne Zeit dort. Mein Besuch wurde je unterbrochen von der großen Wasserkrise. Irgendwo hat ein Erdrutsch die Hauptwasserleitung zur Stadt weggerissen. Wir hatten mehr als eine Woche kein fließend Wasser. Natürlich hatte die Regierung sofort alle verfügbaren Kräfte mobilisiert und fünf Mann zur Reparatur entsandt. Zwischendurch war das Problem behoben. Dann ist irgendein Fehler passiert und die Leitung ist erneut kaputt gegangen. Für uns im Hostel hieß das: Keine Toiletten und Duschen. Geschissen wurde trotzdem. Wahrscheinlich von der Gruppe junger, ständig besoffener Engländer. Ich hab selten sowas widerliches auf meiner Reise erlebt. Also nicht die Engländer, aber die Toiletten. Rückblickend war es aber auch eine ziemlich lustige Situation. Wir habens mit Humor genommen und am Ende einen fetten Rabatt bekommen.

Und wenn ihr je nach Sucre kommt, das „Celtic Tide“ – Hostel wird betrieben von einem sehr netten Deutschen Namens Mike, hat ne tolle Dachterasse, gut ausgestattete Küche und ein total ruhiger Ort mit erwachsenen Reisenden (außer der Gruppe Engländer). Kann ich nur empfehlen. Das ist keine Schleichwerbung, sondern ein gut gemeinter Tip. Normalerweise mag ich keine Hostels und meide die, wie die Katze das Senfglas. Wenn mir mal Eins gefällt, dann muss das schon irgendwie besonders sein.

Ich hab also sprichwörtlich versucht aus der Scheiße rauszukommen, als ich Sucre verlassen habe. Mein nächstes Ziel war Peru, aber vorher wollte ich noch die berühmte „Death Road“ abtrampen. Eine der gefährlichsten Straßen der Welt. Mit dieser Idee brach ich aus Sucre auf und hatte anschließen einen Mordsspaß. Hier hab ich mich so richtig in Bolivien verliebt. Ich hatte ja keine Ahnung was da vor mir lag. Hab mir auf der Karte die für mich sinnvollste Route ausgesucht und bin losgetrampt. Das ist dann alles etwas eskaliert. Ich trampte mitten ins bolivianische Hochland, wo der Untergrund den Begriff Straße nicht mehr verdient hatte, wurde von Krankenwägen mitgenommen und fand mich auf der Ladefläche von einem LKW wieder, der außerdem von ca. sieben anderen einheimischen „Trampern“ und einer dicken, schwarzen Sau bewohnt wurde. Wir waren auf 4000m Höhe und über uns leuchteten die Sterne, nein sie strahlten vielmehr. Der Tag endete in einer Lehmhütte ohne Fenster bei einem bolivianischen Bauern, den ich voller Verzweifelung um einen Schlafplatz gebeten hatte.

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Die Tour war knallhart und mega langsam. Ich hatte gehofft 1,5 Tage zur Death Road zu brauchen. Am Ende waren es fünf. Fünf der besten Tramptage, die ich je hatte. Nach der ersten Etappe  erreichte ich das Yungas Gebirge. Ich will hier auch nicht ständig mit Superlativen um mich werfen, aber wenn Menschen mich fragen, was denn der schönste Ort meiner ganzen Reise war, dann muss ich immer an der Yungas denken. Vom 4000m hohen bolivianischen Hochplateau geht es runter auf 500m. Von der Wüste kommt man auf einmal in den Dschungel. Enge, staubige Serpentinen schlängeln sich an den Berghängen entlang. Eine Region, so abgeschottet von der Welt, dass der Koka Anbau noch für die traditionellen Märkte (Blätter kauen) und nicht zur Drogenproduktion genutzt wird.

Was ich hier noch nicht wusste: Die Death Road war eigentlich eine Straße wie jede andere im Yungas. Vielleicht mit etwas mehr Atmosphäre und modrigen Ecken, die sich gut für Fotos eigneten und den ganzen Touris gut gefielen, die dort mit Mountainbikes runterrollten. Aber im Prinzip ist der ganze Yungas eine einzige Death Road. Ich war vorher schon zwei komplette Tage auf einer Death Road unterwegs, hatte irre Nachtlifts mit Whisky in ominösen Taxis und machte Bekanntschaft mit einem besoffenen Polizisten, der mich eine Stunde auf seinem Motorrad mitgenommen hat. Das war ein Adrenalinkick der besonderen Art, wenn mehrere hundert Meter Abgrund neben euch hinabstürzen und euer Fahrer Probleme hat, dem nächsten Auto auszuweichen. Das einzige was mich hier beruhigt hat, während ich seinen Bauch umarmt hab, war der Gedanke: „Wenn wir da runter gehen, dann nur zusammen, dafür werd ich schon sorgen!“

Ich hatte schon meine Nahtoderfahrung, bevor ich auf die eigentliche Death Road kam. Zwischendurch blieb ich ein paar Tage in Coroico, der Hauptstadt der Yungas Region. Ich hatte ein wunderbares Zimmer mit einem Ausblick, der sich anfühlte, als ob ich im Himmel wohnen würde. Eine sehr schöne Stadt mit unglaublich unfreundlichen Menschen. Das lag aber definitiv am Tourismus. Wer einen Ausflug in den Yungas machen möchte, der sollte auf jedenfall Coroico ansteuern. Lohnt sich! Aber nur wegen dem Ausblick, nicht wegen den Menschen.

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Natürlich trampte ich noch die Death Road, mit einem Taxi, was gerade nach La Paz fuhr. Von dort ging es direkt weiter in Richtung Titicacasee in mein zweitliebstes Land von Südamerika: Peru. Hier hatte ich wieder eine spezielle Mission, um mal etwas Abwechslung vom Trampen zu erhalten: Ich wollte den ersten Güterzug in meinem Leben hoppen. Was ich nicht wusste: Peru war zur selben Zeit erschüttert von heftigen sozialen Protesten. Und da ich Tramper bin, immer am Kern des Geschehens, immer mit der lokalen Bevölkerung unterwegs, sollte ich das bald herausfinden, was „soziale Proteste“ in Peru bedeutete. In Sucre steckte ich in der Scheiße und bin, ohne es zu wissen, in noch größere Scheiße hinein getrampt. Das mich aber die wahrhaftige Scheiße erst in Peru erwarten würde, konnte ja niemand wissen…

 

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3 Kommentare

  1. Lorenz Glatz, am

    jaaa Bolivien ist definitv ein Traum …. aber wenn du von Atacama kommend rauf nach Bolivien bist, dann musstest du ja durch die Salzwüste durch oder nicht? Wieso kein Bericht darüber? ;)

    Weiter so!

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    • Stefan, am

      Ich hab so viele Erlebnisse, über die ich schreibe, da lasse ich die Sichtseeing-Orte mit gutem Gewissen aus. Das übernehmen Andere. Mir geht es mehr um Geschichten von der Straße. Vielleicht reiche ich aber irgendwann nochmal Fotoserien auf meinem Blog nach, allerdings erst, wenn nicht mehr soviel passiert in meinem Leben. :)

  2. Lorenz Glatz, am

    Hallo Stefan,

    ja das hab ich schon mitbekommen worum es bei deinem Sporttrampen geht – wirklich Klasse!

    Nur hätte es mich interessiert, wie und wo du da genau diesen Streckenabschnitt durch bist … denn wenn du von Chile kommst, dann bleibt dir eigentlich auch nichts übrig durch die Salzwüste … und so wie ich damals dort das erlebt hab, ist nicht wirklich viel Verkehr da durch ;)

    Aber lass dich nicht von mir aufhalten, finde deine Berichte echt geil! Respekt

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