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Zu Besuch in Indiens heiliger Stadt Varanasi

Wo die Worte fehlen

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„Verdammt“, schießt mir als erstes durch den Kopf, „jetzt habe ich die Kamera gerade wieder eingepackt!“ Macht nichts, denn der Anblick, der sich mir am Straßenrand zur Linken bietet, brennt sich direkt auf meiner Netzhaut ein.

Wildschweine. Mitten in der Stadt. Drei an der Zahl. Mit ihren glänzenden Schnauzen wühlen sie in einem riesigen Haufen Müll nach Fressen. Vögel landen auf ihren Rücken und picken in ihrem zerzausten Fell. Eine Plastikflasche rollt von ihrer Müllinsel auf die Fahrbahn bis fast vor die Klauen einer abgemagerten Kuh.

Chaos auf den Straßen der heiligen Stadt

Hier im Zentrum von Varanasi, der heiligsten Stadt der Hinduisten, offenbart er sich mir: der Wahnsinn einer indischen Großstadt, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe. Nur dass Varanasi von allem noch mehr ist: noch lauter, noch voller, noch dreckiger.

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Lukas, der Journalist aus Prag, der neben mir im Tuk-Tuk sitzt, lächelt. Wir haben nicht viel gesprochen, seit wir eingestiegen sind. Er ist voll in seinem Element: empfänglich für jedes Bild, jedes Geräusch, jeden Geruch. Genau wie ich hat er sich vor dieser Reise durch Indien am meisten auf den Stopp in Varanasi gefreut. Genau wie ich ist er gespannt auf den Ort, zu dem wir unterwegs sind: das Manikarnika Ghat, eine von mehr als 80 Treppen, die hinunter zum Ufer des Ganges führen. Diejenige, an der tagtäglich bis zu 200 Leichen nach Hindu-Tradition verbrannt und ihre sterblichen Überreste dem heiligen Fluss übergeben werden.

Wir stehen im Stau. Männer rufen durcheinander, ständig hupt jemand. Mehr als einmal zucke ich zusammen und blicke in Lukas’ grinsendes Gesicht. Unser Fahrer ist genervt. Noch aggressiver als zuvor spuckt er rotes Betelnuss-Speichel-Gemisch auf das Fleckchen Erde zwischen unserem Gefährt und dem Karren neben uns.

Ich sehe mich um: Vier Erwachsene mit drei Kindern in einem Tuk-Tuk. Ein Karren randvoll mit Bananen. Ein zweiter, auf dem sich Pakete turmhoch stapeln. Drei junge Männer auf einem Roller. Alle drei starren mich an. Genau wie die beiden Mädchen auf der Rikscha schräg vor uns. Ich winke Ihnen kurzerhand zu. Sie winken, zu meiner Überraschung, überschwänglich zurück.

Manikarnika Ghat: Unmengen Feuerholz für die Leichen

Fast anderthalb Stunden brauchen wir für die Zehn-Kilometer-Strecke. Wir bezahlen die vereinbarten zweihundert Rupien und warten auf unsere Begleiter: Lisa und Jan, beide aus Deutschland, sind uns in einem zweiten Tuk-Tuk gefolgt. Ihre Gesichter sprechen Bände von der Fahrt. Lisa steigt aus und zupft das rosafarbene Tuch zurecht, das sie sich um ihren Kopf geschlungen hat. Ich tue es ihr gleich, bevor Lukas uns von der lärmenden Hauptstraße in die Gassen gegenüber lotst.

Wir laufen unter einem Tor mit einem riesigen Totenkopf hindurch. Mit jedem Schritt wird die Luft dicker, die Fassaden in der Ferne wirken verblasst wie auf einem alten Foto. Zum Glück stinkt es nicht nach Verwesenem. Davor hatte ich Angst.

Lisa und ich halten uns unsere Tücher vor Mund und Nase und stehen wenig später zwischen den Unmengen an Feuerholz am Manikarnika Ghat. Am Wegesrand türmen sich die Scheite.

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Wir folgen Lukas durch das Holzlabyrinth, vorbei an kleineren und größeren Tempeln, vorbei an Ziegen und Kühen, die selbst hier wie selbstverständlich zur Kulisse gehören.

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Der Weg führt uns auf eine Plattform. „No photo here“, sagt jemand von der Seite. Ich blicke hinab. Fünf Meter unter uns brennt die Leiche eines Mannes. Mit den Füßen in Richtung Fluss liegt er auf einem Scheiterhaufen. Seine Schienbeine und sein Kopf sehen wächsern aus, in der Körpermitte lodern die Flammen. Ich warte auf Schrecken. Auf Entsetzen. Auf Ekel. Irgendetwas. Ich spüre: nichts.

Der Ganges in Indien: Baden im Massengrab

An der Treppe nebenan baden Angehörige im Fluss. Eine alte Frau im Sari steht bis zur Brust in der trüben Brühe und wäscht ihr Gesicht. Aus dem Augenwinkel sehe ich Rauchsäulen aufsteigen. Ich lasse beides auf mich wirken und finde immer noch kein passendes Gefühl. Noch nicht einmal passende Worte.

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Erst als wir zwanzig Minuten später in einem Boot an den Ghats vorübergleiten, fällt mir eines ein: unwirklich. Unwirklich, wie das Feuer der Scheiterhaufen vor den verfallenen Gebäuden flackert und ein paar Meter weiter Männer baden und ihre Haare waschen.

Häufig treiben Wasserleichen auf dem Ganges

Auf dem Fluss kommt das Gefühl zurück: leicht flauer Magen, Kribbeln auf der Haut. Die Worte unseres Bootsführers Kamal tun ihr Übriges. „You know, sometime also floating body here“, sagt er mit seiner hellen Stimme und dem typisch indischen Akzent in die Stille hinein und zeigt mit der flachen Hand aufs Wasser. Ob wir wissen, warum manchmal Leichen an der Oberfläche treiben? Er sieht uns erwartungsvoll an. Jan stützt die Ellbogen auf die Knie und legt sein Gesicht in seine Hände. Kamal lässt sich nicht beirren. Einige Körper – die von Schwangeren, Heiligen und Kindern zum Beispiel – würden nicht verbrannt, sondern nur mit einem Stein beschwert. Und manchmal reiße das Seil eben. Kamal grinst. Das Ruder knarzt, als er es wieder in das gelbbraune Wasser taucht.

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Mit zwei Dingen bin ich für den Rest der Fahrt beschäftigt: Hoffen, dass uns keine aufgeblähte Leiche entgegenkommt. Und: Auf das Bodenbrett achten, auf dem mein Fuß steht. Das sieht aus, als könnte es jederzeit hochklappen und Wasser durchlassen. Wasser, das ich noch nicht einmal mit meinem kleinen Zeh berühren möchte. Kamal hingegen trinkt es täglich, wie er beim Aussteigen erzählt. „Zwei, drei Liter, Ma’am. Das Wasser kommt aus dem Himmel, darum bin ich so gesund.“

Auf dem Rückweg zur Hauptstraße muss ich nicht mehr nach Worten suchen. „Scheiße!“ rufe ich in einer der schmalen Gassen. Ich bin in Kuhscheiße getreten. Bringt Glück, rede ich mir ein.

Vielen Dank an Incredible India für die Einladung nach Indien.

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