Unterwegs auf dem Salkantay-Trek

Oh, wie schön ist Peru

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Die meisten Touristen, die die berühmte Inka-Stätte Machu Picchu zu Fuß erreichen, wandern auf dem bekannten, aber überlaufenen Inka-Trail dorthin. Wir haben uns auf die Suche nach einer Alternative gemacht. Und haben uns schließlich für den fünftägigen Salkantay-Trek entschieden, der uns nicht enttäuscht hat. Im Gegenteil: Die anstrengende Wanderung führt uns nicht nur zu unserem Ziel Machu Picchu, sondern auch durch eine Landschaft, die uns dank ihrer teils schroffen, teils tropischen Schönheit immer wieder staunen lässt.  

Unsere Füße schmerzen zwar immer noch von unserer erst vor kurzem absolvierten Tour durch den Colca Canyon, doch unsere Wanderstiefel sind bereits wieder geschnürt. Der Grund: Die fünftägige Wanderung auf dem sogenannten Salkantay-Trek steht an. Anstrengend wird es, das ist uns klar, als wir die kilometerintensive Route im Vorhinein erklärt bekommen. Doch uns treibt ein lohnenswertes Ziel an, das zum Abschluss des Treks auf uns wartet: die alte, sagenumwobene und weltberühmte Ruinenstadt der Inka, Machu Picchu.

Tag 1: Der schneebedeckte Berg Umantay leitet uns den Weg

Es ist noch stockfinster, als sich unsere Trekkinggruppe, die mit uns aus 14 Teilnehmern, unserem peruanischen Guide Daniel und seinem Assistenten Clímaco besteht, gegen fünf Uhr morgens auf dem Plaza San Francisco in Cusco trifft. Wir steigen in den bereitstehenden Bus ein – und machen umgehend wieder die Augen zu, als der Fahrer den Motor anlässt. Zweieinhalb Stunden später wachen wir mehr oder weniger ausgeschlafen in Mollepata auf, das auf 2.900 Metern liegt und der Startort unserer Wanderung auf dem Salkantay-Trek durch die Anden ist.

Bevor der erste Trekkingtag so richtig starten kann, gibt es ein Frühstück, das allerdings nicht im Preis der Tour enthalten ist, sondern vor Ort gezahlt werden muss. Wir verzichten, denn wir haben unser eigenes und günstigeres Essen vorbereitet, das wir uns auf dem Plaza des kleinen Dorfes schmecken lassen. Gut gestärkt laufen wir im Anschluss die ersten Meter auf unserer heutigen, fast 20 Kilometer langen Route auf dem sogenannten Camino Real, dem Königspfad, nach Soraypampa, wo sich unser Camp für die erste Nacht des Treks befindet.

Auf dem Weg aus Mollepata hinaus begegnen wir Bewohnern des Bergdorfes. Mit Maultieren oder Pferden sind sie größtenteils unterwegs. Sie betrachten unsere Multi-Kulti-Touristengruppe, deren Mitglieder aus England, Holland, Frankreich, Brasilien, Israel, Schweiz und Deutschland stammen, mit skeptischen Blicken. Einigen Einheimischen huscht ein zaghaftes Lächeln über das Gesicht, als wir sie passieren und freundlich grüßen.

Außerhalb von Mollepata merken wir, dass die hügelige Region insbesondere landwirtschaftlich geprägt ist. Felder, auf denen Gemüse angebaut wird, unterbrechen die mit Bäumen bewachsenen Hänge in unregelmäßigen Abständen. Verschiedene Wege führen durch diese Landschaft, die dank der erst vor kurzem zu Ende gegangenen Regenzeit saftig-grün strahlt. Auch das Wetter an Tag eins der Wanderung spielt mit. Es ist warm und größtenteils sonnig. Wolken verhüllen unsere Schritte von Zeit zu Zeit im abkühlenden Schatten.

Abkühlung ermöglicht auch das frische Quellwasser, das in den schmalen Flüssen plätschert, die wir mehrmals überqueren. In diesen Bachläufen balancieren wir von Stein zu Stein. Schließlich möchten wir uns nicht bereits am Start unserer Tour nasse Füße holen.

Nachdem wir trocken durch die Wasserhindernisse gelangt sind, bringen wir eine erste anstrengende Steigung hinter uns. Der Weg wird an dieser Stelle immer felsiger. Mit großen Schritten steigen wir die sich vor uns ausbreitenden Felsstufen hinauf. Es geht nicht anders, denn wir müssen 1.000 Höhenmeter überwinden, um Soraypampa, unser heutiges Ziel, zu erreichen.

Bevor wir es uns allerdings in unserem Schlaflager gemütlich machen können, müssen wir noch die letzten Kilometer des Tages zurücklegen. Und obwohl unsere Füße mittlerweile schon schmerzen, haben wir auf diesem Teilstück ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Der Grund: Wir laufen auf den beeindruckenden, circa 5.460 Meter hohen Umantay zu. Zuerst ist dieser von dunklen Wolken umgeben. Danach klart es auf – und wir bekommen den schneebedeckten Kamm des gewaltigen Berges zu Gesicht. Beeindruckend.

Gegen 17.30 Uhr, kurz bevor die Sonne untergeht, setzen wir schließlich unsere Wanderstiefel in das für uns von fleißigen Helfern, die mit schwerbepackten Maultieren vorgeritten sind, vorbereitete Basislager Soraypampa, das auf rund 3.900 Meter unterhalb des eisigen Umantay-Gletschers liegt. Unsere Zelte sind bereits aufgebaut und befinden sich in einem Verschlag aus blauer Plane. Ein Dach gibt es auch.

Gut geschützt vor dem um den Berg peitschenden Wind treten wir nach dem Abendessen erschöpft unsere Nachtruhe an. Bereits gegen 20 Uhr.

Tag 2: Anstrengender Aufstieg zum höchsten Punkt der Wanderung

Gestern früh schlafen gegangen zu sein, war eine gute Idee, denke ich, als ich um halb sechs Uhr am Morgen noch etwas müde den Reißverschluss des Ausgangs unseres Zeltes öffne und frostige Luft ins Innere strömt. Wenig später begrüßt uns Daniel, unser Guide, mit den Worten, dass heute der wohl anstrengendste Tag unserer Wanderung ansteht. Eine weitere Bestätigung, flüstere ich leise in mich hinein, als ich mich gemächlich in Bewegung setze und mittlerweile weiß, dass wir am zweiten Tag über 20 Kilometer – größtenteils bergauf – zurücklegen.

Es ist nicht gerade ein Spaziergang im Park. Der Gedanke schießt mir durch den Kopf, als wir die Route zwischen den beiden Bergen Umantay und Salkantay einschlagen, an gewaltigen Felsen vorbeigehen und uns Schritt für Schritt nach oben mühen. Der Aufstieg zieht sich. Zwischendurch halten wir ab und zu an, um durchzuatmen. Dabei bemerken wir, dass unsere Gruppe mittlerweile weit auseinandergerissen ist. Jeder geht sein eigenes Tempo. Einige unserer Weggefährten machen sich das Leben jedoch auch selber schwer, indem sie auf der fünftägigen Tour viel Gepäck in einem großen Rucksack durch die Gegend schleppen. Wir haben nur das Notwendigste dabei – und freuen uns, bei dieser Wanderung nur wenige Kilos auf dem Rücken zu haben.

Drei Stunden und 30 Minuten, nachdem wir unser Camp verlassen und uns in dieser Zeit die steile Route hinaufgequält haben, sind wir am höchsten Punkt der gesamten Tour angelangt: Bei strahlendem Sonnenschein stehen wir 4.600 Meter über dem Meeresspiegel – und um uns herum ragen die Gipfel der uns einkesselnden Vilcabamba-Bergkette in den Himmel. Vor allem der Anblick der Südseite des schneeweißen Salkantay – mit fast 6.270 Metern der höchste Berg dieser Region – ist imposant.

Als schließlich alle aus unserer Gruppe auf dem Pass angekommen sind, erzählt uns unser Guide, dass behauptet wird, dass der Berg Salkantay noch nie erfolgreich bestiegen worden ist. Versuche gab es aber bereits zahlreiche. Leider teilweise mit tödlichem Ausgang. Wie in den 1990er Jahren, als Bergsteiger aus Japan bei einem Lawinenunglück ums Leben kamen. Daniel berichtet weiter, dass ein südamerikanischer Alpinist, der in höchster Not vom Berg gerettet werden konnte, die Geschichte in die Welt gesetzt habe, der Berg hätte mit ihm gesprochen und ihm gesagt, dass nie ein Mensch bis zum Gipfel gelangen könne. Legendenbildung. Die Inka hatten wohl bereits bei der Namensgebung des für sie heiligen Berges eine gewisse Vorahnung: Denn Salkantay heißt übersetzt so viel wie „Der unberührte Berg“.

Von diesem unberührten Berg entfernen wir uns ein wenig, als wir den Abstieg nach Huayracpampa in Angriff nehmen, wo wir unser Mittagessen auf rund 4.000 Metern zu uns nehmen. Nachdem wir unsere Mägen gefüllt haben, geht es weiter nach unten, durch die zunehmend grüner werdende Landschaft. Doch nicht nur die Farbe der Natur verändert sich, sondern auch das Wetter. Gewaltige Nebelfelder ziehen am Nachmittag auf – und hängen tief am steinigen Boden. Irgendwann ist der graue Schleier sogar so dicht, dass wir nur noch ein paar Meter freie Sicht haben.

Kurz vor dem Eintreffen in unserem heutigen Zielort hat sich der Nebel aber wieder in Luft aufgelöst. Tropische Pflanzen bestimmen hier auf 2.800 Metern das Bild, wie wir nun bemerken.

Als wir ausgelaugt von der Wanderung unser Camp in Colpapampa betreten, müssen wir unseren Körpern erst einmal wieder Mineralien zuführen. Zisch – und das erste Bier ist geöffnet. Gibt es ein besser schmeckendes Getränk, das wir nach den Anstrengungen dieses Tages genießen können? Wir können es uns in diesem Moment beim besten Willen nicht vorstellen.

Tag 3: Durch die Nässe – erst der Regen, dann die heißen Quellen

Da wir heute „nur“ knapp 15 Kilometer zurücklegen müssen, brechen wir erst gegen halb acht am Morgen auf. Eine humane Zeit, scheinen die meisten aus unserer Gruppe zu denken, als ich in ihre verträumten Gesichter schaue.

Wir haben die Ortschaft Colpapampa gerade erst verlassen, als Regen einsetzt. „Spätestens jetzt sind alle wach“, sage ich zu Daniela, nachdem ich mir meine Regenjacke angezogen und meinen Rucksack mit einer Hülle ebenfalls wasserdicht verschlossen habe.

Trotz der schmuddeligen und unangenehmen Wetterbedingungen setzen wir unseren Weg vorbei an Obstgärten, Kaffeeplantagen und Bananenbäumen fort. Bis wir an einem reißenden Fluss stoppen. Wie sollen wir dieses Hindernis aus kaltem Wasser bloß überqueren, frage ich mich, als mir ein dickes Stahlseil auffällt, das von einer zur anderen Seite des Flusses gespannt ist. Einer nach dem anderen setzen wir uns in die an dem Seil hängende, wackelige Metallvorrichtung und lassen uns über den aufgewirbelten Strom schieben.

Trocken und wohlbehalten kommen wir am anderen Flussufer an und gehen im Anschluss daran noch wenige Kilometer, bis wir im Dorf Playa angelangt sind. Holzhütten – die meisten davon, sind mit Wahlsprüchen und Namen von Politikern bepinselt – stehen am Wegrand. Schweine rennen quickend über die aufgeweichte Straße. Unmittelbar danach folgen Kinder, die sich einen Spaß daraus machen, die borstigen Tiere zu jagen.

Apropos Schweine: Unser Mittagessen wartet, das wir in einem notdürftig hergerichteten Restaurant verdrücken. Aufgegessen – und schon sitzen wir in einem Bus, der uns das letzte Stück des heutigen Weges nach Santa Teresa fährt.

Auch in dieser Nacht ist noch einmal campen angesagt. Zeit für die harte Isomatte und den warmen Schlafsack ist es allerdings noch nicht, denn erst einmal werden wir zu heißen Quellen in der Nähe von Santa Teresa kutschiert. Fünf Bolivianos Eintritt später lassen wir uns in die Naturpools fallen, deren heißes Wasser vor allem für unsere vom tagelangen Wandern geschundenen Füße eine Wohltat ist. Fast drei Stunden verbringen wir in der gut besuchten Badeeinrichtung – und befreien uns dort von dem angesammelten Schmutz der vergangenen Tage.

Fast wie aus dem Ei gepellt, lassen wir am Abend in unserem Camp zu lauter Musik große Flaschen Pilsener kreisen. Es ist spät und dunkel, als wir – ohne Taschenlampen und auf etwas wackeligen Beinen – den Weg zu unserem Zelt suchen.

Tag 4: Entlang der Bahngleise nach Aguas Calientes

Es hämmert auf unser Zelt ein, als wir gegen sieben Uhr aufwachen. Hat das was mit dem Alkohol zu tun, den wir gestern Abend doch recht großzügig konsumiert haben? Die Antwort erhalte ich, als ich mich aus dem Zelt bewege und dicke Regentropfen auf mich niederprasseln. „Mist“, schreie ich auf, als ich bemerke, dass unsere Badesachen immer noch an der Wäscheleine im Freien hängen – und somit mittlerweile klitschnass anstatt trocken sind.

Doch es hätte noch schlimmer kommen können. Das ist mir spätestens klar, als ich sehe, dass die Beine des niederländischen Tourteilnehmers aus dem Zelt baumeln – und auch seine Wanderstiefel im Matsch liegen. Ich wecke ihn. Sein schiefer Blick verrät mir, dass er vor einigen Stunden noch tiefer als ich ins Glas geschaut haben muss.

Nach dem Frühstück müssen wir die Entscheidung treffen, ob wir die erste Etappe des Tages von Santa Teresa nach Hidroelectrica wandern oder mit dem Bus fahren möchten. Aufgrund der kurzen Nacht und des anhaltenden Regens entscheiden wir uns für den motorisierten Untersatz, der die Strecke in 45 Minuten zurücklegt.

Von der Zugstation Hidroelectrica aus setzen wir den zwölf Kilometer betragenen Weg entlang der Bahngleise nach Aguas Calientes, dem Tor zur Inka-Stätte Machu Picchu, zu Fuß fort. Der Regen lässt zwischenzeitlich nach und hört schließlich ganz auf. In den etwas weniger als drei Stunden unserer heutigen Wanderung kommt uns nur ein einziger Zug entgegen. Den Signalton der blau gestrichenen Lok hören wir schon von weitem. Wir treten einen Schritt zur Seite und machen die Gleise frei.

Die grünen, mit Pflanzen bewachsenen Hänge, an denen wir vorbeigehen, unterscheiden sich kaum voneinander. Doch eine dieser Steilwände ist etwas Besonderes. Daniel, unser Guide, verrät uns nämlich, dass es sich hierbei um die Rückseite des Berges handelt, auf dem Machu Picchu von den Inka errichtet worden ist.

Auch wenn wir erst morgen, am fünften Tag der Wanderung, die Ruinenstadt besichtigen werden, ist uns die Vorfreude bereits in unseren Gesichtern anzusehen, als wir nach knapp drei Stunden das Ortschild von Aguas Calientes hinter uns lassen.

Die Kleinstadt in der Nähe von Machu Picchu ist so, wie ich sie mir vorgestellt habe: touristisch. An jeder Ecke hängt das Schild eines Hotels und fast überall verkaufen Ladenbesitzer Snacks, Getränke und die für Peru so typischen Kleidungsstücke aus Alpakawolle, die Touristen in großen Beuteln aus den Geschäften tragen. Oder ein durchaus aufdringlicher Mitarbeiter eines Restaurants versucht, Reisende zu überreden, gerade in diesem Fresstempel ihr Mittag- bzw. Abendessen zu verschlingen.

Etwas hungrig begeben wir uns allerdings erst einmal zu unserem Hotel, das von der Reiseagentur, bei der wir den Salkantay-Trek gebucht haben, reserviert worden ist. Wir stehen am Empfang – und uns fällt das Preisschild auf, das in der wenig einladenden Eingangshalle platziert ist. 60 US-Dollar kostet ein Doppelzimmer für eine Nacht. Wir staunen über den – für peruanische Verhältnisse – happigen Preis und sind umgehend enttäuscht, als wir unsere Unterkunft betreten. Es ist feucht, es riecht schimmelig. Egal, wir sind von vier Tagen intensivem Wandern platt und müde – und gönnen uns eine Prise Schlaf.

Am Abend treffen wir uns mit unserer Gruppe in einem Restaurant, um gemeinsam zu essen. Es gibt frisch aus dem durch das Städtchen strömenden Flusses gefangene Forellen. Köstlich. Nur unser Guide Daniel hat keine Zeit, sich den Fisch schmecken zu lassen. Er ist sichtlich nervös, telefoniert hektisch hinter vorgehaltener Hand. Unsere Eintrittskarten für Machu Picchu soll er uns eigentlich überreichen. Mit den Tickets für morgen scheint es aber Probleme zu geben. Und auf einmal ist er verschwunden. Keiner von uns weiß, wo Daniel steckt. Es macht sich Unruhe am Tisch breit. So kurz vor dem Ziel unserer Wanderung und unserer Mühen – und nun soll uns Machu Picchu versperrt bleiben, fragen sich einige. Doch schließlich taucht unser Guide wieder auf. Erleichterung spricht aus seinen Augen. „Aqui hay las entradas“, sagt Daniel. Hier sind die Tickets.

Am nächsten Morgen geht es also los, die heilige Stätte der Inka kann von uns in aller Ruhe erkundet werden. Doch dazu mehr in unserer kommenden „Reisedepesche“ über Machu Picchu.

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6 Kommentare

  1. Marsela, am

    Das klingt klasse! Und definitiv ja – ein Bier kann verdammt gut schmecken nach den Strapazen ;)) Wir haben den Choquequirao Trek damals gemacht und waren 9 Tage unterwegs, aber zum Glück war es bei uns nicht so kalt wie bei euch. Gerade Nachts könnte ich mir vorstellen, dass es ganz schön schattig war..

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