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Warum Alleinreisen manchmal echt hart ist? Steht hier.

Endlich Marokko! Teil 3: Die blaue Stadt.

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In den Bergen i-aht ein Esel. Unten im Hof spielen die Nachbarskinder. Das Kling-Klong eines Glockenspiels bimmelt fröhlich und vielleicht höre ich sogar den Wind. Abgesehen davon ist es still. Mein neuer Lieblingsplatz auf der Terrasse des Riad Dar Dalia liegt direkt vor den Mauern der Medina am Hang, die blaue Stadt Chefchaouen unter mir. Von hier oben kann ich alles sehen, aber keiner sieht mich. 

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„Non, non, non… Moi… chercher… la station de bus de CTM. CTM? Bus station?“

„L’arrêt d’autobus? C’est à la gare routière.“

„Non, non. Pas la gare routière. Je prends l’autobus de CTM. Different station. Vous savez où?“

Auf dem Rücksitz des zerbeulten Kleinwagens sitze ich eingequetscht zwischen zwei Wasserkanistern und meinem Rucksack und versuche verzweifelt, dem Fahrer zu erklären, wo die Fahrt hingehen soll. Nachdem ich endlich ein Taxi in Tanger gefunden habe, bleibt mir nun nicht mehr viel Zeit, bis der Bus fährt. Was zwischen mir und meinem Ziel steht, ist die Sprache: 

Er spricht Französisch.

 Ich denke, ich spreche Französisch. 

„Moi aller à Chefchaouen.“ sage ich, “aujourd’hui il y’a seulement une autobus de CTM, à douze heurs. Twelve o’clock. Zwölf Uhr.“

Mein Taxifahrer schüttelt den Kopf. „Pas d’autobus aujourd’hui! No bus! Seulement grande taxi à la gare routière!“

Das hatte ich befürchtet. Der Taxifahrer erzählt mir, dass mein Bus ausgerechnet heute nicht fährt – eine Masche, um mich in das Grande Taxi irgendeines Cousins zu lotsen? Oder tatsächlich die Wahrheit?

…Immerhin, heute ist ein Feiertag. Vielleicht fährt der Bus wirklich nicht?

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Von der Terrasse gehe ich die Treppen des Riads hinab, im Innenhof plätschert ein Wunschbrunnen, im Wunschbrunnen wohnt Frau Schildkröte. Chefchaouen ist alles, was ich mir erhofft hatte: Ein entspannter Einstieg in die arabische Welt, ein kleiner Fleck mit freundlichen Menschen und ein magischer Ort zum Schreiben. Die Häuserwände sind hier blau gestrichen, zum Schutz vor dem „bösen Blick“. Der Tagesablauf der Stadt scheint auf den Abend zuzulaufen, so wie alle Gassen auf den Marktplatz in der Medina. Sobald die Dunkelheit kühlere Bergluft bringt, erwacht der Ort zum Leben. Auf dem Marktplatz sammeln sich die Wahrsager, Geschichtenerzähler und Henna-Malerinnen, während sich die Lokale langsam mit Gästen füllen. All das passiert hier ganz ohne Hektik und folgt einem natürlichen Fluss, in den ich eintauche.

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Das Taxi rattert durch die Hafenstadt und ich verstehe zum ersten Mal, was es heißt, jemandem blind zu vertrauen. Habe auch keine andere Wahl. Mein Fahrer sagt jetzt plötzlich doch, dass er den Weg zu meiner Haltestelle kennt. Ich kenne ihn definitiv nicht. Und in meiner Eile habe ich außerdem völlig vergessen, vorher über den Preis für die Fahrt zu verhandeln. Jetzt lege ich mir im Kopf zurecht, wie ich auf Französisch danach fragen soll. Als ich dann den Mund aufmache, komme ich mir vor wie der typische Tourist. Betont langsam und groß gestikulierend spreche ich mit dem Einheimischen, als sei der doof – dabei bin ich es. Und eine Antwort kriege ich auch nicht.

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Im ersten Stock eines Restaurants finde ich eine kleine Dachterrasse mit bunten Tischdecken und guter Aussicht auf das Blau. Ich bestelle frischen Minztee und eine Tajine mit Lammfleisch, Couscous und Gemüse. Hier oben fühle ich mich wohler, als unten im Trubel. Der Tag war lang. Ich bin müde. Die Tajine duftet nach Safran. Mit vollem Magen schlendere ich zurück zu meinem Lieblingsplatz.

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Der will mich doch verarschen! Der Fahrer fährt seit einer Ewigkeit kreuz und quer durch die Gegend, hält mehrere Male und fragt Passanten nach… ja wonach eigentlich? Nach dem Weg? Nach der Uhrzeit? Nach dem Wetterbericht? Ich weiß es nicht. Und stelle mich mental schon drauf ein, dass ich die Nacht in der Stadt verbringen muss, als ich durch die Windschutzscheibe endlich einen mir bekannten Schriftzug sehe! 

CTM – la premiere compagnie de transport au Maroc!

Hallelujah, wir sind tatsächlich da! 

„Ca fait combien?“ frage ich wieder und zücke unsicher meinen Geldbeutel.

„Cinquante mille Dirham,“ sagt der Fahrer bierernst und streckt seine Hand aus.

Mein Kopf läuft jetzt auf Hochtouren. Ich versuche, gleichzeitig zu rechnen und zu übersetzen. Heraus kommt ein Preis, der mir das Herz in die Hose rutschen lässt. Er will knapp 500 Euro für die Fahrt! Herrje, dass man in Marokko handeln muss, war mir ja klar… dass der Startpreis so hoch sein würde wie meine Monatsmiete allerdings nicht!

„Non, c’est trop…“ (scheiße, was heißt nochmal „zu viel“ auf Französisch?!) „It’s too much! Too much money!… I don’t.. Moi ne veux pas…,“ stottere ich und habe den wilden Gedanken, einfach die Zeche zu prellen, als der Fahrer auf einmal schallend loslacht.

 „Je plaisante! Je plaisante! … Just kidding! Ca fait cinquante Dirham.“

Ich verstehe kein Wort, lache trotzdem mit und drücke ihm einen Schein in die Hand, von dem ich nicht weiß, wie viel er überhaupt Wert ist. Als ich aussteige, habe ich die Hosen voll und noch zwanzig Minuten Zeit, bis mein Bus fährt – und ja, am Ende fährt er tatsächlich.

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Es ist Abend. Ich sitze unter Sternen, lausche ein letztes Mal dem Muezzin, der zum Gebet ruft und gehe dann auf mein Zimmer. Beim Zähneputzen betrachte ich noch mal den Tag. Und mein Spiegelbild. Und bei dem Anblick muss ich plötzlich lachen. Verdammt, denke ich, Alleinreisen ist schon hart! Vor allem in einem arabischen Land wie Marokko. Denn allein in Marokko stellst du erst beim Zähneputzen fest, dass du die halbe Portion deines Couscous noch immer im Gesicht hast…

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(Der letzte Teil dieser Serie folgt in einer Woche… und es geht nach Marrakesch!)

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14 Kommentare

  1. Nadja, am

    Wow, die Straße mit den blauen Häusern schaut ja toll aus! Ich finde bunte Häuser sollte es überall geben! Burano in Italien hat mir auch sehr gefallen- jedes Haus in einer anderen Farbe!:)
    Liebe Grüße Nadja

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  2. Sandra, am

    Was für ein toller Bericht! Bin ganz begeistert und muss dir noch sagen, dass ich es mich niemals trauen würde in einem so fremden Land ganz alleine zu reisen. Dafür hast du meine Anerkennung!

    Grüße
    Sandra

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    • Gesa, am

      Hi Sandra,
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Im Nachhinein kommt es mir jetzt alles ganz harmlos vor. Marokko ist ein spannendes Land und der perfekte Einstieg in die arabische Kultur. Auch als Frau allein kann man hier sicher reisen.

      Liebe Grüße,
      Gesa

  3. Niklas, am

    Ich war letzten Monat in Chouwen. Hat mir deutlich besser gefallen als Marrakesh und Fez. Hatte aber auch nicht viel Zeit in den grpßen Städten und stehe mehr darauf einfach mal kurz in die Berge zu laufen und zu wandern, als mich den ganzen Tag zum konsumieren anstiften zu lassen. War mega enttäuscht vom Jamal f’na (der Platz mit dem Street Food in Marrakesh). Nächstes mal würde ich gerne mehr ins Atlas Gebirge, ist glaube ich auch schön… aber das coole ist das marrakesh irgendwie alles zu bieten hat. (Strand, Berge, Wüste, Städte)

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  4. Sabine, am

    Auf der Suche nach Bildern von Chefchauen habe ich diesen Reisebericht gefunden. Wunderschön, auch die Bilder!
    Ich mag blau-weiß!!! Mein Wohnzimmer und Gartenlaube ist auch blau-weiß, aber nach Marokko getraue ich mir nicht zu reisen. Danke für so einen tollen Bericht !
    LG Sabi

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  5. Kilian, am

    Hey,

    ein wirklich schöner Bericht. Ich war selbst schon mehrere mal dort und verliebe mich jedes mal auf neue in die Stadt. Es gibt nichts schöneres als in Chefchaouen die Seele baumeln zu lassen und dem Treiben auf den Straßen zuzusehen. Insbesondere im Oktober… :)

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