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Hormonüberschuss in Kenia

Duell in der Savanne

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Ich kam als zivilisierter Mann – und ging als Tarzan. Die Wildnis der Savanne Afrikas und ein Großmaul namens Joshua haben das Tier in mir geweckt.

 

Schwüle Luft drang durchs offene Fenster meines Hotelzimmers. Auf dem Bett liegend spürte ich den Schweiß über meinen nackten Oberkörper schleichen. Langsam, irgendwie andächtig zog ich mir das glibberig braune Kondom über. Mit jedem Fingerzug nach unten stieg ein Gefühl der Ohnmacht immer weiter in mir empor. Meine Gedanken waren bei Joshua, bei seinem bulligen, pechschwarzen Körper und seinem steifen Penis. Wäre er jetzt hier, bei mir, würde er wohl wieder hämisch lachen. Hämisch und idiotisch, ganz genau so wie an jenem Abend in der Weite der Savanne Afrikas, als unsere Hassliebe ihren Anfang nahm.

 

Ich lernte Joshua kennen an einem Tag, den er mit einem saftigen Feierabendrausch ausklingen ließ. Was war der Afrikaner besoffen, als er da saß, am lodernden Lagerfeuer unseres Safari-Camps, breitbeinig, mit einer Flasche Bier fest im Griff. Das Feuer gab seiner lallenden Zunge einen diabolischen Schimmer. Und er prahlte. Ohne Unterlass. Mir ging seine Angeberei richtig auf den Sack und ich fragte mich, wohin das noch führen sollte, wenn er schon am ersten Tag der Safari so besoffen war und maßlos dick auftrug. Unter der tiefgezogenen Krempe meines Hutes wanderte der Blick weg von Joshua hinüber zu den zwei Frauen. Ihre Augen spiegelten das Flackern des wärmenden Feuers wider, im Schutz der tiefrot gefärbten Schirmakazie saßen die Skandinavierin und die Französin und seltsamerweise schienen sie den Monolog des Kenianers zu genießen.

 

Beide waren jung und sexy. Sie hatten mir schon den ganzen Tag lang als willkommene Ablenkung gedient, von den Prahlereien und rassistischen Tiefschlägen, von den nicht enden wollenden Geschmacklosigkeiten, die der Mann aus Nairobi in einer Tour von sich gab. Joshua war unser Driver und Safari-Guide, aber eigentlich war er nichts weiter als ein Banause. Das hatten auch die Hyänen verstanden, die irgendwo weit hinter unseren Zelten, draußen im dichten Grasland der Nacht, erneut schmerzvoll jaulten, als Joshua irgendwas von seinem scheinbar tagelangen Überlebenskampf in den angeblich haushohen Wellen des Viktoria-Sees erzählte. Statt laut zu schreien, zog ich tief an meiner Zigarette, anstelle eines längst fälligen „Halt die Fresse Joshua!!!“ machte ich einen ordentlichen Schluck von meinem Scotch. Irgendwann aber kam das Fass zum Überlaufen, als er drüben neben seinem Safari-Mobil taumelte und in den Busch urinierte. Oh ja, riss er sein Maul weit auf, er könne locker zwanzig Flaschen Tusker-Bier trinken und dann ohne Weiteres durchs nächtliche Nairobi nach Hause fahren. Für einen Topfahrer wie ihn absolut kein Problem. Er musste einen Ausfallschritt setzen, als er das sagte und pinkelte dabei ein wenig an den Hinterreifen seines Matatus. In diesem Moment hatte er unbewusst den Fehdehandschuh geworfen. Trinken ist ja an sich eine feine Sache, meine heimliche Leidenschaft seit vielen vielen Jahren, aber sich als mein persönlicher Safari-Driver damit zu brüsten, sturzbesoffen durch die Gegend zu cruisen, war zu viel des Guten. Na warte Joshua, rauschte es durch meinen Kopf, dir werd’ ich noch das Maul stopfen. Dann ließ ich meinen Kopf langsam in den Nacken fallen und bestaunte den afrikanischen Nachthimmel, wo Myriaden von Sternen sich über das gigantische Firmament verteilten und sich wie ein funkelnder Rahmen um die hoch stehende Mondsichel legten.

 

Savanne

 

An selber Stelle strahlte am folgenden Tag die Sonne über die rollenden Hügel und Ebenen der nördlichen Serengeti. Die drückende Hitze ließ die Tiere der Savanne nach schützendem Schatten oder Abkühlung im Wasser suchen. Neidisch blickten wir aus unserem aufgeheizten Matatu auf das mächtige Krokodil im Wasserloch gleich neben uns. Mit einem Ruck des Schwanzes stieß es sich schlagartig vom Grund ab, schwebte für eine kurze Ewigkeit in der Luft, und beim Wiederaufprall knackten seine Kiefer den Schädelknochen der Antilope. Was für heftige Kopfschmerzen mussten das wohl sein, dachte ich mir, die arme Antilope. Man sah nur noch ihre Hörner aus dem Maul der Echse ragen, dem toten Tier ging’s wahrscheinlich noch schlechter als Joshua, dem nun schmallippigen Schluckspecht, in dessen Kopf ganz offensichtlich schreckliche Qualen wüteten. Erbärmlich kämpfte der selbsternannte Spitzen-Pilot schon seit dem frühen Morgen mit dem Kater, der hinter seinen tiefen Augenringen festsaß. Ich konnte mir gut vorstellen, dass in einem solchen Zustand selbst der Garten Eden einer kleinen Hölle gleicht. Joshua waren der weite Horizont Ostafrikas und all seine exotischen Bewohner an diesem Tag vollkommen Wurscht. Er versuchte ganz einfach, die quälende Arbeitsschicht irgendwie hinter sich zu bringen. Dabei war er rücksichtslos, denn er ließ meine Erwartungen zu Auskünften über die Fauna hier im südlichen Teil des Great Rift Valley gänzlich unerfüllt. Von Joshua, dem etatmäßigen Guide, dem nun schweigsamen Prahlhans vom Vorabend, war nichts zu hören.

 

Krokodil

 

Seine Zunge schien gelähmt. Hinterm Lenkrad aber legte er eine respektable Leistung hin. Er dirigierte seinen Wagen gekonnt durch anspruchsvolles Terrain und meisterte mit seiner Maschine die durchwegs schwierigen Wege, die unter dem gelben Grasteppich der Savanne lauerten. Und doch, für einen selbsternannten Topfahrer bot er mir dann trotz allem irgendwie zu wenig. Da war immer eine Art Respektabstand zu den Tieren, den er einhielt, mir schien fast, als hätte er nicht die Eier in der Hose, um mit der Wildnis auf Tuchfühlung zu gehen. Also half ich etwas nach.

 

Wie ein silbergrauer Felsen stand ein alter, einsamer Elefant am Fuße zweier Hügel. Der mächtige Pachyderme harrte reglos im wallenden Gras. Es sei keine gute Idee sich diesem Tier zu nähern, meinte Joshua, als ich ihn bat, dem stoischen Bullen ein wenig auf den Leib zu rücken, zu leicht gerieten diese Tiere in Rage, warnte er eindringlich. Da war sie wieder, seine latente Feigheit, die mich störte und der ich mit provokantem Nachdruck begegnete: „Come on, Joshua, just a bit closer. To get a nice picture.“ Und tatsächlich, nach einigem Zögern ließ er sich auf die Mutprobe ein. Einem Geparden gleich pirschte er seinen Wagen an den Dickhäuter heran. Leise schnurrte der Motor, aber irgendwann verließ Joshua der Mut und als er vom Gaspedal ging, stachelte ich ihn mit bebender Stimme an: „Closer, come on, get closer!!!“ Da plötzlich regte sich der Elefant und dann, auf einmal, ging alles ganz schnell.

 

 

Elefant

 

Der Bulle attackierte uns. Frontal. Blitzartig reagierte der Pilot, hackte den Rückgang ins Getriebe und gab Vollgas. Ich schlug mit dem Kopf gegen das Dach und dann gegen die Tür des Wagens, hinten kreischten die zwei Frauen hysterisch, der Motor heulte auf, es ging drunter und drüber und dann war es plötzlich wieder still.

 

Mein Blick ging zu Joshua. Wie vom Tode geküsst saß er nun da, die Finger krampfartig um das Lenkrad gewickelt, schnell atmend, wahrscheinlich noch schneller als ich, und durch die Perlen des kalten Schweißes, der meine Augen trübte, erschien sein schwarzes Gesicht ziemlich bleich. „Are you OK?“ fragte ich ihn mit aufrichtiger Sorge. „Are you crazy!!?!!??“ fauchte es postwendend aus dem Fond des Wagens. Fuchsteufelswild zeterten die zwei Frauen auf uns ein, ohne irgendeine gängige Beleidigung auszulassen. Es war schonungslos, richtig erniedrigend. Beinahe synchron senkten der Kenianer und ich unser Haupt, ließen den verdienten Anschiss wortlos über uns ergehen und erst als Joshua nach einigen Minuten den Wagen wieder langsam in Bewegung setzte, ließ der rabiate Frauen-Sturm nach. Ich zündete mir eine Zigarette an. Wir drehten ab, Richtung Westen und beim letzten Blick zum einsamen, erneut stoisch stehenden Elefanten, sah ich unweit von ihm zwei hungrige Geier hocken, die unserem Gefährt einen enttäuschten Blick hinterher warfen.

 

Löwe

 

Von da an war Joshua wie ausgewechselt. Der Husarenritt schien ihn verändert zu haben. Man nennt das wohl Reue, denn fortan war er nicht nur ausgesprochen auskunftsfreudig, sondern geradezu engagiert und galant. Er führte uns an magische Orte. Wir tauchten ein in riesige Büffelherden, an deren Saum anmutige Löwenrudel ihr Mittagsschläfchen hielten. Unser Matatu war wie eine Wolke, die über den mystischen Garten Eden schwebte, wo Warzenschweine wuselten, Geparden ihre Jungen hegten und Leoparden in den Baumkronen fläzend der langsam untergehenden Sonne beiwohnten.

 

Leopard

 

 

Es war traumhaft, eine berührend schöne Safari, aber dann eben doch zu schön um wahr zu sein. Ich wusste, dass er irgendwann die Retourkutsche fahren würde, die Sache mit dem Elefanten hatte ihn gewurmt, und siehe da, Aug’ in Aug’ mit dem Leoparden setzte Joshua seine längst fällige Breitseite. Er wisse eben, wie man sich geschmeidigen Raubkatzen richtig nähere, merkte er flapsig an, wissend dass er damit einen empfindlichen Treffer unter meiner Gürtellinie landete. Vermutlich hätte ich auf diesen Affront überhaupt nicht reagiert, es ist sinnlos mit Proleten über Frauen zu sprechen, aber als ich hörte, wie die zwei Mädels auf der Rückbank zustimmendes Lob schnurrten konnte ich die Sache nicht einfach so stehen lassen. Joshua wollte eine Revanche. Die sollte er haben. Und zwar gleich am nächsten Tag, als ich ihm zeigte, wer hier der wahre Dompteur ist.

 

Es war später Nachmittag, breitbeinig saß ich in meinem Klappstuhl, eine Flasche Bier fest im Griff, und genoss den Moment meines Triumphes. Ich bemerkte den großen, feuchten Fleck im Schritt meiner Hose. Joshua stand neben mir und schnitt hektisch dünne Scheiben von der Wurst in seiner Hand. Ich hatte ihn fertig gemacht. Vor unseren Augen bespritzten sich die leicht bekleideten Mädels gegenseitig mit Wasser. Ein kleiner Schwall davon war eben auf meiner Hose gelandet – und auf Joshuas Schneidbrett, der mit grimmiger Miene Küchenarbeit fürs Abendessen erledigte. Eigentlich hätte er sich bei mir bedanken müssen, dieser Miesepeter. Immerhin hatte ich ihn großzügigerweise an meiner kleinen Party teilhaben lassen. Ich war es gewesen, der den Mädels vorgeschlagen hatte, etwas Wasser zu besorgen, damit sie ein wenig tollen und sich abkühlen konnten. Ich war es gewesen, der die Wanne geschleppt hatte. Ich war es gewesen, der unser Camp im Busch im Nu in einen Freiluft-Herrenclub verwandelt hatte. Aber nichts da, der Küchenjunge blieb stumm und undankbar. Als er dann einen verlegenen Blick auf den vermeintlichen Lusttropfen auf meiner Hose warf, prostete ich ihm zufrieden zu.

 

Krokodil

 

Was für ein toller Sieg in der letzten Runde! Rainer, bomaye!! Ich johlte den klatschnassen Mädels zu und demütigte Joshua mit einem Augenzwinkern. Da bemerkte ich im Baum gleich hinter ihm einen Vervet-Affen, der die Szene als Zaungast mitverfolgte. Der Affe gab seltsame Geräusche von sich und immer wieder zog er dabei ruckartig seinen hochroten Penis lang.

 

Das Gefühl meines Sieges währte nicht lange. Ich war zurück in Nairobi, in meinem Hotelzimmer, als ich einige Tage später erneut auf einen Vervet-Affen stieß. Diesmal in meinem Safari-Handbuch, wo ich nachlesen konnte, wie bedeutsam die Genitalien dieser Affen für ihren sozialen Status sind. Es war der Moment, in dem ich zu zweifeln begann. Ich zweifelte an meinem Sieg, war da doch plötzlich diese beklemmende Gewissheit, dass Joshua und ich in unserem Duell ein wichtiges, nein sogar das wichtigste aller Kriterien ausgelassen hatten. Unwillkürlich ging ich sofort auf die Toilette der Hotelbar, um mir ein Kondom beim Automaten zu besorgen. Ich nahm das größte im Angebot – warum weiß ich nicht genau – und nahm es mit aufs Zimmer. Dort lag ich nun, während schwüle Luft durchs offene Fenster drang und der Schweiß über meinen nackten Oberkörper schlich. Langsam, irgendwie andächtig zog ich mir das glibberig braune Kondom über. Mit jedem Fingerzug nach unten stieg ein Gefühl der Ohnmacht immer weiter in mir empor. Der Latex überzog meine Hand und bereits die Hälfte meines Unterarms, aber ein Ende war nicht in Sicht. Meine Gedanken waren bei Joshua, seinem bulligen, pechschwarzen Körper und seinem steifen Penis. Ich zog den Gummi immer weiter nach unten, bis ich schließlich den Ellebogen erreichte und resignierte.

Es war der Moment, in dem es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Der ganze Hokuspokus war für die Katz’ gewesen. Vollkommen umsonst hatte ich mich auf das Duell mit dem Kenianer eingelassen. Hätten wir uns sofort auf das Wesentliche konzentriert, wären uns einige Peinlichkeiten erspart geblieben. Jetzt aber war es zu spät. Gedemütigt, mit dem linken Unterarm in einem gigantischen Kondom gefangen, kam ich zur Einsicht. Ich hatte niemals eine Chance gehabt, diesen Hahnenkampf zu gewinnen. Wer den Kürzeren hat, zieht notgedrungen immer den Kürzeren.

 

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