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Zum Abschied ist die Stadt so schön wie nie

In Hamburg sagt man Tschüs

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Von meinen Kollegen ernte ich fragende Blicke, weil ich nach Feierabend um die Binnenalster spazieren will. Schließlich sind wir schon in der Mittagspause ein gutes Stück gelaufen. Also ziehe ich in meiner letzten Arbeitswoche dreimal allein los, mit der Handykamera im Anschlag.

Mein nahender Abschied macht eine Touristin aus mir: Alles will ich festhalten, überall mache ich Fotos – mittags in der Speicherstadt, abends an der Alster, am Wochenende an der Elbe. Viereinhalb Jahre habe ich in Hamburg gelebt und nun, da ich die Stadt bald verlasse, finde ich sie schöner denn je.

So vieles nie gemacht, nie ausprobiert

Das hat schon Ende April begonnen, am ersten warmen Frühlingstag mit 20 Grad und Sonnenschein. Da ging ich am späten Samstagvormittag über den Markt in der Neuen Großen Bergstraße, wo es nach Fisch roch und kurz darauf nach Erdbeeren, wo, ein paar Meter weiter die Straße hinauf, zwei Männer pfeifend die Fenster vom Handygeschäft putzten und aus dem Stoffladen „Frau Tulpe“ französische Chansons drangen. Ich kam mir vor, als sei ich im Urlaub im Süden und nicht bei mir um die Ecke. In der schnöden Bergstraße. Ausgerechnet!

Später saß ich auf einer Bank gegenüber vom Altonaer Museum, ein kleines Mädchen lernte Fahrradfahren, und ich fragte mich: Wieso bin ich zuvor nie dort gewesen, am Samstag auf dem Wochenmarkt? Und dann fielen mir tausend weitere Orte und Sachen ein, die ich in Hamburg nie besucht, nie ausprobiert hatte. Die Wasserlichtkonzerte am Parksee im „Planten un Blomen“ zum Beispiel. Obwohl die im Sommer jeden Abend stattfinden, kostenlos, und man sie mir etliche Male ans Herz gelegt hat. Das Passage-Kino und das Savoy – weil ich, aus Gewohnheit und weil’s mir dort gefiel, immer in dasselbe Kino, das Abaton, gegangen bin. Die Restaurants im Portugiesenviertel, von denen ich nur eines kenne, aber nicht mehr seinen Namen. Und noch unendlich viel mehr.

Zeit für eine Hamburg-Bucket-List

In derselben Woche begann ich mit dem Nachholen: Im neuen Fisch-Bistro in der Feldstraße war ich schon essen. Das türkische Hamam, vor dem ich so oft gestanden und mich gefragt hatte, was mich drinnen wohl erwartet, habe ich ausprobiert. Und die – vor allem bei Touristen beliebte – Skyline-Bar „20up“ kann ich nun ebenfalls abhaken. Dort hat man mir freundlicherweise in Turnschuhen Zutritt gewährt, obwohl sie laut Dresscode „nicht zum Stil der Bar passen“.

Trotzdem: Je weniger Tage mir bleiben, umso länger wird sie, meine „Hamburg-Bucket-List“. Vielleicht habe ich am Ende aus zu vielen Wochenenden zu wenig gemacht? Kann sein. Einen Gedanken nehm ich deshalb mit auf meine Reise, in Geschenkpapier verpackt: Geh raus, unternimm was, es lohnt sich, auch allein, auch müde, auch wenn Du skeptisch bist. Es gibt so viel zu sehen, überall und jeden Tag und oft schon an der nächsten Ecke.

Und was ich jetzt hier nicht mehr schaffe, das mach ich, wenn ich wiederkomm. Tschüs, Hamburg, und auf Wiedersehen!

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6 Kommentare

  1. Sabine, am

    In meinen 20 Hamburg-Jahren habe ich genau eine Hafenrundfahrt unternommen. 2015 kam ich als „Touristin“ zurück und habe….eine Hafenrundfahrt gemacht! Und gestaunt, wie sehr sich die Ufersilhouette verändert hat. Ich hatte plötzlich auch das Gefühl, nicht alles gesehen und erlebt zu haben.
    Deshalb habe ich diesmal die Hafenrundfahrt in einem kleinen Video festgehalten.
    LG, und „dahaaag“ aus Holland,
    Sabine

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  2. Adrian, am

    Ja, in Hamburg gibt’s tatsächlich viel zu entdecken. Und du hast vollkommen Recht: Auch nach einigen Jahren entdeckt man immer wieder Neues, wenn man sich nur mal bewusst auf die Suche macht.
    Allein deshalb lohnt es sich, wieder zu kommen. ;-)

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    • Susanne Helmer, am

      Hi Adrian, danke! Ja, und das muss man sich immer mal wieder klar machen, vor allem in Zeiten schlimmsten Fernwehs (wie bei mir gerade wieder, der Text entstand ja vor der letzten Reise.) Liebe Grüße!