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Der Quilotoa-Loop (2)

Dunkles Wasser und tierische Beschwerden

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Der Quilotoa-Loop, die Schleife rund um den Kratersee Quilotoa, ist eine der beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten Ecuadors. Hier, im andinen Hochland, laden unzählige Wanderwege zum Erkunden der atemberaubenden Landschaften ein. Kleine Bergdörfer erlauben einen Einblick in das Leben der Landbevölkerung. Bunte Wochenmärkte und traditionelle Feste lassen die Besucher staunen.

Auf unserem Weg durch das ecuadorianische Hochland haben wir bereits den riesigen, farbenfrohen Sonntagsmarkt in Pujilí bestaunt und waren zu einem Spontanbesuch in Guayama San Pedro, um dem dort stattfindenden Bullenkampf beizuwohnen (hier).

Mittlerweile sind wir in Chugchilán angekommen. Das kleine andine Dorf liegt zentral auf dem Quilotoa-Loop und begrüßt uns mit einem gekochten Schweinekopf auf der Theke eines kleinen Straßenstandes. Auf Höhen zwischen 2.600 Metern und 3.800 Metern befinden sich rund um Chugchilán mehrere ausgezeichnete Wanderrouten.

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Wir entscheiden uns für die Wanderung zum Kratersee Quilotoa. Um acht Uhr morgens verlassen wir Chugchilán. Wir wollen und müssen den Kratersee bis 14 Uhr erreichen, um den einzigen Bus des Tages zurück nach Chugchilán nicht zu verpassen. Öffentlicher Verkehr ist hier im dünn besiedelten Hochland Ecuadors rar gesät.

Rund um den kleinen Ort leuchten grüne Wiesen auf den Hängen der Berge. Gleich hinter den wenigen zusammengewürfelten Häusern Chugchiláns befinden wir uns mitten in der andinen Schönheit. Das frühe Morgenlicht taucht die Landschaft in beeindruckende Farben und so schlendern wir vorbei an Wiesen und Feldern und genießen die Aussicht auf die umliegende grüne Berglandschaft.

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Die Luft riecht nach frischem Gras und Blüten, Schmetterlingen tanzen durch die Luft, Vögel zwitschern in den Bäumen. Unser Weg führt uns zu einsamen Bauernhäusern in traumhafter Kulisse und anschließend immer weiter bergab. Die Schlucht, die der Fluss Toachi ins Gebirge grub, müssen wir durchqueren. Immer tiefer steigen wir hinab. Der schmale Pfad windet sich an Felsvorsprüngen vorbei, verwandelt sich in matschigen Morast und lässt uns über lockere Steine stolpern.

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Dann sind wir endlich unten. Die Sonne, die uns bereits in diesen frühen Morgenstunden den Nacken verbrennt, schafft es noch nicht ganz bis hinab in die Schlucht und so machen wir eine kurze Pause im kühlen Schatten der Hänge.

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Der Aufstieg hat es in sich. Schnaufend und prustend erklimmen wir die andere Seite. Farne und Büsche wachsen bis weit in den Weg hinein und verweigern uns ein ums andere Mal den Durchgang.

Weiter oben bleibt die Vegetation aus. Stattdessen ist der Pfad so schmal, dass zwischen uns und dem Abgrund nur wenige Zentimeter verbleiben. Einheimische auf Eseln kreuzen unseren Weg. An der schmalsten Stelle des Pfades, an der wir vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzten, reiten sie vollkommen entspannt vorbei. Mit der Hand am Hut werden wir in guter alter Cowboymanier gegrüßt.

Je höher wir steigen, desto atemberaubender wird die Aussicht. Bald sind wir weit genug die enge Schlucht hinaufgestiegen, um den Blick schweifen zu lassen. Grüne Hügel, braune Felder und grauer Fels umgeben uns in scheinbar geordneten geometrischen Formen. Auf der anderen Seite der Schlucht, erkennen wir, in noch gar nicht so großer Entfernung, Chugchilán.

Die Sonne brennt. Wir befreien uns von den vielen Kleidungsschichten, die uns in der morgendlichen Kühle noch wärmten. Der Aufstieg tut sein Übriges. Vollkommen verschwitzt erreichen wir das Ende der Schlucht.

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Von dort führt uns eine Straße bis nach Guayama San Pedro. Der winzige Ort ist wie ausgestorben. War beim gestrigen Bullenfest noch das gesamte Dorf auf den Beinen, so begegnen wir jetzt keiner Menschenseele. Die Arena, tags zuvor Schauplatz betrunkener Selbstüberschätzung, liegt friedlich inmitten des Ortes.

Hinter Guayama San Pedro erhebt sich der Krater des Vulkans, in dessen Innerem sich der See Quilotoa befindet. Wir wähnen uns fast am Ziel, als plötzlich ein Kalb vor uns auftaucht. Das halbstarke Rind, so verrät der durchgerissene Strick, der an seinem Hals baumelt, genießt seine unerwartete Freiheit.

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Es läuft die Wiesen hoch und runter, ohne genau zu wissen wohin mit den neugewonnenen Möglichkeiten. Dann scheinen wir sein Interesse geweckt zu haben. Neugierig kommt es schnuppernd in unsere Richtung und holt sich die gewünschten Streicheleinheiten ab.

Der Aufstieg zum Krater zieht sich in die Länge. Zwar ist der Weg nicht besonders anspruchsvoll, jedoch nimmt er wegen der vielen weiten Kurven jede Menge Zeit in Anspruch. Nach insgesamt vier Stunden erreichen wir den Rand des Kraters.

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Wir haben es geschafft. Unter uns liegt nun, majestätisch und Ehrfurcht gebietend, der riesige Kratersee. Mit einem Durchmesser von drei Kilometern erstreckt sich das dunkelblau schimmernde Wasser in der grünen Weite der hügeligen Landschaft.

Wir bleiben und betrachten die leichten, im Sonnenlicht schimmernden Wellen. Wie ein dunkles Auge liegt der See tief in der bergigen Umgebung. Nach all den Strapazen verschafft uns der kräftige Wind, hier oben auf knapp 4.000 Metern Höhe, die nötige Abkühlung.

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Um den Bus zurück nach Chugchilán zu nehmen, müssen wir uns jedoch auf den Weg zum gegenüberliegenden Ufer machen. In der Theorie ein einfaches Unterfangen, gibt es doch unzählige Pfade und Trampelwege, die die Kraterwände entlangführen.

Auf und ab führen uns die kleinen Schleichwege entlang der Kraterwand. Niedriges Gestrüpp säumt seine Grenzen. Gelegentlich bricht der Weg einfach ab und wir müssen unter Zuhilfenahme unserer Hände klettern, um überhaupt weiter voran zu kommen. Mit jedem Schritt ändert sich der Blickwinkel auf das glitzernde Wasser.

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In Grün- und Blautönen liegt das Wasser im Kraterbecken, doch bleibt uns nur wenig Zeit die Aussicht zu genießen. Irgendwo zwischen den vielen Pfaden müssen wir falsch abgebogen sein, den wir haben uns kräftig verlaufen. Statt der angeblich 30-minütigen Umwanderung des Kraters, benötigen wir etwa zwei Stunden.

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Pünktlich zur Abfahrtszeit erreichen wir den winzigen Ort Quilotoa, oberhalb des Kraters gelegen und sehen den Bus gerade noch in der Ferne davon fahren. Wie am Vortag stehen wir in Quilotoa und warten auf eine Mitfahrgelegenheit.

Das Glück ist uns erneut ein treuer Begleiter. Auf der verkehrsarmen Schotterstraße nach Chugchilán kommt uns ein klappriges, quietschendes Auto entgegen. Der Fahrer, ein wortkarger Typ, winkt uns zu sich und gemeinsam schleichen wir in etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit durch die Landschaft.

Bald verstehen wir warum. Keine 10 Minuten später stoppt das Auto, der Fahrer springt heraus und mit einem Schraubenzieher bewaffnet wirft er sich unter den Motorblock. Wenig später hantiert er mit einem Stück Draht, das bisher das Autoradio in seiner Verankerung hielt, und kurz darauf geht es tatsächlich weiter.

Auf der acht Kilometer langen Strecke bis nach Chugchilán erleben wir fünf(!) solcher Pannen. Doch über eine Stunde später erreichen wir dennoch unser Ziel.

Dass die Transportmöglichkeiten hier auf dem Quilotoa-Loop abenteuerlich sind, stellen wir auch am nächsten Morgen fest. In einem Milchtransporter verlassen wir Chugchilán auf unserem Weg nach Saquisilí. Auf der Ladefläche des Transporters befinden sich, sicher festgezurrt, vier blaue Maischefässer; dazwischen dicht gedrängt die Passagiere.

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Alle paar hundert Meter hält der Transporter auf seinem Weg und sammelt die Milch der Klein- und Kleinstbauern aus der Region ein. Je nach Produktionsleistung gibt jeder Landwirt zwischen einem halben Liter und mehreren 5-Liter-Kanistern Milch ab. Auch wenn es eine Weile dauert: Am Ende sind die Fässer bis zum Rand gefüllt.

In Saquisilí ist donnerstags Markttag. Neben Obst, Gemüse und Holzarbeiten aus der Region, werden auch Stoffe angeboten und direkt vor Ort verarbeitet. Gleich mehrere Schneider sitzen auf dem Markt vor ihren mobilen Nähmaschinen und verwandeln farbige Stoffe in Ponchos und Überdecken.

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Die Hauptattraktion ist jedoch der Tiermarkt. Wöchentlich werden hier Nutztiere angeboten und wechseln nach erfolgreichem Handeln den Besitzer. Rinder, Schweine, Schafe, Lamas und Meerschweinchen, aber auch Hunde und Katzen stehen zum Verkauf.

Der Tiermarkt, ein riesiger, staubiger Platz, ist in mehrere Parzellen unterteilt. Jede Rasse hat ihren eigenen Bereich und während Kühe und Lamas entspannt in ihren Ecken stehen, machen die Schweine, Schafe und Ziegen ihrem Unmut Luft. Sie blöken, mähen und quieken erbärmlich und so herzzerreißend laut sie nur können. Ihr Schicksal ändern sie jedoch nicht.

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Die Tiere sind nichts anderes als Ware. Ihre neuen Besitzer machen kurzen Prozess. Wer nicht hören will, muss fühlen und so werden Schafe, Schweine und Ziegen an den Hinterbeinen über den staubigen Boden gezogen. Die Kleinsten – Ferkel, Katzen und Federvieh – werden kopfüber in große Säcke gestopft, geschultert und abtransportiert. Auf den Ladeflächen der Pick Ups rumpelt das Nutzvieh, an den Fußgelenken gefesselt, in die neue Heimat.

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Auf dem Tiermarkt in Saquisilí endet unser Abenteuer auf dem Quilotoa-Loop. Die andinen Landschaften, mit all ihrer Pracht und ihren Unwägbarkeiten, haben uns nachhaltig beeindruckt. Das Leben in den abgeschiedenen Bergdörfern ist beschwerlich, zugleich aber auch voller Kultur und von Jahrhunderte alten Traditionen durchzogen.

Wer einen tieferen Einblick in die faszinierende Welt des ecuadorianischen Hochlandes gewinnen möchte, dem seien die Schwierigkeiten, aber vor allem die Schönheiten auf dem Quilotoa-Loop ans Herz gelegt.

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