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Gedanken aus den Drakensbergen.

An dich, aus Südafrika.

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Du hast mir mal gesagt, dass ich unterwegs in fernen Ländern alles für dich aufschreiben soll, weil du selbst vielleicht nie so weit kommen würdest. Aber nicht nur wie es dort aussieht wolltest du wissen. Nein, das würde nicht reichen, hast du gesagt. Auch wie es riecht und schmeckt, wie es sich anhört und anfühlt, sei von Bedeutung. „Erzähl mir die ganze Geschichte“, hast du gesagt.

Ich sitze allein vor meiner Hütte in den Drakensbergen, als ich an deine Worte denke.

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Und wie so oft stelle ich mir vor, du wärst jetzt hier bei mir.

Bei einer Tasse Tee schauen wir da hinüber zu den satten Hügeln, die angeblich Tolkien inspirierten „Der Herr der Ringe“ zu schreiben. Hinter der mächtigen Felsenfront liegt das kleine Land Lesotho – Mordor, wo der Donner grummelt. Ab und an zucken wir zusammen, immer wenn ein Blitz vom Himmel kracht. Über uns ist er noch blau, aber da in der Ferne schreitet eine dichte Regenfront übers Land und taucht alles in ein undurchsichtiges Grau. Ein warmer Wind weht uns den Sturm um unsere Nasen. Es riecht nach nassem Gras, nach Regen.

Und aus den Augenwinkeln sehe ich dich schmunzeln, so wie nur du schmunzeln kannst.

Auf einem Wanderweg sind noch zwei unterwegs, zurück ins Camp. Trocken werden sie es wohl nicht mehr erreichen. Uns vorzustellen, dass es Frodo und Sam sind, das fällt uns nicht schwer. Ich habe den dritten Band, die grüne Farbe abgewetzt, zu Haus in meinem Regal stehen und sag mal, hast du nicht noch Band eins und zwei? Das will ich dich fragen, doch als ich mich zu dir drehe, ist da natürlich nur ein leerer Stuhl.

Ich spiele dann auf meiner Ukulele, singe ein kleines Lied und werde bald auch wieder fröhlicher.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal hier landen würde, hier in Südafrika.

Umso dankbarer bin ich für diesen Moment und dass ich ihn lauthals lebe, anstatt ihn still verstreichen zu lassen. Während nämlich die meisten Momente auf einer Reise irgendwann genauso vorbeiziehen wie im Alltag, gibt es manchmal auch solche wie diesen hier, unter Gewitterwolken in den Drakensbergen.

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Und diese Momente vergesse ich nie mehr.

Da war das Echo der Muezzins über den roten Dächern Marrakeschs. Da war die Zugreise durchs nächtliche Thailand zwischen zwei Waggons. Da war die halsbrecherische Fahrt mit meinem Geländewagen durch samtigen Wüstensand. Da war das markerschütternde Brüllen eines alten Löwen nur wenige Schritte von mir entfernt.

Und weißt du was? In all diesen Momenten warst du mit dabei.

Warum gerade du, frage ich mich nun selbst.

Ich glaube, weil du ein wirklich guter Zuhörer bist. Einer, der ohne Neid und Hintergedanken, dafür aber mit umso mehr Aufmerksamkeit lauscht. Einer, der nicht das Bedürfnis hat, all diese Orte selbst zu sehen und darum umso mehr auf die Bilder angewiesen ist, die ich mit meinen Worten male. Einer, der sich begeistern lässt – nicht nur für die Geistesblitze, sondern auch für all die Flausen.

Einer, der insgeheim selbst ein ganz schön großer Abenteurer ist.

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Darum denke ich heute an dich, aus Südafrika.

Denke an Worte und Sätze, mit denen ich dir all das beschreiben kann, was mich umgibt. Um dir eine Welt näher zu bringen, die du nicht kennst – nämlich die in meinem Kopf.

 

Denn dort sind wir beide Jim Hawkins und John Silver.

Sind wir beide Peter Pan und Tinkerbell.

Sind wir beide Tom Sawyer und Huck Finn.

Sind wir beide Robinson und Freitag.

Sind wir beide Frodo und Sam.

 

Sind wir beide zusammen hier.

 

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